Girls Talk // Lasst uns mal über Zebras reden

06.06.2018 Leben, box1, Feminismus, Kolumne

Ich hätte eigentlich arbeiten müssen, vorgestern Abend, was ich aber nicht wollte, also suchte ich nach einer Ausrede, oder besser: Ablenkung. Weil die Fenster schon geputzt waren, das Hirn zum Lesen nicht mehr ausreichte und mir auch keine andere Beschäftigung wirklich sinnig erschien, fand ich plötzlich Gefallen an dem Gedanken, endlich wieder Sport zu treiben, um außerdem biegsam wie eine Brezel zu werden. Nichtmal mehr einen Radschlag kriege ich mittlerweile nämlich noch hin. Das weiß ich, seit ich mir neulich beide Oberschenkel-Bänder gleichzeitig gezerrt habe, bei diesem kurzen Versuch, meinem Sohn zu imponieren, der es herrlich findet, wenn Leute falsch herum auf Wiesen stehen oder Räder schlagen. Jedenfalls machte ich am Ende trotzdem keinen Sport. Aber ich sah mir Sport an! Auf einer Yogamatte sitzend, vor mir ein Laptop und auf diesem Laptop ein Youtube Video, das mich fertig machte. Sah kinderleicht aus, alles. 15 Wiederholungen? Ein Scherz! Dachte ich, bis ich nach zwei halben Liegestützen die Kontrolle über meinen Körper verlor und mit einem großen Platscher auf dem voll gefutterten Bauch landete. Ich blieb liegen, lange. Verschwitzt und verärgert.

Irgendwann entschied ich mich schließlich dazu, nicht aufzugeben, zumindest in die sitzende Haltung zurückzukehren, und sei es nur, um mich noch ein wenig der Selbstgeißelung hinzugeben. Denn der Kontrast zwischen der Sportskanone im Video und mir faulem Lappen war enorm. Lappen!, dachte ich noch als ich skeptisch an mir herunter sah, da waren ja tatsächlich Lappen, an den Oberschenkeln, die zwar dünn, aber außerordentlich schlapp sind. Und gestreift! Weiß das überhaupt jemand?, fragte ich mich rasch. Hab ich die schonmal gezeigt? Niemals. Warum, weiß ich auch nicht. Womöglich, weil ich inzwischen Instagram-verstrahlt und Filter-geschädigt bin, wie so viele, ein bisschen eitel auch, oder weil ich ohnehin stets darauf achte, Hosen zu tragen, die ja bis über die Hautrisse hinüber reichen. Das alles kam mir mit einem Mal sehr dumm vor. Ich bin nämlich ein Zebra, seit ich Brüste habe. Also seit etwa fünfzehn Jahren und nein, daran wird sich nichts ändern. Es wird also Zeit für ein Friedensabkommen. Und die Wahrheit: Die meisten von uns haben Streifen, irgendwo. Dehnungsstreifen, Wachstumsstreifen, Schwangerschaftsstreifen – so weit das Auge reicht. Also in der echten Welt.

Dass dieser Umstand aber gar nicht so bekannt ist, schwante mir, als mich die etwa fünfundvierzigste Direktnachricht erreichte. Da hieß es etwa: Danke! Danke! Und danke! Hab ich auch! An den Möpsen! Am Hintern! Am Rücken! Am Bauch! Seit immer! Seit der Kinder! Seit der Pille! Seit der Pubertät! Seit neulich, weil essen schöner ist als hungern! 

Da war ich ein bisschen baff. So viel Freude über ein Mit-Zebra, das hatte ich nicht erwartet. Deshalb hier noch einmal ganz offiziell: Ich bin auch eines! Mit rosa und hellblauen Streifen, an beinahe jeder Stelle, die wachsen kann. Ich finde das auch manchmal blöd, wenn auch immer seltener. Das liegt vor allem daran, dass uns permanent suggeriert wird, perfekte Haut hätte weder Dellen noch Poren oder sonst irgendetwas, das Photoshop potenziell verschwinden lassen könnte. Ein Irrtum. Wirklich schön ist doch vor allem genau die Haut, die geliebt und durch die Welt getragen wird, im Sommer wie im Winter, die frei sein und atmen darf und wackeln kann wie der Schwanz eines Hundes, der sich des Lebens freut. Ein bisschen mehr „Mir doch egal“ täte uns womöglich allen gut. Wer es dann auch noch schafft, Glitzer drauf zu packen, hat sowieso längst gewonnen. Schön ist nämlich nicht, was andere behaupten. Schön ist, wie du bist. 

Die KünstlerinSara Shakeel hat unseren gestreiften Körper übrigens einen ganzen Hashtag-Aufruf gewidmet: #Makeyourmark #Glitterstretchmarks

 

Ein Beitrag geteilt von Annie Mols (@anniemols) am

12 Kommentare

  1. Lena

    Ich bin ein Zebra und mein Freund auch. Der hat die tollen Dinger waagrecht am Rücken. Weiß der Himmel, wie die dahin kamen. Ne kleine Zebraherde sind wir damit also. <3

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  2. maya

    ich habs bei insta gesehen und gar nicht die streifen auf deinem bein bemerkt! ich dachte nur: was macht sie da mit ihrem finger und warum?? ‍♀️

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  3. Charlotte

    Ich hab sie auch! Als Mein Freund sie das erste mal entdeckte, wusste er zunächst nicht, was das ist. Ich habs ihm ausführlich erklärt, und mich etwas selbst vor mir geschämt wegen Makel und idealisierter Schönheitsindustrie und so. Prompt befand er, dass sie Streifen ihn an die Pool-Bilder von David Hockney erinnern würden: an die Reflexionen der Wellen auf dem Boden des Pools. Fand ich total schön. Seitdem denke ich mir, ich bin ein wandelndes modernes Gemälde. Und Poolbecken. Und Zebra auch.

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  4. Pingback: Cherry Picks #17 - amazed

  5. Anne

    Als ich neulich nach Unterhosen in diversen Onlineshops unterwegs war, war ich ganz verzückt als mir die Models bei OYSHO ihren Zebrapo zeigten. Da habe ich doch glatt in die Hände geklatscht und an dich gedacht!:)
    Ich habe auch Streifen seit dem ich 13 bin. An Busen, der nämlich riesig ist, Oberschenkelinnenseiten und auch außen!!
    Früher war mir das ganz ganz doll peinlich! Aber mit meinen 25 Jahren kann ich euch sagen, macht mir gaaar nix mehr aus!
    <3

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  6. Katja/the professional extemporiser

    Ich liebe den Sommer und die Hitze, die mein Hirn zu Match schmelzen lässt, so kann ich nämlich nicht effektiv arbeiten und habe mich heute für Recherche entschieden und somit gerade den zweiten Beitrag von dir gelesen und verspreche ich nehme mir öfter zeit zum stöbern und lesen – HIER. Du hast einen neuen Fan, du schreibst fantastisch ehrlich und erfrischend, besser als ein Eis 😉

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