Unerhört: Das generische Femininum ist den Herren zu viel des Guten

Ich weiß schon. Über Wichtiges sollten wir uns nicht lustig machen, aber ich musste doch ein wenig schmunzeln, als ich gestern im Spiegel davon las, wie Horst erneut rumgeseehofert hatte, Mensch kann ja beinahe die Uhr danach stellen. Grund für seinen Unmut war und ist ein aus dem Haus von kick ass Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) verfasster Gesetzentwurf, der erstmals das generische Femininum verwendet:

„Der angemessenen Beteiligung einer Gruppe von Gläubigerinnen steht es in Abweichung von Absatz 2 Nummer 2 nicht entgegen, wenn die Schuldnerin oder eine Inhaberin von Anteils- oder Mitgliedschaftsrechten wirtschaftliche Werte behält.“, heißt es da laut Spiegel.

Bedenken wir nun, dass das Generische Maskulinum uns bereits seit Jahrhunderten an der Ferse klebt wie ein alter Kaugummi, hätte ich mir als Reaktion im Grunde nur etwas ebenso Einleuchtendes wie Simples ersehnt:

Dass sämtliche LesER beim Betrachten dieser Sensation im Rechts-Sprech nur kurz aufgeschaut (wahrscheinlich wäre selbst Eldar Rjasanow im Angesicht dieser tatsächlichen Ironie des Schicksals für einen Moment irritiert gewesen) und rasch festgestellt hätten, dass das konsequente Verwenden der weiblichen Form zwar irgendwie ungewohnt, ja eher progressiv und rebellisch, vor allem aber fair enough ist. Ich hätte unterm Strich also gehofft, dass ratzfatz weitergelesen worden wäre, ohne zu murren.

Dem war nicht so. Im Gegenteil. Besonders Herr Seehofer war not amused, ich stelle mir ihn sogar bis ins Mark erschüttert vor. Denn schon bald ließ das Innenministerium des 1949 in Ingolstadt geborenen Ministers verkünden:

„Während das generische Maskulinum Frauen mit einschließt, ist ein generisches Femininum […] im vorliegenden Zusammenhang nicht anerkannt. Die Richtigkeit der Sprache muss insbesondere bei Gesetzestexten, auch im Hinblick auf die Rechtsförmlichkeit, gewährleistet sein.“

Unprofessionell aber sinngemäß ließe sich dieses Gezeter auch so zusammenfassen: „Meine Homeboys und ich, wir fühlen uns voll ausgegrenzt vom generischen Femininum und überhaupt nicht angesprochen, mimimimi.“ Süß.

Aber, Entschuldigung: Wie soll ich das jetzt verstehen? Kriegen die werten Herren da etwa die Transferleitung nicht hin, die sie andersherum als völlig gesetzt betrachten? Eine spannende Wende. Zwischen den Zeilen sehe ich da aber vor allem Weiße, männliche Tränen fließen und große Jungs, die Angst davor haben, dass irgendwann nicht mehr alles so ist, wie es einmal war. Sondern besser. Oh Schreck.

Aber nochmal kurz zurück zur geforderten „Richtigkeit der Sprache“. Die Bedeutung des Begriffs „richtig“ will mir in diesem Fall einfach nicht einleuchten, außer er ist – ähnlich wie auch die Moral des Seehofers – sehr dehnbar.

Mit der „Richtigkeit der Sprache“ kann ja wirklich nicht die bewiesenermaßen notwendige „Gendergerechtigkeit unserer Sprache“ gemeint sein. Aber was denn sonst? Ach, klar:

Es geht, schon wieder, um den Erhalt einer einzigen Sprache, nämlich jener der patriarchalen Gesellschaftsordnung, in der es ohnehin nie eine Rolle gespielt hat, ob da jetzt irgendwas gegendert ist. Weil ein Schmied war nunmal ein Schmied. Kommt mir jetzt also irgendein ein Kerl mit windigen Argumenten daher, der noch dazu so großzügig ist, uns gedanklich in sein Geschlecht mit einzurechnen, dann muss ich leider sagen: Mach deine Hausaufgaben, Junge.

Frauen* wurden schon damals nicht „mitgedacht“. Warum auch? Die Gesellschaft schrieb (uns) Frauen sowieso weder Status noch Beruf zu. Wir durften nämlich höchstens Ehefrauen, aber sicher keine SchmidINNEN sein.

Dass wir diese Zeiten zu großen Teilen hinter uns gelassen, dass unsere Großmütter und Mütter für diesen Fortschritt gekämpft haben und wir diesen Kampf, vor allem mit Blick auf die Welt, noch immer weiterführen müssen, ist den werten Herren auf den obersten Rängen natürlich herzlich egal. Nein, Moment. Stimmt ja gar nicht. Sie raffen es einfach nicht.

Obwohl längst klar sein müsste, dass wir dem tatsächlich diskriminierenden generischen Maskulinum als gesamte Gesellschaft längst entwachsen sind. Und dass Fortschritt, ja tiefe Veränderung unumgänglich und noch dazu sehr wunderbar ist. Es könnte wirklich relativ leicht sein, vorerst: Das Maskuline und Feminine könnten sich etwa abwechseln, für ein erstes Gefühl von ausgleichender Gerechtigkeit. Aber dazu müssten die ewigen BremsblöckER unserer Politik erst einmal ihre Eier zwischen die Beine klemmen und zugeben, dass dieses permanente DER DER DER, ARZT, GLÄUBIGER, KUNDE, RICHTER, BÜRGER, TISCHLER eben nicht stellvertretend für Menschen jedes Geschlechts steht. Auf dem (uralten) Papier vielleicht, aber nicht im echten Leben. Nicht in den Köpfen der Menschen, für die ein kleiner Unterschied von großer Bedeutung sein kann.

Wer ist dein Lieblingsschauspieler? Jürgen Vogel? Charly Hunnam? „Mein Lieblingsschauspieler ist Jennifer Aniston“ werden wohl die wenigsten von uns antworten, Punkt. Was dieses schlichte Beispiel des Nicht-Genderns mit den Träumen junger Mädchen* aber auch Jungen* anzurichten vermag, haben wir zu genüge besprochen. Wovor also haben diese Leute, die bis heute so sehr auf das Unsichtbarmachen eines ganzen Geschlechts pochen, denn nur so große Angst?

Schon wieder vor dem Untergang des Abendlandes? Vor dem Machtverlust? Davor, dass wir eines Tages nicht nur mitgemeint, sondern mitgesprochen werden? Und warum?

Mir kommt kaum ein anderes Motiv als fragile Männlichkeit in den Sinn. Und fehlendes Hirn. Pardon, aber: Die alten Weißen Männer fühlen sich nicht mit gemeint? ACH WAS. Kann ich, als „Lieber RedaktEUR“ kein Stück nachvollziehen. Will heißen: Hätte man sich hier am Ende vielleicht doch noch die Hand reichen und endlich wie Erwachsene über alles reden können? Auf der Basis von Empathie? Natürlich nicht.

Die Seehofers der Republik bekommen wieder Recht, bevor überhaupt ein Diskurs stattfinden konnte: Der @BMI_Bund bestätige noch gestern, dass der Gesetzentwurf zum Insolvenzrecht bereits zurückgewiesen wurde, weil das generisches Femininum verwendet wurde – „wegen Zweifeln an der Verfassungsmäßigkeit“. Aber auch, weil bis heute viel zu wenige Frauen* auf den oberen Posten sitzen.

Es ist allerhöchste Eisenbahn. Jetzt, wo wir schon Ruth Bader Ginsburg verloren haben, hoffe ich auf noch mehr wütende, laute und präsente Juristinnen, auch in diesem Land. Wie etwa Christine Lambrecht. Das wäre doch mal ein prima Präzedenzfall. Go for it.

27 Kommentare

  1. Marie

    Wenn der Gesetzesentwurf abgelehnt wurde, kann dagegen jetzt aber Verfassungsbeschwerde erhoben werden. Und dann muss da noch mal ganz genau abgewogen und beleuchtet werden, warum das generische Maskulinum allgemeingültig ist und das Femininum nicht. Das könnte noch spannend werden

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  2. Julia

    Toller Artikel und danke, danke, danke, dass ihr das aufgreift! Die Reaktion unseres geschätzten Innenministers Horst Seehofer war zu erwarten. Aber statt uns nur ein Sekündchen weiter mit dem Abwehrverhalten bestimmter Männer zu beschäftigen, sollten wir das Scheinwerferlicht und die Aufmerksamkeit auf die lenken, die wirklich gefeiert werden sollte: Christine Lambrecht! Glückwunsch, verehrte JustizministerIN, für diese tolle Aktion!
    Das zeigt auch mal wieder, dass sich was verändern kann, wenn Frauen auf der Leiter ganz oben stehen und Dinge in Frage stellen, die wir durch jahrtausendlange Wiederholungen als Gegeben hin nehmen. Nein, es geht auch anders! Da steigt doch mal wieder Hoffnung in mir auf…. und wird gleich wieder zu nicht gemacht, wenn ich sehe, wie wenige Frauen es nur noch im Bundestag gibt. Eine Katastrophe.

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  3. Lisa

    Hast völlig Recht. Was deinen Verweis auf RBG angeht – sie ist zwar die einzige Juristin, die über ihr Wirken als Richterin und Autorin zur weltbekannten popkulturellen Ikone avanciert ist, aber beileibe nicht die einzige profilierte, im öffentlichen Diskurs präsente und dezidiert feministisch gesinnte Juristin weit und breit. Hier in Deutschland ist zum Beispiel die Richterin am Bundesverfassungsgericht Susanne Baer zu nennen. Aber es stimmt, dass noch mehr zusätzliche laute Stimmen schön wären.

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  4. Yvonne

    Mhm, ich sehe diese ganze Gendering-Debatte wirklich zwiespältig:
    Es heißt dazu häufig, Sprache verändere Denken und Realität, im Sinne des Feminimus wird daher die Sichtbarkeit der Frau gefordert – und in weiterem Kontext auch insgesamt diskriminationsfreie und inklusive Sprache. Daran ist prinzipiell nichts falsch, sensibel mit Sprache umzugehen, ist etwas, das wir uns zu Herzen nehmen sollten.
    Ich gehöre jedoch nicht zu den Menschen (bzw Cis-Frauen), die sich durch gegenderte Substantive gesellschaftlich besser repräsentiert, geschweige denn gleichgestellt fühlen. Statt Sprache wünsche ich mir hier Taten. Und ich denke auch, dass Realität zwar Sprache formt, es umgekehrt aber schwierig ist.
    Ich betrachte mich als Feministin im Sinne des täglichen Einsatzes für echte Gleichberechtigung im Alltag. Gegenderte Sprache gehört für mich jedoch nicht dazu:
    Ich fühle mich durch das generische Maskulinum bestens repräsentiert. Für mich ist das eine klare Konvention, diese Form berücksichtigt alle diversen denkbaren Formen an Geschlechtern. Und wenn von bspw. „Arbeitern“ gesprochen wird, denke ich nicht nur an Männer. Ich bin überzeugt davon, wenn es mehr arbeitende, tatsächlich gleichgestellte Frauen gäbe, die sich selbst als „Arbeiter“ bezeichnen, würde die ausschließlich männliche Assoziation mehr und mehr schwinden (das war bspw schon in der ehemaligen DDR so, von der wir in Sachen Gleichstellung und Berufstätigkeit der Frau uns einiges hätten abgucken können…).
    Wo nur ein Femininum existiert, zB bei klassischen „Frauenberufen“ wie Krankenschwester, spreche ich mich für die Adaption auch für alle anderen Geschlechter aus (im Englischen bereits total üblich), statt immer mehr „neutrale“ Ersätze zu suchen und schaffen.
    In gesprochener Sprache stört mich die „Gender-Pause“ mit zusätzlich weiblicher Endung mitunter, weil es teils zu absurden Zerpflückungen der Sätze kommt, aber wer es machen möchte, soll es gerne tun. Ich möchte es jedoch nicht. Und ich fühle mich vielmehr diskriminiert, wenn immer wieder durch gegenderte Sprache dezidiert betont werden muss, dass ich als Frau eben kein Mann bin.
    Ich werde bald promoviert und konnte vorab angeben, ob ich als Titel „Doktor“ oder „Doktorin“ auf der Urkunde stehen haben möchte. Für mich war ganz klar, dass ich „Doktor“ sein will. Mein Doktortitel ist gleichwertig mit dem eines Mannes. Ich möchte keinen Sondertitel.

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    1. Laura

      Es freut mich ehrlich für dich, dass du dich durch das generische Maskulinum auch repräsentiert fühlst. Ich kann auch nachvollziehen, dass es sich anfangs ungewöhnlich und störend anfühlt, gendern in den Sprachgebrauch einzubauen, das geht mir auch so. Aber es ist einfach erwiesen, dass das generische Maskulinum etwas in den Köpfen von kleinen Mädchen macht, denen eben nicht klar ist von diesen Begriffen auch gemeint zu sein. Gerade wenn hinter diesen Mädchen keine starken Eltern stehen, die ihnen erklären, was sie in dieser Welt alles erreichen können. Ich hatte diese starken Eltern und bin ihnen sehr dankbar dafür. aber nur weil ich privilegiert aufgewachsen bin und ich aufgeklärt wurde über sexismus und misstände und meine Eltern mir suggeriert haben, dass ich fast alles in der Welt werden kann, was ich will, will ich nicht davon ausgehen, dass es allen so geht. Gerade deshalb finde ich es wichtig auch die Mädchen und jungs von heute im Hinterkopf zu haben, die darunter leiden. Sexismus fängt in der Erziehung und Bildung an und leider kann man die Sprache dabei nicht außen vor lassen. Deswegen ist die Diskussion zum Gendern einfach wichtig.

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      1. Yvonne

        Der Diskussion möchte ich die Wichtigkeit auch gar nicht absprechen. Natürlich muss das diskutiert werden, wenn sich nicht alle Menschen gleichermaßen von Sprache repräsentiert fühlen.
        Was wir draus machen, ist aber eine andere Sache. Sprache wird nie allem gerecht werden können, sondern ist eben ein limitiertes Konstrukt. Und ein generisches Maskulinum stellt für mich dabei eine sinnvolle Lösung dar. Immer wieder darauf hinzuweisen, dass alle damit gemeint sind, kann genauso sinnvoll sein, wie zu Gendern, um das genannte Beispiel in der Erziehung von Kindern aufzugreifen.
        Letztlich wird aber nicht Sprache zu Gleichberechtigung führen, sondern praktische Änderungen im Alltag. Das ist einfach meine Meinung. Genauso, wie dass ich Gendering persönlich eben als extrem spalterisch empfinde und denke, dass wir uns damit selbst ins Knie schießen.
        Ich würde mir wünschen, dass das akzeptiert wird, anstatt mich mit Argumenten vom Gegenteil überzeugen zu wollen bzw meine Denkweise so zu negieren. Es ist nicht so, als hätte ich mir keine Meinungsbildung dazu einfach gemacht. Ich verstehe das Anliegen der Debatte, aber Gendering ist für mich eben keine zielführende oder adäquate Lösung.

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    2. H

      Danke für den tollen Kommentar und den Mut, das auch hier zu äußern! Sehe ich als Frau genauso, hätte ich aber niemals so schön schreiben können 🙂

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    3. MJ

      Interessant finde ich deine Passage: „Wo nur ein Femininum existiert, zB bei klassischen „Frauenberufen“ wie Krankenschwester, spreche ich mich für die Adaption auch für alle anderen Geschlechter aus (im Englischen bereits total üblich), statt immer mehr „neutrale“ Ersätze zu suchen und schaffen.“ Warum nur beim Femininum? Diese Argumentation von dir verstehe ich nicht, es klingt für mich so: generische Maskulinum ist vollkommen ok, war es immer schon aber beim generischen Femininum muss noch was gemacht werden, das kann so nicht gehen…. Das ist jetzt überspitzt ausgedrückt, ich hoffe man kann es nachvollziehen.

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  5. Katharina

    „Zwischen den Zeilen sehe ich da aber vor allem Weiße, männliche Tränen fließen und große Jungs, die Angst davor haben, dass irgendwann nicht mehr alles so ist, wie es einmal war. Sondern besser. “ Word.

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  6. Sandra

    Bravo, Nike!!! Ein wunderbarer Text, der mir so sehr aus der Seele spricht. Ich werde ihn mir abspeichern, um ihn zur Hand zu haben, wenn mir mal wieder die Argumente ausgehen, warum gendergerechte Sprache so wichtig ist!

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  7. Lena

    Naja, wenn mich jemand nach meiner Lieblingsband fragt, antworte ich natürlich nicht mit Madonna. Werde ich nach meiner Lieblingsschauspielerin gefragt, antworte ich natürlich nicht mit Brad Pitt.
    Das Binnen-I ist in etwa so wirkungsvoll wie der warme Applaus für Pflegekräfte zu Beginn der Coronakrise.
    Wie antifeministisch Deutschland wirklich ist, hat die Coronakrise deutlich gezeigt.
    Es ist das System was antifeministisch und nicht die Sprache.
    Das Binnen-I hilft mir nicht weiter wenn Kitaplätze nicht vorhanden sind oder Kitas geschlossen sind …

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  8. Sophie

    Viele Gegner*innen gendergerechter Sprache führen als Hauptargumente an, Taten seien wichtiger als Worte, das System sei das Problem, nicht die Sprache und dass sie sich vom Generischen Maskulinum mitangesprochen fühlen und nicht extra als Frau* hervorgehoben sondern gleichwertig mit Männerbegriff genannt werden wollen. Sprache ist ein Spiegel der Gesellschaft und demnach hängen System und Sprache zusammen. Mir erschließt sich nicht, warum man sich nicht für Taten UND Sprache gleichzeitig einsetzen sollte. Vor allem weil das Benutzen gendergerechter Sprache ein allzugängliches Mittel ist, zu zeigen, dass Mensch gerne eine Veränderung im System sehen möchte. Nicht jede*r kann Frauen* in den Aufsichtsrat wählen, aber alle können durch Sprache zeigen, dass sie sich diese Gerechtigkeit wünschen. Wenn so eine simple Möglichkeit Gerechtigkeit zu schaffen ohne große Anstrengung und Geld so schwer für viele umzusetzen ist, wie soll das dann bei tatsächlich anstrengenden und kostspieligen Veränderungen funktionieren?
    Und wenn jemand wirklich glaubt, Gerechtigkeit herrsche in der Sprache und Frauen* seien diesbezüglich auf gleicher Höhe wie Männer, dann frage ich mich, wieso die weibliche Form dermaßen auf Ablehnung trifft. Unbedingt „gleichberechtigt“ sein zu wollen indem mensch die weibliche Form ablehnt, zeigt nicht die Gleichwertigkeit von Frauen* in der Sprache sondern das niedrige Ansehen und Herabwürdigung der Frauen* in Gesellschaft und Sprache. Und genau dem möchte gendergerechte Sprache entgegenkommen: damit eben auch alle Frauen* mit Stolz die weibliche Bezeichnung tragen können, sich tatsächlich alle angesprochen fühlen und nicht nur mitgemeint sondern auch mitgedacht sind. (Übrigens historisch gesehen sehr jung der Gedanke des generischen Maskulinums. Vor hundert Jahren waren mit „Wähler“ im Wahlrecht nämlich bspw wirklich ausschließlich Männer gemeint).

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    1. Yvonne

      Um MJ und Sophie zu antworten:
      Wie gesagt, ich halte es beim Ziel von Gleichstellung für abträglich, Frauen von Männern durch Sondertitel abzugrenzen. Als Frau mit dem gleichen Begriff gemeint zu sein bzw sich selbst tatsächlich darunter zu begreifen, bedeutet gleichauf zu sein.
      Die Einführung eines generischen Femininum braucht es für mich schlicht nicht und es hat aus meiner Sicht nicht die gleiche feministische Message: Dass die Frau genauso Mann sein kann. Und nein, das bedeutet nicht automatisch den Beweis der vorliegenden Herabwürdigung der weiblichen Form. Ich betrachte es eher als Taktik, ich will quasi als gleichwertig anerkannt werden, nicht als Sonderform gewertschätzt. Das macht für mich psychologisch einen großen Unterschied. Und im Sinne der Ausgangslage ist da der Startpunkt eben das generische Maskulinum. Eine zudem linguistisch-grammatikalisch unkomplizierte Lösung.
      Für sinnvoll halte ich es eben aber bei den genannten „Frauenberufen“: Hier ist es falsch, sich neue männliche / neutrale Bezeichnungen aus den Fingern zu saugen, Krankenschwester oä ist dann eben jeder.
      Und wie gesagt, ich denke, dass Realität Sprache formt. Würde es echte Gleichstellung bereits geben, wäre das generische Maskulinum Alltag und es gäbe keine solche Debatte.
      Ich bin stolze Frau und ich lehne weibliche Substantive nicht grundlegend ab, für mich persönlich möchte ich nur in gesprochener und schriftlicher Sprache nicht Gendern.
      Aus allen bereits auch zuvor genannten Gründen.
      Jeder der es machen möchte, soll es tun. Ich wollte nur darstellen, dass es durchaus auch (aus meiner Sicht sogar auf andere Art und Weise feministische) Gründe gibt, das abzulehnen, ohne dass man dafür das Patriarchat feiern müsste.

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      1. MJ

        Yvonne, danke für die Erläuterung, ich habe gesehen, dass ich die von mir zitierte Passage wirklich falsch gelesen/verstanden habe, großes Sorry! Mit deiner weiteren Ausführung kann ich deine Position besser verstehen und nachvollziehen, auch wenn ich nicht deiner Meinung bin. Ich persönlich sehe es überhaupt nicht als Sonderform meiner Weiblichkeit an, wenn der Femininum verwendet wird. Zudem denke ich, bei echter realer Gleichstellung gäbe es keine Debatte da automatisch der Femininum mit-verwendet würde (und nicht ausschließlich der Maskulinum). Das ist natürlich spekulativ, ich denke wir sind uns alle einig, das echte Gleichstellung noch sehr weit entfernt ist. So oder so hast du durch deine Kommentare mich aus der Bubble rausgeholt, in die man doch sehr schnell versinkt und eine andere weibliche Sichtweise gezeigt.

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        1. Yvonne

          Danke dir, mich hat die Diskussion auch insoweit inspiriert, dass ich vor Publikation noch folgenden Passus in meine Dissertation einfügen werde:
          „Die Verfasserin verwendet in ihrer Arbeit das generische Maskulinum und versteht darunter Menschen jeglichen Geschlechts, auch im Sinne feministisch geforderter Gleichstellung.“

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      2. Sarah

        Ich störe mich an dem Gedanken; es wirkt, als wollen einige Frauen einfach das, was Männer haben für Frauen umsetzten („Doktor“, nicht „Doktorin“; „ich will quasi als gleichwertig anerkannt werden, nicht als Sonderform gewertschätzt“; „ich halte es beim Ziel von Gleichstellung für abträglich, Frauen von Männern durch Sondertitel abzugrenzen. Als Frau mit dem gleichen Begriff gemeint zu sein bzw sich selbst tatsächlich darunter zu begreifen, bedeutet gleichauf zu sein.“). Ich möchte das nicht, sondern durchaus einen „Sondertitel“. Also im Büro nicht mit Hosenanzug kommen, da es als seriöser gilt, nur weil es das ist, was der Mann seit Jahrzehnten im Büro trägt. Als Chefin laut und aggressiv werden, weil man es eben so vorgelebt bekam (kann man natürlich werden, wenn man es von Natur aus möchte oder sich damit wohl fühlt), keine Emotionen zeigen, weil Männer es bei der Arbeit eben auch seltener tun (alles, was allgemein als seriös oder erstrebenswert gilt, sind männliche Eigenschaften), und eben auch Doktor sein zu wollen, „wie die Männer“. Ich wünsche mir, Doktorin zu sein, und mich ganz und gar nicht dem männlich Vorgelebtem unterzuordnen und anzupassen, sondern dass ich als Frau und auch als Doktorin eben absolut gleichwertig und gleich angesehen bin! Und vielleicht der Mann eben auch Doktorin wird, oder es sich zumindest wünscht, weil es eben so sehr etabliert und respektiert wird, wie sich jetzt von Frauen das Maskulinum gewünscht wird… Allein dass jemand sagt, sie bevorzuge das Maskulinum und sehe das Femininum als minderwertige Form, sagt alles. Yvonne, dir mache ich persönlich überhaupt keinen Vorwurf, mir geht es tatsächlich sehr ähnlich wie dir; ich finde nur, dass es ein Argument dafür ist, dass sich in der Sprache was ändern muss (stimme Nikes Artikel zu), während du es als Argument dagegen siehst.

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        1. Yvonne

          Für mich bedeutet das generische Maskulinum durchaus nicht, dass ich die ganzen toxischen Männlichkeitsideale als Katze im Sack dazu kaufe. Von Brüllen im Büro oä war keine Rede.
          Was ich aber eigentlich nur ergänzen wollte:
          Ich sehe das Femininum nicht als minderwertige Form! Das habe ich weder gesagt oder gemeint. In der Darstellung meiner Sichtweise ging es um etwas anderes. Das ist mir wirklich wichtig, rüberzubringen.

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    2. Lena

      Bsp. Schweden. Musikproducent, författare, konstnär, skadespelare, psykolog, illustratör, journalist … gilt für Anna ebenso wie für Björn. In Schwerden nehmen circa 40 Prozent der Männer Elternzeit, in Deutschland gerade mal knapp 2 Prozent der Männer. Sprache ist dafür sicher nicht verantwortlich oder? Haben die Schweden vielleicht das schönere Binne-I oder wird durch Kitaplätze etc. für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesorgt. Es gibt einen Grund warum während der Coronakrise Kindergärten und Schulen in Schweden nicht geschlossen wurden. Im Gegensatz zu Deutschland konnte man nicht auf die berufstätigen Frauen verzichten …

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      1. Lena

        (Schweden nicht Schwerden und Binnen-I nicht Binne-I, sorry.)
        Für Anna in Schweden ist somit von Anfang an klar, das sie natürlich snickare (Tischlerin) oder arkitekt werden kann.
        Das Thema ist mir wirklich wichtig und ich finde wir gehen es in Deutschland falsch an. Leider.

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        1. Leah

          Liebe Lena, ich frage mich, ob der Vergleich mit Schweden nicht ein wenig hinkt? Schließlich gibt die Sprache meines Erachtens gar nicht her, dass man immer gendern kann – zumindest ist es aber in den meisten Fällen überhaupt nicht üblich. So wie es im Englischen zwar die Bezeichnungen „actor“ und „actress“ gibt, diese aber nicht für alle Berufsbezeichnungen zur Verfügung stehen. Für eine Veränderung der Sprache, die auch in Schweden greift, steht zudem, dass es schon seit 2015 ein offizielles genderneutrales Pronomen (hen) gibt, das zwischen „er“ (han) und „sie“(hon) liegt, welches viele Problematiken umgeht und deutlich inklusiver ist. Zudem gibt es doch auch eine Diskussion um die Bezeichnung für das Wort „man“ (das auch so im Schwedischen existiert und dieselbe Konnotation hat) und ob es hierfür nicht auch eine genderneutralere Version geben kann (eine Diskussion, die – das kann ich aus eigener Erfahrung berichten – auch bei Kindern angekommen ist, die sich weigern „man“ zu nutzen, wenn sie von etwas erzählen).
          Auch verhält es sich mit der Elternzeit doch so, dass die Regierung den Familien, in denen die Väter zuhause bleiben, Steuervorteile einräumt. Auf diese Weise wird versucht einen gerechteren Arbeitsmarkt für Frauen zu schaffen, indem die Kindeserziehung aus dem vermeintlichen Verantwortungsfeld „der Frau“ eliminiert werden soll. Das hat natürlich erst mal nichts mit Sprache zu tun muss aber doch im Vergleich zu Deutschland auch etwas differenzierter dargestellt werden. Und trotz aller Versuche von „oben“ ist auch hier nicht alles Gold, was glänzt: Gender Pay Gap gibt es trotzdem, da viele der weiblich konnotierten Berufsfelder wie Pflege, Grundschule und Kindergarten auch weiterhin größtenteils weiblich* besetzt sind und es hier oft nur halbe/ 75% Stellen gibt (von der Bezahlung mal ganz abgesehen)…

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          1. Lena

            Ich spreche schwedisch und kenne das Pronomen hen.
            (hon-sie, han-er, hen-neutral )
            Hen ist nun mal ein Pronomen und hat ja nichts mit dem Binnen-I oder Berufsbezeichnungen zu tun. Hen ändert ja nichts an der Tatsache, das Nike sich als Redakteur oder Schmied nicht angesprochen fühlt. In Schweden ist man eben programmledare oder arkitekt egal welches Geschlecht man hat und man muss eben nicht erst diskutieren wer wie angesprochen wird. Das es in der englischen Sprache ähnlich ist fiel mir dann später auch ein.
            Außerdem wenn man das System der DDR mit der BRD vergleicht, sieht man doch sehr deutlich, das Sprache nicht das Problem ist, die war ja wohl soweit ich weiss in beiden Ländern gleich. Im DDR System sollte die Frau arbeiten, es wurden entsprechende Vorraussetzungen geschaffen und in der BRD eben nicht. Wer bestimmt denn was eine Krankenschwester oder Altenpflegerin verdient, die Sprache?
            In der DDR hatten Frauen das Recht legal abzutreiben, in der BRD ist Abtreibung bis heute illegal. Wer entscheidet das? Das Binnen-I oder die Kirche, der Staat?
            Ich persönlich kann sehr gut auf das Binnen-I verzichten.

          2. Leah

            Natürlich ist „hen“ nicht das Binnen-I, aber es ging mir darum aufzuzeigen, dass es in Schweden sehr wohl einen Diskurs über den Zusammenhang von Repräsentation und Sprache gibt – denn darum geht es ja hier in diesem Artikel auch. Und nochmal: dort, wo (aus grammatikalischen oder sonstigen Gründen) keine weiblichen und männlichen Formen existieren – so wie in den meisten Fällen im Englischen (oder auch Schwedischen) – wird wohl kaum über ein Binnen-I (in welcher From auch immer) diskutiert werden.
            Und natürlich entscheidet das Binnen-I nicht über Abtreibungsgesetze, aber es kann dafür sorgen, dass ich mich dort repräsentiert sehe, wo ich mich sonst nicht mitgemeint fühle (weil ja eben eine *In/ *Innen Form exisitiert, die aber nicht angewandt wird) und mir somit vielleicht Grundsetzlich mehr ermöglichen. Und es gibt da sicherlich noch andere Köpfe in denen sprachliche Veränderungen das Thema Repräsentation beeiflusst, sei es auf persönlicher oder öffentlicher Ebene.
            (Tut mir leid, leider gab es nicht die Option auf deinen Kommentar direkt zu antworten, weshalb ich es unter meinen gepackt habe)

  9. Stefano

    Ich finde es schade, dass Männer hier als Problem dargestellt werden. Es gibt genau so Frauen, die dagegen sind, sowie es auch Männer gibt die dafür sind. Das man immer wieder in so einen „Lagerkampf“ ist leider sehr schade. Gerade Progressive sollten dem nicht Verfallen. Aber diese einfachen Denkstrukturen helfen dabei sich besser zu fühlen.

    Antworten
  10. Lena

    Wenn in der Tagesschau von Studenten, Erstsemestern oder Urlaubern, Reisenden … gesprochen wird, will ich mich als Frau dann wirklich hinstellen und behaupten ich fühle mich nicht angesprochen? Will ich wirklich behaupten ich habe keine Ahnung das Studenten auch Frauen sind und mich dann noch darüber beklagen warum mir keine Führungsposition zugetraut wird? Soll das wirklich Feminismus sein? Dann sehe ich leider schwarz. Das war dann auch mein letzter Kommentar zu dem Thema.Versprochen.

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  11. Anna

    Ihr lieben Diskutierenden,
    muss man die Debatte als entweder/oder und schwarz/weiß betrachten? Ich benutze das generische Femininum und das Maskulinum gerade so, wie es sich für mich richtig anfühlt. In einer Situation fühlt es sich „richtiger“ an, das Femininum zu verwenden, in einer anderen Situation reicht mir das generische Maskulinum. Kann man nicht einfach beides nebeneinander benutzen – und situativ abwägen? Außerdem ist die ganze Diskussion um Sprache/Realität etwas komplizierter als hier von einigen Damen (und Herren) dargestellt (es gibt verschiedeneste Hypothesen in der Linguistik: z.B. die Sapir-Whorf-Hypothese etc.) und noch lange nicht abschließend geklärt.
    Habt einen guten Sonntag alle!

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