Queer leben in Deutschland: 4 Personen, die unsere Gesellschaft gerade verändern

Mit dem Juni ist vor wenigen Tagen der Pride Month zu Ende gegangen – ein Monat, in dem besonders Augenmerk auf die LGBTQIA*-Community gelegt wird, auf ihre Errungenschaften und Rechte und den ständigen Kampf um Gleichberechtigung. Auf Vogue.de ist jeder Monat Pride-Monat, auch durch unseren Kolumnisten Fabian Hart. Mit diesem Beitrag stellen wir acht Persönlichkeiten vor, die hier in Deutschland unsere Gesellschaft dauerhaft verändern – ob als Model oder Schauspieler*in, als Politiker*in oder Autor*in, als Aktivist*in oder Youtuber*in.

Mohamed Amjahid

Mohamed Amjahid ist einer der wichtigsten Autor*innen Deutschlands auf dem Gebiet antirassistischer Arbeit. Neben der Arbeit an Büchern (wie – seinem bislang wichtigsten Werk – „Der weiße Fleck“) ist er auch auf seinem Instagram-Kanal aktiv und spricht dort nicht nur über Rassismus in Deutschland und Europa, sondern auch über Queerpolitik.

 
 
 
 
 
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„Marginalisierte Gruppen sind selbst nicht frei von Vorurteilen und diskriminierenden Praktiken; so sind Transfeindlichkeit, Rassismus, Ableismus oder Bodyshaming – konkret: Dickenfeindlichkeit – auch ein großes Problem innerhalb der queeren Community. Keine Gruppe ist monolithisch, und so finden sich diese Formen der Menschenfeindlichkeit auch unter LGBTQIA*-Personen. Von Rassismus betroffene Queers sind innerhalb der Community Anfeindungen und oft auch einer gewissen Fetischisierung ihrer Körper ausgesetzt. Eine positive Entwicklung ist aber, dass es langsam eine Debatte genau über diese Dynamiken innerhalb der queeren Community gibt und mehr marginalisierte Stimmen Gehör finden.

Gender-, Race- und queere Belange sind miteinander verwoben. Sie müssen immer zusammen gedacht werden, da sie zusammen wirkmächtige Effekte auf die Betroffenen entfalten können. Diese ganzheitliche Betrachtung nennt sich Intersektionalität. Rechtskonservative und rechtsextreme Stimmen machen sich lustig darüber, dass diese Begriffe benutzt werden – damit sperren sie sich gegen eine ganzheitliche und differenzierte Betrachtung der Gesellschaft. Ein intersektionaler Ansatz von Politik, Journalismus oder Wissenschaft hilft, gute Lösungen im Sinne aller Menschen zu finden und umzusetzen. Als Buchautor und Journalist muss ich mir Gedanken machen, wie ich wichtige und analytische Erkenntnisse übersetze. Meine persönliche Perspektive als queerer Deutscher mit marokkanischem Hintergrund und Erzählungen von Anekdoten oder Begegnungen helfen dabei. Sie machen nebenbei auch meine eigene Positionierung als Autor und Person transparent. Dennoch achte ich darauf, dass es mir nicht um eine selbstbezogene Debatte geht. Betroffenheit ist alleine noch keine Expertise.

Der Streit kürzlich rund um die durch die UEFA verbotene Regenbogen-Beleuchtung der Arena in München hat einen symbolischen Charakter. Politische Parteien und Unternehmen, die sich operativ nicht um queere Belange kümmern, schmücken sich mit dem Regenbogen. In Deutschland wurde die Abschaffung des umstrittenen Transsexuellengesetzes von SPD und Union abgelehnt – es scheint doppelbödig, wenn sich die Regierung gleichzeitig als größte Advokaten von queeren Belangen in Europa darstellt. Das nennt man Pink-Washing, als Vielfaltsfassade verschlimmert dies die Situation der LGBTQIA*-Community. Kooperationen mit queerfeindlichen Regimen wie Russland oder der Türkei kommen noch hinzu. Vor wenigen Tagen hat auch die EU-Grenzschutzbehörde Frontex ihr Logo in Regenbogenfarben getaucht – ausgerechnet jene Behörde, die die Rechte von (queeren) Geflüchteten mit Füßen tritt und tödliche Pushbacks an den Außengrenzen der Europäischen Union veranstaltet. Rein performative ‚Love is Love‘-Politik ist einfach nur zynisch.“

Alex Mariah Peter

Alex Mariah Peter ist Model und hat vor Kurzem als erste trans*-idente Kandidatin die von Heidi Klum moderierte Sendung „Germany’s Next Topmodel“ gewonnen – auch wenn sie sich gewünscht hätte, über diesen Aspekt nicht im Fernsehen sprechen zu müssen.

„Mir ist bewusst, dass mit meinem Sieg bei ‚Germany’s Next Topmodel‘ eine gewisse Symbolkraft einhergeht. Oft werde ich gefragt, ob ich meinen Sieg als ein positives Zeichen für die LGBTQIA*-Community sehe. Auch wenn ich begreife, dass eine positive Absicht hinter dieser Frage steht, sehe ich diese auch mit einem leicht problematischen Beigeschmack. Wie ich mich geschlechtlich identifiziere, ist ein Teil von mir, den ich weder verstecken noch tabuisieren möchte. Allerdings macht dieser Teil bei Weitem nicht alles an mir aus. Ich beobachte oft, dass, wenn eine Person in der Öffentlichkeit Teil einer bestimmten Community ist – ganz egal welcher –, sie ausschließlich dort gesehen und gesellschaftlich angesiedelt wird.

 
 
 
 
 
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Ich bin trans*, ja – aber genauso bin ich Koreanerin, Südafrikanerin, Deutsche, brünett, Abiturientin. Dass wenige bis gar einzelne dieser Attribute bedeutender zu sein scheinen bei der Einordnung eines Menschen, ist ein Abbild dessen, wie sehr immer noch in Schubladen gedacht wird, anstatt sich auf die menschlichen Attribute zu konzentrieren.

Ich sehe noch einige gesellschaftliche Missstände, bis Menschen wirklich als Menschen wahrgenommen werden, abseits einer kategorischen Einteilung. Deshalb war es für mich wichtig, in dem Rahmen meiner Möglichkeiten, einen Beitrag auf dem Weg dorthin zu leisten. Ich bin mit der Intention zu dem Format ‚Germany’s Next Topmodel‘ gekommen, die Vergangenheit meiner geschlechtlichen Identität vordergründig überhaupt nicht zu thematisieren. Im Idealfall hätte meine doch recht markante Stimme meine Vorgeschichte bereits auserzählt, und weiteres Erläutern wäre obsolet gewesen. Schnell habe ich aber vor Ort gemerkt, dass wir uns gesellschaftlich noch nicht in dem Stadium befinden, alles außerhalb eines cisgeschlechtlichen, heteronormativen Narrativs zu normalisieren. Auch im Jahr 2021 ist noch einiges an Aufklärungsarbeit zu leisten. Ich wollte aber nicht, dass mich das Merkmal, trans* zu sein, vollends vereinnahmt. In meinem persönlichen Utopia würde ich wahrscheinlich nicht mehr über dieses Thema reden müssen.

Bis dahin werde auch ich mich von Zeit zu Zeit immer mal wieder, wenn es nötig ist oder ich es für richtig halte, zu diesem Thema äußern – so wie ich mich aber genau zu anderen Themen, die mich betreffen, äußern werde. Positiv überrascht bin aber ich von der Art und Weise, wie Deutschland mit der Thematik umgegangen ist. Selbstverständlich drängt mich gerade die Boulevardpresse gerne mit dem Adjektiv ‚transsexuell‘ in ihren Headlines im öffentlichen Bild in eine bestimmte Richtung. Allerdings sehe ich gerade in der Resonanz, die ich auf Social Media und im echten Leben bekomme, dass breite Teile der Menschen, die mich verfolgen, über dieses Merkmal hinausschauen und mich für meine Persönlichkeit wahrnehmen. Respektlosigkeiten und Aussetzer sind so verschwindend gering, dass ich gerade nicht mal ein konkretes Beispiel nennen kann – glücklicherweise!“

Katharina Oguntoye

Katharina Oguntoye hat interkulturelle Verständigung zu ihrem Lebensthema gemacht. Seit den 90er-Jahren spielt die Schriftstellerin und Aktivistin sowohl in der afrodeutschen Bewegung als auch in der LGBTQIA*-Community eine Schlüsselrolle. Sie ist Gründerin des interkulturellen Netzwerkes Joliba e.V.

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Joliba e.V. (@joliba.de)

„Dass ich letztes Jahr den Berliner Preis für Lesbische* Sichtbarkeit gewonnen habe, war eine große Ehre. Vor allem habe ich nicht mit öffentlicher Anerkennung zu meinen Lebzeiten gerechnet. Besonders wertvoll finde ich, dass junge Menschen erfahren, dass sie nicht allein sind, dass sie eine Option haben, ihr Leben selbst zu gestalten. Ich selbst stand zum Beispiel dem Thema Trans*-Identität lange ein wenig ratlos gegenüber – da finde ich die Aufklärungsarbeit der Community sehr wichtig. Ich bilde mich zu Themen wie diesen immer weiter fort. Die Anerkennung eines weiteren Geschlechts ist ein epochaler Fortschritt.

Was mich und mein Leben angeht, spreche ich häufig von zwei Coming-outs: als Lesbe und als Schwarze Frau. Ein Coming-out-Prozess ist immer mit großer Angst verbunden. Angst, den Job zu verlieren, Angst, Menschen, die einem wichtig sind, zu verlieren. Leider sind diese Befürchtungen nicht unbegründet, der Gewinn nach dem Coming-out ist es aber wert, weil auf der anderen Seite Klarheit und Ehrlichkeit mit dir selbst stehen. So lässt es sich viel besser eine Haltung gewinnen. Als ich mich als Lesbe bekannt hatte, ergaben sich entgegen meinen Erwartungen viele Möglichkeiten. Nach meinem Schwarzen Coming-out war ich klarer und konnte meine antirassistische Argumentation schärfen, auf den Punkt bringen.

Ein Schwarzes Coming-out heißt: Ich nehme Stellung. Ich schweige nicht mehr, wenn ich Rassismus begegne. Unser Leben als Schwarze Frauen ist immer intersektional geprägt, weil wir mehrere Identitäten mit uns tragen, denen wir gerecht werden müssen und die gleichzeitig oft zu den unterdrücktesten Lebenslagen zählen: alleinerziehend, Armut trotz Arbeit, Frau sein und die Erfahrung von Sexismus, Bodyism und so weiter. Ich habe mich als junge Frau für den Feminismus entschieden, hier zu kämpfen und meine Kraft einzubringen, weil das die Lösung von vielen gesellschaftlichen Problemen beinhaltet.“

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von BRIX SCHAUMBURG ⚧ (@treesoul)

Brix Schaumburg

Brix Schaumburg ist der einzige Trans*-Mann, der im deutschen TV auch als solcher geoutet ist. Während er früher in Musicals auftrat, spielt er heute unter anderem in der Serie „Sunny – Wer bist du wirklich?“ mit. Außerdem betreibt er den Podcast „Herzfarben“, in dem er unter anderem über Trans*-Identität spricht.

„Dass ich als Trans*-Mann, der in den Medien präsent ist, automatisch so etwas wie eine Vorbildfunktion habe, sehe ich positiv wie negativ. Natürlich hatte und habe auch ich meine ‚Vorbilder‘ oder eben die, die mir auf meinem Weg zur Seite standen, und genau diese Guides braucht es. Man findet nicht alle Antworten im Internet und erst recht nicht in den Therapiesitzungen – deswegen ist es unfassbar wichtig, dass wir einander haben. Heute wiederum bin ich sehr dankbar, dass sich mir Menschen anvertrauen und wir zusammen laut sein können.

Dabei war es ursprünglich von meiner Seite aus nicht geplant, meine Trans*-Identität öffentlich zu machen. Eine TV-Show in England hat dies für mich übernommen – ab dem Zeitpunkt hätte man mich googeln können und über meine geschlechtliche Identität erfahren.

Als ich zurück nach Deutschland kam – 2016 war das – lebte ich stealth, also nicht geoutet. Das änderte sich 2019, als wir das erste Trans*-Theater der Welt gegründet haben und ich in eine für mich damals komplett neue Position gerutscht bin. Ich habe so viele Geschichten eingeatmet und kam mir plötzlich so klein, privilegiert und glücklich vor in einer sehr farblosen und intoleranten Welt. Das war es wohl, was in mir den Turbo ausgelöst hat. Einfach war der Weg dahin nicht – vor allem auch in bürokratischer Hinsicht. Ich habe meine Gutachten und Papiere noch hier liegen und diese zum ersten Mal Anfang diesen Jahres gelesen – absolut unmenschlich wird dort über mich geredet, und das ist kein Einzelfall. Wie fremde Menschen, die Fragen nach Vorlage stellen, über uns Menschen und unsere Leben urteilen dürfen, ist mir ein Rätsel. Das ist die bürokratische Seite.

Aber auch in Kultur und Medien muss sich noch viel verändern. Diese Welt, die eigentlich repräsentieren soll, ist nämlich überhaupt nicht so vielfältig, wie wir Menschen es sind. Aktuell spiele ich im TV einen Trans*-Mann. Aber ich bin Künstler und möchte nicht auf meinen persönlichen Werdegang reduziert werden. In meinem Podcast ‚Herzfarben‘ darf und soll es hingegen persönlich zugehen. Das Feedback dazu ist wundervoll, in jeder Folge gibt es etwas zu lernen. Meine Zuhörer:innen berichten mir immer wieder von Aha-Momenten. Mit den Sponsoren ist es allerdings nicht so einfach: Offenbar hat das Thema für viele Marken auch in 2021 noch keinen hohen Stellenwert.“

VOGUE COMMUNITY

– Dieser Text von Hella Schneider wurde zuerst bei Vogue Germany veröffentlicht. Dort könnt ihr den Beitrag weiterlesen  –

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