Streitfrage: Ist Love Exposure ein guter Film?

16.03.2011 Film

Gestern war ich im Kino. Es sollte ein 240-Minuten-Marathon werden. Gegangen bin ich nach 180.

Der japanische Film und ich, wir sind an sich keine Freunde. Keine guten jedenfalls. Es ist wie es ist, alles und jeder hat eine zweite Chance verdient. Also begab ich mich im Schweiße meines Angesichts und wohlwissend, dass die kommenden vier Stunden eventuell zur Qual werden würden, in einen großen Saal mit noch größerer Leinwand, um mir die geballte Ladung „Love Exposure“ aus dem Jahr 2008 zu geben. Einer der Freunde, die mich begleiteten, freute sich schon seit geschätzten zwei Wochen auf diesen Film vom Regie-Rebellen Sion Sono: Sex und Gewalt in Dauerschleife, hieß es. Ein Trugschluss. Was wir sahen war die Eisbergspitze des Teenie-Burlesque.

Natürlich, Love Exposure überschreitet Grenzen, Genres und Stile werden miteinander vermischt wie Müsli. Drama, Romanze, Splatterfilm, Revenge-Movie, Satire… alles ist dabei. Die Liebe erscheint uns als höchstes Gut, es gibt dutzende kulturhistorische Bezüge, Beethoven gesellt sich zu J-Pop, religiöses Sektierertum trifft auf libertäre Gesinnung. Es geht um Freigeister in einer pervertiven Gesellschaft und die mythologische Frauengestalt aus den Samurai-Filmen der 70er-Jahre. Wir sehen Tarantino-Attitüde und Ambivalenzen, eine Art LSD Trip auf Leinwand. Klingt eigentlich ganz gut. Nur, dass dieser Streifen einen totalen Overdose an Kontrasten liefert. Man sucht panisch nach dem Sinn der Plattitüden. Gefunden habe ich ihn nicht. Vielleicht fehlt mir aber auch einfach der Mut zur Peinlichkeit.

Ein kurzer Abriss. Yus Familie ist streng katholisch, seine Mutter stirbt, sein Vater wird Priester. Er fordert Yu zur täglichen Beichte auf, doch dessen Weste ist schneeweiß und lupenrein. Eine Suche nach Sünden beginnt, denn Sünde bedeutet Beichte und das ist es, was der gläubige Priester-Vater von einem Sohn verlangt. Die Komik nimmt seinen Lauf. Kuori, eine wahnsinnige, luftig gekleidette Dame, verführt schließlich den Vater, die beiden werden ein Paar. Yu will von Sex und Mädchen nichts wissen. Zwar fotografiert er inzwischen professionell Höschen, wartet aber dennoch auf seine ganz persönliche Maria, die irgendwann einmal zu treffen hofft. Dann das Wunder. Er findet sie in Gestalt von Yoko, die bald darauf seine Stiefschwester wird, denn sie ist Kuoris „Tochter“, die Tochter von Papas Schnalle. Die hübsche Yoko hasst Männer allerdings abgrundtief, ihre Kindheit war beschissen, ganz sauber tickt sie wie alle Protagonisten des Films nicht. Sie verliebt sich in die ominöse Sasori, die in Wahrheit aber bloß der verkleidete Yu ist. Das Chaos nimmt seinen Lauf, als Koike, eine Anhängerin der Zero Kirche, auftaucht und sich als die echte Sasori ausgibt. So wickelt sie nicht nur Yoko, sondern auch Vater und Mutter mit Heuchlerei um den Finger und macht allesamt zu Sektenmitgliedern. Yu steht ganz allein da, niemand glaubt ihm. Er versucht, seine große Liebe zu befreien. Hier sind wir bei drei Stunden Filmlaufzeit angekommen, was noch passieren wird, weiß ich bloß aus Filmkritiken.

Diese Kritiken sind durchweg positiv. Ich fange an, an meiner mittelmäßigen Meinung über „Love Exposure“ zu zweifeln.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=dpnumSh9t5A[/youtube]

Vielleicht ist mir was durch die Lappen gegangen. Irgendwelche bombatsischen Stilmittel vielleicht oder noch mehr unterschwellige Botschaften. Keine Frage, es ist ein gutes Zeichen, wenn auch nach drei Stunden deutschem Untertitel zu japanischer Sprache noch kein einziger Schwall von Langeweile zu vernehmen ist. Nein, öde war mir nicht zu Mute. Bloß war ich enttäuscht, weil ich etwas ganz anderes erwartet hätte. Etwas subtileres und zugleich krasseres, etwas weniger trashiges vielleicht. Einen Film, der spärrlicher mir Klischees um sich wirft und weniger vorhersehbar ist. Für mich war Love Exposure eben nicht mehr und nicht weniger als eine klassische, dramatische und teilweise recht schnulzige Liebesgeschichte gespickt mit Humor à la „Die Nackte Kanone“, wie ein Freund von mir die platten Witzigkeiten im Film beschrieb. Wäre ich mit eben dieser Vorstellung ins Kino gegangen, ich wäre nach vier Stunden glücklich und zufrieden ins Bett gefallen. Ein Werk, das aber von allen Seiten in den Himmel gelobt wurde, sieht für mich ganz anders aus.

Kann hier jemand einem Film-Banausen wie mir auf die Sprünge helfen?

Bild via.

2 Kommentare

  1. Louis E. Carabini

    Die Kamera zeigt ihr Gesicht in Groaufnahme und es fllt die ganze Leinwand aus. ..Stilmix Ornamente Manierismen Trompe loeils Perspektivwechsel Pathos und Opulenz ….Eigentlich erzhlt Sono Sion eine ganz einfache und beraus eingngige Geschichte die lteste Story der Welt. ..Er ist voller Ornamente Manierismen Trompe loeils und Perspektivwechsel Pathos und opulente Sinnlichkeit sind in diesem Werk zentral das ganz auf jene Zurckhaltung verzichtet die das europische Verstndnis japanischer Kunst auch der Kinokunst prgt.

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  2. Mimzi

    Ich kann nur sagen, das es mir so ungefähr wie dir ging. Ich denke, dass man vielleicht VOR dem anschauen häte nachlesen müssen, was alles so für stilmmittel und so drin sind. dann hätte man den tieferen sinn vielleicht shcneller geblickt… aber die kritiken kann ich auch nicht ganz nachvollziehen.

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