Kolumne: In der Krise krieg ich die Krise.

16.04.2020 Leben, box3, Kolumne

Während so einer Krise die Krise kriegen, ungefähr ein bis dreizehn Mal am Tag, das scheint mir sehr normal zu sein. Als das alles anfing, dachte ich noch, ich sei erhaben über die Unwägbarkeiten ein paar weniger Wochen ohne physische Kontakte, Toilettenpapier und Kindergärten. Heute weiß ich, dass das Quatsch ist. Und dass die Reflexion über massive Privilegien zwar notwenig ist und relativierend wirkt, aber rein gar nichts daran ändert, dass früher oder später alle in der Scheiße sitzen – nur eben unterschiedlich tief. Grob geschätzt würde ich sagen, reicht die Scheiße mir persönlich gerade bis zur Wade. Außer, ich habe meine Tage. Dann kriecht sie bis zum Knie empor. Vor lauter Überschuss reibe ich dann manchmal auch meinen Mann mit ihr ein, einmal ringsum, bis er ganz sauer wird. 

Neulich etwa, da fragte er mich knallvergnügt, ob wir später nicht beim Holländer so einen herrlichen Ficus Robusta ergattern könnten, wegen des Geburtstags-Gutscheins und überhaupt, mal wieder rauskommen! Einen draufmachen. Die Gartencenter, ja, die hätten schließlich geöffnet, hurra. Mir kam die Kotze hoch. Schon allein der Gedanke daran, das Haus so spontan und übermütig verlassen zu müssen, jetzt, wo ich doch gerade in Begriff war, mich mit meiner grenzenlosen Lethargie zu versöhnen, riss mir das Hirn aus dem Schädel. Und jede Herzenswärme noch dazu: Das Ding muss ja gegossen werden! Ich mache das nicht! Und du auch nicht! Nicht noch mehr Haushalt! Das ging in etwa zehn Minuten so.

Statt einfach zuzugeben, wie schrecklich erbost ich über meine eigene Faulheit war, beendete ich die Konversation mit einer glatten Lüge: Ich hasse Zimmerpflanzen! Ich habe sie nämlich schon immer gehasst! Die gehen mir entweder auf den Sack oder sterben! Und wenn ich noch einmal im Leben eine saftig grüne Monstera auf Instagram sehe, dann werfe ich unser kleines Trauerspiel da im hohen Bogen vom Balkon runter, und wenn es gut läuft, treffe ich dabei auch noch ein paar blöde Nazis, die sich tierisch darüber freuen, dass Europa nun zerbricht.

Erstmal herrschte Ruhe im Karton – bis ich beim Abendessen in Tränen ausbrach, die mir außerdem aus der Nase tropften, ich mich entschuldigte und versprach, einen ganzen Tag lang keine Zeitung mehr zu lesen. Weil ich butterweich und reizbar zugleich geworden war ob all der apokalyptischen Nachrichten von ihr wisst schon was allem. Fast fühlte ich mich so wie damals, als Lio auf die Welt kam und ich schließlich „Tatort“ aus dem Sonntagsprogramm verbannen musste, weil da einfach zu viele Kinder verschleppt, verdrogt und verhauen wurden. Nur schlimmer.

Kurz darauf scrollte ich an dem „Anstieg häuslicher Gewalt“ vorbei und las stattdessen irgendetwas über hundert neue Hobbies. Die Zeit nutzen, hieß es da, produktiv sein, sich selbst neu erfinden, rückwärts masturbieren, Brotbacken, sowas. Also malte ich ein Bild und hörte dabei einen Bildungspodcast, von dem ich überhaupt nichts mitbekam, außer „Heute lernen wir etwas über“. Vielleicht ja über Spargel, weil Spargel den Deutschen echt enorm wichtig ist, wichtiger noch als das Aufnehmen von Geflüchteten zum Beispiel, das muss man sich mal vorstellen. Mein Rosinenhirn kann sich jedenfalls aktuell nur auf eine einzige Sache gleichzeitig konzentrieren oder vielleicht auf zwei, deshalb: Pinsel, blau. Pinsel abwaschen. Pinsel grün. Schachbrett. Das war es. Ich malte kein weiteres Quarantänebild und schlafe, erschlagen vom Homeoffice, Kapla-Bausteinen und Spiderman-Rollenspielen, bei denen ich immer nur Peter Porker, das doofe Schwein, sein darf, sowieso jeden Abend nach höchsten sieben Buchseiten mit weit geöffnetem Mund und eingefahrenem Kinn ein, ganz so, als hätte ich mir gerade eine volle Flasche Spätburgunder auf ex hinter die Binde gekippt. Ein Traum wäre das. Aber weil ja auch die Bars geschlossenen haben, bin ich nicht mehr im Training, was vorgestern dazu führte, dass ich schon nach einem einzigen belebendem Glas „Das-Kind-ist-endlich-im-Bett“-Crement hacke, traurig über die auf dem unbehandelten Küchentisch vergossene Pastasoße in Periodenfarben und noch dazu fix, foxy und schon wieder etwas ratlos ob der ungewissen Zukunft war. Dabei wollte ich doch noch eine Zoom-Konferenz starten.

Habe ich auch, aber an einem anderen Tag. An vielen sogar. Die ersten Meetings waren klasse, alle plapperten kreuz und quer und hatten sichtlich Spaß, waren beglückt von so viel Cybermodernität im Alltag. Aber in Woche sechs, was soll man sagen, ist auch irgendwann die Luft raus. Also jedenfalls bei mir. Ich erlebe ja jeden Tag die gleichen schönen Sachen: eMails, das verrückte Labyrinth, Taschentuch satt Klopapier, Brot von Albatross, Peter Porker, Tagesschau, Luft schnappen, keinen neuen Ficus gießen, Tippen, heimlich auf dem Balkon rauchen, mit Oma telefonieren, mit keinem telefonieren, Staubsaugen, Basteln, Zähneputzen vergessen, trotzdem knutschen und alles wieder von vorn. 

Als wir heute Morgen aber allesamt bölkend wie die Ziegen durch die Küche hopsten, also wirklich voller Innbrunst und weiß der Teufel weshalb, und danach vor lauter lautem Lachen zu Boden sackten, erinnerte ich mich wieder: Nach stulle kommt lustig. Es stimmt tatsächlich. Die Capra aegagrus hircus wurde somit zum Symbol meiner Hoffnung. Vielleicht überkam uns dieser unerwartete Leichtmut aber auch einfach als Folge einer Art neu erlernter Akzeptanz.

Aus der Psychologie bekannt ist nämlich die Magie des Hinnehmens. Wer sich weniger gegen den Ist-Zustand wehrt, kommt mit etwas größerer Wahrscheinlichkeit gesünder durch die Krise. Ich warte zum Beispiel gerade darauf, dass mein Achselhaar sich zu locken beginnt, weil ich einfach keine Lust mehr habe, beim Drogeriemarkt in der Schlange zu stehen. Darauf, dass alles ganz schnell wieder gut wird, warte ich aber nicht mehr. Der Drops ist ja gelutscht. Meine Therapeutin aus der Reha würde es vermutlich so sagen: Freunde, das gehört jetzt dazu und es wird erstmal bleiben -also lernt verdammt nochmal, damit zu leben. 

Wie, das finden wir schon noch raus. Mit neuen Hobbys oder ohne, im muffenden Schlafanzug oder aufgetakelt als gäbe es die Wilde Renate noch, mit guter oder keiner Laune, das ist doch wirklich ganz egal. Hauptsache in trauter Ehrlichkeit. Denn wer aktuell überhaupt keinen Fitzel Scheiße am Schuh hat, der hebe nun die Hand. Sehe keine. Gut so. Wir sind nämlich eins. Und sollten uns auch so benehmen. 

 

 
 
 
 
 
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My president (via @disappointment_cesspool)

Ein Beitrag geteilt von Haley Nahman (@halemur) am

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12 Kommentare

  1. Lou

    Diesen Artikel habe ich so gerne gelesen wie schon lange nicht mehr.
    Eins kannst Du also in der Krise schon einmal sehr gut: Wenn die Scheisse bis zur Wade steht, noch besser schreiben!

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  2. Emma

    Danke! Ich hab mich heute so dermaßen dämlich benommen den ganzen Tag, dass ich kurz dachte: Nun bin ich bekloppt geworden. Es tut dementsprechend gut, zu lesen, dass es auch dir manchmal so geht.

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  3. Leonie

    Liebe Nike – dieser Text veranlasst mich nun doch tatsächlich zum allerersten Online-Kommentar meines Lebens! DANKE DIR! <3 Nach einer Nacht mit Mördermens, Schweissausbrüchen und dem bei 40 Grad Fieber glühenden Kind als Bettflasche daneben, tja, what should I say? Da habe ich mich sowas von emotional abgeholt gefühlt von Dir. Liebste Grüsse aus Zürich!

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  4. Sara

    Danke für deine Worte, haach Nike, du sprichst mir andauernd aus dem Herzen, dass macht mich unglaublich froh! Habe auch eine Scheiß Woche hinter mir und warte darauf, dass es besser wird! <3 Alles erdenklich liebe Dir

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  5. Rike

    Kacke am Schuh, die umstandshalber über die Wade bis zum Knie hinaufwächst und sich manchmal ungewollt verselbständigt, um sich Dritten an den Hals zu werfen, ist das Problem. Menschen, die so amüsant und befreiend reflektieren wie Du, sind die Lösung!

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  6. Carolin

    Großartige Zeilen – denn die Achterbahn ist unser Aller beständiger Begleiter momentan. Das immerhin Gute daran (ab und an//hin und wieder): verrückt sein ist gar nicht mehr so verrückt!
    Danke!

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