Das „Wie gelange ich in 6 Wochen zum Beach Body“-Problem.

10.07.2019 Beauty, Feminismus, Kolumne

Mitte Juni, ein heißer Tag in Berlin, eine dunkle Umkleidekabine und mittendrin wir: Meine langjährige Freundin und ich, um genau zu sein. Wir brauchen beide dringend einen neuen Bikini. Ganz abgesehen davon, dass wir nach völlig unterschiedlichen Modellen suchen, sind wir uns in einer Sache ziemlich einig: Früher war alles besser! Und so stehen wir schließlich in allen erdenklichen neuen Bikinioptionen in der Umkleidekabine und schimpfen was das Zeug hält. „Boah, schau mal“, sage ich, „was ist das denn hier?!“ Und packe mir seitlich an den Bauch, genau dahin, wo die Bikinihose aufhört und leicht einschneidet. „Sowas hatte ich vor fünf Jahren noch nicht!“. Meine Freundin antwortet mit einem verächtlichen Schnauben. „Ach das ist doch gar nichts! Schau dir mal meine Dellen am Po an.“ Dabei reckt sie ihren Allerwertesten so nah wie nur möglich dem Spiegel entgegen. So geht es einige Zeit hin und her. Bis wir anfangen zu lachen, halb beschämt, weil wir uns als Feministinnen bezeichnen und trotzdem sooft schwach werden. Warum gehen wir mit uns selbst eigentlich so hart ins Gericht und zwar ganz egal, in welchem Körper wir stecken? Und noch ein Gedanke, der mich in dieser Situation quält: Was, wenn uns jemand gehört hat und anschließend zwei schlanke Frauen aus der Umkleidekabine laufen sieht? Nicht nur peinlich, denke ich. Auch bedenklich ist das. Aber eben auch Alltag. 

 
 
 
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Die Wahrheit ist nämlich wohl die, dass wir alle, egal wie wir nun aussehen, Selbstzweifel haben, oder? Ich zum Beispiel entdecke hin und wieder Problemzonen an meinem Körper, die ich bei anderen Menschen im Traum nie als solche bezeichnen würde. Ich bin meine eigene, schärfste Richterin und Verurteilte unentwegt. Dabei habe ich mich eigentlich doch schon vor langer Zeit von  all diesen Abziehbild-Idealen gelöst. Das Frauenbild befindet sich zum Glück im Wandel und ich bin die erste, die laut Body Positivity, oder besser: Neutralism! feiern möchte und Diversität für das Wichtigste hält. Maße wie 90-60-90 gehören für mich zwar dazu (alle Körper, alle Formen, alle Farben!), aber als ultimatives Ideal nunmal vor allem in die 90er Jahre hinein. Sie erinnern mich an Pamela Anderson und Baywatch, da kann ich dann mal staunen und mal lachen, haben aber rein gar nichts mit meiner eigenen Realität zu tun. Was wir gern vergessen: Vielleicht hatte ja sogar Pam Selbstzweifel, als sie sich damals in ihrem knappen, roten Badeanzug vor der Kamera räkeln musste. Möglicherweise stand auch sie in ihrer Umkleidekabine am Set herum und bemerkte all die kleinen, vermeintlichen Fehler an ihrem Körper, die bis heute niemand anderes sehen kann. Weil die Fehler offenbar in unseren Köpfen stecken – und nicht an unseren Körpern hängen.

 
 
 
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Ich mag ganz ehrlich jede Körperform, freue mich über Facettenreichtum am Strand und trotz meiner Adleraugen sehe ich kaum Cellulite, Dehnungsstreifen oder Fettpölsterchen bei anderen. Obwohl, nein. Ich sehe all das in Wahrheit überall! Wohin ich auch blicke. Nur stört es mich nicht. Ich übersehe die vermeintlichen Makel, weil sie bei anderen genau das eben nicht nicht sind: Makelig. Sondern liebenswert. Nur bei mir selbst, da übersehe ich nichts. Keine Falte, keinen Dehnungsstreifen, kein Röllchen und auch keine Delle. Früher wäre das für mich ein großes Thema gewesen, ich hätte jeden Zentimeter mit einer imaginären Lupe inspiziert und mich sicher schlecht gefühlt. Jetzt rege ich mich kurz auf, dann lache ich über mich selbst und reiße mich schnell zusammen. Meistens klappt es, aber nicht immer und der Weg bis hierher war natürlich kein einfacher. Eher eine Entscheidung: So will ich nicht mit mir umgehen.

Und trotzdem muss ich viel lernen. Begrifflichkeiten ärgern mich noch immer – wer bitte hat denn zum Beispiel die Zornesfalte Zornesfalte getauft? Wieso heißt sie nicht einfach Philosophinnen-Falte? Oder ausnahmslos Denkerinnen-Falte? Und auch Cellulite, die gerne als Orangenhaut bezeichnet wird – wenn wir sie doch fast alle haben, also wirklich quasi ausnahmslos, wieso heißt sie dann nicht einfach Haut? Stattdessen bekommt sie jede Menge negative Aufmerksamkeit. Weil Unternehmen Geld damit machen, dass wir uns blöde finden und an Dingen herummeckern, die so menschlich und natürlich und „normal“ sind, dass es im Grunde ein Leichtes sein müsste, sie ganz einfach zu ignorieren. Oder zu übersehen. Oder einfach anzusehen, wie alle anderen Teile unseres Körpers, die dazu gehören.

 
 
 
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Was auch noch schlimm ist: Gerade jetzt bei den warmen Sommertemperaturen werden alle möglichen Diäten promotet. „Schlank durch Gurkenwasser“, „Wie bekomme ich einen flachen Bauch in sechs Wochen?“ und so weiter. Wenn ihr mich fragt, ist das alles Humbug. Ausgewogene Ernährung und Sport sind wichtig für unsere Gesundheit, doch muss jede*r sein eigenes Maß finden und auch hier geht es niemals um Zahlen auf der Waage, sondern um das eigene Körpergefühl. Ich selbst fühle mich zum Beispiel besser, wenn ich regelmäßig Yoga mache – es hat aber nicht zur Folge, dass ich einen Six-Pack bekomme. Aber ich fühle mich fitter, wohler und leistungsfähiger im Alltag. Das hat natürlich auch zur Folge, dass ich ganz anders auftrete und mein Selbstbewusstsein gestärkt wird. Wieso habe ich also noch keinen Ratgeber gesehen, jedenfalls nicht, wenn es um das bescheuerte Thema Beach Body geht, in dem es heißt: Wie stärke ich mein Selbstbewusstsein in sechs Wochen? Oder: Wie schaffe ich es, innerhalb von sechs Wochen weniger mit mir selbst ins Gericht zu gehen? Wahrscheinlich, weil all das nicht so gut klicken würde. Und auch weil man wohl vielmehr einen Prozess durchläuft, der meiner Meinung nach nicht wenige Wochen, sondern das ganze Leben dauert. Die letzten fünfzehn Jahre hat sich schon einiges bei mir getan: Ich bin viel entspannter geworden und versuche genau das so gut es geht an mein Umfeld weiterzugeben. Mit auffrichtig gemeinten Komplimenten, Solidarität, Ungezwungenheit und Toleranz können wir uns gegenseitig stärken. Und fit machen für den Sommer, weil ohnehin gilt: 

 
 
 
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