Die Sache mit…
dem Reinverknallen in den eigenen Körper.

15.04.2014 Wir, Leben

sich-selber-lieben

Vor etwa einer Woche habe ich mich in meinen Körper verknallt, inklusive allem, was da noch mit dran hängt und ich sage hängt, weil ich nicht mehr 20 bin und es vermessen wäre, zu behaupten, meine Wackelarme würden stehen, nein, sie klappen seitlich herunter, gleiches gilt für Herr und Frau Brust, sofern ich auf dem Rücken liege. In sich selbst verknallen, und dann auch noch von Außen, das klingt vermutlich ähnlich absurd wie „gestern habe ich im Lotto gewonnen“ oder „ich habe einen Dackel auf der Straße gefunden und jetzt ist es meiner“, dabei war’s ganz simpel und doch eindrucksvoll.

Wenn man nämlich mitten im Zentrum einer Hausparty steht, twerkend, und zwar so, dass sich der Hintern kaum bewegt, Haut und Kuchen an den Beinen aber um 180 Grad um selbige schlackern, wenn man dann nicht weint, sondern lacht, dann duftet es nach Friedenspfeifenqualm.

Es ist natürlich nicht so, als hätte ich mir je einen Magenring einpflanzen lassen wollen, eher schon ein Kinn-Implantat, weil besagtes gerne wegkippt, sobald das Gesicht „Freude“ schreit, aber so richtig euphorisch ist man als Mensch ja so oder so eher selten ob der körpereigenen Natur. Man macht’s am Kopf so wie die Indianer in alten Kinderbüchern, man malt sich voll und dreht das Haar zu Zöpfen, damit vom Rohmaterial nicht viel übrig bleibt. Man mystifiziert sich, tagein tagaus und manch einer so sehr, dass schon mit dem Aufwachen am nächsten Morgen vor lauter Schreck der Vorhang fällt. Vorstellung vorbei, die Nächste bitte. 

Es gibt Fett-Weg-Schlüppis und Anti-Orangenhaut-Jeans, statt Früchte zu fressen, schmieren wir sie uns auf die Haut, in der Hoffnung man könne auf Sport verzichten, wenn man denn nur hungert, bis auch der letzte Tropfen Frohsinn aus dem Schlüsselbeinknochen-fixierten Leib gesickert ist. Statt an unserer Einstellung, drehen wir lieber an Gewohnheiten, auch den liebenswürdigsten, statt uns selbst zu lieben, hassen wir lieber Andere, Schönere, Schlankere, und zwar genau so sehr wie die eigenen Makel. Komisch eigentlich, schließlich verdanken wir es oft dem kleinen Nachteil, dass uns überhaupt jemand außer Mutti liebt. Aber nein, es gibt keine Gnade, für niemand und nichts, selbst der kleine Zeh wird gelyncht, weil er hässlich ist, dick oder krumm. Wir kompensieren unseren nicht vorhandenen gesunden Lebensstil mit Schwachsinnsdiäten, hoffen auf Besserung und ernten statt Applaus den Jojo-Effekt. Ist doch scheiße. Ich mache Schluss damit.

Denn vor ungefähr einer Woche habe ich mich, wie schon erwähnt, in meinen eigenen Körper verknallt. Schuld daran ist keineswegs die Figur, die lässt unter heutigen Gesichtspunkten der Schönheitsforschung tatsächlich kräftig, deftig zu wünschen übrig. Glaubt ihr jetzt nicht, weil ihr mich ja nie nackt gesehen habt, ist aber so und Obacht, vertraue niemals dem Internet und Fotos sowieso nicht. Alles Lüge. Die Wahrheit ist: Wir sind alle ein bisschen hässlich, und sei es nur am Knie. Wir kennen unsere Schwachstellen, unsere unschönen Augenblicke und unattraktiven Gottgegebenheiten, doch statt sie allesamt am Marterpfahl zu geißeln, sollten wir ihnen Bananenkronen bauen. Geht nicht, gibt’s nicht. Alles eine Frage der Einstellung. 

Nehmen wir Beispielsweise meine nur kläglich vorhanden Thigh Gap – ich könnte jetzt heulen, hungern und Sport machen, auf Ewig Pulllover tragen, die bis zu den Knien reichen, oder meine Oberschenkel nach 26 Lebensjahren einfach mal nehmen wie sie sind, schließlich reden wir hier nicht von ungesunden Adipositas-Tendenzen sondern von Durchschnitts-BMI-Problemen.

Ich könnte endlich auf die von der Jugend angestrebte Ananas-Lücke scheißen und meine Sektglas-förmige Linie zwischen den Beinen mit Waffeln samt Mohneis füllen, ohne danach auf den Crosstrainer zu steigern, einfach weil ich es kann und weil ich weiß, wofür ich das Ideal links liegen lasse, das noch dazu nicht von mir, sondern von einer von Kopf bis Fuß kranken Gesellschaft erfunden wurde. Das könnte ich und so mache ich es und zwar so lange, bis ich mir ganz sicher bin, ausschließlich wegen mir selbst etwas ändern zu wollen und nicht wegen des Brainwashings. Es wird also vermutlich für immer das Sektglas bleiben. 

Was jetzt kommt, war bahnbrechend für mich, mein Hirn und den Hintern. Letzterer ist nämlich so flach wie eine Flunder, eher ein Rücken mit Ritze als Tanzorgan, mehr Birne als Apfel, tendenziell das Gegenteil von knackig, aber immerhin ist er da, der Arsch, im doppelten Sinne. Und: Man hat ihn mir vererbt. Ich bin also von Genen gegeißelt, oder von der Natur gesegnet, je nachdem, was die innere Einstellung flüstert. Ich sage: Danke. Sehr laut. Danke, Opa, den hab‘ ich von dir. Und weil mein Opa so ein verdammt lässiger Typ war, denke ich nur noch sehr selten über Unterhosen mit eingenähten Polstern nach. Ich fluche morgens nur kurz, wenn ich ich mich in die Jeanshose schäle, schiele hoch zu den Wolken, grinse kurz und – Achtung – AKZEPTIERE mich und meinen Podex, während ich einen Tee auf meine Familie trinke. 

Vom Papa gab’s Pommes-lange Hobbit-Zehen mit kleinen Haaren dran, Mama hat den kleinen Kopf mit noch kleinerem Hinterkopf an mich vermacht und das Zahnchaos stammt von Oma. Na bitte. Wie soll man da noch sauer sein, auf sich und das eigene Spiegelbild?

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