Liebe, mach‘ bloß nicht langsam.

14.01.2019 Leben, box1, Kolumne

Ich lese leidenschaftlich gern Horoskope, vor allem, wenn sie mir gerade gut in den Kram passen. Wenn sie der Widder-lichen Persönlichkeit wohl gesonnen sind und mit sanften Worten den Bauch pinseln zum Beispiel oder orakeln, demnächst würde mal wieder alles ziemlich glatt laufen. Passiert aber  nur selten. Der Widder scheint unter den Sternzeichen tendenziell das Arschloch zu sein, so schwant mir. Ein komplizierter aber immerhin ehrlicher und mit viel Glück auch herzlicher Haudegen, der stets ein bisschen zu viel erwartet und will und fordert. Bevor ich ob der ungünstig stehenden Planeten also zu verzweifeln drohe, weiche ich deshalb nicht selten auf meinen Aszendenten aus: Den Löwen. Aber auch der brüllt lieber als zu schnurren. Weshalb insbesondere Youtube zum Auftakt des neuen Jahres nicht mit Mahnungen an Aries und Leo geizt. Ganz oben auf der Mantren-Liste: Was du zu sehr willst, geht kaputt, also mach‘ besser mal langsam. Bloß ist exakt das, gelinde gesagt, das Schlimmste, was ich mir vorstellen, ja, was man mir raten kann. Weil ich erstens nicht weiß, wie das überhaupt geht und zweitens fast gar keine Lust habe, mir diese Fertigkeit in mühsamer Geduldsarbeit anzueignen. Vor allem in Sachen Liebe. Dort, so predigt man mir, solle ich mich nämlich verstärkt an der augenscheinlichen Gelassenheit der gemeinen Wasserschnecke orientieren. 

Schon immer habe ich geahnt, dass Horoskope mitsamt ihrer Aussagen und Einschätzungen reine Auslegungssache sind. Die Wasserschnecke also – Es kostete mich gerade einmal zwei Minuten des Nachdenkens und ein heimliches Danke an meinen einstigen Bio-Leistungskurs-Lehrer, um mich schließlich wie gewohnt mit dem Hals aus der Sternen-Schlinge zu winden. Mauretania Gregor und Konsorten haben ihre Rechnung offenbar ohne die gewitzte Kegelschnecke gemacht, die vielleicht schrecklich langsam kriechen mag, aber eben auch Pfeile aus ihrem Schlundrohr abzuschießen in der Lage ist, die schneller durchs Meer gleiten als ein Schafsbock je mit dem Kopf vor die Wand rennen könnte. Amor wäre grün vor Neid. Und stolz auf mich. Ganz im Gegensatz zu meinen Freunden, denen mein Balzverhalten mitunter große Sorgen bereitet. 

Erst neulich saß ich schwärmend da, verknallt bis über beide Ohren, jubelnd und fast weinend vor Glück. „Ich freue mich ja wirklich“, sagte der Vernunftsfreund, „aber möglicherweise solltest du es diesmal etwas ruhiger angehen lassen, dich nicht gleich so rein stürzen, mit all deinem Gefühl meine ich, das Herz nochmal wegpacken, erstmal observieren und studieren.“ Viel fiel mir dazu nicht ein. Nur: Nein. Lieber verrecke ich eines Tages an einem gebrochenen Herzen, als ihm Contenance zu lehren. Tatsächlich ist mir kaum ein Gedanke derart zuwider; soll das etwa gut sein, in einer Welt, die droht an Scheiße zu ersticken, mit Liebe zu geizen? Das Zügeln von positiven Gefühlen mag modern sein und dem Trend der Sologamie in die risikolosen Karten spielen, aber so funktioniert das für mich nicht. Platzen würde ich. Nehmen wir als Vergleich doch die Musik: Man stelle sich also vor, im Radio liefe urplötzlich der beste Song der Welt – würdet ihr in einem solchen Moment tatsächlich zum Knöpfchen greifen und die Lautstärke runter drehen? Wohl kaum. Ganz im Gegenteil, hoffentlich. Wer fühlen kann, soll fühlen. Oder eben in Mittelmäßigkeit ersaufen. Nur mache ich da dann ausnahmsweise nicht mit. „Sich rein werfen“ bedeutet schließlich nicht „sich vergessen“. Oder gar, zu verschmelzen. Es bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als lebendig zu sein. Hunter S. Thompson versteht in etwa, was ich damit ich meine:

Das Risiko, sich bei einem solchen Manöver zu verletzten, ist groß. Es erfordert zweifelsohne Mut. Aber ich meine auch, dass es das wert ist, sogar tausendfach. Und sollte mir meine Zuversicht doch schon morgen das Genick brechen, dann stirbt mein Herz zumindest nicht als leerer Muskel, der nur dazu war, mich auf den Beinen zu halten. Sondern vollgepumpt mit Erinnerungen an Monate und Jahre, die vielleicht dumm, aber wunderschön waren.

15 Kommentare

  1. Milli

    Wenn dieser Weg für Dich der einzig richtige sein mag dann ist das doch ok.
    Bei anderen funktioniert das eben nicht. Weil das Herz gar nicht mehr mitkommt. Sondern sich erstmal um sich selbst kümmern muss. Und heilen soll. Menschen sind eben sehr unterschiedlich und das ist gut so.

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    1. Vero

      Das ist doch wunderbar so. Und dafür sind Kolumnen ja auch da. Um verschiedene Ansichten zu lesen. Auch die, die den eigenen nicht entsprechen. Es geht hier denke ich nicht darum, das Herz eifach so wieder zu verschenken. Sondern es nicht wegzupacken vor lauter Angst, wenn jemand kommt, der es wert ist.

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  2. Nora

    Ich fühle ausgedrückt, was öfter auch in meinem Kopf kämpft. Ich glaube, mein Leben könnte so viel einfacher sein, aber was soll ich sagen, der Widder-Löwe in mir ist einfach so laut 😉

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  3. Jen

    ich bin auch Widder Aszendent Löwe. Glaube aber Null an sowas und bin anscheinend auch der Gegenbeweis, denn ich kann nicht so leben, wie du es tust, selbst wenn oder obwohl ich es wollte. Mein Herz verschenke ich heftig, aber nie schnell, und wenn es zerbricht, dauert es ewig, es wieder zusammenzusetzen.
    Mir tut also eine gewisse Vorsicht ganz gut. Glaube trotzdem, intensiv zu leben. Nur halt nicht so schnell.

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  4. Viktoria

    I feel you: „Ich lese leidenschaftlich gern Horoskope, vor allem, wenn sie mir gerade gut in den Kram passen. “ :-)))

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  5. Jule

    Ich las so und nickte und dachte „Das hört sich bombenanstrengend an, war noch nie was für mich, aber you do you, Nike.“ Und dann kam ich zu „Wer fühlen kann, soll fühlen. Oder eben in Mittelmäßigkeit ersaufen.“ In welcher Mittelmäßigkeit ersäuft man denn, wenn man das mit seinem Liebesleben nicht so handhabt wie Du?

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    1. Vero

      Wenn ich hier mal was sagen darf: Wieso fühlen sich manche immer so angegriffen? Eine Kolumne ist ein Meinungstext und anecken ist da ok. Ich lese den Text außerdem nicht so, dass alle in Mittelmäßigkeit ersaufen, die es langsamer machen als Nike. Es geht sogar, beim genauen Hinsehen, nicht um das Überstürzen von Beziehungen. Vielleicht geht Nike diese Sache genau so langsam an wie ihr. Sie schreibt ausschließlich vom Gefühl
      Verliebtsein und dem Umgang mit ihm. Wenn es da ist, soll man es genießen. Und das muss ja nicht heißen, es dem anderen auf dem Silberteller zu präsentieren. Dieser Text handelt von dem, was in uns ist – nicht davon, wie wir es an die anderen herum tragen.

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  6. Norella

    Momentan gewöhne ich mich erst daran, meinen Senf überall hinzuschreiben, aber hier kann ich nur meinen Hut ziehen!
    Selbst bin ich gerade in der glücklichsten Beziehung, die sich überhaupt jemand vorstellen kann – und das schon seit einigen Jahren. Intensiv, schnell und unglaublich richtig fühlt sich das von Anfang an, bis heute, an. Davor hatte ich alles durch mit Auf und Abs, wie sie verwirrender und chaotischer nicht sein hätten können. Aber ich habe mein ganzes bisheriges Leben lang gelebt und gliebt. Jeder auf seine Weise: schnell, langsam, laut leise, …. Es ist doch toll, sein Herz zu zeigen, Entscheidungen zu treffen, zu leben und zu lieben. Und das beste daran: Jeder kann für sich selbst definieren, wie seine/ihre „Mittelmäßigkeit“ aussieht in der „er [sie] ersaufen kann“. Ist das nicht schön?

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  7. Sarah

    Nike! Toll! Hab mich hier sehr wiedergefunden. Und fühl mich nicht mehr so strange gerade. Ha! DANKE!

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  8. Lena

    Machen, wenn´s sich gut anfühlt. Fertig. So einfach ist es. Es ist wirklich so: Man bereut die Dinge, die man nicht getan hat, weil man zu lange pro und contra und bums verglichen hat. Denn manche Dinge, Chancen, was auch immer… die warten nicht. Man bereut zwar manchmal hinterher auch Dinge, die sich gut angefühlt haben. Aber der Gedanke, dass es ja auch gut war, der tröstet mich immer. Der tröstet bei nem Job, der blöd endete oder bei einer Beziehung, die dann doch „nur“ 4 Monate cool war und dann zu etwas verkorkstem mutierte. Toll Nike, wie du dein Ding machst!

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  9. C.

    Liebe Nike, I feel you! Ich hatte nach einer schlimmen Trennung für manche dann doch relativ schnell auch einen neuen Partner. Hab ihn beim ersten Date gesehen und wusste BAAM – den heirate ich. Da dachten auch viele, das geht alles zu schnell, aber ich habe keine Sekunde gezweifelt, weil es sich so super angefühlt hat. Verheiratet sind wir nun, nach fast zwei Jahren, zwar noch nicht, aber nach wenigen Monaten Beziehung zusammengezogen und heute noch verliebter als am ersten Tag!

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