Acne Paper Editorial „The Virgin Spring“ – Die dunkle Seite der Jugend

Es fröstelt mich. Ich sehe dunkle, und doch satte Farben, die wie dick aufgetragene Ölfarbe glänzen. Der Lichteinfall verwischt junge Gesichter in Halbschattengewächse. Ich sehe Blicke, die von Unschuld und Angst, Herausforderung und Langeweile erzählen. Geheimnisvoll aufgeladen mit Hinweisen, Referenzen, die ich angedeutet sehe und doch nicht zu entschlüsseln vermag.

Das von der schwedischen Fotografin Julia Hetta abgelichtete und von Hannes Hetta gestylte Editorial Jungfrukällan („The Virgin Spring“) für das neue Acne Paper irritiert durch seine Abgründigkeit und durch seine ungewöhnliche Ästhetik. Die wolkigen Konturen, die stumpfen Farben und das überlegt gesetzte Licht erinnern an die Portraitmalerei der Renaissance und auch die anderen Arbeiten in Hettas Portfolio – ein Stilleben fiel mir dabei besonders auf- scheinen von der Malerei inspiriert zu sein. Eine detailverliebte Bildkomposition, Filter, Spielereien mit der Belichtung: ihre Fotografien sind konzeptionell und narrativ.

Und doch schien mir das nicht alles zu sein.

Ich gehe auf Spurensuche. „Youth“ – Jugend ist das Thema dieser Ausgabe des Acne Papers, wobei das Editorial solche Aspekte einer Zeit anzudeuten scheint, die man nur zu gerne vergisst. Denen man sich selten widmet, wenn man die Jugend zur schönsten Zeit, zur wildesten, zur Zeit des Aufbruchs und der unbegrenzten Möglichkeiten verklärt. Denn Jugend, das ist auch Verwirrung, Angst, Abschiede, Rückzug. Noch nicht und nicht mehr, im Dazwischen, zwischen Kind und Erwachsener ist man verwundbar, ausgestellt. Plötzlich alles anders – diese drei Worte scheinen eine Zeit zusammenfassen, in der man sich auf sich selbst und die Welt als Fremder schaut und in der man jederzeit von etwas und sich überrascht wird. In der die Erwartungen groß sind, was gleichzeitig berückend und erdrückend sein kann.

Diesen Moment, der aus Unendlichkeit und Nanosekunde kontaminiert zu sein scheint, hat Hetta eingefangen. Vorher, nachher und irgendwie mittendrin im Geschehen. Die nächste Spur, die ich fast aufgrund ihrer Größe übersehen hätte ist der Titel der Fotostrecke, der von Ingmar Bergmans Film aus den sechziger Jahren geliehen ist, welcher wiederum eine Adaption einer schwedischen Ballade aus dem 13. Jahrhundert darstellt. Bedrückend ist diese Geschichte einer Vergewaltigung, eines Mordes an jungen unschuldigen Mädchen und der Rache eines Vaters, umstritten die Darstellung von sexueller Gewalt, die moralisierende Verklärung weiblicher Unschuld.

„Pehr Tyrsson’s daughters in Vänge
The forest was so cold
They slept a sleep too long
While the forest came into leaf
The youngest one woke up first
The forest…
And so she woke up the others.
While the forest…“

(Auszug aus der Ballade via Wikipedia)

Die Bilder des Editorials sind vielleicht ein Versuch, die Ruhe vor dem Sturm darzustellen; aber vielleicht zeigen sie auch, dass diese Ruhe eine Täuschung ist. Eigentlich befinden man sich im Auge des Tornados, der Jugend heißt.

Infos zu „The Virgin Spring“ von Ingmar Bergmann via Caligari. Via LesMads. Bilder via Fashion Copious.

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