Kolumne // Alles auf Anfang: Warum mein Kleiderschrank & ich in einer Krise stecken

19.03.2019 Mode, Kolumne
Ab sofort widmen wir uns hier auf Jane Wayne jeden Monat einem ganz bestimmten Thema, das auf verschiedenste Art und Weise aufgearbeitet wird. Und passenderweise starten wir unsere neue Rubrik heute zum Thema „Neuanfang„:

Rückblick. Es ist Ende Februar, ich stehe vor meiner Kleiderschrankhälfte, den Blick auf das chaotische Treiben vor mir gerichtet. An hölzernen Kleiderbügeln hängen etwa sechs Blusen, zwei davon habe ich seit über einem Jahr nicht mehr getragen – ich glaube ja, dass sie mich vorwurfsvoll anschauen und ehrlicherweise könnte ich es verstehen. Als Entschädigung möchte ich sie heute in gute Hände abgeben, für den Ruhestand sind sie nämlich noch zu schade. Mein plötzlicher Mut zur Trennung hat übrigens einen ganz triftigen Grund, mein Freund und ich stehen nämlich kurz vor dem Umzug nach Berlin. Und weil wir all die Dinge, die sich in den vergangenen drei Jahren in unserer Darmstädter Wohnung angesammelt haben, ganz ohne Umzugsunternehmen in die Hauptstadt verfrachten müssen, versuche ich auf den letzten Metern radikal auszumisten.

 

Entschlossen greife ich den ersten Stapel an Hosen und T-Shirts und schleppe ihn ins Wohnzimmer, wo ich alles erst mal auf das ausgeklappte Sofa werfe. Es folgen weitere, kleinere Stapel, bis nicht nur meine Kleiderschrankhälfte, sondern auch mein Teil der Kommode leer geräumt ist. Als ich da so vor meinem Klamottenhaufen stehe, beschleicht mich ein merkwürdiges Gefühl von Scham. Dass ich so viele Kleidungsstücke besitze, die das Tageslicht seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gesehen haben, habe ich entweder erfolgreich verdrängt oder tatsächlich vergessen – zugegeben, beides ist nicht gerade lobenswert. Nach einem letzten Prokrastinationskaffee setze ich mich in die kleine freie Ecke auf dem Sofa, denke an all die Tipps, die ich jemals zum Thema Ausmisten bekommen habe, und lege los: Durch meine Hände wandert meine modische Vergangenheit der vergangenen zehn Jahre, eine Ansammlung an Peinlichkeiten, längst vergangener Trends und Stücken, die ich wahnsinnig gerne mag.

Es ist fast ein bisschen so, als würde ich all meine Phasen noch einmal durchleben, während ich ein Kleidungsstück nach dem anderen betrachte. Da ist etwa der schwarze Filzhut mit der breiten Krempe, mit dem ich mich 2014 aus Angst vor doofen Blicken kaum aus dem Haus gewagt habe. Oder aber das weiße Sommerkleidchen mit Lochstickerei, das nie auch nur einen Sonnenstrahl gesehen hat, weil es mir einfach immer ein bisschen zu kurz war, selbst für den Urlaub. Der Reihe nach landen Kleidungsstücke auf einem der beiden Stapel, die ich entweder spenden oder verkaufen werde – irgendwie ist das Gefühl befreiend, aber auch ganz schön beängstigend, denn mit einem Mal wird mir nicht nur bewusst, dass mein Kaufverhalten katastrophal war, sondern auch, dass ich so gar keine Ahnung habe, wer ich – zumindest in modischer Hinsicht – überhaupt bin.

 

Okay, es war natürlich nicht immer so, dass ich wahnsinnig überzeugt davon war, einen großartigen, ganz zu schweigen denn einen individuellen Stil zu haben. Dass mich das Ausmisten meines Kleiderschranks aber so sehr in eine Identitätskrise stürzen würde, damit habe ich allerdings auch nicht gerechnet. In den vergangenen Jahren bin ich in kleinere Rollen geschlüpft, die keine Variationen zugelassen haben: Mal war ich die, die nur niedliche Kleider und Röcke getragen hat, mal habe ich mich als Boho-Girl à la Byron Bay versucht und dann gab es da auch noch den Moment, in dem ich nichts anderes als weite Hosen, Bandshirts und Lederjacke getragen habe. Natürlich ist es nicht so, dass mit all diesen Stilen etwas falsch ist, ganz im Gegenteil, sie sind wunderbar. Allerdings haben sie nie mich, sondern vielmehr die Personen, die ich gerade bewundert habe, widergespiegelt. Für mich waren es Verkleidungen, um möglichst nicht für meinen Geschmack oder gar meine eigene Person kritisiert werden zu können.

Jetzt also gilt es, mich selbst in der Mode zu finden, eine Art Neustart zu wagen und wirklich einmal darauf zu hören, was mein Herz höher schlagen lässt. Und zwar, ganz ohne Angst davor, was andere Menschen denken oder sagen könnten, wie sie schauen oder nicht schauen könnten. Ich beäuge den stark geschrumpften Stapel, der mittlerweile aus sechs Stoffhosen, zwei Jeans, zehn Blusen, drei Kleidern, zwei Röcken und ein paar verirrten T-Shirts besteht – hieraus werde ich künftig also meine Outfits zusammenbasteln. Es ist mein Grundstock an Dingen, den ich behutsam ausweiten werde. Und für die Zukunft? Ja, da habe ich mir vorgenommen, mir Zeit zu lassen, meinen Kleiderschrank in Ruhe zu füllen, und zwar nur mit jenen Dingen, die ich richtig gut finde und die so passen, dass nirgends etwas kneift, scheuert oder ungewollt schlabbert. Keine schlechten Alternativen für zu teure Traumstücke, keine undurchdachten Kompromisse mehr. Denn, so ehrlich muss ich sein, tragen würde ich sie dann ohnehin nur für die fünf Minuten, die ich vor dem heimischen Spiegel posiere – und dafür ist wohl jedes Kleidungsstück zu schade.

 

10 Kommentare

  1. Franzi

    So ein toller Artikel.
    Und als Berlinerin kann ich dir sagen, dass man hier quasi von niemandem irgendwie komisch angeguckt wird, egal was man trägt. Selbst ein Hasenkostüm in der U-Bahn fällt nicht auf. Wenn man also irgendwo entspannt seinen Stil finden will und dabei vielleicht auch mal kräftig daneben greift, dann hier 😉

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  2. Olivia

    Ha, schade, dass wir uns hier in Deutschland irgendwie doch immer nur an Amerika orientieren… Ich finde manrepeller auch toll, aber eigene originelle Ideen würden euch finde ich interessanter machen, die Themenmonate hat doch mittlerweile jeder zweite Blog kopiert.

    Davon abgesehen, Julia, ich freue mich mehr von dir zu lesen!! :))

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  3. Cora

    Als Darmstädterin verstehe ich den Impuls,nicht auffallen zu wollen,sehr sehr gut!Hier ist ein Hut immerhin schon ein modischer Aufschrei 😉
    Ich wünsch dir viel Glück und eine wunderbare Zukunft in Berlin ❤
    Liebste Grüße aus der alten Heimat

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    1. Julia Carevic Artikelautor

      Danke, liebe Cora! Leider ist es wirklich so, ein bisschen ärgere ich mich aber auch über mich selbst und meinen fehlenden Mut. Zumindest kann ich jetzt daran arbeiten 🙂 Liebste Grüße zurück nach Darmstadt!

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  4. Claudia Maria

    Super Artikel. Mir geht es aktuell genauso. „…Allerdings haben sie nie mich, sondern vielmehr die Personen, die ich gerade bewundert habe, widergespiegelt…“ Oh Gott, genau das ist es! Ich freue mich schon auf deine Artikel 🙂

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