Editor’s Letter – Alles, was ich (nicht mehr) will.

11.01.2021 Wir, Janes, Kolumne

Nach einer kurzen Pause nehmen wir unsere Arbeit wieder auf und finden langsam zurück in den Alltag.

Liebe Leser*innen,

was ist das Beste für euch? 
Ich frage, weil ich selbst zu keiner Antwort finde, im Großen, aber auch im Kleinen. Schon Milan Kundera („Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“) wusste schließlich, dass man niemals wissen kann, was man wollen soll, weil man nur ein Leben hat, das man weder mit früheren Leben vergleichen noch in späteren korrigieren kann. Um dieses berühmte Zitat auf die lausige Denk-Kapazität meines Heute-Ichs zu komprimieren, könnte ich euch kurz erzählen, wie ich darauf komme. 

Gestern Abend war offiziell der letzte Abend meines Urlaubs. Ich wusste, mein Alarm würde am folgenden Morgen um 5.30 Uhr klingeln, weil ich es diesmal ernst meine mit der Abgabe meines Buches, jedenfalls theoretisch. Ich wusste auch, dass etwa um 7.00 Uhr der Wecker meines Kindes wie irre losbimmeln würde, weil Homeschooling olé. Und außerdem, dass um Punkt 9.30 Uhr ein Zoom Call mit dem gesamten Team anstehen würde, weshalb ich also ich die Qual der Wahl hatte. Möglichkeit Eins: Geradezu löblich früh ins Bett gehen, um super fit und energetisch in das frische Arbeitsjahr zu starten. Möglichkeit Zwei: Sau spät ins Bett gehen, um das Geschenk der bald wieder schwinden Freiheit noch ein allerletztes Mal auskosten zu können. Richtig faul sein und fläzen und viel zu lange Serie gucken, sowas eben. Eindeutig ein klassisches Dilemma, wie es immer dann vorliegt, wenn wir uns zwischen mehreren Situationen entscheiden müssen, die sich gegenseitig ausschließen. Ihr kennt das.

Was denkt ihr, tat ich? Natürlich das absolut Falscheste. Denn ich versuchte beides. gleichzeitig. Wählte à la Aristoteles die goldene Mitte. Eine richtige Kackidee. Am Ende ging ich natürlich zu spät ins Bett, aber auch nicht so dermaßen spät, dass es sich richtig gelohnt hätte, weshalb ich noch wach genug war, um mir viele, viele Gedanken zu machen, mich darüber zu ärgern, dass ich den Abend noch nicht einmal genossen hatte, sondern viel mehr in Aufregung vor heute und Trauer über das Ende der Ferien ersoffen war. Ich schlief nach etlichen Gedanken über Unmögliches und Alltägliches insgesamt drei Stunden und hörte keinen der beiden Wecker, sodass ich es am nächsten Morgen nur knapp, mit großer Mühe und ungekämmt vor die Laptop-Kamera schaffte. 

Was das Beste für mich gewesen wäre, kann ich noch immer nicht sagen. Ist das Beste immer das Richtige? Kann Falsches auch richtig sein? Und wer entscheidet darüber? Körper oder Geist? Ihr merkt schon: 2021 startet vor allem ziemlich verwirrend und versprüht mit Blick auf Merz oder die USA schon jetzt grotesk viel Schweinestall-Charme. Keine Verschnaufpause in Sicht und doch: Überall Hoffnung. Alle sagen: Freut euch mal. Lasst Altes los und seid gespannt auf das, was vor euch liegt. Wenn der Blick nach hinten aber so sehr geprägt ist von Entbehrungen und Belastungsgrenzen, während die Zukunft wieder ungewiss bleibt, möchte man gelegentlich doch einfach nur gar nichts. Nur wissen, dass man nicht allein ist mit diesem fehlenden Übermut. An überhaupt nichts denken, das mehr als ein paar Tage entfernt ist und sich den Hintern abwischen mit all den guten Vorsätzen, die versuchen, uns darüber hinweg zu trösten, dass 2020 ein verdammt anstrengendes Jahr war und 2021 sich bis jetzt höchstens anfühlt wie Teil 2.

Weshalb ich mir für 2021 vorerst gar nichts vorgenommen habe – außer konsequent alles sein zu lassen, was mich kaputt macht, mit freundlichen Grüßen an Tocotronic. Dabei immer im Hinterkopf das Buzzword der Stunde: BOUNDARIES. Und alles, was ich nicht mehr will, zumindest jetzt gerade.

Ich will mich nicht dafür beschimpfen lassen, dass ich Feministin bin. Oder nicht Feministin genug. Weil ich liebe und konsumiere und noch immer nach Antworten suche. Ich will nicht gefallen müssen. Nicht immer höflich sein. Mir die Welt nicht von Männern erklären lassen und auch nicht von Menschen, die Minderheiten treten. Ich will mich nicht mehr darüber ärgern, wenn andere meine Ideen klauen und kopieren, worin all mein Herzblut steckt. Ich will mich nicht mehr klein machen, damit andere sich besser fühlen. Mich nicht mehr aufregen über Leute, die mitlaufen, statt selbst zu denken. Nur noch wundern. Ich will keine Angst mehr davor haben, mein Buch fertig zu stellen. Weil immer irgendwer klüger, besser und talentierter sein wird. Ich will meinen eigenen Wert erkennen. Und andere nicht fürchten, sondern feiern. Ich will mich nicht dafür schämen, dass ich seit zehn Jahren ein Unternehmen co-führe und richtig gutes Geld verdiene. Ich will stolz darauf sein, dass ich weder ein Erbe, noch einen Partner brauche. Ich will mich nicht mehr rechtfertigen müssen. Für mein Glück und meine Sorgen. Ich will nicht herablassend angeschaut werden, weil ich meine Patchwork Familie wertschätze. Und anders leben möchte als viele. Ich will keinen Alkohol trinken müssen, um dazu zu gehören. Aber auf meine eigene Weise verreisen. Ich will noch mehr darauf pfeifen, was andere über mich sagen. Es mir noch gemütlicher machen mit meinen Liebsten. Mehr Zeit haben. Und weniger arbeiten. Ich will dazu lernen und wachsen und fehlbar und schwach sein dürfen. Aber auch richtig, richtig stark. Ich will mich feiern, aber auch blöd finden dürfen. Ich will Frau sein und Mutter. Nicht anders herum. Ich will mir nicht vorschreiben lassen, in welche Schublade ich gehöre. Und sagen dürfen, dass ich Männer hasse. Weil es ja gar nicht anders geht. Ich will Veränderung, ich will ganz viel wildes Leben und gern auch neue Herausforderungen, damit ich alten Ballast loslassen kann. Ich will mutig sein. Ich will so viel. Aber bestimmt nicht einfach weitermachen wie gewohnt. 

Ob das morgen noch so ist, weiß ich nicht. Passt ja. Denn heute wollte ich vor allem: Nichts mehr müssen. Höchstens aufs Sofa fallen, das war’s auch schon. Da hat Emil, der Dackel von nebenan, synchron zum vorletzten Tastenanschlag auf jeden einzelnen meiner Teppiche gemacht. Gar nichts ist dieser Tage wohl sicher. Und der Augenblick das Beste, was wir haben. 

Passt auf euch auf und bleibt gesund. 
Alles wird gut und ähnliches.
xxx

5 Kommentare

  1. Nik

    2021 ich bin gespannt auf dich. Aber noch gespannter darauf, dass es bald ein BUCH von dir gibt. Wie toll ist das?!? Ich will keinen Druck machen, aber wenn das 2021 noch rauskommen würde, dann wäre zumindest eine Sache sicher sehr cool. Aber nimm dir alle Zeit, die du für dich und dein Leben brauchst, ich freue mich auch in 2022 darüber:)

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  2. Sara

    Accch, schön nochmal was von Dir zu lesen! Mir geht es verdammt nochmal genau so -und es wird einfach nicht besser- ich weiß einfach nicht, was ich will und was das beste für mich ist. Eigentlich bin ich ganz zufrieden, aber manchmal kommen diese Fragen, die ich einfach nicht beantworten kann. Ich warte schon so lange auf den Tag, an dem es mir endlich leichter fallen wird, mich zu entscheiden. Mal schauen, was das Jahr bringt!
    Muuch love too you <3

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  3. Anya

    Liebe Nike, wie schön, dass ihr zurück seid!!! I sooo feel you – bisher fühlt sich alles wie ein endloser Teil #2 an. Mein Mantra für dieses Jahr ist: What do I need? Und ganz genau – einfach nichts mehr müssen. Ich freue mich wie Bolle auf dein Buch und schicke dir ganz viel gute Gedanken & Energie gegen die Angst beim Schreiben / das Buch fertig stellen. You can do this! Ganz liebe Grüße, Anya

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