Slow Sunday // 5 Dinge, an denen du erkennst,
dass du unglücklich bist

04.12.2016 um 11.21 – Slow Sunday

KW48_Slow Sunday_10 Dinge an denen du erkennst

Es sind immer dieselben Signale, die ich gekonnt übersehe. Signale, dass die Zeit reif ist für weniger Arbeitszeit, mehr Achtsamkeit, weniger Anspruch an mich selbst und mehr im Hier und Jetzt leben. Eine rote Lampe möchte ich auf meinem Kopf installieren, die furchtbar grell anfängt zu leuchten, wenn ich mir selber mal wieder versuche, einen vom Pferdchen zu erzählen.

Ach dieses Aufgabe? Nein, die schaffe ich noch. Den Termin nächste Woche? Gar kein Problem, ich kann immer. Die Deadline wurde vorgezogen? Also ich war sowieso vorgestern schon fertig. Ohrfeigen könnte ich mich im Nachhinein für meine ständige Ja-Sagerei und meinen übertriebenen Anspruch an mich selbst. Mein Verstand hinkt einfach völlig hinterher, ist lahm wie eine Schnecke und ich höre mich ständig Dinge sagen, über die ich definitiv nicht richtig nachgedacht habe. Moment mal, habe ich da gerade eben etwa zugesagt?! Es ist ein Imperativ, dass alles schaffbar ist, hört es sich auch noch so abwegig an. Und dann, wie im Bilderbuch, kommt es jedesmal zur selben Reaktionskette, an deren Ende ich mich in einem schwarzen Loch wiederfinde und gar nicht weiß, wie mir geschieht. Dabei hätte ich es jeden Mal kommen sehen können. 

Nach vielen hunderten dieser Reaktionsketten und Selbst-im-schwarzen-Loch-Wiederfindungen unterschiedlichen Ausmaßes wurde es mir irgendwann zu blöd. Als würde ich jedes Mal wieder auf die heiße Herdplatte patschen und es einfach nicht lernen. Ich bin doch nicht auf den Kopf gefallen, was mache ich denn da nur? Es muss doch eine bessere Herangehensweise geben, dachte ich viele erschöpfte Male und trug in vielen, vielen Gedankengängen diese granitharte Oberfläche ab, bis ich schließlich zum Kern der Sache kam:

Erschöpfungszustände, Unglücklichsein und Unzufriedenheit kommt nicht plötzlich von heute auf morgen, sondern baut sich langsam auf. Und zwar so langsam, dass man es kaum merklich wahrnimmt und erst aufwacht, wenn es zu spät ist.

Mitte des Jahres zum Beispiel, da fühlte ich mich ausgelaugt, unverstanden und wahnsinnig alleine. Ich konnte mit mir selbst nichts anfangen, fühlte mich von rechts nach links geworfen, ohne Halt und ohne Plan. Schrecklich dieses Gefühl der Stagnation, gepaart mit schlaflosen Nächten und ewigem Grübeln. Die Situation war völlig unverständlich für mich, sie hatte mich kalt erwischt und ich hatte weder Ahnung, warum ich mich so fühlte, noch, was ich jetzt bitte machen sollte. Ich wartete und wartete darauf, das sich endlich Verbesserung einstellte – da hätte ich lange warten können.

Es hat ein paar Wochen gedauert bis mir dämmerte, dass ich schon Monate vorher die ersten Anzeichen für meine kommende Misère gekonnt ignoriert hatte. Viel Zeit, die ich hätte effektiv nutzen können, um an zwei bis drei Stellschrauben zu stellen und den Fall in das dicke schwarze Loch zu verhindern.

Ich habe versucht, einige Warnsignale in ein fünf-Punkte-Korsett zu quetschen, mit der Hoffnung, bestimmte Verhaltensweisen früher zu erkennen und gegenzusteuern. Natürlich ist diese Liste nicht vollständig, enthält aber vermutlich die gängigsten Anzeichen für sich ankündigendes Unglücklich sein. Erkennt ihr euch wieder? Lieber jetzt gleich umdrehen als später:

  • Du sehnst immer das Wochenende und den Feierabend herbei.
    Wenn dir jemand einen riesigen Batzen Geld geben würde, würdest du sofort nicht mehr auf deine Arbeitsstelle gehen und wenn die Sache mit dem neuen Job finden nicht so schwierig wäre, würdest du morgen kündigen. Übst du einen Job aus, der dich glücklich macht?
  • Du weinst öfter als sonst.
    Ich gehöre zu den Menschen, die ihre mit Flüssigkeiten verbundenen Emotionsausbrüche lieber in ihren vier Wänden praktizieren. Wenn es mir gut geht, weine ich ungefähr einmal die Woche und wenn es mir schlecht geht, dann weine ich jeden Tag, manchmal sogar zweimal. Letzteres ist immer ein Zeichen dafür, dass ich mich trotz Müdigkeit und Traurigkeit bis zur Oberkante mit Arbeit zugeschüttet habe und alle paar Stunden alles in mir zusammenbrach. Ich bin dann so dünnhäutig, dass ich schon in Tränen ausbreche, wenn mich einer meiner Herzensmenschen schief anguckt oder mit nur 75prozentiger Freundlichkeit in der Stimme anspricht. Dann weiß ich: Es wäre eine gute Idee, mit dem Verstecken hinter einem Berg Arbeit aufzuhören.
  • Du machst andere Menschen für deine Ängste, dein Versagen oder deinen Unmut verantwortlich.
    Und du hast, wenn du die Rationalität mal zu Wort kommen lässt, absolut keinen Grund dazu. Das gefährdet nicht nur die Beziehung zu dieser Person, sondern hilft dir, dich niemals nachhaltig besser zu fühlen.
  • Du hältst an zu vielen Dingen in der Vergangenheit fest.
    Und vergisst dabei völlig, dass im Hier und Jetzt neue Erinnerungen geschaffen werden. Wenn man nicht aufpasst, passiert das, ohne das man auch nur ein Wort mitgeredet hat und das wäre doch ziemlich schade. Übrigens gibt es auch das gegenteilige Phänomen derjenigen, die ständig in der Zukunft hängen und schon mal am Ausgang der Erfahrungen von morgen arbeiten möchten. Zu dieser Gruppe zähle ich zum Beispiel. Ich möchte nämlich am liebsten sicherstellen, dass ab morgen nur noch Dinge passieren, die ich bis ins kleinste Detail geplant habe. Wenig Überraschungen, weniger Tränen, aber halt eben auch weniger Freiheit. Ständig muss ich mich zurückholen ins Hier und Jetzt, wo es nämlich auch ziemlich schön ist.
  • Du unternimmst zu wenig oder zu viel.
    Wir brauchen die Zeit von anderen, Liebe und Gemeinsamkeiten, ohne die geht es nicht. Ich habe es mal anders probiert und bin sehr unglücklich geworden, viel unglücklicher als ich es vorher war. Ohne Zuspruch, Austausch und Zuneigung zerfällt man irgendwann innerlich, das vielleicht schlimmste Gefühl, das man haben kann. Andersrum allerdings ist ein ständiger Geselligkeitszwang auch keine gute Alternative. Was nämlich viel zu oft dahintersteckt, ist ein Weglaufen vor sich selber, vor Zeit mit sich selber, vor echter Reflexion und der Koordination der vielen gegensätzlichen Stimmen im Kopf.

12 Kommentare

  1. Elvira

    auf den Punkt beschrieben, wie sich meine Welt immer wieder mal anfühlt, wo ich nicht weiß durch welche Hintertür das schwarze Loch diesmal reingekommen ist, mir ging es doch grad noch gut. Und dann wie gelähmt, und einsam. Es ist shitty aber auch so gut dass andere das auch kennen, und aussprechen, und ein großes danke dafür <3

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  2. Nicole

    3 von den 5 Punkten kenne ich zu gut.
    Ich war die Hälfte von 2016 unglücklich, Multijobberin (4 Jobs, manchmal Mo-So gearbeitet, trotz eines abgeschlossenen Studiums) und erfolglos, denn seit September 2015 war ich auf der Suche nach EINEM Job. Je länger sich die Suche zog, desto schlechter ging es mir. Ich habe kaum was unternommen, okay, ich habe auch so gut wie immer gearbeitet, war sehr nah am Wasser gebaut (eine falsche Frage und ich habe losgeheult, dabei bin ich nicht der Typ Frau, der gleich wegen jeder Kleinigkeit weint) und habe mich zurückgezogen, wodurch Freundschaften zerbrochen sind, doch ich konnte ihnen ihr Glück nicht gönnen. Da ich wusste, dass es gegenüber der Personen unfair ist, habe ich mich von ihnen abgeschottet. Im Nachhinein tut es mir leid.
    Leider baut sich solch eine Situation wohl wieder auf, nach einem halben Jahr im ersten „richtigen“ Job, bin ich nun erneut auf der Suche nach einer Arbeitsstelle. In der Hoffnung, dass es nicht wieder eine Tortur wird, bin ich wieder auf der Suche…

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    1. Veronika

      Falls es dich ein wenig tröstet: so ähnlich ging es mir auch, sehr sehr ähnlich sogar. Mir kam es immer so vor, als wäre ich damit ziemlich alleine, aber dem ist wohl nicht so…ich drücke dir jedenfalls die Daumen, dass du bald eine Stelle und einen Platz findest, an dem du dich wohl fühlst und so auch endlich „ankommen“ kannst!

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      1. Nicole

        Veronika, das mit dem alleine sein mit der „Lebenssituation“, das kannst du laut sagen. Vor allem nagt es noch mehr an einem, wenn es im Freundes- und Bekanntenkreis wie geschmiert läuft. Sie haben gute oder gar tolle Jobs, verdienen gut, können ihren Hobbys nachgehen. Kurz gesagt: Sie haben das Leben, das man selbst leben möchte, es aber momentan nicht geht. Wenn man erzählt bekommt, dass x einen neuen Job hat und man sich nicht freuen kann, weil man innerlich gerade zusammenbricht, sich aber zusammenreißen muss.
        Vielleicht ist es auch (indirekt) der soziale Druck, der einen noch zusätzlich quält.

        Danke, das ist wirklich herzallerliebst von Dir. Ankommen, das ist ein Wunsch für das kommende Jahr.

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        1. Veronika

          Durchhalten! Ich kann deine Gefühle 1 zu 1 nachvollziehen, auch wenn im Moment bei mir Besserung in Sicht ist bzw. ich eine neue Stelle angefangen habe, Teilzeit, dazu noch eine andere Arbeit. Ich bin so verspannt und gestresst von dieser undankbaren Phase „Das Richtige“ zu finden, mich zu fragen, ob es das gar nicht für mich gibt, von den fruchtlosen und frustrierenden Fehlversuchen, dass ich schon wieder darauf warte, dass alles den Bach runtergeht. Und so beäuge ich die vermeintlich gute Situation argwöhnisch und habe damit im Moment noch nicht viel davon. Es wird besser, du musst nur durchhalten. Und leider spielt der soziale Druck eine große Rolle, da kann man sich noch so oft vorbeten, dass es einem egal ist. Es hängt leider alles zusammen und nagt dann auch fies am Selbstwertgefühl…je länger so eine Situation andauert, desto schlimmer. So als Mantra hat mir folgendes Zitat von Harriet Beecher Stowe, einer amerikanischen Schriftstellerin, sehr geholfen: „Wenn Du in die Enge getrieben wirst und sich alles gegen Dich zu wenden scheint, bis es so aussieht, als ob Du es nicht eine Minute länger aushalten kannst, gib nicht auf, denn das ist genau der Augenlick, indem das Blatt sich wendet.“
          Dir alles Gute <3

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    2. simone

      Liebe Nicole, du bist nicht allein mit dieser Misere, das Multijobben macht immer mehr junge Frauen absolut kaputt- und dann hat noch das Gefühl, den Leuten „da draußen“ mit einer extra Portion Fleiß und Verfügbarkeit zeigen zu müssen, dass man wirklich gut arbeiten kann und verlässlich ist… Ach. Es ist eine komische Zeit in der wir leben und arbeiten. Und es ist keine Besserung in Sicht, Stichwort „Digitales Arbeiten“- alles „mal eben schnell“ von unterwegs vom eigenen Mac erledigen— die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie nie zuvor, die der Multijobber und Aufstocker aber so hoch wie nie… Es ist nicht leicht, sich Freiräume zu verschaffen, gerade wenn man strikt nach Arbeitsstunden bezahlt wird.
      All ihr jungen Frauen da draußen: Ich wünsche uns ganz viel Kraft und Gesundheit!

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      1. Nicole

        Simone, leider hast du Recht. Ich habe in diesem Jahr einen Artikel in einem Magazin über die Situation von Multijobbern und Aufstockern gelesen. Ich weiß gar nicht mehr so genau, was ich gedacht habe, aber ich wusste in dem Moment, dass ich mich nicht mein ganzes Leben aufteilen möchte und eigentlich keine Zeit zum Leben habe. Das ist einfach nur traurig.
        Es ist wie ein Hamsterrad, man läuft und läuft, bleibt aber auf der Stelle stehen. Wirklich traurig, dass man trotz guter Ausbildung (ob akademisch oder schulisch sei an dieser Stelle zweitrangig) solch Probleme auf dem Arbeitsmarkt hat.

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  3. Eva

    Ich kenne alle Zustände die du hier beschreibst. Oft weiss ich nicht wie dieses gefühlschaos entstanden ist. Aber ich weiss der weg ist sich immer wieder zu fragen „Was brauche ich? Was macht mich jetzt im moment glücklich? Will ich das wirklich was ich im moment tue? Manche dinge lassen sich nicht ändern. Trotzdem ist der blick ins herz entscheidend. Sich selbst ins herz zu nehmen und sich anzunehmen und sich selbst jedesmal zu vergeben wenn man mal wieder nicht genug auf sich geachtet hat.
    Danke für den tollen Artikel!!!!

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  4. Marina

    Du weinst auch in guten Zeiten einmal in der Woche?!
    Das finde ich aber schon besorgniserregend…

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    1. Julia Jane Artikelautor

      Hi Marina,

      ach nein, keine Sorge, ich bin eben sehr emotional. Da zählen auch Freudentränen und Überwältigung dazu 😉

      Liebe Grüße,

      Julia

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    2. Paula

      Haha ich war auch verwundert. Aber vorallem weil ich dachte, dass ich die einzige bin, der es so geht. Ich bin auch so nah am Wasser gebaut. So nah, dass auch in guten Zeiten eine kleine Alltags-Ungerechtigkeit reicht, um das Salzwasser fließen zu lassen…. Meine Mitmenschen sind damit oft überfordert. Aber jeder der mich näher kennt, weiß schon wie er das wann zu werten hat.

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