Zu Besuch im Atelier von P | AGE – Nachhaltige Mode aus Berlin

17.09.2013 Berlin, Menschen, Mode

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Wir sind ständig auf der Suche nach nachhaltigeren Alternativen in unserem Kleiderschrank, nach verantwortungsbewusstem Design und Lieblingsstücken, ohne schlechtes Gewissen – und scheitern regelmäßig. Das Bewusstsein ist da, doch ökologische Ausweichmöglichkeiten oder gar komplett fair Produziertes erinnert an die Nadel-Suche im Heuhaufen. Seit vielen Jahren gibt’s bereits den Green Showroom zur Fashion Week Berlin, doch aus Zeitgründen haben wir die Veranstaltung bislang erfolgreich verpasst. Ein Label ist uns dennoch besonders aufgefallen: P | AGE – das Berliner Label der zauberhaften Schwestern Ania und Iwona Pilch, das einen ersten Schritt in die richtige Richtung geht, das umdenkt und seine persönliche Geschichte seit 2012 mit uns teilen mag!

Wir waren zu Besuch in ihrem Neuköllner Atelier und haben uns einmal genauer bei den Mädels umgeschaut, ihre Entwürfe unter die Lupe genommen, uns in Iwonas Kleid verliebt und nachgefragt, worum es bei P | AGE eigentlich genau geht: 

P|AGE in Guatemala from PAGE FASHION BERLIN on Vimeo.

Jane Wayne: Was steckt hinter P | AGE – in der Kurzfassung?

… ein Modelabel, das traditionsreiche Stoffe aus Guatemala verwendet, sie aber in unseren europäischen Kontext bringt. Es ist ein individuelles Label, das sich durch klare Linien auszeichnet und sehr tragbar sein soll. Ein Label mit Hintergrund und Geschichte.

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Jane Wayne: Was ist P | AGE – in der langen Version?

P | AGE ist ganz einfach gesagt unsere ganz eigene Geschichte – zusammengebracht auf einer Seite. Wir hatten schon immer die grobe Idee, irgendetwas gemeinsam umzusetzen und nachdem wir hier in Berlin unsere Jobs beendet haben (Anmerk. d. Red. Iwona war Design Assistentin bei Kilian Kerner und Ania hat in einer Berliner Marketing Agentur gearbeitet), sind wir zum Verschnaufen erst mal nach Zentralamerika geflogen, um den Kopf frei zu kriegen.

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Und während unserer Reise kam uns eben die Idee zu einem gemeinsamen Projekt: Das ganze „ungenutzte“ Potential vor Ort war einfach überwältigend. Und weil wir uns wirklich von jetzt auf gleich in die Menschen und ihre Kultur verliebt haben, die Farbwelten uns überwältigt haben und die Stoffe derart besonders waren, war gleich Zuhause klar: Irgendwas müssen wir machen!

Und tada: Unsere private Reise hat sich tatsächlich als erste Business-Reise entpuppt und wir haben beschlossen, ein Label zu gründen und die Stoffe aus Guatemala dafür zu nutzen. Wir sind vor Ort nämlich auf eine Gruppe von Frauen gestoßen, die uns ihr traditionelles Handwerk gezeigt haben und ihre Ergebnisse aus bestimmten Webtechniken versuchen, an irgendwelche Touristen zu bringen. 

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Das kennt wohl jeder: Man ist in einem atemberaubenden Land, findet alles bunt und schön und aufregend – und würde am liebsten alles gerne haben. Und man strandet daheim und nichts ergibt mehr einen Sinn. Wir versuchen nun diese Verbindung herzustellen, versuchen zu übersetzen. Also die Tradition nach Deutschland zu holen, ohne den Kontext zu verlieren und trotzdem eine Übersetzung zu finden.

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Jane Wayne: Ihr zeigt zur Berlin Fashion Week in dem Green Showroom. Heißt das auch, dass ihr komplett „Grün“ produziert?

Unsere Stoffe sind fair hergestellt und wir versuchen auch stark, dass alles ökologisch ist, aber es ist super schwierig. Vor Ort stellen sie zwar auch selbst Baumwolle her, die sich auch verwenden, aber es reicht einfach leider nicht aus – das heißt, sie kaufen fremd ein. Deswegen können wir nicht komplett gewährleisten, dass alles grün ist. Wir achten vor allem auf die fairen Produktionsbedingungen – also auf die Macher vor Ort dahinter. Bei uns steht der Mensch im Vordergrund und da wir nur zu zweit sind, sind uns leider auch manchmal die Hände gebunden. Wir können noch nicht alles allein überwachen und garantieren. Noch dazu wäre unsere Kleidung dann noch teurer – und das würde bei der kleinen Stückzahl alle Rahmen sprengen. 

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Wir sind vor Ort, schauen uns um und bezahlen die Frauen überdurchschnittlich für ihre Arbeit, kontrollieren das Alter, kennen sie alle persönlich und halten das auch in den Kleidungsstücken wiederum fest. Außerdem sind die Stoffe vor Ort mit Naturfarben gefärbt. Es sind unsere ersten Gehversuche – und das Ziel ist, die nachhaltige Produktion weiter auszubauen. Aber im Moment können wir das noch nicht alles gewährleisten.

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Jane Wayne: Gibt es denn die Vision, komplett und nachhaltig zu fertigen?

Die Vision gibt es auf jeden Fall und die sollte bei jedem Label sein. Wir wollen derzeit nur nicht alles gleichzeitig machen, damit es vernünftig läuft.

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Jane Wayne: Ihr habt euch genau vor einem Jahr gegründet, habt direkt mit einer Show gestartet – wie schwierig ist es, ein Label zu gründen?

Es ist unheimlich schwierig und wir haben manchmal das Gefühl, dass wir uns jeden Tag neu bewerben. Es ist wie auf Jobsuche zu sein. Aber wenn man mal durchkommt, sind die Leute super positiv und haben auch Lust etwas mit uns zu machen. Es ist einfach super viel zu tun. Und wir sind ja schon doppelt so viele im Vergleich zu einer Person, die das alleine stemmt. 

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Von Kontakten konnten wir bislang nicht so viel profitieren, aber wir kennen die Abläufe natürlich schon ein bisschen, dadurch dass wir nicht gleich nach dem Studium gestartet haben. Und: Es hilft wenn man souverän mit den Kunden umgeht und ihnen zeigt, dass man Erfahrung hat!

Am wichtigsten ist es einfach, auszuprobieren, um nachher ausschließen zu können, was man nicht mag!

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Jane Wayne: Wie wichtig ist für euch denn die Mercedes-Benz Fashion Week – also die Veranstaltung im Zelt?

Wir würden natürlich gern irgendwann im Zelt zeigen und hoffen auch, dass das Zelt in Zukunft noch attraktiver und angesehener wird. Wir zeigen zwar zur Fashion Week, aber natürlich ist es was anderes, direkt im Zelt zu zeigen. Man bekommt einfach mehr Aufmerksamkeit. Grundsätzlich ist die Berlin Fashion Week einfach großartig und eigentlich unterscheiden wir da nicht besonders. Wir fühlen uns im Show Floor jedenfalls im Moment sehr wohl.

Jane Wayne: Wie finanziert man denn sein eigenes Label?

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Wir haben natürlich viel gespart, zusätzlich aber noch einen Kredit aufgenommen und werden von unseren Eltern unterstützt. Alles, was wir verdienen geht im Moment uneingeschränkt in unser Label. Wir fühlen uns manchmal wie ein altes Ehepaar mit gemeinsamen Konto. Wir geben eh für nichts anderes Geld aus als für P | AGE.

Jane Wayne: Wie viel Prozent machen den kreativen Prozess und wie viel den Business Teil aus?

Der kreative Teil ist schon sehr groß, nur der für’s Design sehr klein. Außerdem ist die Zeit sehr knapp. Das dauert ungefähr ein Monat. Shooting, Art Direction und Styling ist natürlich ebenso kreativ, setzt aber natürlich schon wieder eine fertige Kollektion voraus. Grundsätzlich kann man sagen, dass 80 Prozent auf jeden Fall schon mal Schleppen bedeutet! Wir sind praktisch unsere eigenen Praktikanten – aber das ist eben auch etwas, was wir vorher schon erwartet hatten. Dank unserer Arbeit bei Kilian Kerner und in einer Agentur. Das Schöne ist aber, dass man sich jeden Tag aufs Neue an bislang unerforschte Dinge herantrauen muss, mit denen man zuvor nichts am Hut hatte. 

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Jane Wayne: Wie sieht eure Kundin aus?

Das ist ein bisschen schwer zu sagen, denn das versuchen wir derzeit natürlich noch herauszufinden. Allerdings haben wir natürlich eine Vorstellung davon, wer P | AGE kaufen könnte: Unsere Kundin ist ein bisschen älter als wir, hat auch ein bisschen mehr Budget für Kleidung als wir es derzeit zur Verfügung haben und ein nachhaltiges Kaufverhalten. Sie achtet auf ihre Kleidung, auf die Umwelt und interessiert sich sehr für ihre Umgebung.

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Jane Wayne: Na, dann machen wir doch mal ein bisschen Werbung! Wie würdet ihr die P | AGE Kollektion denn beschreiben?

Die Kollektion ist geradlinig, geometrisch und definiert sich stark durch Proportionen. Ein wichtiges Merkmal von P | AGE ist der Bruch, der Geradlinigkeit durch Details, Cut Outs oder asymmetrische Schnitte. Farbproportionen und Muster kommen demnächst auch – die Anfänge waren natürlich sehr einfach. Wir mussten uns dahin weiterentwickeln und natürlich die Näherinnen vor Ort ebenso.Die erste Kollektion ist also sehr schlicht, die zweite schon detaillierter auch durch Webstoffe und die dritte wird noch komplexer und besticht durch Mustermixe. Die Stoffe werden für uns gefertigt und wir können da natürlich mitbestimmen oder uns von dem Handwerk der Frauen überzeugen lassen.

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Jane Wayne: Wenn wir uns der aktuellen Kollektiv zuwenden, was wolltet ihr damit ausdrücken?

Es geht bei P | AGE ja darum, zwei Kulturen miteinander zu verbinden: Guatemala, Berlin, Zentralamerika, das Reisen – die Essenz daraus. Und das zieht sich durch alle Kollektionen – nicht bloß durch die A/W Kollektionen. 

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Jane Wayne: Woran arbeitet ihr im Moment?

Wir werden im Oktober wieder für einen Monat nach Guatemala fahren – haben die Schnitte schon auf Papier gebracht und werden uns die Stoffe und Textilien dort genauer ansehen. Außerdem besprechen wir uns natürlich mit den Näherinnen vor Ort.

Und gerade im Moment arbeiten wir an einem Projekt, das eigentlich ganz zufällig entstanden ist. Und zwar werden wir in Kooperation mit einem Möbelhersteller eine limitierte Leder-Kollektion auf den Markt bringen. Und zwar werden wir zum Launch seines luxuriösen Lederstrand-Korb eine passende Linie entwerfen, die diese ganze Aktion eben begleitet. Und da wir sehr Leder-affin sind, haben wir mit Schnitten aus der aktuellen Kollektion gearbeitet und die Textilien durch Leder ersetzt. 

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Jane Wayne: Wo kann man P | AGE denn genau kaufen, außer hier im euer Atelier auf der Sonnenallee 174?

Wir verkaufen auch online auf Nelou und auf Amazon. Dann findet man uns in einer Boutique in Leipzig und ganz frisch im Designer for Today in Brühl – dort gibt’s ausgewählte, deutsche Designer.  Ende Oktober sind wir auch in Hamburg auf der Blickfang – das ist eine Endverbrauchermesse für Mode – und dort kriegt man uns dann auch für ein paar Tage. 

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Uns ist der persönliche Kontakt zum Kunden sehr wichtig und daher lieben wir diese kleinen Stores und Pop-Up Shops, um sich eben auch auszutauschen und um unsere Vision und die Geschichte hinter P | AGE zu erzählen. 

Jane Wayne: Das hört sich doch alles schon mal ganz gut an! Wie läuft denn der Laden bisher?

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Also noch läuft alles natürlich noch recht langsam an. Und wir klatschen bei jedem Verkauf ganz aufgeregt in die Hände. Hier im Atelier kommen mittlerweile schon ein paar treue Kunden vorbei und gerade bei unseren Pop-Up Aktionen läuft’s super. Und unsere Vertriebstour steckt ja auch erst in den Startlöchern. 

Mädels, danke für eure Zeit! Wir wünschen euch nur das Beste für eurer Label und ganz viel Spaß in Guatemala kommenden Monat <3

Über euren Besuch freuen sich die Zwei jederzeit:

Sonnenallee 174, 12059 Berlin – Hierzu bitten wir um telefonische oder schriftliche Anmeldung unter ania.pilch@homep-age.com oder 017663758597.

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