Preview // Das ZEITMAGAZIN als (Mode)Film – „Es war gut aber das ist besser“

17.01.2018 Allgemein

„Akku drei Prozent, Aufmerksamkeisspanne null Sekunden“ – so beschreibt Jonas Lindstroem die Welt, in der wir leben. Unsere Welt. Die Welt der unter 30-Jährigen. In einem fünf minütigen Kurzfilm hat der Fotograf und Regisseur, der selbst gerade einmal 29 ist und schon für Marken wie Kenzo oder Hèrmes arbeitet, das Portrait einer Generation gezeichnet, die sich ständig selbst feiert, vielleicht ohne zu wissen, wofür, er hat das ZEITmagazin nicht nur um eine visuelle Ebene erweitert, sondern auch um etliche Gefühlsschichten, er hat eine, nein seine Modestrecke anlässlich der Fashion Week zum Leben erweckt. Um uns zu berühren einerseits, aber, da bin ich ganz sicher, vor allem, um uns das Reflektieren zu lehren.  

 

Anhand einer bildschönen Dystopie hält Lindstroem, der Apokalyptiker unter den jungen Wilden, uns einen Spiegel vor und ergründet dabei penibel genau, wie wir funktionieren. Er erzählt von Missständen und Sehnsüchten, von Gleichzeitigkeiten und Sprunghaftigkeit, vom Begehren, Ängsten, aber auch von Hoffnung. Immer dabei: Die Mode. Die weniger Kleidung als vielmehr Seismograph eines Ist-Zustandes ist, den wir manchmal übersehen, obwohl wir doch mittendrin sind. Obwohl wir mitmischen in einer Welt, „in der immer etwas wartet. Weil man jederzeit etwas besseres verpassen könnte: Einen besseren Club, ein besseres iPhone, einen besseren Partner.“

„Es war gut aber das ist besser“ lautet der Titel des Films, in dem ein limitierter Nike Sneaker den gleichen Mechanismen unterliegt wie begehrenswerte Sammler-Autos, hier etwa: Der Porsche 911 GT3 Cup, der Vollgas gibt. Für Jonas ein Sinnbild für das Paradox des Kapitalismus: In Zeiten, in denen Überfluss herrscht, wird das Verzehren nach Knappheit stimuliert. Und dann: Sich einsam fühlen im Kollektiv, jeder für sich, mit dem Smartphone auf ein einziges Bett geknuddelt, weil Freunde sowas heute tun. Sich berieseln lassen, statt andere zu berieseln. Hauptsache nicht allein sein. Hauptsache, fotografieren, was passiert, statt Dinge aktiv passieren zu lassen. Weil „heute nur noch das real scheint, was wir (…) teilen können.“ 

In der dazugehörigen Fotostrecke im Magazin, das am Donnerstag erscheinen wird, stellt Jonas Lindstroem viele Fragen: Was ist von Dauer? Wonach suchen? Woran glauben? Was bleibt? Was ist real? Wie die Angst besiegen? Was verbindet uns? Wer rettet wen? Was ist wichtig? Was gibt uns Halt? Was zählt? Im Film reihen sich sichtbare und spürbare Kontraste aneinander wie Gedanken, die im Kopf aneinander knallen. Erst mag es schwer sein, zu begreifen, aber irgendwann, wenn sich alles fügt, ergibt das Kleine im großen Ganzen am Ende Sinn. 

Unsere Generation mag von außen betrachtet unnahbar, zuweilen ambivalent und überfordert wirken, aber eines besitzt sie zweifelsohne: Tiefe. Stärke. Und die Gabe, Verbindungen herzustellen, wo andere keine Zusammenhänge sehen. Zwischen Politik und Mode etwa. Zwischen dem eigenen Handeln und dessen Auswirkungen auf die Welt. „Es war gut aber das ist besser“ könnte also auch bedeuten: Wir haben das jetzt lange so gemacht, ein bisschen schlaftrunken, aber besser wäre es, aufzuwachen. Jonas Lindstroem ist einer, der dabei hilft. Der zwar düstere Geschichten schreibt, aber womöglich nur, weil er längst ahnt, dass es bald hell werden wird. Und dass wir uns nur gegenseitig retten können.

Der komplette Film wird bald auf Zeitmagazin.de zu sehen sein.
Und morgen dann: Ab zum Kiosk.

6 Kommentare

  1. Neele

    Der Mann scheint sich auszukennen. Ich bin zwar schon über 30, aber fühle mich dennoch angesprochen. Danke für die Empfehlung, morgen wird Die Zeit auf jeden Fall mal wieder gekauft!

    Liebe Grüße Neele

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  2. Mona

    Jetzt habe ich ein bißchen lachen müssen. Tiefe? Stärke? Sorry, aber ich fühle mich null von diesen Thesen angesprochen. Vielleicht weil mir das ganze sehr unauthentisch rüberkommt. Wenn die Einleitung dieses Artikels schon mit Kenzo und Hèrmes eingeleitet wird, bekomme ich den ersten Antireflex. Nicht weil ich die Marken blöd finde oder dergleichen, sondern weil das alles name dropping ist und so belanglos.
    Ich finde mich eher in einer sehr flachen und obszönen Generation wieder, die zwar einerseits vorgegeben bio einkauft und vegan ist, weil auch die armen Tiere so leiden und andererseits übel dem Acne-Gucci-Malediven-Unsinn aufgesessen ist, dem alle wie die Lemminge folgen, wenn denn das Geld vorhanden ist. Ob dafür woanders Menschen echt dreckig behandelt werden? Egal! #Metoo? Für ne Reise? Für ne Handtasche? Na klar! Ich sehe sowas hier. Ne schöne typische berliner Altbauwohnung? Natürlich! Mir doch egal, wer dafür raus musste. Mein Boyfriend hat die Kohle. Die meisten beten nur noch Marken und Geld an – natürlich alles unter irgendwelchen Deckmäntelchen wie Kunst und Kultur… Auf Instagram mit Buch in Ausstellung und so. Früher konnte ich nicht soviel mit Punk anfangen. Jetzt mit fast 30 kann ich es immer mehr verstehen. An wirklichem Style – ob es die Klamotten oder die Persönlichkeit betrifft – kann ich kaum noch was sehen. Also jedenfalls nicht hier in Berlin.

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  3. Esra

    Wenn wir so weitermachen wie bisher – und wir werden so weitermachen – dann wird niemand irgendwen retten. Höchstens seinen eigenen Status Quo und seinen Geldbeutel, seine Machtstellung und Reichweite und so weiter.
    Ausnahmen bestätigen dabei leider nur die Regel.
    Unserer Generation ist das „Weiterkommen“ am Wichtigsten – egal, auf welche Kosten. Und wenn man das nicht sieht – verdrängt man etwas…
    lg
    Esra

    http://nachgesternistvormorgen.de/

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