Kolumne // Altersvorsorge & Rente – zwischen Fatalismus und Panik

07.02.2019 Gesellschaft, Kolumne

Letztens war es mal wieder so weit. Meine Eltern waren zu Besuch in Berlin, mein Geburtstag stand kurz bevor. Gemütlich saßen wir in einem Restaurant bei mir um die Ecke, als mein Vater sagte: „Du solltest bei der Künstlersozialkasse dein Jahreseinkommen mal höher angeben. Dann gibt es am Ende mehr Rente!“. Ich war augenblicklich genervt und die Gnocchi in Tomatensauce schmeckten plötzlich nicht mehr so gut. Den Blick starr auf meinen Teller gerichtet stocherte ich im Essen herum, während mein Vater einen seiner kleinen, erbaulichen Vorträge zum Thema Rente hielt, die ich mittlerweile in- und auswendig kenne: Sorg jetzt vor, zahl ein, hast du denn mal nachgeguckt, wie viel Geld schon in deiner Lebensversicherung zusammengekommen ist. Immer begleitet vom Spruch: „Ihr werdet im Alter nicht mehr viel bekommen.“

Danke, Papa. Als ob ich das nicht selber wüsste. Meine Schwester lacht mittlerweile nur noch ungläubig, wenn mein Vater damit anfängt: „Papa, das wissen wir längst. Glaubst du ernsthaft, du verkündest uns was Neues?“ Mein Vater war Ingenieur, er kriegt eine sehr gute Rente, er macht sich Sorgen um die Töchter. Es ist nicht so, dass ich mir keine Sorgen mache, um meine Rente und mich – zumal als Freiberuflerin. Aber ich gehöre eben auch zu einer Generation, die nie auch nur die Aussicht auf eine gute Rente hatte. Das liegt an verschiedenen Faktoren, vor allem aber daran, dass das Umlagesystem – bei dem die Jungen die Alten finanzieren – auf lange Sicht nicht funktioniert. In Deutschland werden zu wenige Kinder geboren (woran vermutlich diese Feministinnen schuld sind), die Gesellschaft veraltet.

Zwischen Fatalismus und Panik

Es liegt aber auch am Wandel der Arbeitswelt. In meinem Freund*innenkreis haben die meisten Jahresverträge, werden für befristete Projekte eingestellt, sind immer mal wieder im Ausland unterwegs. Kurz gesagt: Die Erwerbsbiographie ist stückelig, die meisten Beschäftigungsverhältnisse sind alles andere als stabil – und gut bezahlt oft auch nicht. Schwer, unter solchen Bedingungen noch fürs Alter vorzusorgen. Wohlmeinende Menschen wie mein Vater reden gerne von ein paar Euro, die man im Monat doch wohl zur Seite legen und in die Rente investieren könne. Mich macht das wütend. Erstens sorge ich schon vor, monatlich, und in Form von Anlagen. Zweitens reicht das aber nicht aus, denn wie man auch vorsorgt, man macht es offensichtlich falsch. Ich kenne einige Leute, die „riestern“. Schon vor einiger Zeit stellte sich heraus: Bringt nichts. Na super.

Seit Jahren wird über die Rente mit 70 diskutiert, einfach weil allen klar ist, dass auch die Rente mit 67 nicht ausreicht, um einem Menschen den Lebensabend zu finanzieren. So tragisch finde ich das eigentlich nicht. Die heute 70-Jährigen sind die neuen 60-Jährigen oder sogar 50-Jährigen. Als mein Vater mit 65 in Rente gehen musste, war er traurig:

Er war körperlich fit, er mochte seinen Job, er war gut darin, er hätte gerne noch ein paar Jahre weitergearbeitet. Die Arbeitswelt verändert sich, sie wird flexibler, globalisierter, individualisierter. Warum sollte man nicht auch mit 70 noch arbeiten? Ich bin Journalistin und Autorin und kann mir nicht vorstellen, irgendwann nicht mehr zu schreiben. Wenn ich das meinem besorgten Vater sage, gibt der zu bedenken: „Du bist jetzt jung und gesund, du weißt nicht, ob das mit 70 immer noch so ist. Vielleicht kannst du im Alter einfach nicht mehr arbeiten.“

Die Generation, die nichts erwartet

Ich mag die Argumentation nicht, aber er hat Recht. Ich bin 31 und habe im letzten Jahr angefangen, mir ernsthaft Gedanken um meine Rente zu machen. Als ich das einer älteren – sprich: über 50-Jährigen – Bekannten erzählte, lachte sie: „Unfassbar, als ich in deinem Alter war, habe ich mich damit gar nicht beschäftigt.“ Diesen Luxus haben ich und viele andere meiner Generation und der darauffolgenden nicht. Ich schreibe das ganz nüchtern, ohne Vorwurf. Denn im Gegensatz zu anderen haben wir nie damit gerechnet, eine gute Rente zu bekommen. Wir sind die Generation, die nichts erwartet. Bei einigen meiner Freund*innen führt das zu einer fatalistischen „Mir doch egal“-Haltung: Wenn später eh nichts zu erwarten ist, warum sollte man sich jetzt mit dem ganzen Renten-Thema herumschlagen? Andere sind mit Anfang 30 schon im Panik-Modus und checken fieberhaft Anlagemöglichkeiten. Mir ist meine Rente nicht egal, ich kriege aber auch keine Schnappatmung, wenn ich an sie denke – zumindest noch nicht. Ich finde es auch okay, dass ich mich um meine Rente ein bisschen selber kümmern muss. Was ich aber nicht okay finde ist, dass die Politik sich für die Rente der heute Jungen so wenig interessiert.

Soeben hat Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) ein milliardenschweres Rentenkonzept vorgelegt: „Grundrente“ heißt es und soll vor allem eine Ungerechtigkeit beseitigen, nämlich, dass Menschen, die ein Leben lang gearbeitet aber nur so wenig verdient haben, dass sie im Alter auf Sozialhilfe angewiesen sind, genauso viel Geld bekommen wie Menschen, die nie Rentenbeiträge bezahlt haben (bisher ist es so, dass die gesetzliche Rente voll auf die Sozialhilfe angerechnet wird). Natürlich ist das himmelschreiend ungerecht und ich begrüße jede Initiative, die an diesem Zustand etwas ändern will. Trotzdem ist da dieser Gedanke in meinem Kopf: Wann fängt man in der Politik denn mal an, grundlegend über das jetzige Rentensystem nachzudenken? Wo bleiben Ansätze zu einer nachhaltigen, generationengerechten Rentenpolitik?

Keine magische Lösung

Zwar sorgt die SPD seit letztem Sommer mit der Forderung nach einer Rentengarantie – also die Stabilisierung des Rentenniveaus – bis 2040 für Ärger in der GroKo (man hatte sich eigentlich auf eine Garantie bis 2025 geeinigt), aber das war es dann auch mit dem Blick in die Zukunft. Die von Heil einberufene Rentenkommission soll sich Gedanken dazu machen und ihre Ergebnisse im nächsten Jahr präsentieren. Ehrlich gesagt erwarte ich von der Kommission nicht viel. Warum auch? Das Problem, dass unser Rentenmodell auf Dauer aufgrund des demographischen Wandels nicht mehr funktionieren wird, ist schon lange bekannt. Passiert ist trotzdem: nichts. Lieber verteilt man Rentengeschenke an die aktuelle Rentner*innen-Generation.

Es geht gar nicht darum, dass ich es den heutigen Rentner*innen nicht gönne. Und ich erwarte von der Politik auch keine magische Lösung, keine Versprechungen, die Renten jetzt und sofort zu erhöhen. Aber ich erwarte, dass die Dringlichkeit des Problems endlich erkannt und diskutiert wird. Dass grundlegend über das deutsche Rentensystem nachgedacht wird. Dass die Sorgen meiner Generation ernst genommen werden. Damit die Vorträge meines Vaters in Zukunft weniger werden. Ein bisschen zumindest.

Bild in der Collage: Ari Seth Cohen/Advanced Style & Rachel Comey

9 Kommentare

  1. Lisbeth

    Liebe Julia, i feel you. Vergangenen Sonntag durfte ich mir genau diesen Vortrag auch von meinem Vater anhören – zum wiederholten Male. Auslöser war, dass ich meine 5-Tage-Woche auf eine 4-Tage-Woche reduzieren möchte, ganz einfach um mein Masterstudium beenden zu können und mich insgesamt wohler zu fühlen. Anstatt sich mit mir darüber zu freuen, kam das Thema Rente auf den Tisch. Wenn ich zu bedenken gebe, dass mein Vater Netto mehr als doppelt so viel verdient wie das, was ich Brutto im sozialen Bereich erhalte, ist er der Meinung, ich hätte einfach nicht den richtigen Job. Leider vergisst er dabei, dass es solche Verträge, wie er oder auch dein Vater sie haben, heutzutage schlicht nicht mehr gibt.
    By the way: Über Anlagentipps würde ich mich sehr freuen 🙂

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  2. maja

    Liebe Julia,
    ein großes Danke für diesen und alle anderen Artikel von Dir auf „This is Jane Wayne“. Deine Themenauswahl und deren inhaltliche Ausarbeitung sind eine enorme Bereicherung für dieses Blog. Insbesondere, da sie den Blick auf die ansonsten oft stark vernachlässigten und ausgeblendeten Bereiche des Lebens (vor allem von Frauen > Altersarmut) lenken.
    maja

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  3. Hänna

    Liebe Julia, kennst du Madame Moneypenny? sie bloggt über Finanzen und ermutigt Frauen, diese selbst in die Hand zu nehmen! es gibt Podcast, Online-Kurs, e-book, Buch – alles was das Herz begehrt, um im Finanzdschungel, so wie er gerade ist, durchzusteigen und ein paar Dinge wie RENTE endlich mal in die eigene Hand zu nehmen.

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  4. Mila

    Ha, ha, Julia, ich bin jetzt scon über 15 Jahre freiberuflich im Literaturbetrieb tätig. Und das werde ich wohl so lange weiter tun müssen, bis irgendwann die gichtgeplagten Griffel keinen Stift mehr halten und keinen Mausklick mehr zustande bringen können. Das ist leider meine Lebensrealität, aber wie sagen meine Freunde immer: „Och, dafür darfst DU dich mit so schönen Dingen beschäftigen. Und so viel lesen!“ Na klar doch …

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  5. Flo

    YES! Danke dass du das Thema zur Sprache bringst, nicht nur Rente, sondern auch Finanzen generell. So wichtig und leider besonders bei Frauen oft sehr vernachlaessigt. Ich arbeite selbst in der Finanzbranche und kann total verstehen, dass die meisten Leute das sterbenslangweilig finden, aber ich merke trotzdem oft, dass es gerade meine Freundinnen sind, die vor dem Thema generell extrem zurueckschrecken. Wahrscheinlich weil wir einfach so konditioniert werden, und von Maennern viel automatischer erwartet wird, sich damit zu beschaeftigen. Meistens ist es auch nicht pures Desinteresse, sondern eher eine Angst vor dem Thema, das ziemlich ueberfordernd sein kann. Ich finde es auch generell ziemlich irrelevant darueber zu reden, wie es vielleicht mal fuer unsere Eltern war, denn fuer deren Eltern war es auch voellig anders und fuer unsere eigenen Kinder wird die Situation ebenso anders sein – dass es nicht viel bringt sich da selbst zu bemitleiden fuehrst du in deinem Artikel ja schon gut aus. Ebenso ist es wichtig, dass von politischer Seite mehr kommt, aber gleichzeitig ist es in den meisten Laendern der Welt ja auch so, dass die Rente vor allem Eigenverantwortung ist (ich sage nicht, dass das der Idealzustand ist, aber oft die Realitaet). Und ich weiss, dass die meisten Leute es schon oft gehoert haben / nicht hoeren moegen, aber zuruecklegen und anlegen so frueh wie moeglich und zur Not eben in kleinen Schritten ist super wichtig, und fuer mich u.a. auch ein feministisches Thema (ich hoere hier mal auf, damit mein Kommentar nicht zum Roman wird…).

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  6. Carolin

    Liebe Julia, super Artikel – mehr davon!! Nur mit einem Punkt stimme ich nicht ganz überein. Ich finde die Diskussion um die Rente mit 70 Menschenunwürdig. Sicherlich gibt es Leute (wie dein Vater), die gerne länger arbeiten würden. Das sollte möglich sein. ABER: Es gibt viele Berufe, bei denen schon die Rente mit 67 aum zu schaffen ist. Pflegepersonal in Krankenhäusern und Altenheimen, ÄrtzInnen, Menschen die in Fabriken arbeiten, oder auf dem Bau – die Liste ist lang. Viele dieser Menschen gehen spätestens mit 63 in „Frührente“ und bekommen dann nur einen Bruchteil ihrer Rente – obwohl sie ein Leben lang eingezahlt haben.
    Unser gesamtes System muss verändert werden, nicht die Menschen, die darin leben.
    Dennoch danke für deinen Artikel, wir müssen mehr über solche Themen sprechen!

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  7. Marion

    Liebe Julia, ich kann deine Gedanken nachvollziehen, muss aber sagen, daß die meisten Menschen unserer Republik der Meinungsmache der Politik Finanz- und Wirtschaftsbranche auf den Leim gehen. Ist ja auch kein Wunder, da es kaum noch neutral berichtende Medien gibt. Auch die Tagesschau oder andere Nachrichtensendungen sind da leider meistens keine Ausnahme.
    Zum Thema Rente gilt es da aber einige nicht so häufig öffentlich diskutierte Tatsachen zu beachten: 1. Das Thema demographischer Wandel wurde benutzt, um den Eindruck zu erwecken, die Zahl der arbeitsfähigen Menschen würde so schrumpfen, dass diese Menschen nicht mehr fähig wären, die Alten- und die Kindergeneration zu finanzieren, das Verhältnis von Arbeitsfähigen und Alten würde so verändert, dass dieser Effekt eintritt. Die Versicherungswirtschaft und die Banken konnten sich ausrechnen, dass sie bei einer Umstellung – auch bei einer Teilumstellung – der Altersvorsorge von der Gesetzlichen Rente zur Privatvorsorge einen Milliarden- Prämienzuwachs erreichen können. Zwei Dinge wurde uns jahrelang von (fast) allen Medien beigebracht: 1.Der demographische Wandel ist – neben der Globalisierung – die große Herausforderung: • Wir schrumpfen • Wir vergreisen. • Der Generationenvertrag trägt nicht mehr. 2. Jetzt hilft nur noch Privatvorsorge. Dazu wurde u.a. die Riesterrente eingeführt, die sich wie schon erwähnt nicht lohnt, da zwischen 10 und 25% Kosten für Provisionen, Verwaltung, usw. anfallen. Das geht ab vom angesparten Kapital! Der Betrieb der Gesetzlichen Rente erfordert hingegen nur etwa 1 Prozent der eingenommenen Beiträge. Der demographische Wandel und die damit verbundene Verschiebung in der Altersstruktur hat KEINE (!) dramatischen Folgen für die Fähigkeit, mit Hilfe zum Beispiel der Gesetzlichen Rente die Altersvorsorge zu gewährleisten. Der Generationenvertrag trägt auch unter veränderten Zahlenverhältnissen von Jung zu Alt. Die Steigerung der Produktivität unserer Volkswirtschaft ist so groß, dass die Verschiebung gut aufgefangen werden kann. Und noch eine Anmerkung zur optimalen Organisation der Altersvorsorge: Man müsste das Umlageverfahren erfinden, wenn es dieses nicht schon gäbe. Deshalb muss die Konsequenz heißen: Konzentration aller Mittel, auch der Fördermittel für die Privatvorsorge, auf die Gesetzliche Altersvorsorge. Ihre Leistungsfähigkeit muss wieder auf das frühere Niveau angehoben werden. Das ist eines der wichtigen Instrumente gegen die drohende Altersarmut. Eine weitere Maßnahme wäre z.B. alle Berufsgruppen, also auch Selbständige und Beamte in die gesetzliche Altersvorsorge einzubeziehen, wie es Österreich vormacht. Dort hat ein Durchschnittsrentner ca. 800 Euro mehr Rente als in Deutschland. Sorry der Beitrag ist etwas lang geworden, aber es stört mich, wenn die mediale Meinungsmache und Desinformation bei dermaßen vielen jungen Leuten verfängt.

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  8. Anna Lina

    Dankeschön für den Artikel!
    Es ist erst ein paar Jahre her, dass ich mich als 20-Jährige mit meinen besorgten Eltern und ihren Bedenken zu meinen (nicht-vorhandenen weil dann doch Studium) Rentenentgeltpunkten konfrontiert sah. Bei dem Gedanken, welches Studium ich wählen sollte, spielte tatsächlich dieses Nichts-Erwarten-Können eine große Rolle. Denn sie führte dazu, dass ich genau den Beruf suchen wollte und immer noch möchte, der mir wirklich Spaß macht. *Wir* werden vermutlich Arbeiten *müssen* bis wir umfallen. Umso wichtiger ist es, dass ich mich selbst um mich, meine Gesundheit, meine Versorgung später und um meine Interessen kümmere… jetzt schon, heute, hier. Ich setze da mittlerweile leider auf Selbstorganisation, statt auf Politik. Aber ob diese Strategie funktioniert, werde ich wohl erst in 50 Jahren herausfinden.

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