Kolumne // Frühaufstehen – aus Überzeugung!

03.03.2020 Kolumne
Bild: @zeewickpark | Diese Kolumne versteht sich als Antwort auf die Kolumne von Johanna Warda „Ausschlafen – aus Überzeugung“, die am 17.02.2020 auf Amazed erschien. Ihr solltet sie lesen, wirklich!

Als ich Jowas Text las, war es 08:15 Uhr an einem Dienstagmorgen und wie so oft bei ihren Texten, blieb mir vor Begeisterung und Entzücken beinahe die Spucke weg. Nicht nur unheimlich lustige und wahre Worte hat sie da über die Konzepte von Selbstoptimierung und Morgenroutinen geschrieben, sie hatte auch die Energie, all diese auferlegten To-Dos mit sozialwissenschaftlichen Theorien zu verbinden. Wahrscheinlich, weil sie nach zehn Stunden Schlaf nicht nur Muße, sondern auch Energie hatte, um wieder einmal auf dem virtuellen Papier zu brillieren. Und doch ist es so: Den Hang zum Ausschlafen, zum ausgeruhten Geist eben, den kann ich dennoch nicht verstehen. Frühes Aufstehen ist nämlich mein Lebenselixier. Wenn ich also eines so richtig gut kann, dann das!

 
 
 
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Dabei geht es gar nicht so sehr um die liebgewonnene Morgenroutine, die mit Yoga um 7 Uhr startet, einen kleinen Spaziergang daran anschließt und den strikten Arbeitsbeginn um 8.30 Uhr beinhaltet; es sind andere Dinge, die mich am Magical Morning, den ersten Stunden eines noch rohen Tages, so faszinieren. Nicht nur die Ruhe und die unangetastete Jungfräulichkeit der kommenden zwölf Stunden haben es mir angetan, an besseren Tagen sind es vor allem die Lichtstimmung, die Zeit, die man hat, bevor es „richtig losgeht“ und vielleicht sogar der kleine Vorsprung im Geiste anderen gegenüber.

Was Johanna beschreibt, ist die Kapitalismus-Krux, die uns dazu bringt, einen ausgedehnten Schlaf zwangsläufig mit Faulheit und Müßiggang in Verbindung zu bringen. Nicht 100 Prozent zu geben und alle Reserven bis zum Get No auszuschöpfen machen uns so mürbe, weil es doch genau das Gegenteil von dem ist, was uns der Kapitalismus seit jeher versucht einzubläuen: Besser, schneller, weiter, wer rastet rostet und wer schläft, ist eben faul und am Ende vor allem eins – selber schuld!

Bin ich nun ein Opfer des Systems oder seit Geburt an in der falschen Zeitzone? Beides vielleicht. Denn anders als viele Menschen, die ich kenne, liegt mir nichts ferner, als den gesamten Morgen in meinem Bett zu verbringen, bis ich weit nach 9 Uhr meine Augen und die Bettdecke aufschlage. Ich will schon, aber ich kann gar nicht ausschlafen, weil ich eine Lerche bin, die nach maximal sieben Stunden Schlaf bereit für den frischen Tag ist.

Vielleicht ist genau das ein Faktor, der dazu führt, dass ich mich den von Jowa beschriebenen Symptomen einer Optimierungsgesellschaft schon seit längerer Zeit ausgeliefert fühle. Ein anderer Schlafrhythmus hätte mich vielleicht davor bewahrt, bei jeder extra Stunde im Pyjama Nervosität und Unbehagen zu verspüren, wo ich doch weiß, dass der gefühlte Rest der Welt schon stundenlang arbeitet, was das Zeug hält und fleißig Haken auf der To-Do Liste setzt. Der zu Beginn beschriebene Vorsprung ist da stets ein gutes Gefühl, weil es mich nicht nur vor Stress bewahrt, sondern zudem einen früheren Feierabend beschert – zumindest in der Theorie.

Denkbar, dass hier das Freelancen zusätzlich den Druck ausübt, jeden Tag so produktiv wie es nur geht zu gestalten, um existenziellen Ängsten und (man weiß ja nie) dem baldigen Auftragsmangel entgegenzuwirken. Einfach mal verschlafen (bei mir vielleicht so bis 9) käme mir da ganz gelegen, um diesen natürlichen Flow nur hin und wieder zu durchbrechen. Wie rebellisch von mir!

Doch da ist noch ein Einflussnehmer, der eine große Rolle spielt: Dieses Ausschlafen in seinem Freelancer-Homeoffice-Studi-Selbstständigen-Lifestyle als Privileg per se zu verstehen. Sind es doch Freiheiten und Freiräume, die nicht allen Menschen obliegen und ihnen die Möglichkeit geben, sich den Rhythmus, die Zeit und den Tag so zu gestalten, wie es in die aktuelle Lebenswelt passt. Aufgewachsen in einem Zwei-Personen Haushalt mit Schichtarbeit und Weckzeiten aus der Hölle, empfinde ich es heute mehr als luxuriös, den Tag zumindest nach meiner inneren Uhr zu gestalten, die nun mal so tickt, wie sie tickt, aber eben auch von Ängsten geprägt ist, die wiederum im auferlegten Druck aufgrund von Herkunft und Milieu, aber auch vom Jobstatus der eigenen Familie verankert sind. Wohlwissend, dass ich mir viele heute vorhandene Freiheiten selber erarbeitet habe, gibt es kaum etwas Schlimmeres, als die Angst zu versagen und all die schönen Dinge des Berufslebens wieder gegen finanzielle Abhängigkeit, ein kleinere Budgets oder einen Job, der mich in ein System zwingt, was mir persönlich nicht gut tut, eintauschen zu müssen.

Wie schlau und fundiert Jowas Text ist, wird spätestens jetzt klar: Denn eben auch meine letzte Erkenntnis fußt darauf, dass eine klassizistische Machtstruktur und die pure Panik vor dem sozialen Abstieg, mir den Magical Morning und die proklamierte „Ruhe vor dem Sturm“, die ich mir aus freien Stücken ermögliche, ein Stück weit mehr zum Zwang wird, als ich selbst wahrhaben will. Wenn man will, könnte man mich und viele andere, die es selten ertragen, sich nach dem Weckruf noch einmal auf die andere Seite zu drehen, über einen Kamm scheren und uns als Opfer von Selbstoptimierung und externen Leistungsdruck der Kapitalismusgesellschaft zugleich verurteilen.

Soweit man es schafft und körperliche Begebenheiten es zulassen, spricht nahezu nichts dagegen, sich die Pausen zu gönnen, die man braucht. Ganz gleich, ob mitten am Tag, in den Morgenstunden oder am frühen Abend – wenn die Auszeit ruft, soziale Verpflichtungen pausieren müssen oder der frühere Schlaf anklpft, dann ist das voll OK und sollte dringend eingehalten werden.

Bloß gibt es einen Haken: Bis die Wichtigkeit dieser Bedürfnisse und eine Umstrukturierung von Arbeitszyklen auch in den Bel Etages unserer Welt angekommen ist, wird es wahrscheinlich noch ein wenig dauern.

Wie handhabt es ihr (auch am Wochenende?)

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