Dating in der Pandemie oder: Die Unmöglichkeit einer Insel

10.06.2021 Leben, Kolumne

In ihrer Kolumne „(Un)erwachsen“ widmet sich unsere Autorin Lisa Ludwig dem gesellschaftlichen Graubereich zwischen Kater und Kinderwunsch. In dieser Folge schreibt sie über fehlende Magie beim (Nicht-)Dating in der Pandemie und warum dieser Text weniger launig geworden ist, als geplant. 

Eigentlich wollte ich diesen Text schon vor Monaten schreiben. Die Themenfindung war einfach, naheliegend: In Berlin durften Personen nach 21 Uhr keine Menschen mehr sehen, die nicht Teil ihres Haushalts sind. Außer zufällig auf der Straße, wenn sie einen Hund haben, mit dem sie spazieren gehen können. Der Rest sitzt allein zu Hause und fragt sich einmal mehr, wann Alleinsein eigentlich von einer veritablen Art von Selfcare zum luftabschnürenden Albtraum geworden ist.

Der Text schreibt sich von selbst, dachte ich mir. Zum Einstieg ein bisschen rumjammern, wie furchtbar schlimm das Leben als Single in der Pandemie ist und dabei großzügig auslassen, dass mein Beziehungs- und Liebesleben auch vor Corona einer Wüste mit vereinzelter Abwasser-Oase glich. Danach ein, zwei Tinder-Dates unter widrigen Bedingungen beschreiben. Und am Schluss noch einen popkulturellen Bogen spannen oder irgendeine Frau zitieren, die viel klüger ist als ich. Super. Text fertig. Lasst ein Like da und retweetet mich, denn viel mehr Freude ist mir im Jahr 2021 nicht mehr geblieben.

Das Problem: Ich hatte keine Tinder-Dates. Der intimste Moment der letzten 12 Monate war für mich ein Zahnarzttermin. Also was mache ich jetzt mit diesem Text?

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von lisa ludwig (@notstrongonlyaggressive)

Dass ich keine Dates habe, liegt natürlich an mir. Eigentlich ist gerade jetzt ein guter Zeitpunkt, um die Augen und Ohren nach Paarungswilligen offen zu halten, weil alle irgendwie verzweifelt und liebesbedürftig sind. Klar könnte auch ich einfach mal meine Tinder-Nachrichten beantworten und mich mit Leuten zum Spazierengehen treffen oder ihnen zumindest mit verschämtem Grinsen via Videokonferenz zuprosten und anschließend ausgedachte Fun-Facts zu meinem nicht-existenten Privatleben teilen. Aber wozu? Wenn ich meine Oma nicht besuche, aus Angst, sie anzustecken, wenn ich bis zu meinem ersten Impftermin vor Stress fast täglich geheult habe, wenn ich in der vollen U-Bahn aus Angst vor Ansteckung das Gefühl habe, keine Luft mehr zu kriegen, wie soll ich dann Nähe zu einer wildfremden Person zulassen können?

Online-Dating: Auch ohne Pandemie nicht einfach

Online-Dating ist schon unter normalen Umständen das Allerletzte. Auf Tinder scrolle ich nach okayer Attraktivität durch. Die Leute, die nicht hot oder zu hot sind, werden weggewischt. Beim Rest hoffe ich auf ein Match, um dann nie wieder zu antworten, weil ich wenig so sehr hasse wie Smalltalk via Textnachrichten. Das letzte Mal fand ich das mit 17 gut, als sich mein halbes Leben über den MSN-Messenger abgespielt hat.

Durch diese oberflächliche Wisch-Taktik verpasse ich viele, die ich in echt wahrscheinlich wirklich gut fände. Die Witzigen, die Klugen, die mit Ausstrahlung statt Selfie-Talent, die, bei denen man gar nicht weiß, warum man plötzlich nicht mehr weggucken will. Ich muss Menschen in echt kennenlernen, um zu wissen, ob ich sie überhaupt kennenlernen will. Also ist jedes Treffen mit jemandem, den ich nur von Fotos und ein paar Nachrichten kenne, ein Sprung ins Nichts. Und ich habe weder die Zeit noch die Energie, meinen Feierabend mit einer Person zu verbringen, von der ich im Zweifelsfall nach fünf Minuten weiß, dass das nichts wird.

Alle Menschen, die ich seit über einem Jahr ganz real neu kennenlerne, lerne ich aus Berufsgründen kennen. Oder gebe ihnen wortlos zu verstehen, dass ich nach dem Großeinkauf beim Lebensmitteldiscounter den Kassenzettel bitte nicht mitnehmen möchte. Da sind keine Barabende mehr, keine Hauspartys, keine Geburtstage, bei der man nur die Hälfte der Anwesenden kennt. Keine Chance auf neue, ergebnisoffene Kontakte.

Wenn verschiedenste Konstellationen richtig stehen und zwei Menschen sich im richtigen Moment am richtigen Ort zufällig einander zuwenden und Blicke sich treffen – vielleicht passiert dann irgendwas. Für eine Nacht, für ein paar Monate oder Jahre, für ein ganzes Leben. Niemand weiß das. Und das macht es magisch. Ich brauche diese Magie. Und die pandemiebedingte soziale Isolation hat mir das genommen.

VOGUE COMMUNITY

– Dieser Text von Lisa Ludwig wurde zuerst bei Vogue Germany veröffentlicht. Dort könnt ihr den Beitrag weiterlesen  –

 

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2 Kommentare

  1. Michi

    Fühle das zu 200%
    Fotos geben mir nicht so viel und Small Talk über die Apps? Nur anstrengend. Und gleichzeitig fühle ich mich so einsam wie noch nie. Aber schlechte Dates sind da auch keine Lösung

    Antworten

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