Mental Health: 3 Bücher, die mir geholfen haben, umzudenken

12.02.2021 Buch

Vor einigen Monaten nahm ich mir vor, meinen Stapel voller „Mental Health“-Bücher endlich zu verkleinern, fünf Stück an der Zahl wollte ich lesen — und im besten Fall mit euch teilen. Zwischendrin schob ich den Berg zur Seite, so wirklich wollte die Euphorie nicht überspringen und zuletzt verwarf ich sogar zwei Exemplare, die mich entweder nicht weiterbrachten oder in ihren Formulierungen verärgerten. Die drei übrigen Bücher kann ich dafür aus vollstem Herzen empfehlen, weshalb ich sie an dieser Stelle nun endlich, mindestens ein halbes Jahr später, mit euch teile. Natürlich gilt wie immer: Nicht alles, das mir guttut, hilft auch euch, vielleicht aber ist ja dennoch etwas dabei.

1. Fumitake Koga & Ichiro Kishimi – The Courage to be disliked
(Du musst nicht von allen gemocht werden: Vom Mut, sich nicht zu verbiegen)

Natürlich kaufte ich mir das Buch in erster Linie aufgrund des Titels — auch wenn die Rezensionen zusätzlich mehr als überzeugend waren. Endlich den Mut aufzubringen, mich mit meinem Äußeren, meinen Aussagen und meinem Verhalten nicht stets anzupassen, um bloß nicht aufzufallen, ist so etwas wie meine Lebensaufgabe an mich selbst. Ich verschlang das Buch in meinem letzten Urlaub im September, während ich bei stürmischem Wetter an der Ostsee saß und meinen Freund im 2-Minuten-Takt antippte, um ihm einzelne Textpassagen vorzulesen. Letztlich hätte es wohl mehr Sinn ergeben, ihm das gesamte Buch in die Hand zu drücken, obwohl ich zugeben muss, dass es mittlerweile vermutlich mehr unterstrichene als nicht unterstrichene Abschnitte gibt.

Basierend auf den Theorien des Psychologen Alfred Adler ist das Buch in fünf große Oberkapitel, die von fünf Aufeinandertreffen eines unglücklichen jungen Menschen und eines Philosophen erzählen, eingeteilt. Während der junge Mensch auf der Suche nach dem Glück ist, vermittelt der Philosoph ihm einen Weg, der ihn dorthin bringen kann: Etwa durch den Mut, nicht von allen gemocht zu werden. Geduldig geht er dabei auf jegliche Zweifel, Ablehnung, Kritik sowie jegliches Unverständnis, das sich beim Lesen auch in mir selbst ausbreitete, ein, stößt dabei wahnsinnig viele Denkprozesse an und führte in meinem Fall zu mehrfachen, gleichermaßen verblüfften als auch faszinierten „Aha“-Momenten. „The Courage to be disliked“ lässt sich nicht in wenigen Worten zusammenfassen, doch ich habe es seither allen Personen, die ich kenne, mehrfach mit begeisterter Gestik und euphorischer Mimik empfohlen.

Rowohlt schreibt: Ein zutiefst unglücklicher junger Mann trifft auf einen Philosophen, der ihm erklärt, wie jeder von uns in der Lage ist, sein eigenes Leben zu bestimmen, und wie sich jeder von den Fesseln vergangener Erfahrungen, Zweifeln und Erwartungen anderer lösen kann. Es sind die Erkenntnisse von Alfred Adler – dem großen Vorreiter der Achtsamkeitsbewegung – die diesem bewegenden Dialog zugrunde liegen, die zutiefst befreiend sind und uns allen ermöglichen, endlich die Begrenzungen zu ignorieren, die unsere Mitmenschen und wir selbst uns auferlegen. «Du musst nicht von allen gemocht werden» ist ein zugänglicher wie tiefgründiger und definitiv außergewöhnlicher Lebenshilfe-Ratgeber – Millionen haben ihn bereits gelesen und profitieren von seiner Weisheit.

2. Beth McColl – How to come alive again

Was nach einem Ratgeber klingt, galt mir zuweilen als eine Art Mentor*in, Anleitung und Gut-zu-Redner*in. In insgesamt fünf Teilen spricht Beth McColl immer wieder das, was für mich selbst oftmals schwer zu begreifen ist, an: Deine psychische Erkrankung macht dich nicht zu einem schlechteren Menschen, sie macht dich nicht aus, sie ist eben bloß ein Teil von dir. In manchen Momenten fühlte sich das Buch wie eine gute Freundin, in anderen sogar ein wenig wie meine frühere Therapeutin an — auch wenn die Zeilen natürlich absolut kein Ersatz für eine Therapie sind. Der erste Satz, den ich mir unterstrich, lautet: „Depression is terrible. But you — you are not terrible“ und irgendwie greift dies bereits den Grundton der Gesamtlektüre auf. Neben warmen Worten, die (zumindest in mir) haufenweise gute Gefühle versprühen, bietet die Autorin zudem Definitionen sowie viele Übungen und Denkanstöße, die man sich immer wieder vor Augen führen kann.

Auch wenn sich „How To Come Alive Again“ in erster Linie auf Personen mit Depressionen und Angststörungen beziehen mag, hält es auch für Menschen ohne psychische Erkrankungen viele hilfreiche Tipps und Erklärungen bereit.

Das Kapitel, in dem ich mir die meisten Stellen markiert habe, lautet „Self-care“ und spricht dabei ein Buzzword, das heute gerne mit Duftkerzen und Badesalz gleichgesetzt wird, an. In diesem Buch jedoch reicht es noch viel weiter, bezieht sich etwa auch darauf, Rechnungen im Auge zu behalten, sich sozial nicht völlig abzukapseln und Situationen, die ein schlechtes Gefühl vermitteln, zu meiden. In einem Satz zusammengefasst bezeichnet Beth McColl Self-care übrigens wie folgt: „Self-care is taking deilberate action to develop, improve, maintain and protect your overall health, wellness and safety both now and in the future“ und fügt hinzu: „effective self-care looks different to everyone.“ Self-care mag also letztlich für jede*n unterschiedlich aussehen, ist jedoch immer hilfreich und nie schädlich. Ähnlich ausgeführt sind auch die restlichen Kapitel, die von Selbstidentifikation über Akzeptanz bis hin zu Dingen, die man beeinflussen oder eben auch nicht beeinflussen kann, reichen. Kurzum: Es ist ein Buch, das einen festen Platz auf meinem Nachttisch hat.

Unbound schreibt (ein Auszug): You’re really depressed. That’s sad. But it’s also okay. I don’t mean that like it’s great and you should just shrug and get out of my office. I don’t even have an office. I’m sitting on the floor eating a banana. No, what I mean is it doesn’t matter to me that you’re depressed. Why should it? It doesn’t matter that you’ve lived in shadows, that you’ve slept through years of your life, that you’ve done things you’re ashamed to even admit to yourself. It doesn’t matter. Because hey guess what – me too. I’ve put down my banana now. You have my full attention. You don’t need to worry. It doesn’t matter to me. You are not an oddity here, you’re not a family secret. You’re not a joke. You’re not a disappointment. You’re not a waste of space, or a fuck up, or a failure. You’re none of those things here. You’re just someone who’s been depressed. Someone who’s still depressed. Someone who can’t stand life so much some days you’re not sure how you’re still even on this planet. Someone who desperately wants to know their own worth and be alive better. How to Come Alive Again is a book for people exactly like this. It’s a book about what to do when you’re an anxious, depressed, spaghetti-brained mess in a society that still very much prefers us to all act normal and do normal things and talk about normal TV shows and eat normal sandwiches AND JUST NEVER MENTION MENTAL HEALTH EVER. It’s a book for the un-normal amongst us. It’s a book about what happens when your life turns to shit and you can’t get up out of bed. It’s a book for when you outwardly seem happy and functional but are actually drowning in a toilet of depression, worry, and hell. It’s a whole mess of practical advice for anyone who has a mental illness or knows and loves someone else who does. 

3. Kristin Neff, PhD – Self Compassion
(Selbstmitgefühl)

„Self Compassion“ der Psychologie-Professorin Kristin Neff wurde mir vor etwa 1,5 Jahren von einer Bekannten empfohlen und hätte mich der deutsche Titel nicht so abgeschreckt, stünde es vermutlich seither in meinem Bücherregal. So jedoch brauchte es eine ganze Weile, bis ich mir letztlich vor einigen Wochen die englische Hörbuchvariante zulegte (empfehlen würde ich es aufgrund der Übungen und der fehlenden Möglichkeit, Passagen zu markieren, allerdings immer in gedruckter Form). Random House teilt den Ratgeber der Kategorie „Motivation & Psychologie“ zu und motivierend ist das Buch allemal: Widmet es sich insbesondere besagtem Selbstmitgefühl, das laut der Autorin wichtig sei, um uns zu stärken und vor zu harscher Selbstkritik zu schützen, regt es zudem wichtige Auseinandersetzungen mit eigenen Mechanismen und Denkweisen an. Zusätzliche Übungen, die man im Alltag machen kann, helfen außerdem dabei, das neue Vorhaben tatsächlich umzusetzen (man findet sie übrigens auch auf der offiziellen Webseite der Professorin).

Bereits das erste Kapitel beginnt die Autorin mit einem Gedankengang, in dem sich wohl viele wiederfinden könnten: „In this incredibly competitive society of ours, how many of us truly feel good about ourselves? It seems such a fleeting thing, feeling good — especially as we feel the need to be special and above average to feel worthy. Anything less feels like a failure.“ Und weiter: „There is always someone smarter, prettier, more successful — how do we cope with this? Not very well“. Immer wieder pausierte ich das Hörbuch, um nachzudenken, mir Notizen zu machen und meine Denk- und Verhaltensweisen zu hinterfragen. Bereits das hat mir in der Vergangenheit geholfen, so Einiges in meinem Kopf zu verändern und in der ein oder anderen Situation vielleicht wirklich mal ein wenig sorgsamer mit mir selbst umzugehen.

Random House schreibt: „Unser unermüdliches Streben danach, in allen Bereichen überdurchschnittlich zu sein, schränkt uns eher ein, als dass es uns voranbringt. Denn wenn wir scheitern oder unseren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden, kehrt sich Selbstbewusstsein rasch um in Selbstkritik. Und wir können uns anstrengen, wie wir wollen, es wird immer jemanden geben, der noch intelligenter, erfolgreicher oder attraktiver ist als wir. Was wirklich stärkt, ist Selbstmitgefühl. Kristin Neff erforscht seit vielen Jahren die Fähigkeit, sich selbst freundschaftlich und nachsichtig zu behandeln. Die Auswirkungen sind verblüffend: Selbstmitgefühl schützt vor Burn-out und Depressionen, stärkt die Gesundheit und fördert unsere Beziehungen. Es lässt uns unsere Ziele und Träume optimistischer in die Tat umsetzen. Wir entdecken einen Ort der Wärme und emotionalen Geborgenheit, an dem wir unsere inneren Reserven auffüllen können. Fundiert und einfühlsam untersucht die Autorin die Chancen, die uns Selbstmitgefühl bietet. Tests, Fallbeispiele und in der Praxis erprobte Übungen helfen uns, uns diese heilsame Lebenshaltung anzueignen. Wir schließen Freundschaft mit dem wichtigsten Menschen in unserem Leben: uns selbst.“

5 Kommentare

  1. Rike

    Was freue ich mich angesichts dieser Buchtipps wieder über das überraschend vielfältige Sortiment der Stadtbibliothek (inkl. online Bibliothek). Herrlich, so kann ich hineinlesen ohne direkt in den Buchkauf zu investieren.
    Gerade bei „Selbsthilfe“ Sachbüchern hab ich mir schon so manchen Kauf, über den ich mich im Nachhinein geärgert hätte, gespart.

    Vielleicht eine Anregung für andere LeserInnen dort mal zu stöbern …

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    1. Fine

      mit Ergänzung: Berliner Bibliotheken bieten gerade freien Zugang für alle an, bis April soweit ich weiß

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  2. Ruth

    Kristin Neff und Selbstmitgefühl kann ich wärmstens empfehlen, das Buch ist ganz toll und hat wirklich zu einer anderen Haltung mir selbst gegenüber (und damit auch anderen) geführt. Schön, dass du es hier aufführst! <3

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