Meinung // Ein Nippel ist nicht nur ein Nippel

03.05.2018 Leben, Feminismus, Kolumne

Es gibt ein Foto von Putin, das nicht jede*r mögen muss: Halb nackend, also oberkörperfrei, sitzt er da recht stolz auf einem Gaul – und zeigt der Welt seinen Busen inklusive zweier Brustwarzen. Schön oder gut finden muss man diesen Ausblick mitnichten, verbieten kann man Wladimir dieses Gehabe aber ebenso wenig. Zum Glück. Jeder Mensch dieser Welt sollte sich doch schließlich oberkörperfrei zeigen dürfen. Die Hälfte der Menschheit macht das, überspitzt gesagt, ja auch nach Lust und Laune. Es sind die Fahrradfahrer, denen in der Sommersonne der Schweiß über den nackten Wanzt rinnt oder Faulenzer auf der Parkbank etwa, die sich den Nabel brutzeln lassen. Ein gewohnter Anblick. Fahrradfarerinnen und Parkbankfaulenzerinnen hingegen sieht man niemals oben ohne. Ja, wollen sie womöglich nicht? Mag sein. Aber das ist nichtig. Denn sie dürfen überhaupt nicht, laut Gesetzt. Wir dürften nicht, selbst wenn wir wollten.

Hätte Angela Merkel sich also auf einen Schimmel geschwungen, um barbusig gen Wiederwahl zu reiten, so wäre sie vermutlich nicht nur für übergeschnappt erklärt, sondern auch zu einer saftigen Geldstrafe verdonnert worden. Erst recht, hätte sie ihren Ausritt via Instagram oder Facebook dokumentiert. Dort herrscht wegen eindeutiger Richtlinien vonseiten Apples zum vermeintlichen Schutze der Jugend (vor perversen weiblichen Brüsten?) nämlich noch immer gähnende Gleichberechtigungs-Leere: Männer-Nippel stören hier rein rechtlich niemanden, wird hingegen ein echter weiblicher Nippel aus Fleisch und Blut fotografiert und online gestellt, greift alsbald die Zensur. Accounts werden gesperrt und Bilder gelöscht. Wir kennen das längst. Sogar Rihanna hat es schon getroffen. Auch die Bewegung „Free the Nipple“, der es um weitaus mehr als nur um das Recht auf halbe Nacktheit geht, sondern um Gleichberechtigung und die Entkriminalsiierung der weiblichen Brust, die weiterhin munter sexualisiert, objektifiziert und zensiert wird, ist den meisten von uns geläufig. Ändern tut sich jedoch nichts. Genau genommen gilt eine waschechte Brust in der Öffentlichkeit auch in Deutschland noch immer als  „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ oder „Belästigung der Allgemeinheit“. Im Umkehrschluss bedeutet das demnach obendrein: Männer, die oben ohne durchs Städtchen flanieren, tragen (wenn auch meist unbewusst) ein Privileg zur Schau, das ihnen ganz allein vorbehalten ist. Im Jahr 2018. In einer Zeit, in der Feministinnen erneut belächelt und schikaniert werden, zum Beispiel für ihr „eingebildetes Ungerechtigkeitsempfinden“. Ein Anti-Feminist würde auch diesmal behaupten: Ihr wollt doch gar nicht mit euren Busen durch die Städte wackeln, also stellt euch nicht so an! 

Das liegt daran, dass sie die Tragweite dessen nicht begreifen können. Daran, dass sie nicht verstehen wollen, dass dieses Gesetz, das jeden weiblichen Nippel der Welt zum schweinischen Objekt degradiert, nur ein Symptom dieses großen Ungleichgewicht ist, das bis heute zwischen den Geschlechtern messbar und spürbar bleibt. Der Sommer, der uns da gerade frohlockend empfängt, dokumentiert das jedes Jahr aufs Neue ganz wunderbar. Und so kam es, dass die bezaubernde Reese Blutstein unter einem ihrer letzten Instagram-Posts abermals eine wichtige Debatte entfachte. Rein rechtlich betrachtet hatte Miss Blutstein mit der Veröffentlichung dieses Fotos übrigens überhaupt nichts falsch gemacht, ein transparentes Kleidungsstück genügt, um der IG-Zensur den Garaus zu machen. Die Sitten-Polizei aber schlug trotzdem zu; ein paar Kommentare sind mittlerweile verschwunden. Was nicht schlimm ist, denn viel wichtiger sind Beiträge wie diese hier:  

 

Sie erinnern uns daran, dass wir diesen Kampf nicht nur für uns kämpfen. Dass Feminismus auch bedeutet, für die zu sprechen, die nicht gehört werden. Dass es nicht nur darum geht, dass wir uns kleiden dürfen, wie wir wollen. Oder eben nicht. Sondern darum, dass wir, insbesondere wir Frauen, ein Recht auf Sicherheit haben (müssen), das in vielen Ländern und Gesellschaften bis aufs Äußerste verletzt wird, jeden Tag. Das zeigt auch dieser Kommentar: 

„I’m from México and here it is forbidden but o Ku for you protection. In fact, they rape you for wearing tight jeans, I can not imagine what it would be like if I’m semi naked. More than pleasure, one does it for protection. I imagine that’s what you mean. No one is criticizing your style (@double3xposure) – we all have doubts about how you do to dress like that in public.“

Und dann gibt es da noch diese junge Frau, die schreibt: „I love how you defend our right as women to wear the hell we want to wear. We shouldn’t be limited just because we have different body traits or functions. And I mean my brother has bigger boobs than me so why shouldn’t I be able to walk around with no shirt when it’s too hot?“

Was hier banal klingen mag, ist in Wahrheit eine bitter ernst gemeinte Frage, die wir an jede*n richten sollten, der*die das Prinzip Menschsein noch nicht verstanden hat. Damit aus der erträumten Utopie endlich eine längst überfällige Realität werden kann – in der eine Brust einfach eine Brust ist. Und kein Grund zur Unterdürckung.

13 Kommentare

  1. Alraune

    Ich. Kleinstadtkind. Muss immer wieder staunen wie unbekümmert ich doch lange war. Beim lesen deiner Worte kam mir folgende Erinnerung: Bin mit kleinen Brüsten und großen Nippeln ausgestattet. Und bin immer gern ohne BH rumgegammelt, zu Hause. Ich muss Anfang 20 gewesen sein, Sommersonntagsmäßig ohne BH, mit leichtem Shirt . Wir haben auf der Nachbarwiese Wikingerschach gespielt mit Freunden. Da meinte ein guter Freund ‚Alter, ich packs nich, zieh dir endlich n BH an‘. Ich glaube das war der Moment, als ich mir über die Größe meiner Nippel bewusst wurde und angefangen habe auch an Sommersonntagen zu Hause BH’s zu tragen. Scheiße.

    Guter Text by the way.

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  2. Josephine

    Sehr spannender Beitrag. Ich würde liebend gerne die Blicke ignorieren und einfach ohne BH rumlaufen, weil es so sau bequem ist und weil meine kleinen Brüste eh keinen Halt brauchen. Doch ich fühl mich seltsam, als würde ich reizen wollen. Die Debatte ist groß, denn auf der einen Seite würde ich das gerne selbstverständlich und als normalität tragen- damit es zur Normalität wird- und auf der anderen Seite fühle ich mich seltsam. Wie es Frauen da in anderen Ländern gehen mag, kann ich mir garnicht vorstellen.

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  3. Miriam

    Wow, vielen Dank für diesen Text. Mit jeder Zeile wuchs das Gefühl der Ungerechtigkeit und die Erkenntnis wie lange ich dieses Gefühl schon unterdrücke!! Auch ich habe von Natur aus kleine Brüste und brauche deswegen keinen zusätzlichen Halt durch BHs und co.. Seit ich jedoch Mutter bin und gestillt habe stehen meine Brustwarzen stärker als früher. Bin ich draußen unterwegs und bemerke es, mach ich mich klein, hänge meinen Pullover oder Arme davor! Richtig doofes Gefühl ist das… und warum mache ich das!!?? Weil ich die männlichen (aber auch weiblichen) Blicke die ganz automatisch darauf hängen bleiben nicht aushalten kann. Warum also mache ich mich klein? Ich könnte doch auch ganz selbstbewusst sein. Ist doch nichts dabei, oder doch? Ich hatte diese Diskussion auch mit meinem Freund, als auch sein Blick länger auf meinen Brustwarzen hängen blieb. Ich fühlte eine Wut in mir aufsteigen. Warum gehen mit stehenden Nippel gleich längere Blicke seinerseits einher? Auf jeden Fall hat er dazu meiner Meinung nach nicht das Recht. Unverständnis seinerseits! Ich solle mich nicht so aufregen…

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  4. Yvonne

    Die Betrachtung finde ich zu undifferenziert.
    Es ist einfach nicht von der Hand zu weisen, dass die weibliche Brust in unseren Kulturkreisen als sekundäres Geschlechtsmerkmal anders sexualisiert wird, als die männliche. Der Hintergrund dürfte wie so häufig christlich geprägt sein und vor allem mit dem Aspekt des Stillens zu tun haben.
    Ob das gut ist bzw des Überdenkens bedarf, ist was anderes.
    Aber per se sind Männer und Frauen auch einfach nicht gleich. Und ich halte auch nichts davon, das generell so betrachten zu wollen.
    Das ist meines Erachtens der falscher Weg, um Freiheit für Brüste, Entsexualisierung von Nippeln oder Akzeptanz für stillende Frauen zu erzielen.
    Männer und Frauen sind nicht gleich. Unterschiede sind nicht wegzudiskutieren.
    Die weibliche Brust wird immer eine andere Konnotation haben.
    Eine allgemeine Antwort, wie man dem stattdessen begegnen sollte, finde ich aber auch noch nicht…

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  5. Suzie

    Meine 8 jährige Tochter fragte mich, warum sie nicht am See auch einfach nur eine Badehose tragen kann wie Papa. Und warum nicht alle Frauen einfach nur Badehose tragen wie die Männer… Tja… Ich musste sagen, weil der Anblick von nackten Brüsten für viele verstörend wirkt.
    By the way: bei uns (Großstadt) wird einmal im Jahr der Nackt-Radler-Tag angefragt oder jedes mal durch die Stadtverwaltung abgelehnt. Ein nackter Körper muss wirklich etwas sehr unnatürliches sein.

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    1. MM

      Deine 8-jährige Tochter darf nicht nur in Badehose rum laufen? Das finde ich seltsam. Sie hat doch sicher keine Brüste.
      Ich trage keinen BH mehr, da ich nach 3 Kindern fast gar keine Brüste mehr habe, ich besitze einfach keinen passenden. Allerdings würde ich zum Ausgehen gern auf Dauer einen passenden „mogel-BH“ haben, manchmal fühle ich mich doch etwas unweiblich 🙁

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      1. Suzie

        Es ist zum Selbstschutz des Kindes. Am See sitzen viele Leute mit Handy in der Hand & man weiß nie, ob sie wirklich ein Selfie machen oder was auch immer fotografieren. – Allein, weil Nacktheit anscheinend keine Unschuld besitzt – oder keine Natürlichkeit. Sei es bei Kindern oder Frauen.

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  6. Carmen

    Spannendes Thema. Danke für den Anstoss. Mir hat jedoch auch noch ein Aspekt gefehlt, den Yvonne nun toll ergänzt hat. Schliesslich haben wir alle Brustwarzen da jeder Fötus zuerst ein XX Chromosom ist, also weiblich. Auch wird die Brust lateinisch Mamma genannt, was schon ein sehr spannender Ursprung ist. Trotzdem ist die Brust wenn ich auch versuche Gender gerecht zu denken ein Lustsymbol. Wenn ein Mann einem anderen Mann an die Brust fasst ist das je nachdem sehr nahe, vielleicht sogar unangenehm oder Grenzüberschreitend. jedoch sehr selten sexuelle Belästigung. Als Frau sieht es jedoch anders aus, zu recht, finde zumindest ich. Daher kann man nicht einfach behaupten männliche und weibliche Brust sind dasselbe.
    Liebe Grüsse aus der Schweiz

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  7. Ani

    Also ich trage keinen BH, wenn ich keine Lust habe, egal wohin es geht und das mit großen Brüsten. Klar ist es am Anfang ungewohnt, aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier – irgendwann fühlt es sich normal und selbstverständlich an; bei mir war das viel schneller als erwartet. Dafür muss man anfangs halt den Kopf über ‚Gefühle‘ stellen.

    Generell finde ich aber haben Brustwarzen an bestimmten öffentlichen Plätzen nichts verloren – weder männliche, noch weibliche. Ich will, wenn ich in der Stadt unterwegs bin, einfach nicht den entblößten Oberkörper anderer Menschen sehen. Am Badesee (z.B.) dagegen bin ich nackter Haut und sekundären Geschlechtsteilen völlig offen gegenüber – egal, ob männliche oder weibliche. Und das wird mit zunehmendem Diskurs hoffentlich gesellschaftlicher Konsens.

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  8. Franziska

    Dieses Thema trifft gerade bei mir einen Nerv. Gerade erst am Wochenende habe ich mich darüber unterhalten.
    Ich trage keine völlig unbequemen Schalen-BHs mehr (die immer immer immer etwas zur Brust dazumogeln), sondern Bustiers. Trotz nicht ganz so kleiner Brust stützen die ausreichend. Aber mit diesen Bustiers kann es durchaus sein, dass die Brustwarzen durch das leichte Sommer-Shirt durchdrücken. Die Blicke, die meine Brüste dann anziehen, sind echt unangenehm. Wieso werden weibliche Brustwarzen so sexualisiert? Jeder einzelne Mensch hat Brustwarzen, wieso dürfen sie dann nicht hervorblitzen?
    Ich schnalls nicht.

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