Kolumne // Verlieben – was mit 30 anders ist, als mit 20.

29.05.2019 Leben, Kolumne

Ich bin jetzt ungefähr ganz grob geschätzt ein volles Jahr mit meinem Freund zusammen und während ich das schreibe, wird mir auch schon ganz anders. Keine Ahnung, ob man mit nicht mehr 20 plötzlich eher davon spricht, „in einer Beziehung“ zu sein, weil „mein Freund“ so sehr nach Besitz und auch irgendwie falsch klingt, ich meine „Freunde“, davon hat Mensch ja hoffentlich viele. Aber nochmal kurz zurück zum Jubiläum, also zum exakten Datum des ersten Tages in offizieller Zweisamkeit – sowas gibt es ja im Grunde gar nicht, in dieser Erwachsenenwelt, man kann bloß schätzen, pi mal Daumen. Es schiebt ja keiner mehr Zettel zum Ankreuzen rüber und wenn doch, dann ist das entweder schwer beschämend oder sau entzückend und immer die sowieso mutige Ausnahme.

Ich weiß jedenfalls noch, wie kacke ich das Fischen im Ungewissen fand, diese Abwesenheit von Definitionen, über Wochen und Wochen und noch mehr Wochen. Dabei gilt es ja längst nicht mehr als zeitgemäß, ständig darüber informiert sein zu wollen, in welcher Phase der Balz man sich gerade befindet. Freiheit ist nunmal das Gegenteil von Druck, für viele. Und was groß werden will, braucht  Zeit zum Wachsen. Vielleicht bin ich in dieser Hinsicht also tatsächlich sehr unmodern. Weil ich inzwischen doch der Meinung bin, dass Nähe nunmal Nähe schafft und viel reden viel hilft. Vielleicht hätte ich das besser mal gesagt irgendwann und auch gemacht – zumindest wäre es mir dann erspart geblieben, alle paar Tage über das Gehen nachzudenken, mal aus Sorge vor dem Schwinden von Unabhängigkeit und all der Zeit für mich allein, und mal, weil ich das Bleiben zuweilen als überaus anstrengend empfand, sogar körperlich, bis in die Fußspitzen schoss mir der Haselnschnussschnaps, den ich gefühlt literweise trank, um das Verknalltsein durchzustehen  – wegen der permanenten Aufregung und dem Herzrasen und dem ganzen Deuten von Gesten und Sätzen, ganz so, als hätte ich gerade erst einen Zettel mit der Antwort „vielleicht“ ins Federmäppchen gesteckt bekommen.

Habe ich aber nicht. Beides nicht. Weder gab es ein vielleicht, noch habe ich während der ersten Monate je überhaupt gefragt, ob wir nun was Festes sind. Weil ich einerseits ja sehr locker und unbeeindruckt und schwer zu verletzten wirken und auch wirklich sein wollte. Und andererseits den sicheren Zustand der völligen Ahnungslosigkeit jeder potenziellen Enttäuschung vorzog. Dilemma statt Drama. Immerhin. 

Schön, dieser gehassliebte Schutzmechanismus, der dem Älterwerden am Arsch klebt wie der Tod. Denn das, was Ü30-Beziehungen wohl am meisten von allen vorangegangenen unterscheidet, ist doch der gewaltige, mit Scheiße garnierte Erfahrungsschatz, auf den, dem Leben sei dank, plötzlich beide Beteiligten einer Verliebtschaft immer wieder zurückgreifen – ob sie das nun gut finden oder nicht.  Man interpretiert, hinterfragt und verzweifelt vielleicht sogar an der Erkenntnis, dass der andere eigentlich sehr sauber tickt und macht sich trotzdem weiter Sorgen. Weil die Vergangenheit so schrecklich gern mit ihren Tentakeln ins Jetzt rüber patscht – um ein bisschen Unruhe zu stiften. Mit freundlichen Grüßen vom Trauma. Widerstand zwecklos. Verzeihen ist halt schwer und Vergessen irgendwann unmöglich.

Es ist beinahe so, als markiere das Kennenlernen eines anderen erwachsenen Menschen den Beginn des langsamen Sterbens der Leichtfüßigkeit. Zumindest am Anfang. Das behaupte ich jetzt einfach mal, weil ich es kaum anders kenne, nicht von mir und nicht von meinen Freundinnen. Ich sage nicht, dass der Anfang nicht schön ist. Das ist er sogar sehr, hoch Hundert, sonst würde ihn ja niemand überstehen, viel zu anstrengend. Aber er ist auch: verwirrend und neu und angsteinflößend. Wegen der persönlichen Päckchen, die alle mit sich herum tragen und die dann irgendwie zusammen getragen oder ausgepackt werden müssen, gemeinsam. Wegen all der Vorstellungen und Wünsche und Ziele, die irgendwann in jedem von uns gekeimt sind und sich nur schwer entwurzeln lassen. Weshalb sie lieber zusammenpassen sollten, jedenfalls halbwegs. Aber auch wegen der Angst, es doch noch zu vermasseln. Oder schon wieder.

Mit 20 habe ich zum Beispiel so gut wie nie an ein Ende gedacht. Nicht an Schlimmes, nicht an Blödes, nicht an Verletzungen, die je tiefer gegangen wären als eine richtig blöde Kuh. Vielleicht, weil ich im Grunde auch überhaupt nicht an ein „für immer“ geglaubt habe. Mit 31 ist es plötzlich anders herum: Ich glaube an ein „für immer“. Und denke trotzdem hin und wieder an ein Ende. Weil es so schade wäre. Noch schaderer als je zuvor eben. 

Das auszusprechen fällt mir trotzdem schwer, auch nach zwölf Monaten noch. Obwohl es nie besser war. Was ja eigentlich großartig ist. Aber auch krass. Man könnte fast meinen, ich hätte sowas noch nie gemacht. Und vielleicht stimmt das auch. Nicht so jedenfalls. Statt alles aus- und anzusprechen, gebe ich den Dingen plötzlich Zeit, weil davon im besten Fall sowieso noch so viel übrig ist. Und hinterfrage im Zweifel auch mal mich statt nur mein Gegenüber, wegen der Päckchen, von denen ich selbst so viele gesammelt habe. Ich dachte zum Beispiel immer, alles an- und auszusprechen sei der allgemein gültige Schlüssel zu mehr Tiefgang und dem großen Glück. Heute weiß ich, dass das nicht immer stimmen muss. Weil ich manchmal spinne. Und wegen allem in der Vergangenheit Erlebten hin und wieder Dinge erdenke, die wenig mit der Realität, aber umso mehr mit meinem eigenem Hirn zu tun haben. Die Liebe bleibt nämlich, daran ist zunächst nicht zu rütteln, die letzte Bastion meiner Unsicherheit, die Brutstätte meiner natürlichen Panik sozusagen. Weil sie uns so nackig macht, so angreifbar und trotzdem so unendlich vergnügt.

Vor einem Jahr habe ich zum ersten Mal mit dem Menschen, den ich heute liebe, in der Sonne gesessen, beschwipst, vor lauter Aufregung. Viel hat sich seither nicht geändert. Nur klüger bin ich vielleicht geworden: Ich weiß inzwischen ganz sicher, dass ich längst nicht mehr lernen muss, wie man eine gesunde Beziehung führt. Aber jede Menge verlernen, das muss ich dafür umso mehr. 

9 Kommentare

  1. Irène

    Rückblickend kann ich sagen, dass die 30er manchen vor lauter Beziehung sich selbst vergessen lassen. Ich hätte selbst nie für möglich gehalten, dass es in den 40ern noch einmal völlig anders werden kann, wenn man nicht mehr von Beziehung zu Beziehung geht, sondern Zeit mit sich und wichtigen fast verschwundenen Menschen verbringt, die man während Beziehungen oft vernachlässigt. Wie der Geist der eigenen Person wieder freigelegt wird und man nicht mehr das Leben eines anderen ‚mitlebt‘, sondern wirklich sein eigenes. Vielleicht setzt dieser Prozess bei anderen schon früher ein. Bei mir ist es jetzt erst so richtig merkbar. Romantische Beziehungen sind schön, wenn es gut läuft. Aber die Erkenntnis, dass man als Person doch ein wenig (oder auch mehr) verwässert und wenn man allzu kompromissbereit ist auch viel wichtiges vergessen oder verlieren kann, ist für mich noch viel krasser und erhellender gewesen. Das dauert und das ist auch erstmal ungewohnt, aber wirklich schön.

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    1. Flo

      Yes! So ein smarter Kommentar. Manchmal schaue ich so um mich rum und frage mich, warum es eigentlich immer noch meistens die Frauen sind, die sich um das Leben des Partners herumbiegen wie eine faule Banane und die meisten Maenner, die ich kenne, nie auf die Idee kaemen, das in aehnlichem Ausmass zu tun (das reicht von Freundeskreisen bis zu meinem Lieblingsthema, dem beim Heiraten den Namen des Partners Annehmen weil man zwar super modern ist, es ihn ja ganz eventuell aber andersrum trotzdem pikieren koennte).

      Etwas von Thema ab, aber deinen Artikel habe ich auch sehr gern gelesen Nike 🙂 Ich wabere auch da irgendwo bei der 30 herum und heirate dieses Jahr meinen „Freund seit immer‘ – auf der anderen Seite der Medaille traegt man zwar weniger Paeckchen aus vorhergegangenen Beziehungen, macht sich manchmal aber auch genauso sehr quatschige Gedanken (ist dir langweilig? ist mir langweilig? haette ich mehr ausprobieren sollen? willst du insgeheim mehr ausprobieren? usw). Ich stimme dir voellig zu, dass in einer Beziehung nicht immer alles sofort an- und durchgesprochen werden muss, und dass es einem manchmal besser tut, einfach ein bisschen alleine in seinen Gedanken zu baden bis die Laune sich aendert und sie dann oft ploetzlich gar nicht mehr so relevant erscheinen (wenn doch, dann sollte man natuerlich drueber sprechen).

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  2. Samira

    Hach, bin auch 31 und kann mich in dem Geschriebenen sehr sehr gut wiederfinden!
    Nur eine kleine verwirrte Frage (als eigentlich aufmerksame Leserin) – seid ihr gar nicht mehr verlobt? Oder vertüdel ich das?

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    1. Nike Jane Artikelautor

      Liebste Samira, ich muss so laut lachen. Du vertüddelst da nur was, weil ich immer so vertüddelt gewesen bin, in Liebessachen. Das, wovon du da sprichst, ist ein alter Hut – und da sieht man mal, wie schnell außerdem die Zeit vergeht <3

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          1. Nina

            kurzes ü spräche ja für doppel d, also vertüddeln. Und Nähe schafft Nähe und reden hilft auch IMMER, wenn es konstruktiv bleibt. 😉

            Liebste Grüße

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