Diskussion // Das Handy als Halsband:
Echt elegant oder das Ende jeglicher Auszeit?

15.05.2018 Gesellschaft

Der verlängerte Arm, der Arbeitsplatz, die Friendzone und das Familienalbum in einem und der, der neben uns liegt, wenn wir uns in den Schlaf schnarchen: Mindestens jeder zweite Griff am Morgen ist der nach dem Handy, wenn auch nur ganz harmlos, um den Wecker auszustellen oder die Uhrzeit zu prüfen und doch: Die Zeiten, in denen der analoge Wecker auf dem Nachtisch schrill vor sich hin läutet, sind schon lange vorbei und inzwischen wecken uns die selbst ausgewählten Lieder oder die letzte Sprachnachricht der besten Freundin (ja, das gibt es wirklich). Ach, so vieles steckt drin in diesem kleinen Ding.

Schon lange sind wir mit den kleinen Samsungs, Apples, Sonys, Pixels und Huaweis in unsern Hosentaschen verbunden, körperlich geht es aber tatsächlich noch ein Stück näher. Das Handy hängt seit neuestem nämlich nicht mehr in der Popotasche der Lieblingsjeans, sondern ganz nah am Herzen, wie eine Kette um den Hals, wie der Freundschaftsanhänger oder eben das Accessoire 2018. Hand aufs Handy, geht das nicht zu weit?

Schon seit langem sind die neuen Hüllen auf dem Markt, die schlicht daherkommen, allerdings mit einer hübschen, größenverstellbaren Kordel optisch richtig was hermachen.

Die Praktikabilität steht außer Frage und erinnert an Brustbeutel oder das Bändchen von längst vergessenen MP3-Playern, die nebst einem schwachen Akku und minderer Soundqualität auch eine Schnur für den Hals zu bieten hatten. Ein Griff an die Kette und die ganzen To-dos vom Tag sind im Blick und in Reichweite. Welch‘ ein Segen, verbringen wir doch Stunden unseres Lebens damit, das Handy in der Handtasche zu suchen.

Wenn wir beim Essen das Handy einst neben unseren Teller legten, hängt es jetzt um unseren Hals und verschmilzt nicht nur zu einem dekorativen Schmuck-Objekt, sondern auch mit seinen Träger*innen. Die schicken Teile sind richtige Hingucker und standen schon mehrere Male auf meiner Wunschliste, um dann immer wieder kritisch hinsichtlich Zweckmäßigkeit und Symbolhafftigkeit hinterfragt zu werden. Will ich als Sklave meiner Handysucht das Ding auch noch Symbolisch an und um mich binden? Eine Assoziation mit der Herr der Ringe-Trilogie bleibt zumindest bei mir nicht aus. Wesensverändernd war das Gerät ja schon immer. Ob der neue Halsschmuck das Ganze besser macht?

Ein bisschen absurd kommt die Kette mir am Ende nämlich doch vor, offenbart der Handy-Klunker  nicht nur ständige Erreichbarkeit, sondern auch ein Stück weit die persönlichen Finanzen und den elektronischen besten Freund, der, so ganz nebenbei bemerkt, aber auch noch unbemerktes Werbebanner für den Smartphoneanbieter wird. Ups.

Sich diese Verbundenheit einzugestehen und sie gleichzeitig auch zur Schau zu stellen ist, wie ich finde, gar nicht mal so fein, gibt uns das neue Accessoire urplötzlich doch unheimlich viele Informationen über seine Träger*in, über uns selbst oder die Person gegenüber im Bus. Und trotzdem:

Wie oft hätte ich es bisweilen schon unheimlich praktisch gefunden, mein Handy um den Hals baumeln zu haben: Auf dem Festival oder beim Sport zum Beispiel oder beim Wandern durch die Berge im Urlaub. Aber Stopp: Sind das nicht alles Momente, in denen wir das Handy auch getrost zuhause lassen könnten? Weil wir gerade etwas viel Besseres zu tun haben sollten, als durch Social Media zu scrollen und alle via Instagram auf dem Laufenden zu halten?

Äußerst schick und besonders lässig kann man also ab rund 12 Euro mit den anderen Träger*innen um die Wette baumeln. Allerdings: Spätestens ab den ersten Black Mirror Folgen auf Netflix wird einem Angst und Bange, je näher das geliebte Smartphone uns auf die Pelle rückt.

Denn immerhin ist es doch so, dass viele von uns ihre Sucht längst erkannt haben und versuchen, sich mehr und mehr und so bewusst wie möglich von dem elektronischen Alltagshelfer zu entfernen. Ob das gut klappt, wenn wir gleichzeitig ein neues Fashionstatement setzen, sei dahingestellt. Fest steht zumindest, dass, sofern unsere Hand beim Greifen nach dem mobilen Endgerät nur noch eine winzige Distanz überwinden muss, leider auch die Distanz zur Handynutzung im Kreise der Liebsten, vielleicht sogar in unpassenden Situationen wie beim Essen oder im Gespräch nicht mehr so groß sein kann.

Vielleicht sind all das ja Gründe für euch, das Smartphone der neusten Generation trotz Halsschmuck-Vorteile mal wieder in der Tasche verschwinden zu lassen und eben nicht permanent und sofort erreichbar zu sein.

2 Kommentare

  1. Julia

    Ich habe vor einiger Zeit eine Handykette von Xouxou Berlin zugelegt und muss sagen, dass ich nicht den Eindruck habe vermehrt aufs Handy zu schauen. Praktisch ist dafür allemal: auf meinem Arbeitsweg kann ich so wunderbar Musik hören ohne das Handy die ganze Zeit in der Hand zu halten oder ohne große Tasche einfach mal einkaufen gehen. Also für mich eine Bereicherung und kein Smartphone-Gefängnis..
    Trotzdem finde ich es super, wenn wir alle hin und wieder über unser Nutzungsverhalten reflektieren und diskutieren!

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