Postcard from Scalamari // Mein Sommer der langen Weilen

15.08.2018 Leben, box2, Kolumne

Mein Sommer verläuft ausgeglichen und stabil, – danke der Nachfrage – der Alltag, eine gefällige, gleichförmige Masse. Ein Seismograph ohne Ausschlag. Ein gut. Ein okay. Eine 3.

Abends ins Bett gehen, morgens aufstehen, Dinge erledigen, Emails, essen, kämmen, über die Hitze meckern, Waschmittel kaufen, Aperol mit soundso, einschlafen und immer so weiter. Als Comicfigur würde ich mir die Augenlider auf Halbmast malen und dazu ein Blumenkleid in Beige-Gelb tragen – Mund wagerecht mit um die 15 Grad Winkel nach oben. Zufrieden, das ist mein Sommer 2018. Dramafrei – blutleer? 

Mein Puls gleicht jedenfalls konstant dem einer Rentnerin beim morgendlichen Bahnen durch die Schwimmhalle ziehend. Es passiert insgesamt nichts. Nirgendwo brennt es. Zugegeben: Zu viel potenzieller Action gehe ich aus dem Weg und die meiste Zeit verbringe ich vorsichtshalber lieber nur mit mir selbst und einem Buch – man weiß ja nie. Denn wo vor knapp zwei Jahren noch Exzesse, zerfetzte Herzen, Dramen, rast- und ruhelose Panik, Lust und Qual meine Tage und Nächte prägten, ist an heutiger Stelle nun oft die einzige quälende Frage – „wo bestelle ich Abendbrot?“ getreten.

Manchmal glorifiziere ich mein irres Leben an den Polen damals zu einem Hollywood Streifen: Eine bis zum Gehtnichtmehr romantisierte Dramödie mit allem drum und dran. Ich als die sexy, stets leicht traurige Antiheldin. FSK 18 gespielt von Emily Blunt oder sowas. Und heute? FSK 0 – Findet Nemo gespielt von Dori, nur mit weniger Witz und Spannung. 

 

Ein Beitrag geteilt von Sarah Radowitz (@scalamari) am

Aber ist das denn jetzt so furchtbar? Oder besser gefragt, können nicht auch mal ein paar heiße Monate mit nicht viel drin verschwendet ins Land ziehen? Eine ausgedehnte Lebens-Siesta? Und was heißt überhaupt „nicht viel“? In diesem Sommer habe ich zum Beispiel meine Oma wohl so oft gesehen, wie sonst in keinem anderen – ich habe das Gefühl, ich lerne sie langsam kennen – und zwar als Menschen, nicht nur als Großmutter – und auch zu meinem Vater habe ich das allererste Mal überhaupt eine Beziehung, und dazu noch eine entspannte. Das versetzt jetzt alles keine Berge – aber es ist auch das Gegenteil von Unglück. 

Viel Neues lerne ich nicht kennen dieser Tage und so richtige Urlaubspläne stehen diese Saison außerdem auch nicht auf dem Programm, aber ich besuche regelmäßig irgendeinen See und danach trockne ich mich ab – und dann den Hund. Ich erinnere mich an Sommer, die ich von draußen gar nicht sah. Jetzt ist manchmal sogar ein Boot involviert. 

Es gibt das erste Mal keine Schlacht zu schlagen. Das ist wohl das Schöne und Bemerkenswerte. Weder mit Dämonen, noch mit Personen, noch mit mir selbst. That’s fucking it. Meloneneis ja – aber dann ist auch schon wieder gut mit Aufregung. Es gibt Freunde und es gibt schöne Momente, es gibt mich und es reicht aus. Es ist ein bisschen wie damals in den Sommerferien, wenn man nicht weg fuhr – die Tage zogen sich wie Kaugummi. Es war nichts schlecht daran, alles war gut, die Sonne schien, Langeweile, Fahrrad, man lag den halben Tag im Freibad rum und ging dann irgendwann wieder nach Hause. Manchmal hatte man Pommes Schranke, manchmal Sonnenstich. Manchmal kam die beste Freundin mit, manchmal war sie in Italien.

Und wie ist das eigentlich bei euch mit dem Nichtstun? Erlaubt ihr euch das wie ab und zu eine ganze Tafel Schokolade? Mit schlechtem Gewissen oder als pure Selbstverständlichkeit? Ist das ein Gefühl, was zelebriert werden und ganz oben auf der Agenda stehen darf und soll? Kann man das überhaupt noch mir nichts dir nichts lernen? Ist das ein Zustand, der euch angenehm ist oder spielt da auf eurer linken Schulter auch manchmal ein Fomo-Orchester mit der Aufforderung das Loch auf der Stelle zu stopfen – mit Aktivität, Produktivität, Brunch und Handy? Wo hört Langeweile auf und wo fängt Nichtstun an? Ist Langeweile einfach nur das komplett falsche Wort für eine vielleicht sogar äußerst fruchtbare Episode – aneinandergereihte Momente von aktiv nur mit sich sein? Kann daraus nicht auch Großes entstehen? Ja! Muss aber nicht.

20 Kommentare

  1. Karla

    Scalamari ist wieder daaa! Juchuh!

    (Mein Sommer sieht genauso unaufgeregt aus. Mit viel Ausschlafen. Und in-den-Tag-leben. Und bewusst ohne länger-Wegfahren. Und soooo gut! 🙂 )

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  2. Anna

    Ich kann nichts Schlechtes im Nichtstun finden…aus Langeweile entsteht doch erst Kreativität 🙂

    Ich mag Deine Texte übrigends auch seeehr!

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  3. Ailine Liefeld

    Unterschreibe ich so zu 100%. Absolut dramafreies Jahr/Sommer mit genug zu tun, wenig Aufregung und generell viel langer Weile, die ich ganz gern mit “Gut Ding will Weile haben” erkläre. Meint, Langeweile sehe ich durchaus positiv, mein Ruhepuls sagt Danke, mein Kreislauf sowieso und mein Herz, nunja, das hat sich dieses Jahr so gut erholt, wie noch nie zuvor. In diesem Sinne, lass bald mal Aperol zusammen trinken! 🙂

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  4. Claude

    Geht mir momentan genauso und ich hatte irgendwie auch manchmal leise Momente der Angst, ob das denn gut so ist und ob ich nicht mal wieder mehr weggehen sollte…aber irgendwie nee, dann höchstens bei offenem Fenster ein Buch gelesen, neue Rezepte ausprobiert, jeden Abend ins gleiche Freibad ein paar Bahnen geschwommen. Das war´s dann auch schon und es beruhigt mich sehr was du da schreibst.

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  5. Jules

    Oh oh oh sooooooooooooo toll und mir geht es gerade ähnlich.
    Habe meinen alten Job gekündigt und durch Überstunden und vorhandenen Resturlaub insgesamt 6 Wochen Urlaub. Davon verblieben noch 2,5 ..
    Freibad, lange Sommerabende, Freunde, faulenzen, ausschlafen, Sport …
    Das Leben könnte schlechter laufen <3
    Genieße die Tage

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  6. Hirndiva

    Deine Worte haben meinen Puls langsam und mein Herz weit werden lassen.
    Dem Fomo Orchester auf der Schulter die Melodie vorgeben…mir hilft’s….

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  7. Charlotte

    Scalamari, du sprichst mir und allen anderen hier, aus der Seele. Es ist so schön von dir zu lesen, und, dass es dir gut zu gehen scheint. Denn das ist es doch, oder? Unaufgeregtheit bedeutet doch immer eine Komfortzohne. Ich beobachte dieses Gefühl nahe zu nur im Sommer, dieses ruhige dahin leben während die Sonne stets und immer ihr Licht auf alles wirft. Daher ist mein Credo für 2018: mehr Sommer das ganze Jahr über. Mehr gelassen sein und Zeit verschwenden.

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  8. Ulrike

    Lange heiße unendlich lange und langweilige Sommer sind meine aller schönste Kindheits und Jugenderinnerungen. Du hast diesen Zustand ganz wunderbar beschrieben. In den Zeiten ohne besondere Vorkommnisse ohne Ablenkung im Erwachsenenalter merkt man/frau ganz schnell ob sie das richtige Leben lebt. Ich jedenfalls genieße diese Tage der Ereignislosigkeit.
    Liebe Grüße Ulrike

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  9. Sanne

    Ich habe gerade den Artikel gelesen und bin begeistert. Wie du den Sommer von „früher“ beschreibst und mit zähem Kaugummi vergleichst – grandios. Ich möchte dich gerade einfach nur umarmen. Danke

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