Vom Streit um das nackte Denkmal für Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft

18.11.2020 Feminismus

Mary Wollstonecraft, britische Frauenrechtlerin und Schriftstellerin, dürfte mit vielem nicht gerechnet haben. Beispielsweise damit, dass es irgendwann selbstverständlich sein würde, dass Frauen an Universitäten zugelassen werden und studieren können. Oder dass Frauen sich aus freien Stücken gegen die Ehe und für uneheliche Kinder entscheiden können – ohne dadurch zu gesellschaftlichen Außenseitern zu werden. Womit Wollstonecraft wohl auch nicht gerechnet haben dürfte: dass 223 Jahre nach ihrem Tod ein öffentlicher Streit um ein ihr gewidmetes Denkmal entbrennen würde. 

Beleidigende Darstellung

Das Objekt des Anstoßes steht seit Anfang letzter Woche in Nordlondon, auf einem grasbedeckten Platz namens Newington Green. Zehn Jahre lang hatte die Kampagne „Mary on the Green“ insgesamt 143.000 £ für das Monument gesammelt, die Künstlerin Maggi Hambling wurde mit seiner Gestaltung beauftragt. Eigentlich hätte mit dieser Wahl bereits klar sein müssen, dass den Initiator*innen der Kampagne etwas anderes vorschwebte als eine traditionelle Statue mit Wollstonecrafts Konterfei: Die 75-jährige Hambling gilt als eigensinnig und streitbar, in der Vergangenheit sorgte bereits eine von ihr gestaltete Skulptur von Oscar Wilde für Aufsehen. Doch die Enthüllung des Monuments war für viele dann doch eine – unwillkommene – Überraschung.

 
 
 
 
 
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Hamblings Wollstonecraft-Monument zeigt eine junge, silberne Frau, die aus einer ebenfalls silbernen, amorphen Masse, emporsteigt. Das ist an sich nicht kontrovers – die Tatsache, dass die Frauenfigur nackt ist und ihr Körper perfekt, allerdings schon. Warum, fragen sich viele in den (sozialen) Medien, muss eine Statue, die einer feministischen Vorkämpferin gewidmet ist, nackt sein und dann auch noch über definierte Bauchmuskeln (und buschförmiges Schamhaar) verfügen? Geht das nicht genau gegen das, was Feminist*innen so energisch bekämpfen, nämlich die Reduzierung von Frauen auf ihren Körper? Caroline Criado-Perez, Aktivistin und Autorin des Bestsellers Unsichtbare Frauen, sagte, sie wolle nicht den Einsatz derer in Abrede stellen, die sich für das Monument eingesetzt hätten. Aber:

Ganz und gar undurchschnittlich

Hambling hingegen weist die Kritik zurück. Im Evening Standard erklärte sie, die Frauenfigur müsse nun einmal nackt sein, „denn Kleidung legt Menschen fest. Wir wissen alle, dass Kleidung einschränkend ist und sie [die Statue, Anm.] ist eine Durchschnittsfrau.“ Man könne nicht nackt genug sein, so Hambling. Ihre Kritiker*innen überzeugte sie mit dieser Argumentation nicht. Im Guardian schreibt Rhiannon Lucy Cosslett, schon die Idee einer „Durchschnittfrau“ sei problematisch, denn sie gehe zurück auf die „idealisierten, objektifizierten Nackten aus der Vergangenheit, diese holen Symbole von Weiblichkeit, die so lange die Beherrschung und Unterwerfung von Frauen repräsentierten.“

Die Initiator*innen der „Mary on the Green“-Kampagne nehmen die Kontroverse gelassen. In einem Statement sagten sie: „Die Vielfalt der Meinungen, offen zum Ausdruck gebracht, ist genau das, was Mary Wollstonecraft toll gefunden hätte.“

 
 
 
 
 
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Mehr als nur eine Skulptur

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Fest steht: Hamblings wirft interessante Fragen auf. Danach, wie sinnvoll es ist, Frauen, im Bemühen, diese zu ehren, im wahrsten Sinne des Wortes auf einen Sockel zu stellen – nur weil es das ist, was traditionell mit Männern gemacht wird. Danach, was ein Monument zu Ehren einer kämpferischen Frau leisten muss, was von ihm erwartet wird. Und danach, wie sich der Geist und das Vermächtnis von etwas einfangen lässt, in diesem Fall: der Frauenbewegung. Tatsächlich war es nie Ziel der Kampagne, ein genaues Abbild von Wollstonecraft zu gestalten: Laut der Inschrift in ihrem Granitfuß ist die Statue Mary Wollstonecraft gewidmet („Für Mary Wollestonecraft“). Es handelt sich also um ein Monument für sie, nicht von ihr.

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Alice Goodenough (@incaseofdragons)

Gut möglich, dass deie öffentliche Diskussion über die nackte Silberfrau, wie die Initiator*innen von „Mary on the Green“ zu insinuieren scheinen, Teil des Monuments ist. Man kann diesem vieles vorwerfen und tatsächlich ist die konkrete Umsetzung von Hamblings Idee einer „Durchschnittsfrau“ eher misslungen. Aber was man dem Monument sicher nicht vorwerfen kann ist, dass es die Menschen kalt lässt. Das allein ist kein Zeichen für „gute“ Kunst und überhaupt lässt sich über Kunst wunderbar streiten. Doch schon jetzt hat die kleine Silberfrau etwas geschafft, was vielen anderen Denkmälern versagt bleibt: Sie ist Teil eines Diskurses geworden, man hat eine Meinung zu ihr. Und wer weiß, vielleicht bringt sie Menschen sogar dazu, sich mit den Ideen und Meinungen von Mary Wollstonecraft auseinanderzusetzen – mehr, als es ein traditionelles Monument mit Wollstonecrafts Konterfrei, arrangiert auf einem Sockel, jemals könnte.

Vom Streit um das nackte Denkmal für Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft

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