Autorin Svenja Gräfen: „Selbstfürsorge bedeutet ein Zurückfinden zu sich selbst“

Mit der Self-Care – zu Deutsch: Selbstfürsorge – ist das so eine Sache. Theoretisch weiß ich, dass die Idee nicht falsch ist: achtsamer mit mir selbst umzugehen. Praktisch aber nervt mich das, was mir in den sozialen Medien und Magazinen so als #selfcare präsentiert wird. Irgendwie scheint es am Ende doch immer nur darum zu gehen, Geld für eine Duftkerze auszugeben oder nachdenklich mit einer Tasse Tee zu posieren. Lange erschauerte ich deswegen, wenn ich den Begriff „Self-Care“ irgendwo las oder hörte. Brauche ich nicht, dachte ich, und fühlte mich überlegen. Mittlerweile weiß ich: Brauche ich sehr wohl, wenn auch nicht unbedingt in Form einer sündhaft teuren Duftkerze. Weil ich so einfach besser klarkomme, mit dem Leben, aber vor allem mit mir selbst. Gute – deutschsprachige – Literatur zum Thema allerdings gab es kaum, vieles war mir dann doch zu esoterisch oder konsumorientiert. Hier kommt Svenja Gräfen ins Spiel: Die Autorin hat ein Buch über Selbstfürsorge geschrieben, das weder esoterisch ist, noch zum Kauf bestimmter Produkte aufruft. Was es stattdessen ist: schlau, feministisch, und vor allem empathisch. Svenja weiß, dass wir alle unperfekte Menschen in einer unperfekten Welt sind, mit oft hohen Ansprüchen an und wenig Sympathie für uns selbst. Radikale Selbstfürsorge. Jetzt! Eine feministische Perspektive (mit Illustrationen von Slinga Illustration) ist ein Buch für alle, die dem Begriff Selbstfürsorge eher skeptisch gegenüberstehen, das Ganze egoistisch finden oder glauben, sie bräuchten es nicht. Es geht um Selbstfürsorge mit gesellschaftspolitischem Anspruch. Was Selbstfürsorge bedeutet, warum sie gerade für Aktivist*innen so wichtig ist und Tanzen so gut tut, darüber habe ich per Skype mit Svenja gesprochen. 

[typedjs]Ich dachte, ich könnte keine gute Feministin sein, wenn ich mich um mich selbst kümmere.[/typedjs]

Svenja, in deinem Buch schreibst du: „Ich hielt Self-Care für unpolitisch, unsolidarisch, antifeministisch und obendrein für ziemlich gefährlich.“ Woher kam diese Einschätzung?

Unter Self-Care, also Selbstfürsorge, habe ich lange nur das verstanden, was geheimhin unter diesem Label verkauft wird. Zum Beispiel Instagram-Influencer*innen, die unter dem Hashtag #selfcare Bilder teilen, wie sie auf Bali rumhängen. Nach dem Motto: Das Leben ist schön! Das kann wie ein Schlag ins Gesicht wirken, wenn man selbst sich gerade nicht so gut fühlt oder sich so einen Trip überhaupt nicht leisten kann. Hinzu kommt, dass Self-Care in meinem feministischen Umfeld eher ein schlechtes Image hatte. Sie galt als unsolidarisch, weil sie sich schließlich nicht jeder Mensch leisten oder herausnehmen kann. Ich dachte, ich könnte keine gute Feministin sein, wenn ich mich um mich selbst kümmere.

Und dann kennt wohl jede*r im eigenen Umfeld eine Person, die es im Namen der Selbstfürsorge etwas zu weit getrieben hat und nur noch mit sich selbst beschäftigt ist…

Auch das! (lacht)

Was hat dazu geführt, dass du deine Meinung über Selbstfürsorge geändert hast?

Das weiß ich gar nicht mehr so genau. Was ich weiß ist, dass ich aufgrund diverser persönlicher Krisen irgendwann gemerkt habe, dass ich mich dringend um mich selbst kümmern muss. Also habe ich angefangen, mich auf einer anderen Ebene mit dem Thema Selbstfürsorge auseinanderzusetzen. Ich habe sogar ein paar cheesy Selbsthilfebücher gelesen. (lacht) Und vor allem: ausprobiert. Sogar Sachen, von denen ich vorher dachte: Was für ein Humbug! Sowas wie mich mit Astrologie zu beschäftigen oder mit ätherischen Ölen. Anfangs lief das Ganze sehr über meinen Körper. Ich habe unter anderem mit dem Rauchen aufgehört und endlich akzeptiert, dass ich kein Gluten vertrage. Nach und nach habe ich so festgestellt: Selbstfürsorge muss nicht per se unfeministisch sein. Im Gegenteil: Sie kann sogar einen feministischen Wert haben.

Tatsächlich verspricht der Untertitel deines Buches eine „feministische Perspektive“ auf Selbstfürsorge. Wie sieht diese aus?

Mir ist wichtig zu betonen, dass das Buch nicht nur für Personen gedacht ist, die Aktivist*innen sind oder sich als Feminist*innen bezeichnen. Aber nicht umsonst gibt es den Begriff des „activist burnout“ oder „feminist burnout“: Feminist*innen leisten so viel, arbeiten so hart – und trotzdem ändert sich so wenig. Wenn dann noch das Gefühl hinzukommt, es ist immer noch nicht genug, man müsse noch mehr machen, führt das irgendwann zum Burnout. Deshalb sollte es selbstverständlich dazu gehören, dass man sich um sich selbst kümmert und sich ehrlich fragt: Wie viel kann ich gerade geben?

Im Sinne von: Man sollte seine Kämpfe sorgfältig auswählen.

Ja. Und Selbstfürsorge hilft dabei, nicht zu schnell auszubrennen, nicht zu resignieren und die Hoffnung zu verlieren. Oft wird es so aufgefasst, dass ich mit etwas einverstanden bin, wenn ich nicht die ganze Zeit dagegen ankämpfe. Doch manchmal muss man die Umstände so akzeptieren, wie sie sind, weil man sie gerade nicht ändern kann. Es geht darum, sich die Macht darüber zurückzuholen, wie man damit umgeht. Gerade, wenn man selbst von Diskriminierung betroffen ist, und gleichzeitig gegen diese Diskriminierung kämpft. Wenn ich beispielsweise als von Queerfeindlichkeit oder Sexismus betroffene Person meinem Gegenüber diese Arten von Diskriminierung erkläre, und dringe nicht durch: Dann kann ich mich entweder darüber aufregen und mir meine Energie wegsaugen lassen – oder ich lerne, mich davon abzugrenzen, indem ich erkenne, dass ich zwar mein Bestes gegeben habe, aber hier im Augenblick nicht weiterkomme. Es geht darum, mit der eigenen Energie zu haushalten. Ein aktuelles Beispiel: die Corona-Pandemie. Klar kann — und darf! — ich mich hier über das Politikversagen aufregen, Mails an Bundestagsabgeordnete schreiben und auf Initiativen wie „Zero Covid“ oder „No Covid“ aufmerksam machen. Trotzdem liegt es einfach nicht in meiner Hand, was die Bundesregierung beschließt, oder welche Ideen Armin Laschet gerade hat. Und es ist auch nicht meine Verantwortung. Ich bin dafür verantwortlich, was ich tue.

Du hast erwähnt, dass Selbstfürsorge in deinem feministischen Umfeld als unsolidarisch galt. Ich musste dabei an diesen Hinweis in Flugzeugen denken, erst die eigene Atemschutzmaske anzulegen, bevor man anderen Menschen hilft…

(lacht) Der Vergleich hätte es fast ins Buch geschafft! Selbstfürsorglich sein und parallel dazu auch für andere sorgen – das ist nicht nur möglich, sondern das eine ist sogar die Voraussetzung für das andere. Beziehungsweise kann es auch selbstfürsorglich sein, sich zu engagieren und in einer Community einzubringen. Und, ganz wichtig: Radikale Selbstfürsorge hilft bei der Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien. Denn sie bedeutet auch Ehrlichkeit, sich eigene Fehler einzugestehen und das fördert die Bereitschaft, dazuzulernen. Kritik wird ja oft als Kritik an der eigenen Person empfunden – durch Selbstfürsorge kann man aber lernen, sich nicht für jeden Fehler total fertig zu machen.

Paula Kittelmann

[typedjs]Es geht nicht darum, sich um sich selbst zu kümmern, damit man besser funktioniert und besser arbeiten kann.[/typedjs]

Ganz allgemein: Was verstehst du unter Selbstfürsorge? Oder, wie es in deinem Buchtitel heißt, „radikale Selbstfürsorge“?

Verschiedene Dinge. Grundsätzlich geht es darum zu lernen, netter zu mir selbst zu sein. Um einen fürsorglicheren Umgang mit mir. Darum, mich nicht selbst zu sabotieren. Radikal bedeutet für mich, dass das Ganze mehr ist als ein Pflaster, das man schnell irgendwo draufpappt. Ganz wichtig: Es geht nicht darum, sich um sich selbst zu kümmern, damit man besser funktioniert und besser arbeiten kann. Sondern darum, dass wir alle Selbstfürsorge verdienen, und zwar deshalb, weil wir Menschen sind. Es geht um eine gesamtheitliche Perspektive – nicht nur darum, sich zu pflegen und sich etwas Gutes zu tun, sondern eben auch um die Auseinandersetzung mit Dingen, die man lieber vermeiden würde: ein Telefonat führen, bürokratischen Kram regeln oder sich einem Konflikt stellen. Das kann ein radikaler Akt sein, weil es uns ein bisschen die Macht zurückgibt.

Das ist interessant, denn oft wird Selbstfürsorge ja auf diesen Aspekt reduziert: dass es darum geht, sich etwas Gutes zu tun.

Absolut. Mir geht es aber eben auch um Ehrlichkeit mir selbst gegenüber: Was habe ich davon, wenn ich bestimmte Dinge aufschiebe und vermeide? Natürlich ist das Ganze situationsabhängig und individuell, wie sowieso alles, was Selbstfürsorge betrifft. Wenn ich zum Beispiel in einer depressiven Phase stecke, ist vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, um auch noch ein Konfliktgespräch zu führen. Es geht immer darum, sich zu fragen: Was kann ich gerade schaffen und wo brauche ich Hilfe? Und sich nicht fertigzumachen, wenn man mal etwas nicht schafft. Wichtig ist auch die Intention: Warum mache ich das, was ich mache? Was will ich damit erreichen? Sich damit auseinanderzusetzen, ist nicht einfach.

[typedjs]Mich frustriert es, dass oft so getan wird, als müsste man nur das und das machen, die richtige Morgenroutine finden, die richtige Sportart, und dann ist alles gut. In Wirklichkeit bedeutet Selbstfürsorge ein Zurückfinden zu sich selbst, immer wieder. [/typedjs]

Zumal das Ganze ja ein ständiger Prozess ist: Da hat man sich seine kleine Werkzeugkiste zusammengepackt mit lauter Dingen, die einem in verschiedenen Situationen helfen – und stellt dann plötzlich fest, dass nichts davon in dieser einen, bestimmten Situation hilft. Man muss also immer wieder neu lernen, was man braucht.

Genau, das ist nicht wie ein Schalter im Kopf, den man einfach umlegt. Mich frustriert es, dass oft so getan wird, als müsste man nur das und das machen, die richtige Morgenroutine finden, die richtige Sportart, und dann ist alles gut. In Wirklichkeit bedeutet Selbstfürsorge ein Zurückfinden zu sich selbst, immer wieder. Und das nicht im Sinne von: Ich mache ein paar Monate Work and Travel und suche mich selbst. Es geht darum, einen Zugang dazu zu finden, wie es mir gerade geht, und ob meine Bewältigungsmechanismen mir noch helfen. Selbst Tätigkeiten, die hilfreich sein können, werden manchmal zu viel, wenn man sie auf eine sowieso schon zu volle To-Do-Liste packt und sich so noch mehr unter Druck setzt.

A propos Druck: Im ersten Lockdown letztes Jahr tauchten überall Botschaften auf, dass wir die Krise als Chance begreifen und endlich Dinge tun sollten, für die wir sonst keine Zeit haben. Wie bist du damit umgegangen?

Ich habe das Ganze eher kritisch betrachtet. Es gab einfach krasse Extreme: Auf der einen Seite die Leute, die plötzlich unglaublich viel Zeit zur Verfügung hatten. Und auf der anderen Seite die Leute, die unter einer Doppelt- und Dreifachbelastung litten — beziehungsweise immer noch leiden! Was mich gestört hat, war diese toxische Positivität überall: Die Idee, dass man die Krise irgendwie für sich nutzen muss. Ganz ehrlich: Nee, muss man nicht. Man muss sie überleben und damit zurechtkommen. Manchmal geht es darum, dass man es morgens überhaupt schafft, aufzustehen. Trotzdem ist es grundsätzlich positiv, dass viele Menschen die Zeit so für sich nutzen und endlich mal entschleunigen konnten. Ich beispielsweise bin auch vor der Pandemie nicht viel ausgegangen und fühle mich in Menschenmengen nicht wohl. Jetzt musste ich mir zumindest keine Ausrede mehr einfallen lassen, warum ich lieber zu Hause bleiben will. (lacht) Jede Person geht mit so einer Krise anders um.

Hat die Pandemie deine Arbeit beeinflusst?

Ich hatte schon vor dem Lockdown begonnen, an meinem Buch zu arbeiten, und deshalb Glück im Unglück: Weil ich sowieso vorhatte, die Hälfte des Jahres mit Schreiben zu verbringen, hatte ich weniger Veranstaltungen geplant. Theoretisch hatte ich also Zeit und auch ein Projekt, aber dann musste ich erstmal Pause machen. Ich kam nicht weiter – mir war klar, dass die Pandemie mit ins Buch muss, andererseits wollte ich aber auch kein Pandemie-Buch schreiben. Das war das eine. Das andere war, dass ich von vielen Kolleg*innen aus der Literatur- und Veranstaltungsbranche mitbekommen habe, wie die sich alle innerhalb kurzer Zeit einen Twitch-Account zugelegt, Events auf Zoom und Instagram-Live veranstaltet haben. 

Paula Kittelmann

Das hat mich total unter Druck gesetzt, und in den ersten Wochen des Lockdowns hatte ich deshalb eine ständige innere Unruhe. Ich dachte: Muss ich mir jetzt auch was ausdenken?

Was hast du gegen dieses Gefühl getan?

Ich habe für ein paar Tage konsequent das Handy ausgemacht. Kein Social Media. Das war auch deshalb schwierig, weil so natürlich auch Kommunikationsmöglichkeiten wegfielen.

Wie gehst du generell mit den sozialen Medien um? Oder, anders gefragt: Wie passen Selbstfürsorge und Social Media zusammen?

Es ist schwierig. Ich selbst bin durch die sozialen Medien auf so viel positives gestoßen, auch auf Self-Care-Accounts, die mehr bieten als nur Bilder aus Bali (lacht). Aber die sozialen Medien können natürlich auch ein Trigger sein. Sehr geholfen haben mir zwei Bücher: How to break up with your phone von Catherine Price und How to do nothing von Jenny Odell. Außerdem hilft es, mir bewusst zu machen, dass Instagram beispielsweise Millionären gehört und so designt ist, dass wir süchtig danach werden. Trotzdem muss ich mir immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass ich nicht noch mehr Content kreieren, noch mehr posten muss. Andererseits: Wenn ich nicht regelmäßig poste, werden meine Beiträge weniger angezeigt, weniger Menschen sehen meine Instagram-Stories, und so weiter. Gerade in Bezug auf Bücher und Literatur ist das ein schwieriges Thema, weil Verlage heute schon genau gucken, wie aktiv man als Autor*in in den sozialen Medien ist, und wie viele Follower*innen man hat. Mittlerweile lösche ich die Instagram-App öfter mal für mehrere Tage oder Wochen, denn solange sie auf meinem Telefon ist, kann ich nicht die Finger davonlassen. Aber auch hier gilt wieder, selbstfürsorglich zu sein und sich nicht dafür fertigzumachen, dass man Instagram-süchtig ist – diese App ist schließlich so designt!

Du berichtest sehr offen von deinen eigenen Schwierigkeiten, für dich selbst zu sorgen. Und damit bist du nicht allein, viele Menschen scheinen Probleme damit zu haben. Warum fällt uns Selbstfürsorge oft so schwer?

Weil uns in unserer Gesellschaft von klein auf beigebracht wird, dass man immer zuerst nach den anderen schauen soll – und dass es egoistisch ist, sich um sich selbst zu kümmern. Das gilt vor allem für weiblich gelesene Personen. Damit einher geht eine Abwertung von Faulheit, von Schwäche und Verletzlichkeit. Das habe ich auch an mir selbst beobachtet: Immer, wenn ich etwas abgesagt habe, zum Beispiel eine Verabredung, dann deshalb, weil ich angeblich so viel Stress, so viel zu tun hatte. Dabei hätte ich einfach sagen können: Ich bin müde, und ich brauche heute Nacht zehn Stunden Schlaf.

[typedjs]Mittlerweile lösche ich die Instagram-App öfter mal für mehrere Tage oder Wochen, denn solange sie auf meinem Telefon ist, kann ich nicht die Finger davonlassen. [/typedjs]

Paula Kittelmann

Viele Menschen wissen vielleicht auch nicht, was Selbstfürsorge konkret bedeutet.

Ja, viele meinen vielleicht, man müsste direkt ein Sabbatical nehmen oder ein Wellness-Wochenende in einem teuren Spa verbringen. Dabei kann man schon viel kleiner anfangen! Wenn ich zum Beispiel einen superstressigen Tag habe, dann kann ich da anfangen, dass ich mich nicht auch noch dafür fertig mache, dass ich es nicht zum Sport oder zum Meditationskurs schaffe.

Oder man legt eine kleine Pause ein. Das ist überhaupt eine wichtige Feststellung in deinem Buch: dass man sich Pausen nicht erst verdienen muss.

Das mit den Pausen fällt mir immer noch schwer. Auch, weil ich selbständig bin und denke: Jetzt gerade gilt’s! Jetzt habe ich die Energie und die Aufträge, wer weiß, wann das nächste Mal ein Angebot kommt?

Ich habe lange gedacht, ich sei einfach nicht belastbar – weil ich es nicht hinbekommen habe, zehn Stunden am Tag zu arbeiten. Heute weiß ich: Menschen sind erstens unterschiedlich belastbar. Und zweitens ist meine Produktivität tagesformabhängig. Wenn es mal nicht läuft, ist das okay. Ich versuche dann, netter zu mir zu sein. Gerade bei dem Thema Jobs und Arbeitskultur ist die gesellschaftliche Ebene ganz wichtig: Hier muss sich etwas ändern. Es gilt als das Allergeilste, zu hustlen – die Karriereleiter hochzuklettern, dem kapitalistischen Traum hinterherzujagen. Pausen gelten als etwas, das man als Belohnung am Ende bekommt. Dabei sind sie absolut lebensnotwendig!

Du hast Tanzen als eine Art der Selbstfürsorge für dich entdeckt. Wie ist es dazu gekommen?

Mit dem Tanzen habe ich begonnen, weil ich auf Instagram die Tanzvideos einer Freundin gesehen habe. Ehrlich gesagt dachte ich immer, ich hätte einfach kein gutes Körpergefühl und sei eingerostet vom vielen Rumsitzen am Computer. Anfangs habe ich nur für mich getanzt. Ich, in einem Raum mit Musik. Ohne abgefahrene Bewegungen. Es ging darum, mich überhaupt zu bewegen. Schon bald habe ich gemerkt: Wow, das tut mir total gut! Ich habe gemerkt, dass Tanzen eine Sache ist, mit der ich mich aus Situationen oder Stimmungen rausretten kann. Mit der ich verhindern kann, dass ich, auch körperlich, in einer Situation feststecke. Wenn ich merke, dass ich unruhig bin, powere ich mich zehn Minuten beim Tanzen aus. Das lässt die Situation oder Stimmung nicht verschwinden, aber mich vielleicht mit einem anderen Blick draufschauen.

Am Ende deines Buches gibt es eine lange Liste mit Dingen, die sich in die Kategorie „Selbstfürsorge“ einordnen lassen. Zum Beispiel Kuchen essen, eine Maschine Wäsche waschen, Tee kochen oder ein Problem lösen. Gibt es eine Sache, die für dich – neben dem Tanzen – einen echten Unterschied gemacht hat?

Verschiedene Dinge. Die Liste habe ich auch deshalb geschrieben, weil ich zeigen wollte, wie vielfältig Selbstfürsorge ist. Deshalb steht da zum Beispiel auch „Einen Termin bei der*dem Zahnärzt*in machen“. Bewegung hat mir auf jeden Fall geholfen – um mehr bei mir und in meinem Körper zu sein. Letztendlich ist für mich das A und O, meine eigenen Gedanken zu beobachten: Wie rede ich den ganzen Tag mit mir? Ist hier die innere Kritikerin am Start? Die negativen Gedanken verschwinden dadurch nicht einfach, aber ich bemerke sie schneller, und kann so auch schneller reagieren. Generell sind es oft die kleinen Dinge, wie Wasser trinken. Ich bin ein großer Fan des Wassertrinkens und verkünde allen Leuten, wie gerne ich hydriert bin (lacht). Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und wertzuschätzen, und sich nicht ständig dafür zu verurteilen, dass man zum Beispiel müde ist. Es ist doch eigentlich super, wenn mir mein Körper zu verstehen gibt, was er braucht! Er hält mich schließlich am Leben.

2 Kommentare

  1. Julia

    Liebe Svenja, das ist ein super spannendes Interview, vielen Dank dafür! Ich befinde mich gerade in einer Phase, in der ich mich verstärkt um mich und meinen Körper kümmere und merke, wie wichtig das ist. Und ich sehe es auch so, dass noch viele andere Dinge zur Selbstfürsorge gehören als gesundes Essen und Yoga. Bei mir ist es, dass ich aufhöre, Termine aufzuschieben und mich um Dinge sofort kümmere. Ein herrliches Gefühl!

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  2. Lisa

    Liebe Svenja, ich wünsche dir, dass du deiner Sehnsucht zu tanzen weiter nachgehen kannst! Tanz hat auch mir schon oft das Leben gerettet 🙂 Du sprichst mir aus der Seele mit deinem Interview und ich freue mich schon wenn dein Buch bald als Hörbuch da ist. Bin schon ganz neugierig drauf! Ein lieber Gruß an dich, Lisa

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