Die Highlights & unser kleines Resümee der Berliner Modewoche

17.01.2020 Mode, Event, Berlin

In dieser Woche präsentierten Designer*Innen ihre Herbst/Winter 2020/21 Kollektionen auf der Berliner Modewoche, die uns bereits beim Anblick des sehr kurzen Zeitplans ins Grübeln brachte. In den vergangenen Tagen nahmen wir so nur einige wenige Termine wahr und blieben letztlich ein klein wenig verwundert zurück. Heute gibt es jedenfalls unseren kleinen Rückblick, den Sarah und ich tippten, zwei Resümees und einige Eindrücke, die wir vor, zwischen und nach den Schauen sammelten.

Vestiaire Collective

Um gemütlich in den Dienstag zu starten, lud Vestiaire Collective in seine eigenen Räumlichkeiten ein und regte bei Kaffee und Leckereien auch während der Modewoche zum Nachdenken an: Denn, auch wenn sich die Tage um neue Kollektion drehen, müssen die eigenen Outfits nicht immer aus den neuesten Stücken bestehen. Vielmehr gilt es, ältere Schätze zu entdecken, diese wieder und wieder zu tragen und den Fokus zu verlagern. Genau deshalb bot Vestiaire die Gelegenheit, sich hübsche Vintage Stücke auszuleihen und sich selbst auf eine kleine Challenge einzulassen.

William Fan

William Fan ist für die Auswahl und Inszenierung seiner Locations, die er nach persönlichen Lebensstationen auswählt, bekannt. Dieses Mal lud der Designer bei 80er-Songs (etwa „Always the Sun“) an einen Ort ein, der nicht nur in unserem Büro für ein wenig Aufregung sorgte: So fand die Schau im Berliner Fernsehturm, genauer gesagt, im 203 Metern hoch gelegenen Café statt. Bereits die Auswahl der Location galt als Hommage an die Hauptstadt, doch auch die Kollektion selbst spiegelte die Variationen sowie die Vielschichtigkeit der Stadt wider und zeigte sich in samtenen Roben, lässigen Zweiteilern und gemusterten, aufwendig drapierten Kleidern. Üppige Silhouetten kreierte der Designer etwa durch Layering, weit auslaufende Formen wurden teils mit Schnürdetails zusammengehalten und gaben sich so körperbetonter. Inmitten von neutralen Tönen präsentierten sich ein weiches Sorbetgelb und leuchtend blaue Nuancen.

Die Highlights setzten sich für mich aus einem grün-karierten Mantel, einem Anzug, der über und über mit goldenen Pins in der Form des Fernsehturms verziert war sowie der wiederkehrenden Cookie-Bag zusammen.

Schnappschüsse vor & nach der William Fan Show:

kunterbunte Outfits von Cloudy & Sonia

Neonyt

Im gut gefüllten Kraftwerk präsentierte die Neonyt, eine weitere Editorial Show, die aus verschiedenen Multi-Label-Looks bestand. Zum Portfolio zählten fast 100 nachhaltige Designerkollektionen von Namen wie etwa People Berlin, Swedish Stockings, Armedangels und Folkdays. Ein wenig Endzeitstimmung verbreitete die Inszenierung sowie das futuristische Styling, das Elemente wie Motorradhelme, Mundschutz und Sturmhauben mit dicken Jacken und Ski- bzw. Wanderausrüstung verband durchaus, und stellte so nicht bloß die präsentierte Mode, sondern auch den Appell an eine nachhaltigere Branche, in den Vordergrund.

Odeeh

Bei einer Sache können wir uns sicher sein: Odeeh ist einfach immer schön. Immer besonders und von ganz feinen Schnitten, Mustern und Farben geprägt. Nach wunderschönen Präsentationen in industrieller Kulisse reihte sich auch diese Show für den Winter 2020 nahtlos in die altbekannte Manier des Würzburger Labels ein. Schön war es auch diesmal, sehr schön sogar. Wir sahen perfekt sitzende Zweiteiler in Egg Shape Silhouette, feinste Midi-Röcke und eine typische Odeeh-sche Farbpracht – bloß wollte der Funke diesmal nicht ganz überspringen. Wo bleibt die überall geforderte Diversität der Models? Wo bleibt das Gefühl? Wo bleibt die Inszenierung, die für Abgrenzung zu den vorherigen Saisons sorgt? Wo bleibt die Sprachlosigkeit?

Schon klar: Meckerei auf hohem Niveau. Weil ich aber weiß, dass Odeeh noch viel mehr kann, als die gezeigten Kreationen zu präsentieren, will ich mich auch heute nicht mit dem Gesehenen zufrieden geben, will mehr, weil ich weiß, dass mehr geht. Wünsche mir, dass die Show und die Inszenierung, die Musik und kleine Effekte noch mehr dafür sorgen könnten, dass wir aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommen. Und ich bin mir sicher, Otto und Jörg, dass auch ein bisschen mehr Vielfalt in der Modelwahl dafür sorgen würde, dass ihr noch schöner, besser und schlauer wärt. Vielleicht ja beim nächsten Mal. 

Lokale Designer*innen im Kraftwerk:

Nobi Talai

In ihrer Herbst/Winter 20/21 Kollektion vereinte Nobi Talai ihre Herkunft aus dem Iran mit dem Leben in Berlin, führte so zeitgenössisches Design mit altem Handwerk zusammen und verknüpfte Vergangenheit und Gegenwart miteinander. In ihren Entwürfen äußerte sich all das in modernen Silhouetten, bestückt mit Elementen, die an persische Teppiche erinnern. Auch der klassische Festschmuck sowie die Kopfbedeckungen setzten Traditionen in Verbindung mit minimalistischen Kreationen in einen neuen Kontext. So präsentierte Nobi Talai lange, weite Anzüge, locker fallende Mäntel und Westen, welche die Taille durch Gürtel betonten, Stücke in dunklem Lacklederlook sowie fließende, plissierte Röcke. Auch hier zeigte sich das Layering als unverzichtbare Styling-Option für den kommenden Herbst, an den Füßen trug man klobige Boots, Tücher und Schals wurden locker um den Kopf gewickelt.

Allzu farbig ging es hier nicht zu, auch wenn sich zwischen Schwarz, Weiß und Braun vermehrt Töne wie etwa Türkis, Rot und Kurkuma-Gelb finden ließen. Zu meinen persönlichen Highlights dürften wohl nicht zuletzt die Mäntel zählen, die durch das simple Styling fast für sich alleine stehen können.

Wunderbare Sitznachbarinnen:

Kerstin, Sarah & Cloudy

Backstage-Eindrücke bei Nobi Talai:

MALAIKARAISS Looks
„Between two Chairs“

Die Berliner Modewoche musste dieses Mal leider auch ohne das Label MALAIKARAISS auskommen, die uns aber im selben Atemzug mit ihrer Absage zur Fashion Week versprach, schon im Winter mit etwas noch viel größerem und tollerem zurückzukehren. Danke, Malaika. Nichtsdestotrotz versorgt uns das etablierte Berliner Label für H/W 2020 aber natürlich dennoch mit einer Kollektion – und genau die widmet sich den Gegensätzen und heißt passenderweise „Between tow Chairs“.

Inspiriert wurde Designerin Malaika diesmal übrigens von ihrer Faszination zu Lee Radziwill, ultimative Fashion Muse, kreatives Multitalent und Darling der Society. Ihr Kleidungsstil spiegelt dabei perfekt den ihren lockeren Lifestyle wider: Egal ob sie zusammen mit Truman Capote die Rolling Stones auf Tour begleitet, tagsüber in schwerem Schurwoll-Filzmantel die Welt rettet oder abends mit Andy Warhol im Studio 54 feiert. Egal ob sie ganz und gar in Perlmutt-Satin gehüllt ist oder einen polnischen Prinzen heiratet: Die jüngere Schwester von Jackie O. wusste, wie sie rebellierte und auffiel. Und wie Malaika diesen Lifestyle einfing und auf ihre Art und Weise interpretierte, seht ihr in der neuen Kollektion.

Side Note: MALAIKARAISS arbeitet als Team stetig daran, Nachhaltigkeit und Transparenz in der Produktion der Kollektion zu optimieren. Das Label setzt neben einer strengen Materialauswahl, sehr auf die qualifizierte, faire Zusammenarbeit mit lokalen und regionalen Produktionsstätten – und baut die langjährige Kooperation mit Handwerksbetrieben in Deutschland und Polen aus.

Nike im #FANsehturm:

Unsere kleinen Resümees

Sarah

Ich fürchte, wir müssen heute ganz ehrlich sein, ohne es böse zu meinen oder feste nachzutreten, aber: Die Berliner Modewoche ist an ihrem vorläufigen Tiefpunkt angekommen – und so darf es, auch aus Respekt vor den Designer*innen, den Veranstalter*innen, Sponsor*innen und all der viel Arbeit hinter den Kulissen, nicht weitergehen. Eingeschlafen, fad und innovationslos ist sie, die Berliner Modewoche. Müde und in die Jahre gekommen, abgekämpft trotz vieler Versuche in Sachen Nachhaltigkeit. Oder sagen wir: Zumindest scheint das einstige Flaggschiff irgendwie alle mühsamen Versuche zu überschatten. Schnell kommt das Verlangen, einen Schuldigen zu suchen und ich hab ihn auch längst gefunden: Wir all sind es, waren wir alle in den vergangenen Jahren doch schwer damit beschäftigt, alles doof zu finden, statt mit anzupacken, mitzugestalten und Schulterklopfer zu verteilen. Modewoche, das war nichts. Gar nichts. Aber vielleicht ist das gut, denn:

Aus meiner Sicht gibt es jetzt nur noch zwei Optionen, wie es weitergehen könnte. Entweder gar nicht – und ich meine wirklich gar nicht, oder wir nehmen jetzt noch mal alle unsere Beine in die Hand und legen los.  

Keine Kompromisse mehr, keine Trennung von nachhaltig und nicht-nachhaltig, kein besser, kein schlechter, dafür wirklich ausschließlich selektierte und großartige Designs, Innovation und Wow-Effekte, Neues vermengt mit Altem, garniert mit ganz viel Trommelwirbel. Vielleicht muss sich diese Branche einfach mal von ihren festgetrampelten Pfaden wegbewegen und alles auf Null stellen:

Wo steckt der Nachwuchs? Wo ist die Gemeinschaft? Und warum kann eigentlich niemand mehr in ach so toller Berlin Manier beweisen, dass es auch Low Budget funktioniert? Diese Modewoche sollte nie mit anderen verglichen werden, aber sie verglich sich stets selbst mit anderen. Die Berliner Modewoche war nie rough, innovativ, wild und frei. Sie wirkte schon immer stieseliger und eingefahrener als so manches Dorf. Warum? Vielleicht, weil sie stets versuchte, kommerziell zu sein, angepasst und „nett“, statt eine Vorreiter-Position einzunehmen oder sich einzugestehen, dass sie anders sein darf. 

Mithelfen können wir alle. Zusammen und an einem Tisch. Vielleicht muss bloß einer den Anfang machen.

Julia

Meine dritte Berliner Modewoche ging überraschend schnell vorbei, was ich mir beim Blick auf den knappen Veranstaltungsplan bereits hätte denken können. Zwischen einigen Highlights, zu denen beispielsweise der grün-karierte Mantel von William Fan, jedoch auch der Lackledermantel von Nobi Talai, der mich an Kreationen von Maison Margiela erinnerte, zählen, dachte ich wehmütig an den Berliner Modesalon, der seit seinem Ende im vergangenen Jahr durchaus fehlt. Und auch sonst würde ich mir ein wenig frischen Wind wünschen, während ich insgeheim darauf hoffe, vielleicht ja doch bald wieder neue, spannende Nachwuchsdesigner*innen zu sehen, wie es etwa in der Modewoche in Tiflis geschieht. Eine ähnliche Stimmung, ein ähnliches Bild könnte ich mir für Berlin zumindest wunderbar vorstellen — auch, wenn ich derzeit nicht wüsste wie und wann all das umzusetzen wäre. In der Zwischenzeit richte ich meinen Blick erst einmal auf all die internationalen Schauen und Präsentationen, die uns in den kommenden Wochen erwarten.

Die Highlights & unser kleines Resümee der Berliner Modewoche

  1. Suzie

    Die Schnappschüsse vor & nach der William Fan Show beleuchten das ganze Dilemma der Fasihon Week – eine Reihe Lemminge werden mit Goodie Bags von der Nichtigkeit dieser Shows abgelenkt. Ein Schnappschuss von Journalistinnen mit ihren IT-Bags… Banal.. Nichtssagend… Alles schon tausend mal gesehen.. Aber vielleicht werde ich auch langsam alt & dann muss man über alles meckern.
    Wobei mich Eure beiden Resümees wieder ein bisschen besänftigt haben.

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