Ich habe keinen einzigen guten Vorsatz für 2018 eingehalten und lebe trotzdem noch

19.12.2018 box2, Kolumne

Schwarzweiß-Denkerei ist eigentlich zu einem Stigma des gemeinen Pöblers verkommen, niemand will das mehr, außer vielleicht wenn es um Nazis geht. Obwohl: Selbst im Umgang mit menschenverachtenden Menschen wird derzeit zu mehr Menschlichkeit aufgerufen, einfach darum und wegen des andernfalls sterbenden Dialogs oder weil Moses‘ Tipp zur Schadensregulierung, nämlich „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, ein bisschen aus der Mode gekommen ist. Es wundert mich also sehr, dass wir beim Thema Silvester  stets so wahnsinnig erregt reagieren, aber nicht im Sinne von Ringelpietz. Bei der Frage „Hast du da schon was geplant?“ drehen die Leute für gewöhnlich durch, entweder vor Freude oder vor Schwermut, dazwischen gibt es nicht viel, höchstens Kapitulation, eingewickelt in einen wohligen Schal aus aufrichtig antrainierter Gleichgültigkeit. Der Grund für diesen aufwühlenden Neujahrs-Pathos steht dabei schon seit Wochen im Raum wie ein dicker Elefant, der im besten Fall „Vorfreude“ und im schlechtesten „Erwartungsdruck“ heißt.

Silvester wird demnach entweder die fetteste Party oder die krasseste Enttäuschung der letzten ungefähr 364 Tage. Dabei dient diese ganze Feierei im Prinzip nur als Beiwerk von etwas viel Größerem: Dem alles verändernden Jahreswechsel, bei dem es um die Wurst, aber vor allem um gute Vorsätze geht. Böse Zungen mögen jetzt behaupten, es handle sich hierbei um nicht weniger als mutwilligen Selbstbetrug. Ich akzeptiere und bejahe diese Unterstellung gern, denn mir schwant: Da ist das dran. Aber das ist gar nicht schlimm.

Ich zum Beispiel, das ist mir beim Durchsehen meines zerfledderten Tagebuchs aufgefallen, habe keinen einzigen meiner guten Vorsätze für 2018 eingehalten – und ich lebe immer noch. Ob es mir gut geht, kann ich gerade nicht beantworten, mir geht es nämlich vor allem dezember, aber ich lebe ein gutes Leben und bin mir zudem fast sicher, dass die im Vorjahr mit Blei begossenen Ideen zur Reifung meiner Existenz auch dann keine spürbaren Auswirkungen auf mein Gemüt hätten, wäre ich irgendwann zur Super-Silvester-Streberin mit vollständig abgehaktem Optimierungsplan mutiert. Ganz im Gegenteil. Ehrlich gesagt hätte ich auch ein bisschen weniger Spaß gehabt. Hier ein Auszug zu Veranschaulichungszwecken:

  1. Nichtraucherin werden – ich ahne, dass dieser vermeintliche Wunsch meine Lebenslüge #1 ist, es kann also passieren, dass ich zur Strafe als Schornstein wiedergeboren werde. Und dennoch: Ohne dieses Laster hätte ich damals, an diesem einen Abend, nicht nach einem Feuerzeug gefragt und noch viel mehr als das bekommen.
  2. Standesamt Termin machen – der schönste Alptraum, den ich je hatte, bin aber noch kurz vor knapp aufgewacht und habe außerdem viel Geld gespart. Kaufe mir 2019 also vielleicht ein Cabriolet statt Flitterwochen.
  3. Buch fertig schreiben – Hat erstmal wegen Punkt Nr. 2 nicht ganz geklappt. Und weil ich den Sommer über lieber beim Feuerzeug-Volltreffer abhing als am Schreibtisch.
  4. Veganerin werden – ein guter Witz, den ich am liebsten zu Wein und Käseplatten serviere.
  5. Pumpen gehen – schön, ich wäre jetzt vermutlich stärker, aber eben auch wesentlich dümmer. Habe zwar nicht geschwitzt und gelitten, aber viel gelesen. Auf meinem Sofa, liegend.

Silvester, dieser Hundling, baut auch 1683 Jahre nach seinem Tod noch gern Druck auf, keine Frage – Zum Glück, hänge ich aber noch dran. Es ist doch prima, überhaupt irgendwelche Vorsätze zu haben, gute gegen den Stillstand und heimlich auch schlechte, sowas wie „mehr Exzess“ oder „weniger Nettsein“ oder „Fritten statt Diäten“. Und sei es nur, um nichts davon einzuhalten, weil man am Ende eben Besseres zu tun hat. 

Ja, Vorsätze sind super, keine Angst also, wir sollten uns ruhig weiter betuppen, sooft es geht. Weil Vorsätze uns trotz erwartungsgemäß schlechter Einhaltungs-Quote voran treiben, wenn auch nur gedanklich statt faktisch. Nee, diese – pardon, schon wieder –  Vorsätze sind gar nicht das Problem. Das Datum ist es! Und die Begrifflichkeit, die ist irgendwie marode. V-O-R-S-A-T-Z. Klingt wie Golfplatz. Oder Chlorspatz. Und ist außerdem aufgeladen mit Hornbach’schem „Carpe Diem“ Charme. Ich weiß jetzt nicht, ob Träume oder Wünsche als sprachlich prächtigere Alternativen durchgehen, aber sie nehmen immerhin ein bisschen Zwang aus der Sache. Auch, weil sie untermauern, wie unglaublich scheißegal Silvester eigentlich ist. Träume und Wünsche sollten wir ja möglichst immer haben – nicht nur Anfang Januar. Vergessen wir aber sooft. Deshalb ist Neujahr für mich fortan vor allem eines: Ein Komplize. Und noch dazu der ultimative Beweis dafür, dass wir durchaus in der Lage sind, an uns selbst zu glauben. Wenn wir doch nur immer so optimistisch wären – dann könnte meinetwegen jeden Tag Silvester sein.

11 Kommentare

  1. Kathrin

    Ich nehme mir was vor und gucke nach einem Jahr, was zufällig passiert ist. Meine Quote ist gar nicht so schlecht, schreibe aber auch immer was mit auf, dass auf jeden Fall eintritt.

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  2. Franziska

    Feel you was das „Nichtrauchen“ angeht! Manchmal höre ich zweimal pro Woche auf – zugegeben, ich rauche nicht mehr viel, vor allem die allseits bekannte Kippe zum Bier. Irgendwie gelingt es mir nicht das so zu akzeptieren, wo ich doch offenbar noch nicht so weit bin das ganz hinter mir zu lassen. Passt nicht zu meinem Selbstkonzept, aber das ist sowieso eher wie vom Wühltisch als durchdacht, dafür eben vielleicht etwas facettenreicher. 2019 maybe?

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  3. Jen

    Ich finde vor allem die Collage verdient mal eine echt lobende Erwähnung! Geil.
    Ansonsten hätte ich gern eine Portion deiner Selbstsicherheit, wenn das das richtige Wort ist. Toll!

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