Gucci Beauty macht’s vor: Von Imperfektion, Mut und einem Zeitalter neuer Idole

07.05.2019 Mode, box1

Kaia Gerber, Toni Garrn und natürlich all die Supermodels der 90er Jahre gelten in der Modewelt als vollkommen, verkörpern sie doch jene Schönheitsideale, die zuweilen als „klassisch“ bezeichnet werden und mit denen so viele von uns aufgewachsen sind. In heutigen Modekampagnen sind geschwungene Lippen, wallendes Haar, glatte Haut und ein Lächeln, das die geraden, weißen Zähne freilegt, noch immer die Norm. Wohl gerade deshalb wirkte die neue Gucci Beauty  Kampagne, die am vergangenen Wochenende gelauncht wurde, wie ein nahezu schon befreiender Paukenschlag: Neben den drei Models Ellia Sophia Coggins, Achok Majak und Mae Lapres ziert auch die Frontsängerin Danni Miller der Punkband Surfbort die Kampagne. Stand sie für die Gucci Pre Fall 2019 Kampagne noch mit ihren restlichen Bandmitgliedern vor der Kamera, ist es dieses Mal ihr Mund samt markanter Zahnlücken dank fehlender Schneidezähne, der auf einem der Bilder prangt und die Aufmerksamkeit so vieler auf sich zieht. Er fällt auf, weicht von den Idealen ab, die wir sonst so aus dem Mode- und Beautykosmos gewohnt sind – und ist wohl gerade deshalb so erfrischend schön, weil er so ehrlich ist.

 
 
 
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Ja, es braucht mehr Labels und Modehäuser wie Gucci, die jene Diversität zelebrieren, doch es braucht vor allem mehr Menschen, die ganz bewusst zu sich und ihrem Äußeren stehen und die Botschaft und das Wissen darum, abweichende Schönheitsideale zu promoten, öffentlich nach außen zu tragen und die Besonderheit anderen zu vermitteln. Frontsängerin Danni Miller ist so eine Frau, die sich all jene Eigenschaften, die von den gängigen Schönheitsidealen abweichen, ganz bewusst zu eigen macht und sie mittlerweile – nach Jahren der Unsicherheit – als ihre Vorzüge anerkennt. Sich selbst zu feiern, das sei schließlich auch dann möglich, wenn man nicht in die „traditionellen Schönheitsideale“ passe, verkündete Miller kürzlich in der amerikanischen Vogue. Eine Aussage, die in einer Branche, die vehement nach Perfektionismus strebt, zum Nachdenken und Nachahmen anregt – selbst im Jahr 2019.

So kam auch Vogue-Autorin Esther Adams Achara zu der Erkenntnis, dass man, sobald eine Person wie Danni Miller zu ihren „Fehlern“ steht, ja, sie gar präsentiert, durchaus beginnen würde, sich selbst ein wenig mehr zu akzeptieren.

Dass wohl auch andere Menschen so empfinden wie Esther Adams Achara, suggerieren ebenso die Likes der vier Kampagnenbilder, die Gucci auf seinem offiziellen Instagram-Account geteilt hat. Mit über 700.000 Likes bekam das Foto der breiten Zahnlücken der Frontsängerin bereits mehr als sieben Mal so viele Herzen, wie die restlichen drei Kampagnenbilder – ein Zeichen dafür, dass auch eine breitere Masse nach weniger Perfektion in der Mode- und Beautybranche verlangt? Durchaus. Vor allem in diesem Fall: Hypodontie, also die Zahnunterzahl, ist eine der am weitesten verbreiteten Anomalitäten. 3,5–8,0 Prozent der Bevölkerung sind, laut Wiki (abgesehen von den dritten Backenzähnen) betroffen.

 
 
 
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Eine neue Forderung nach Umdenken ist das natürlich nicht, denn immerhin zeigte sich bereits in der Vergangenheit, dass Diversität fernab gängiger, westlicher Schönheitsideale überfällig und von der Gesellschaft längst gefordert wird. So umgibt beispielsweise Sophia Hadjipanteli, die durch ihre buschige Unibrow von sich Reden machte, ein großer Hype, der ihr Editorials in Magazinen wie Heroine und Harper’s Bazaar verschaffte. Auch Namen wie Simone Marie Thomposon, besser bekannt als Slick Woods, Diandra Forrest oder Winnie Harlow stehen für eine Ära, in der Schönheit neu definiert wird – fernab von einem einheitlichen Lächeln, wallenden Haaren und glatter Haut.

Gucci aber widmet sich als eines der größten Häuser nun einem ganz neuen Tabu in Sachen Schönheit: Der Zahnfehlstellung, die noch immer als korrekturbedürftig gilt und ganz legitim bereits in jungen Jahren vorgenommen wird. Es geht also um jenen Makel, der uns irgendwie alle betrifft, denn kaum eine*r von uns trägt in seinem Mund sorgsam aufgereihte Zähne, sondern erinnert sich an viele Jahre der Korrektur in einem der anstrengendsten Phasen: Der Pubertät.

Vielleicht will Gucci in erster Linie schocken und Aufmerksamkeit für sich generieren, vielleicht wollen Alessandro Michele und sein Team aber auch einfach auf unser krankes Schönheitsideal aufmerksam machen und die individuelle Natürlichkeit in Gänze salonfähig machen. Es ist ein Schritt, der uns ein Stückchen weiter an neue Idole bringt, an die Anti-Stars, die lange Zeit so sehr missachtet wurden, die uns zuweilen jedoch so viel näher stehen, als glattpolierte Idole. Genau diese gezeigten Ecken und Kanten geben uns doch endlich das Gefühl, in eine Welt inkludiert zu werden, die meistens unnahbar scheint. Künftig also, da darf gehofft werden, auf Nachahmer*innen und Mutige, die beweisen, dass Mode und Beauty wirklich für alle ist: Für alle Größen, alle vermeintlichen Makel, alle Hautfarben. Für Perfektionismus nach unseren ganz eigenen Regeln. 

 
 
 
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