Serie // „Chilling adventures of Sabrina“ – Die Hexe, eines der feministischsten Symbole unserer Zeit

29.10.2018 Film, box2

Die Hexe, sie ist eines der feministischen Symbole unserer Zeit: Sie steht für Autonomie und selbstbewusste Weiblichkeit, für rebellisches Außenseitertum und Schwesternschaft. Hexen sind magisch, im wahrsten Sinne des Wortes, und ist Magie nicht genau das, was im Kampf gegen das Patriarchat gebraucht wird? Sängerin Lana del Rey beispielsweise nahm letztes Jahr an einer Art Massen-Ritual teil, um US-Präsident Donald Trump zu verhexen beziehungsweise ihn mit magischen Mitteln loszuwerden (der Erfolg lässt noch auf sich warten). Auch Sabrina Spellman kämpft gegen das Patriarchat: Sie gründet in ihrer Schule einen Club nur für Mädchen, verflucht eine Reihe von Football-Spielern, die ihre Freundin Susie mobben und befindet sich im Dauerkampf mit dem rückständigen Schulrektor. Sabrina sei eine „woke witch“, so Kiernan Shipka, Hauptdarstellerin in Chilling Adventures of Sabrina, dem Netflix-Reboot der erfolgreichen 90er Serie Sabrina – total verhext, basierend auf einem Comic aus dem Hause Archie.

-Achtung, Spoiler-Gefahr!-

Macht oder Freiheit?

In der Serie, entwickelt und produziert von Roberto Aguirre-Sacasa (Glee, Riverdale), steht Halbhexe Sabrina kurz vor ihrem 16. Geburtstag und der damit verbundenen „schwarzen Taufe“, die aus ihr eine richtige Hexe macht. Sabrina lebt in Greendale, wo sie zusammen mit ihren Tanten, der dominanten Zelda (Miranda Otto) und der mütterlichen Hilda (Lucy Davis) sowie ihrem Cousin Ambrose (Chance Perdomo), seit 75 Jahren zum Hausarrest verdonnert, ein herrlich verschrobenes Anwesen bewohnt, welches gleichzeitig als Bestattungsunternehmen fungiert – irgendwo her muss das menschliche Blut für die zahlreichen Hexen-Rituale ja kommen. Sabrinas Eltern, eine Sterbliche und ein Hexer,

sind bei einem mysteriösen Unfall vor vielen Jahren umgekommen. Anders als die Sabrina aus der 90er-Serie weiß Netflix-Sabrina, dass sie eine Halbhexe ist und hat Bedenken, was ihre bevorstehende „Taufe“ angeht: Ihren Namen in das Buch Satans zu schreiben bedeutet nämlich, dass sie ihr sterbliches Leben aufgeben und ihre Zeit fortan an der Academy of Unseen Arts verbringen muss. Keine romantischen Rendezvous mehr mit Harvey (Ross Lynch) oder Kinoabende mit ihren besten Freundinnen Rosalind (Jaz Sinclair) und Susie (Lachlan Watson) – alle völlig ahnungslos, dass so etwas wie Hexen überhaupt existiert.

Je näher die schwarze Taufe rückt, desto unsicherer wird Sabrina: Ist es nicht ein bisschen viel verlangt, die eigene Autonomie aufzugeben und sich mit Haut und Haaren – und Jungfräulichkeit! – Satan zu verschreiben?  Als Hexe Prudence (Tati Gabrielle) ihr erklärt, der Tausch von Freiheit gegen Macht sei gerecht, antwortet Sabrina, dass sie aber beides wolle – Freiheit und Macht. Prudence kann so viel Naivität nicht fassen: Satan sei schließlich ein Mann und als solcher habe er Angst vor Hexen, die sowohl frei als auch mächtig sind. Ja, auch schwarze Magie ist nicht frei von patriarchalen Strukturen. Das erkennt Sabrina gerade noch rechtzeitig – und flieht von ihrer schwarzen Taufe, ohne sich in das Buch Satans eingetragen zu haben. Eine Katastrophe für ihre Tanten, für Father Blackwood (Richard Coyle), Rektor der Academy of Unseen Arts und alter Rivale von Sabrinas Vater, aber vor allem für Satans Lebensgefährtin (Michelle Gomez), die sich als Sabrinas Lehrerin Mary Wardell tarnt und ein ganz besonderes Interesse an der jungen Halbhexe hat.

Hinwendung zu den dunklen Seiten der Magie

CHILLING ADVENTURES OF SABRINA

Es gibt vieles, was Chilling Adventures of Sabrina sehenswert macht: das liebevolle Set-Design im Retro-Style, die zahlreichen Anleihen bei Horror-Klassikern (inklusive spritzendem Blut), der trockene Humor, der grundlegende Konflikt zwischen Freiheit und Macht, die Selbstverständlichkeit, mit der feministische Themen behandelt werden. Die Darsteller*innen sind genial: Miranda Otto als Zelda verströmt mondäne Eleganz und will doch eigentlich nur, dass Sabrina endlich richtig zur (satanischen) Familie gehört; Lucy Davis als Hilda ist liebenswert-seltsam und dem „dunklen Lord“ nicht so devot ergeben wie ihre Schwester; Tati Gabrielle als Prudence, Anführerin der „Weird Sisters“ und Sabrina in herzlicher Abneigung verbunden, stiehlt jede Szene, in der sie auftaucht. Und dann ist da natürlich Michelle Gomez in der Rolle als Satansbraut: Sie ist mal intrigant, mal böse, mal verführerisch – eine Wucht. Fast wünscht man sich, es gäbe ein Chilling-Adventures-Spin-Off, das sich ganz dem faszinierenden Leben dieser dämonischen Dienerin widmet.

In diesem Panoptikum charismatischer (Neben-)Darsteller*innen fällt leider umso mehr auf, wie langweilig Hauptfigur Sabrina eigentlich ist. In den ersten zwei Dritteln der ersten Staffel ist sie einfach ein ernsthaftes, liebes Mädchen mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, das alles richtig machen möchte. Sie ist moralisch einwandfrei, ihre Beziehung zum ebenfalls charakterlich mäßig interessanten Harvey dermaßen entsexualisiert, das man sich fragt, was diese beiden Teenager eigentlich aneinander finden. Das ist deshalb so problematisch, weil Harvey einer der Hauptgründe dafür ist, dass Sabrina ihrer Initiierung als Hexe so skeptisch gegenüber steht: zu Harvey dürfte sie danach keinen Kontakt mehr haben. Es ist auch deshalb problematisch, weil Sabrinas Hinwendung zu dunkleren Mächten gegen Ende der ersten Staffel ebenfalls durch Harvey ausgelöst wird, wenn auch indirekt: Harveys älterer Bruder kommt bei einem durch zwei „Weird Sisters“ ausgelösten Grubenunglück ums Leben – und Sabrina beschließt, ihn wiederzubeleben, einfach deshalb, weil er Harvey so wichtig ist. Sabrinas verzweifelte Rettungsaktion fühlt sich unglaubwürdig an: In einem Gespräch gibt sie zu, dass sie Harveys Bruder kaum kannte und die auf vielen Liebesgeständnissen und teilweise gestelzten Dialogen basierende Beziehung zu Harvey allein reicht nicht aus, um Sabrinas Hinwendung zur dunklen Seite der Magie zu rechtfertigen.

Dringende Fragen

Erst in den letzten Folgen von Chilling Adventures darf Sabrina mehr sein als die gute Hexe, die genau weiß, was richtig und falsch ist: In ihren blütenreinen Charakter mischen sich Grautöne. Das macht Hoffnung für Staffel zwei, die mit ziemlicher Sicherheit kommen dürfte. Viele Fragen bleiben noch offen: Geht tatsächlich ein*e Dämonenjäger*in in Greendale um? Wird Hilda es schaffen, ein Leben unabhängig von ihrer Schwester zu führen (aus dem gemeinsamen Schlafzimmer zumindest ist sie bereits ausgezogen)? Wann kommt Sabrina mit dem süßen Hexer Nicholas zusammen? Sind ihre Eltern wirklich bei einem Unfall gestorben? Und wie sieht Sabrinas neues Leben als platinblondes Mitglied der „Weird Sisters“ aus? Vor allem aber bleibt die Frage, wann sich die Hexen endlich zusammentun – um gegen die patriarchale Vorherrschaft Satans zu kämpfen.

Chilling Adventures of Sabrina läuft seit dem 26. Oktober auf Netflix.

4 Kommentare

  1. Sarah

    Wenn du mehr Michelle Gomez sehen magst: in der Serie „Doctor Who“ spielt sie in den Staffeln mit Peter Capaldi die Bösewichtin Missy und ist FANTASTISCH! 🙂

    Antworten
    1. Ich

      Ab der ersten Folge der 7. Staffel spielt sie eine Rolle (sie gibt Clara die Nummer).
      Und richtig zu sehen ab der ersten Folge der 8. Staffel. Auf jeden Fall eine super Darbietung von Michelle Gomez.

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