Fair Friday // Auf einen Kaffee mit…
Leanne Mai-ly Hilgart & Joshua Katcher

19.02.2016 um 9.56 – box3 Fair Fashion Menschen Mode

auf einen kaffee

Mit einem Knaller von einem Interview möchte ich heute eine neue Kategorie für den Fair Friday einläuten: In „Auf einen Kaffee mit…“ spreche ich mit besonderen Menschen, die nicht nur einen nachhaltigen Lebensstil pflegen, sondern auch sonst auf ganzer Linie inspirierend und wunderbar sind.

Den Auftakt machen die beiden Modedesigner (und besten Freunde) Leanne Mai-ly Hilgart und Joshua Katcher aus Brooklyn, New York. Ich habe mit den beiden über ihren Weg ins Modebusiness gesprochen und ihre beiden Labels Vaute und Brave GentleMan, über ihre Freundschaft und warum Veganismus immer noch fast ausschließlich in die feminine Ecke gestellt wird.

Hi ihr beiden, wie geht’s euch?

Joshua: Hallo! Mir geht’s super, ich bin nur sehr beschäftigt. Ich bereite gerade das neue Semester an der Parson School of Design vor, an der ich dieses Jahr drei Kurse in Mode unterrichte. Außerdem versuche ich, mein Buch „Fashion & Animals“ zu Ende zu schreiben – aber wer hat schon genug Zeit übrig, um an einem Buch zu arbeiten?! – und entwickele die kommenden Kollektionen für Brave GentleMan. Letzten September haben wir außerdem unseren ersten Popup-Store in Williamsburg eröffnet, was ziemlich spannend war, weil wir vorher nur online verkauft haben.

Leanne: Ich habe ein wunderbares Jahr hinter mir. Wir hatten unser erstes Fundraising mit Vaute und mein Leben hat sich seitdem total verändert. Statt endloser To-Do-Listen arbeite ich jetzt an unserer Infrastruktur, so dass Vaute stetig wächst und die Weltherrschaft übernehmen kann. Ich realisiere jetzt mehr, dass ich Bedürfnisse habe und eben auch Grenzen. Mit diesem Wissen kann ich sogar mehr schaffen als vorher. Ich bin süchtig nach Barre Workouts und dem „Squeeze“-Store, der die besten frisch gepressten Säfte hier in der Stadt hat. Es ist verrückt zu sehen, wie auf mich acht zu geben dazu führt, dass ich in weniger Zeit mehr Aufgaben erledigen kann. Das ist definitiv ein andauernder Prozess und ich bewege mich hin und her zwischen zu viel zu tun und dann wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren. In meiner Küche hängt ein Zitat, was das letzte Jahr für mich perfekt zusammenfasst: „Treating yourself like a precious object will make you strong“ von Julia Cameron.

Leanne, du hast als Model in Chicago, Hong Kong und Taipei gearbeitet. Hast du diesen Job gerne gemacht? Gab es auch negative Seiten?

Modeln hat mit viel Spaß gemacht und das Reisen war so eine Bereicherung. Ich konnte hinter die Kulissen von Werbeproduktionen, Fotoshootings, Castings und Fashion Shows schauen und habe dabei Erfahrungen gesammelt, die mein Label Vaute erst wirklich möglich gemacht haben. Es war so toll zu sehen, wie sich alles zusammengefügt hat und ich habe viel über die Unterschiede zwischen Foto und Realität gelernt. Modeln definiert sich nicht so viel darüber, was du bist, sondern was du mit deinem Team auf die Beine stellst. Negative Seiten? Es war interessant zu erleben, wie du nur für deine Äußerlichkeiten gesehen wirst und wie dir genau gesagt wird, was nicht perfekt an dir ist. Wenn ich „interessant“ sage, meine ich damit eigentlich, dass es hart war. Es ist hart zu hören, was alles mit deinem Gesicht „nicht stimmt“.

Und du Joshua, wie hast du in die Modewelt gefunden?

Ich habe meinen Blog „The Discerning Brute“ 2008 gegründet, weil ich im Bereich nachhaltiger Lifestyle für Männer eine Lücke gesehen habe – es schien, als würde alles, was mit ethischer Mode zu tun hat, ausschließlich auf Frauen zielen. Als ich angefangen habe, über nachhaltige und vegane Männermode zu schreiben, gab es eine Menge der Produkte noch nicht, die ich hätte kaufen wollen. 2010 habe ich mein Label „Brave GentleMan“ gegründet und meine erste Kollaboration mit Novacas herausgebracht.

Du hast es selber eben schon erwähnt: Veganismus wirkt für viele wie ein „Frauenthema“. Warum ist das so?

Mittlerweile gibt es schon eine Menge traditionell-männliche Persönlichkeiten, die einen veganen Lifestyle pflegen: NFL Defense Spieler David Carter, NBA Spieler Ben Gordon, der Crossfit-Coach Ed Bauer und das gesamte Plant Built Bodybuilding Team. Sogar Military-Intelligence-Männer wie Damien Mander nutzen ihr Training für Sea Shepherd – eine Organisation von Aktivisten, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um gefährdete Tierarten zu schützen und illegalen Walfang zu stoppen. Hollywood Schwarm Liam Hemsworth ist kürzlich Veganer geworden und auch in der Tierwelt lässt sich von der Ernährung nicht auf die Muskelkraft schließen – unter anderem sind ja Elephanten, Silberrückengorillas, Nashörner und Pferde Pflanzenfresser. Trotzdem glauben viele, ich habe es vorhin angesprochen, dass man Muskeln essen muss, um muskulös zu werden. Es ist eine ästhetisch irrationale Annahme, denn Hirn zu essen macht einen ja auch nicht klüger. Westliche Männlichkeit ist in der Wahrnehmung direkt mit der Mythologie von Tieropferung verknüpft. Alles im Bereich von Empathie und Freundlichkeit wird als emotional und deshalb feminin angesehen und deshalb als ein Zeichen von Schwäche. Wir haben in diesem Bereich noch eine Menge Arbeit vor uns.

This is Jane Wayne - Fair Friday - Auf einen Kaffe mit Leanne Mai-ly Hilgart und Joshua Katcher

Leanne, hattest du irgendeine Ahnung von Design oder Unternehmensführung, als du Vaute gegründet hast?

Zu der Zeit, als ich Vaute gegründet habe, habe ich als Model gearbeitet und meinen Abschluss an der DePaul University gemacht. Ich hatte keine Erfahrung mit Mode oder Textilien, außer dass ich sie als Model und Schauspielerin in der Schule getragen habe. Auch im Bereich Business hatte ich keine Qualifikation, mal abgesehen von Tierrechts- und Umweltkampagnen, die ich als Kind organisiert hatte. Ob ich Unterstützung hatte? Ich habe einen talentierten Sampledesigner, einen Webdesigner und ein Schneiderteam eingestellt. Ich wusste, was ich nicht konnte. Ich hatte keine Ahnung, ob es Regeln gab und ob ich ihnen folgte. Aber ich habe Millionen von Büchern gelesen. Bücher sind wie gute Freunde, die unglaublich gut in den Dingen sind, die du selber noch nie gemacht hast und sie erzählen dir alles, was du wissen musst.

Joshua, Brave GentleMan hat einen High-End-Fashion-Anspruch und bewegt sich in einem relativ hohem Preissegment. Warum hast du dich dafür entschieden, mit deinem Label nicht auf die breite Masse zu zielen?

Es ist nicht so, dass ich mich per se dagegen entschieden habe. Ich würde sehr gerne ethische Kleidung „erschwinglich“ machen. Das Problem ist, dass die allgemeine Idee von „erschwinglich“ von einer Produktionskette geprägt und abhängig ist, die komplett unethisch ist. Brave GentleMan investiert in aufstrebende Technologien, nachhaltige und vegane Materialien und fertigt in den USA und Europa zu fairen Löhnen. Dementsprechend sind unsere Preise höher als die Preise von Mainstream-Firmen. Ethische Mode kann gar nicht anders als auf einem höheren Preissegment stattzufinden und vielleicht sagt das auch eine Menge über unsere Erwartungen an den Massenkonsum aus. Die richtige Frage sollte als nicht sein „warum sind diese Produkte so teuer?“, sondern eher „warum gibt es Dinge, die so verdammt günstig sind und was sagt ihr niedriger Preis über die Produktionsbedingungen aus?“. Typischerweise bedeuten sie billige, giftige Materialien, trendy Wegwerfkleidung, Produktionen unter Sweatshop-Bedingungen und das Ausbeuten sowie Töten von Tieren und Ökosystemen. Luxusmode zielt immer auch auf den Mainstream und kreiert ein Verlangen nach Ideen, Identität und Konzepten – um all das geht es auch bei Brave GentleMan. Es geht um einen Lifestyle, dessen Zeit gekommen ist.

Leanne, Vaute ist eine echte Erfolgsgeschichte. Möchtest du uns deine Pläne für die Zukunft verraten?

Aw, danke, das ist so lieb von dir! Vieles ist gerade in Arbeit. Nach vier tollen Monaten mit unserem Pop-Up-Store in Toronto sind wir auf der Suche nach der perfekten Location für unseren Flagshipstore in New York. Für den Sommer arbeiten wir gerade an etwas ganz besonderem: Bademode! Bikinis und Einteiler aus recycelten Teppichen, das Material fühlt sich so toll an! Wir haben außerdem Abendkleider aus recycelten Plastikflaschen entwickelt und überlegen, ob wir uns als nächstes Hochzeitskleider vornehmen.

Ihr Beiden seid schon lange befreundet. Joshua, erzähle mal, wie habt ihr euch kennengelernt?

Wir haben uns per Email kennengelernt, weil ich auf meinem Blog einen Artikel über Leanne schreiben wollte. Sie hat mich dann besucht und bei mir gewohnt, weil sie Recherche zu ihren Produktionen in New York machen wollte. Es war Freundschaft auf den ersten Blick.

Leanne, was macht deine Freundschaft zu Joshua so besonders? 

Joshua ist der Beste! Er ist brillant, lustig, klug und sehr freundlich. Wir haben Spaß beim Nichtstun oder wenn wir uns beide (was sehr häufig passiert) entscheiden, mal wieder zu viel zu tun. Wir sind oft albern, erfinden Geräusche oder Songs oder beides. Er ist bodenständig auf eine Art, die mich inspiriert und die mir Sicherheit gibt. Unsere Freundschaft ist besonders, weil ich die beste und ungefilterte Version von mir selber sein kann und nie das Gefühl habe, etwas anderes sein zu müssen.

This is Jane Wayne - Fair Friday - Auf einen Kaffe mit Leanne Mai-ly Hilgart und Joshua Katcher

Danke für das Interview, ihr zwei Helden <3

 

Instagram
@leannemaily / @vaute_nyc / @brave_gentleman / @thediscerningbrute

Official Website
bravegentleman.com / vautecouture.com

Die Fotos für diesen Artikel sind letzten Sommer während des Covershootings für das Vegan Good Life Magazin entstanden – stilgerecht bei Dun-Well Doughnuts, einer veganen Top-Adresse in NYC und fotografiert von der wunderbaren Julia Cawley (bei Instagram findet ihr sie hier).

7 Kommentare

  1. Madlén Bohéme

    Super Interview. Ich verstehe auch nicht, warum Veganismus bei Männern dennoch so selten anzutreffen ist, selbst mein Freund, der eigentlich ethisch, moralisch und gesundheitlich meine Ideen und Werte dazu teilt, kann nicht auf Fleisch verzichten. Eine komische Doppelmoral, aber einem gehts ja in bestimmten anderen Lebensbereichen ähnlich. Vegan müsste eigentlich keine Frage des Geldes sein, so lange sich aber wunderbar immer noch an Ausbeutung verdienen lässt, wird’s wohl noch ein Weilchen dauern.

    Liebst,

    http://www.madlenboheme.com

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