Digital Blackface // „Worauf muss ich eigentlich noch Acht geben?“

06.02.2019 Gesellschaft, box2

Was denn noch?, denkt sich der woke Internet User und verschränkt wütend die Arme vor der Brust. Blackfacing? Klar, dass hat man schon einmal gehört, ist irgendwie bekannt und im besten Falle abgespeichert. Aber genau das passiert in digitalisierter Form? Japs, und genau das hat sich eingeschlichen in unserem digitalem Gehabe – und das nicht erst seit Kurzem. Wer erinnert sich an den berühmten 2016 Bob-Marley-Filter von Snapchat? Ha! Und es geht noch subtiler, noch versteckter und zwar so, dass man es kaum entlarven kann, wenn mal wieder ein Fall von digital Blackfacing vorliegt.

Hauptbestandteil und Problematik zu gleich? Anonyme Sphären im World Wide Web sowie eine anders codierte Sprache. Was genau hat es mit dem Digital Blackface auf sich und ab wann lohnt sich ein kritisches Hinterfragen der eigenen Internet Gepflogenheiten?

Was heute bei Sternsingern und Karnevalist*innen hoch im Kurs steht, entstammt einem gängigen US-amerikanischen Theaterhabitus aus dem 19. Jahrhundert. In damals als Minstrel bekannten Kabarett-Aufführungen schminkten sich weiße Menschen dunkel, mimten Sklaven und Hausangestellte und gaben rassistische Stereotype zum Besten, indem sie die dargestellten Figuren stets dumm und unbedarft, aber fröhlich und zufrieden in ihrem einfachen und arbeitsreichen Leben zeigten. Im Theaterkontext erschaffen, lebt diese Form von rassistischer Stereotypisierung auf den Bühnen des 21. Jahrhunderts weiter. Wir erleben Blackfacing nicht nur in deutschen Theatern („Ich bin nicht Rappaport, 2012); auch im öffentlich Rechtlichen und aktuellen Dokumentationsformaten taucht Blackface auf (Günter Wallraff, „Schwarz auf Weiß“),

sodass von einer hinreichenden Sensibilisierung noch nicht die Rede sein kann. Allem obliegt die Tatsache, dass Ethhnizität nie ein Kostüm sein darf, ist es noch so wohlwollend gemeint. Wir reden hier über das An- und Ausziehen von mit Rassismus belegten Äußerlichkeiten und das Herabwürdigen tatsächlicher Rassimuserfahrungen – nur so zum Spaß.

Fangen wir im Kontext Digital Blackface an zu hinterfragen, was für positive und negative Konotationen Schwarze Menschen in unserem multimedialen Alltag ausgesetzt sind. Nehmen wir Urbanität und vermeintliche Internationalität. Stärke und Energie, gerade im feministischen Kontexten, zudem Emporerment und Sisterhood. Wir haben Gangster Images a lá Grand Theft Auto und Stereotype wie den „Funny Black Guy“ und den Quotenschwarzen. Das war aber noch nicht alles. Was bedeutet es nun, wenn sich weiße Menschen schwarzen Memes und GIFS bedienen? Ein Thema, was erst mal in Ordnung klingt, in unserer Internetsprache von Social Media bis Zeit Newsletter aber permanent stattfindet und reproduziert wird. Genutzt wird die Anonymität des Internets, um stereotypisch „Schwarzes Verhalten“ zu verkörpern. Das Embodyment im Kontext des Stereotyps der „Angry Black Woman“ zum Beispiel, um in einem Twitter Thread zu zeigen, etwas nicht mit sich machen zu lassen. Betroffen sind natürlich auch WhatsApp Chats und auch die Verwendung von gewissen GIFS in Instagram Storys macht davor nicht halt.

Heute können wir nach der Huffington Post drei Arten von Digital Blackface unterscheiden.

Zum einen die Aneignung „schwarzer Features“ in Selfie Anwendungen, wie dem 4/20 Bob Marley Snapchat Filter, der Usern eine dunklere Haut, breitere Nasenflügel und Dreadlocks verlieh. Dazu kommen außerdem gängige „Face-Swap“ Anwendungen, in denen Nutzer*innen die Gesichter von beliebten A Promis auf ihr eigenes schneidern können, somit leicht die Gesichtszüge und Hautfarbe von Jay-Z bis Nicki Minage verpasst bekommen.

Zweitens sind es Twitter „Mocking-Accounts“: Weiße Menschen nutzen hierbei Schwarze, ausgedachte oder reale Identitäten und verwenden hierbei eine stereotypisierte, als Schwarz empfundene Ausdrucksweise. Durch vergleichbare Profile werden regelmäßig Schwarze Initiativen oder Gruppierungen in sozialen Netzwerken gemockt.

Übrig bleibt die Praxis des digital Blackfacing durch die Nutzung gewisser Memes, in welchen Schwarze Menschen als Protagonist*innen im Mittelpunkt stehen. Problematisch ist hierbei vor allem, dass die Macher*innen Stereotype, Schwarze Ausdrucksweisen und Attitüden nutzen, um Lacher zu generieren, somit Schwarze Stereotypen reproduzieren und das Internet-Ich für das Gegenüber auf einmal die Schwarze Frau mit dem erhobenen Zeigefinger ist. Wichtig ist hier natürlich wieder zwischen „Selbst- und Fremdbezeichnung“ zu unterscheiden, sprich: Klar herauszuarbeiten, warum es etwas anderes ist, wenn ich besagte Memes benutze oder mein weißer Freund es tut.

Eine Sensibilisierung und ein rassismuskritischer Blick sind nicht nur wichtig, um eigenes und fremdes Fehlverhalten zu entlarven, sie schützen auch unsere Mitmenschen vor rassistischen Denkweisen und stereotypischen Weltanschauungen. Vor allem für Menschen, die sich viel in digitalen Räumen bewegen, ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Nutzung- und Rezeptionsverhalten wichtig. Memes, Apps & Co. sind transmediale Trends, die sich von Instagram in unser Jetzt schleichen, die auf Twitter entstehen, aber Bestandteil echter Konversationen werden und unsere Wirklichkeit bestimmen. Warum benutze ich das Meme? Warum ist es lustig? Auf welchem Mythos, Habitus oder Fun Fact baut es auf? Das Ergebnis: Das, was eigentlich als banaler Spaß erscheinen sollte, ist plötzlich so viel mehr als das.

Das Wahnsinnige an rassistischen Strukturen? Hat man sie einmal geknackt und als solche identifiziert, laufen sie uns überall über den Weg laufen. Ähnlich wie uns täglicher Sexismus bei Frauen begegnet. Aber das ist nur der Anfang, denn es gibt kaum noch Situationen, kaum Literatur , keine Werbung noch Nachrichten, in denen uns die genannten Ismen nicht begegnen. Und dann lohnt es sich, noch einmal extra darauf zu achten, eine extra Gedankenrunde zu drehen, bevor wir platt reproduzieren, drüber lachen und mitmachen. Puh, ganz schön spaßbefreit und mühselig, oder? Aber lasst euch eines sagen: Den Betroffenen kostet der Diskurs am Ende immer noch am meisten Kraft.

8 Kommentare

  1. Sara

    Hi Fabienne, danke für diesen interessanten Artikel. In der Tat höre ich von „Blackfacing“ das erste Mal. Deine Argumentation kann ich absolut nachvollziehen (vor allem echt erschreckend, wie unterschwellig und getarnt Rassismus sein kann), wieder was gelernt, danke dafür!

    Trotzdem habe ich noch eine Frage, denn eine Sache erschließt sich mir noch nicht ganz: Nehmen wir das Bild von Michael Jackson als Beispiel, wie er Popcorn isst. Was ist daran Blackfacing? Dieses Meme würde ich z.B. nehmen, wenn ich unterstreichen will, dass ich etwas super spannend finde – so spannend, dass ich mir „am liebsten Popcorn und nen Stuhl holen will, um zuzusehen“. Dabei spielt es doch m.E. keine Rolle welche Hautfarbe die abgebildte Person hat. Oder?

    Liebe Grüße
    Sara

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    1. Laura

      Es geht ja nicht darum Content komplett zu meiden, in dem eine andere Hautfarbe, als die eigene vorkommt. Das würde ja wohl das Gegenteil bezwecken oder? Es kommt ganz auf den Kontext an! Nach näherem auseinandersetzen mit der Thematik, kommt es dann darauf an, für sich selbst einzuordnen, ob der Kontext, in dem ich das Bild, die Projektion oder das Meme verwende angemessen ist! Die Zeit sollten wir uns alle nehmen 🙂

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  2. Rosa

    Ich finde es auch erschreckend, wieviele „Weiße“ versuchen beim Tanzen Schwarze Moves nachzuahmen.
    Überhaupt ist es zu hinterfragen, ob ein weißes Publikum bei einem Konzert von Schwarzer Musik (Blues, Jazz, Rock, Reaggie, usw.) nicht auch eine Form des Blackfacing ist. Mich regt sowas extrem auf, ich würde am liebsten alle Weißen aus den Clubs und Konzerthallen schmeißen. Diese Rassisten sollen ihre eigene Musik konsumieren!

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    1. Jens Brodhan

      Ich habe noch nie so viel gesammelten Blödsinn auf einem Haufen gelesen. Oh, ist das jetzt schon per se Rassismus oder Diskriminierung, wenn mir die Meinung einer Dunkelhäutigen nicht gefällt? Mir egal, ich gehe jetzt trotzdem auf den ganzen Unsinn ein, den du da von dir gibst.

      1. Rassistisches Blackfacing liegt nur dann vor, wenn sich Weiße als Schwarze verkleiden, um sie lächerlich zu machen oder um sie herabzuwürdigen. Wer am Fasching als Mohr geht, betreibt kein Blackfacing, sondern schlüpft in eine Rolle, die ihm gefällt. Ende!
      2. Es macht keinen Unterschied, ob ein schwarzer oder ein weißer Mensch das Bild eines Schwarzen postet. Alles andere (ein Schwarzer darf, ein Weißer nicht) wäre nämlich genau das, was Diskriminierung ausmacht: Mensch darf etwas nicht, wegen seiner Herkunft, wegen seines Aussehens, seiner Kultur. Hier läge also Rassismus gegen Weiße vor.
      3. Das Michael Jackson Meme ist der absolute Gipfel an verlogener und an den Haaren herbeigezogener Scheinargumentation – ich könnte kotzen über so viel Dummheit oder Böswilligkeit – denn eins von beidem muss hier vorliegen. Im Mittelpunkt steht hier nicht die schwarze Person, sondern der Vorgang des Popcornessens. Etwas anderes in das Meme hineinzudeuten, ist entweder absolut böswillig oder aber einfach nur paranoid.
      4. Es herrscht heute weitestgehend Konsens darüber, dass Menschen ihr Geschlecht selber wählen dürfen und nicht in dem Geschlecht gefangen bleiben müssen, das ihnen die Natur zugedacht hat. Und was für das Geschlecht gilt, soll für die Hautfarbe nicht gelten? Jeder Mensch hat das verfluchte und verbriefte Recht, sich die Hautfarbe zu wählen, die ihm persönlich gefällt.

      Ich empfinde dich und deine Meinung als unerträglich. Nicht, weil du dunkelhäutig bist. Sondern weil du diese Dunkelhäutigkeit als moralische Waffe einsetzt, um andere Menschen zu bevormunden und einzuschränken. Streng genommen bist also su die diskriminierende Rassistin. Und deshalb, und nur deshalb, finde ich dich scheiße.

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      1. Fabienne Sand Artikelautor

        Geht das auch in differenziert? Geht das auch als tatsächliche und fundierte Kritik? Was ist das immer, dass „kritische“ Kommentare zu entsprechenden Kontexten immer vollkommen dran vobei sind – im Umgangston aber auch in dem was tatsächlich kommuniziert wird? Lese ich nicht zum ersten Mal. Wenn du etwas nicht verstehst, etwas zu komplex ist für dich dann google doch mal das Wort „Rassismus“, beschäftige dich mit Literatur, anderen entsprechenden Medien. Dann können wir uns noch einmal unterhalten. Ah mistvergessen. Du findest mich so unerträglich dass du in deinem wutentbrannten Kommentar bestimmt 10 Minuten deiner Lebenszeit verschwendet hast. Tut mir leid.

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  3. Fabian

    Entschuldigung, aber im Grunde bin ich der Meinung von Jens, auch wenn es vielleicht etwas sehr radikal ausgedrückt ist, aber ich versteh auch nicht, warum ich heutzutage bei allem was ich tue und lasse darauf achten muss, dass ich auch ja niemanden persönlich verletze.
    Dass es rassistisch ist, sich schwarz zu schminken und sich dann absichtlich stereotypisch zu benehmen, wie es laut dir damals im Theater war, leuchtet mir ja vollkommen ein, aber warum kann ich mich nicht grundsätzlich verkleiden als was ich will?
    Wäre es besser, wenn ich mich als weißer Bob Marly verkleiden würde, oder darf ich mich gar nicht als schwarze Person verkleiden?
    Und entschuldige, aber dieses eine Kommentar, dass Weiße nicht auf Konzerte von ursprünglich schwarzer Musik gehen sollen war doch wohl ironisch gemeint, oder?
    Ich muss mir also Soul im Stillen zu Hause anhören, weil ich ja nicht auf ein Konzert mit “Schwarzer Musik“ gehen darf ohne ein Rassist zu sein?
    Dürfen Schwarze sich dann auch nicht als Weiße verkleiden und weiße Bilder in Memes benutzen, wo es “weiße“ Stereotypen abbilden könnte, oder passt das schon, weil das sind ja nur Weiße. Es wird leider heutzutage häufig davon ausgegangen, dass sich Rassismus nur gegen Nicht-Weiße richten kann, weil Weiße haben ja keine Gefühle.
    Man darf Memes über Almans machen und wie Erdogan Deutsche als Nazis beschimpfen, aber wenn ich in nem Bild Bob Marly verwende bin ich der Rassist?
    Niemand hat jemals daran gedacht, dass das Meme “Woman screaming at cat“ rassistisch gegen Weiße sein könnte, so gut wie gar keine Leute bedenken, dass es möglicherweise auch sexistisch und benachteiligend gegenüber Männern sein kann, wenn man sich über mich lustig macht, weil ich nicht ohne Hilfe ein Loch bohren kann, man denkt sogar eher: “Warum macht man sich nicht über meine Schwester lustig, weil sie kein Loch bohren kann, sicher nur weil davon augegangen wird, dass eine Frau das nicht können muss.“
    Versteh mich nicht falsch, es gibt natürlich Bereiche in denen eindeutig Frauen oder Schwarze benachteiligt werden, aber es ist kein Ausweg bei jedem kleinsten Wehwehchen auf die Tränendrüse zu drücken, und weiße Männer zu verteufeln.

    Es ist schon fast kurios sich die ganze Sache mal durchzudenken, von allen Seiten wird mir eingeredet, dass ich als weißer Jugendlicher ja so viel mehr soziale Privilegien als Frauen und Schwarze habe, jedoch lese ich an jeder Ecke des Internets, was speziell ich als Weißer nicht tun darf ohne ein Rassist oder Sexist zu sein, auch wenn meine einzige Intention war eine Person in einem Meme zu verwenden ohne dabei darauf geachtet zu haben, welche Hautfarbe diese Person besitzt. Ist dies nicht eigentlich die reinste Form der Gleichberechtigung, wenn ich ein Bild einer Person verwende und dabei überhaupt nicht aktiv wahrgenommen und darüber nachgedacht habe, dass die Person eine andere Hautfarbe oder ein anderes Geschlecht als ich besitzt?

    Ich sage nochmal ehrlich dazu, dass alles andere als ein Rassist bin und Sexismus zu tiefst verabscheue, und dies ist kein, “Ich hab zwar nichts gegen Schwule, aber…“-Fall.
    Es kann auch sehr gut sein, dass ich dich einfach nicht richtig verstanden habe, und es ist auch sehr wahrscheinlich, dass meine Meinung die “falsche“ ist, aber bitte versuche alle meine Aussagen so zu verstehen, wie ich sie gemeint habe, durchdenke sie nochmal für dich, und schreibe mir dann deine Meinung, oder die Dinge, die ich nicht richtig verstanden habe, bzw. falsch gemacht habe usw.

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