Alles, was ihr über Hautaufhellung und deren Gegenbewegung wissen solltet

Die moderne Hautaufhellungs-Industrie steht vor einer längst überfälligen Abrechnung. Untrennbar mit dem Colorism verbunden kann diese eine unglaublich schädliche Praxis sein – mental wie auch körperlich. Wir werfen einen Blick auf die Gegenbewegung, die seit den letzten zehn Jahren immer weiter wächst.

Hautaufhellung: Was Sie über Haut bleichen und die Gegenbewegung dazu wissen sollten

Skin bleaching, skin whitening, skin lightening – dies sind alles Begriffe für die gleiche Praxis, bei der man Cremes, Seifen oder andere Kosmetika verwendet, um seinen Hautton aufzuhellen, manchmal nur um wenige Nuancen, manchmal mit extremeren Veränderungen.

Die Probleme mit der Hautaufhellung sind mannigfaltig: Sie ist ein Symptom des Colorism – dem Vorurteil, dass hellere Haut höher bewertet wird als dunklere Haut, auch innerhalb einer ethnischen Gruppe –, verfestigt rassistische Vorstellungen und betrifft Frauen unverhältnismäßig stark, da sie sich sexistische Vorstellungen von Schönheit zu Nutze macht. Sie verstärkt auch überholte Klassenkonzepte; so besteht die Auffassung, dass eine hellere Haut mit mehr Macht und Status gleichzusetzen ist, wodurch denjenigen, die ihre Haut bleichen, soziale Mobilität nach oben gewährt wird. In einigen Regionen wie Indien können Menschen für Jobs und arrangierte Ehen abgelehnt werden, nur weil sie eine dunkleren Hautton haben.

Hautaufhellung: Das sollten Sie wissen

Die in weiten Teilen der Welt, einschließlich Teilen Afrikas, Asiens und der Karibik, weit verbreitete Hautaufhellung-Industrie hinterlässt ihre Spuren auch in den Diasporagemeinschaften Europas und Nordamerikas. Trotz einer wachsenden Gegenbewegung schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass die Hautaufhellungs-Industrie bis 2024 einen Wert von 31,2 Milliarden Dollar erreichen wird.

 

Vor dem Hintergrund der aktuellen weltweiten Proteste gegen Racial Injustice kündigten eine Reihe großer Verbrauchermarken Änderungen ihrer Produktpaletten an: Im Juni etwa teilte Johnson & Johnson mit, dass es die Produktion zweier Produktlinien zur Hautaufhellung, verkauft in Asien und im Nahen Osten, einstellen wird. Unilever, Hersteller der berüchtigten, in Indien verkauften Marke Fair & Lovely, kündigte daraufhin an, den Namen der Linie zu Glow & Lovely zu ändern und eine Sprache zu vermeiden, die einen hellen Teint bewirbt. Und auch L’Oréal kündigte ähnliche Änderungen seiner Marketing-Terminologie an.

Warum Hautaufhellung?

Aber nicht alle sind mit diesen Veränderungen zufrieden. Kavitha Emmanuel ist die Gründerin von Dark Is Beautiful, einer 2009 in Indien gestarteten Lobby-Kampagne zur Bekämpfung von Colorism. Im Hinblick auf das anhaltende Wachstum der Branche meint sie prompt: „Solange [Brands] die Verunsicherung der Menschen durch ihre Botschaften weiter verstärken, wird diese Branche weiter wachsen.“ Die Entscheidung von Unilever, ihre Hautaufhellungs-Linie umzubenennen, bezeichnet Emmanuel als „unangemessenen“ Schritt. Sie weist auf die offensichtliche Scheinheiligkeit hin, eine Stiftung namens Fair & Lovely eingerichtet zu haben, die Frauen empowern soll, während sie sie zum Kauf hautaufhellender Produkte motiviert, auch wenn das Unternehmen gesagt hat, dass es noch dieses Jahr einen neuen Namen bekannt geben wolle: „Wie funktionieren das Empowerment von Frauen und die Befürwortung eines Vorurteils wie Colorism zusammen?“

Hautaufhellung: Was ist Colorism?

Es wird vermutet, dass es Formen der Hautaufhellung seit der Antike gibt, sie wurde aber erst im 16. Jahrhundert konkret dokumentiert, als weiße Frauen begannen, Produkte für einen helleren Teint zu verwenden, der auf ein höheres soziales Ansehen hinwies und sie von den FeldarbeiterInnen abhob. Es ist außerdem bekannt, dass Königin Elisabeth I. venezianisches Bleiweiß verwendete, um ihren Teint aufzuhellen, das sie mit der Zeit jedoch entstellt haben soll.

Ein weitere beliebte Methode, die bis in die viktorianische Ära hinein verwendet wurde, waren einnehmbare Arsen-Waffeln für den Teint, die noch bis in die 1920er-Jahre verkauft wurden. Denn um diese Zeit wurde sonnengebräunte Haut zum neuen Markenzeichen für Reichtum und Status – und Hautaufheller überwiegend mit PoC in Verbindung gebracht. Aufgrund des Rassismus und Colorism, hervorgerufen durch die Kolonialherrschaft, blieb die Voreingenommenheit gegenüber dunklerer Haut bestehen, wobei selbst geringfügige Unterschiede im Hautton große soziale und politische Auswirkungen signalisierten.

 

Heute variiert die Häufigkeit von Hautaufhellungspraktiken von Land zu Land, aber die WHO weist darauf hin, dass es sich dabei um eine der am schnellsten wachsenden Schönheitsindustrien weltweit handelt. Einem Bericht aus dem Jahr 2011 zufolge bleichen 40 Prozent der afrikanischen Frauen ihre Haut, wobei Nigeria mit 77 Prozent ganz vorne liegt. Es folgen Togo (59 Prozent), Südafrika (35 Prozent), Senegal (27 Prozent) und Mali (25 Prozent). Aber es ist der asiatisch-pazifische Raum, der mit einem Anteil von 54,3 Prozent an den globalen Einnahmen im Jahr 2018, den weltweit größten Markt darstellt. In Indien machen Hautaufhellungsprodukte 50 Prozent des Hautpflege-Marktes des Landes aus und werden jährlich auf über 450 bis 535 Millionen US-Dollar (circa 378 bis 449 Millionen Euro) geschätzt.

Hautaufhellung: Was für Schäden können die Haut bleichenden Produkte verursachen?

Produkte zur Hautaufhellung stellen aufgrund der Aufnahme toxischer Chemikalien eine erhebliche Gefahr für die menschliche Gesundheit dar. Quecksilber in Kosmetika ist in vielen Ländern verboten, aber die WHO erlaubt einen Grenzwert von 1 mg/kg in hautaufhellenden Produkten. Produkte, die hohe Quecksilber-Mengen enthalten, sind jedoch über das Internet oder in Spezialgeschäften leicht erhältlich, und die fehlende Regulierung der Industrie führt dazu, dass Quecksilber oft nicht als Inhaltsstoff aufgeführt wird.

Zu den negativen gesundheitlichen Auswirkungen dieser Produkte gehören Hautausschläge, Narbenbildung, Nierenschäden, periphere Neuropathie, Angstzustände, Depressionen und Psychosen. Quecksilber hemmt die Melaninproduktion, ohne den natürlichen Schutz der Haut sind die AnwenderInnen dadurch anfälliger für Hautkrebs. Da die Chemikalie ausgeschieden wird und mit dem Abwasser in die Umwelt und die Nahrungskette gelangt, stellt sie ein Risiko für Menschen und insbesondere für schwangere Frauen dar, was zu Entwicklungsdefiziten bei Kindern führen kann.

 

Aber Quecksilber ist nicht das einzige Gift, das Anlass zur Sorge gibt – andere gängige Inhaltsstoffe, die zur Aufhellung der Haut verwendet werden, sind Hydrochinon, Kortikosteroide und Glutathion. Diese Medikamente werden in vielen Teilen der Welt eingeschränkt oder verboten, dennoch tauchen sie immer noch in Produkten auf. Hydrochinon hat sich als nicht weniger schädlich als Quecksilber erwiesen; Steroide können bei rücksichtslosem Übergebrauch die Schutzbarriere der Haut aufbrechen und eine Steroidresistenz verursachen; und die nicht zugelassene Verwendung von Glutathion als Hautaufheller ist wissenschaftlich nicht erwiesen und birgt eine Fülle an Gesundheitsrisiken.

Hautaufhellung: Der gesellschaftliche Druck hinter dem bleichen der Haut  

Doch trotz der unzähligen Gefahren, die mit der Hautaufhellung verbunden sind, machen weiterhin unzählige Menschen von dieser Praxis Gebrauch, was auf das größere Problem hinweist: Für viele ist es einfach ein Versuch, sich an eine Gesellschaft anzupassen, die dunklere Haut bestraft. In der Hoffnung auf mehr Chancen überwiegt der Lohn der sozialen Aufstiegsmobilität die enormen Gesundheitsrisiken der Hautaufhellung.

Die britisch-nigerianische Schauspielerin Beverly Naya reflektiert darüber in „Skin“, einer 2019 von ihr produzierten Netflix-Dokumentation. Sie erklärt, dass aufgrund der Bedeutung, die der Ehe in der Gesellschaft beigemessen wird, viele Frauen zum Bleichen ihrer Haut getrieben werden: „Dunkelhäutigen Frauen wird das Gefühl vermittelt, dass sie, wenn sie nicht hellhäutig sind, vielleicht keinen Mann finden oder keine erfolgreiche Karriere haben werden; sie bleichen [ihre Haut] letztendlich aus dem Druck heraus, erfolgreich oder begehrenswert zu sein.“

Hautaufhellung: Wie können wir die Narrative ändern?

Die Konversation rund um Hautaufhellung nimmt zu, und dieser Impuls ist notwendig, um wirkungsvolle Veränderungen herbeizuführen. Naya sagt, dass „Skin“ in Nigeria den Diskurs über Hautaufhellung angestoßen hat, wo die Menschen von „kaum wissend, was Colorism ist oder nicht einmal merkend, dass es ein Problem gibt, zu, sich dagegen aussprechen,“ gekommen sind.

Amira Adawe, Aktivistin und Executive Director von The Beautywell Project, einer in Minnesota ansässigen Non-Profit-Organisation, die sich für die Beendigung von Hautaufhellungspraktiken und gegen chemische Belastungen einsetzt, argumentiert, dass das Bewusstsein nicht nur für Einzelpersonen, die ihre Haut aufhellen, sondern für Communities im Allgemeinen wichtig sei und dass Regierungen für den Schutz des Einzelnen verantwortlich sein sollten. Änderungen in der Gesetzgebung üben Druck auf die Hersteller aus; im letzten Jahrzehnt haben verschiedene Regierungen begonnen, den Verkauf von Hautaufhellern zu verbieten oder strengere Auflagen gegen diese Produkte zu verhängen, darunter die Elfenbeinküste im Jahr 2015, Ghana 2016 und Ruanda 2019. Reformen wie diese lösen einen wellenartigen Effekt in den umliegenden Ländern und auf der globalen Bühne aus.

Anti-Hautaufhellung: Warum Repräsentation wichtig ist

Darüber hinaus müssen sich die Einstellungen auf gesellschaftlicher Ebene ändern, was eine Neudefinition populärer Schönheitsstandards in den Medien bedeutet. 2014 wurden in Indien Anzeigen verboten, die auf der Basis von Hautfarbe diskriminieren, Vorurteile gegenüber dunkler Haut sind jedoch immer noch in weniger offensichtlicher Weise vorhanden, etwa in der mangelnden Vielfalt an Hauttönen. Repräsentation ist wichtig, insbesondere für die nächste Generation. Naya betont, wie wichtig es sei, Kindern „schon in jungen Jahren etwas über Schwarze Schönheit beizubringen, damit sie selbstbewusst aufwachsen.“ 

Sich auf die Heilung und Wiedergutmachung des Schadens zu konzentrieren, der durch die jahrelange Voreingenommenheit gegenüber dunklen Hauttypen verursacht wurde, ist ein weiterer integraler Bestandteil des Wandels und ein Punkt, der unter AktivistInnen Widerhall findet. Adawe erklärt, dass „die Aufklärung zu diesem Thema in den Communities sehr zielgerichtet sein muss, indem sie [die Menschen] befähigt, ihre Geschichte zu verstehen, einschließlich der Auswirkungen, die die KolonistInnen verursacht haben, und der Notwendigkeit, sich selbst zu entkolonialisieren.“ Emmanuel ist der Ansicht, dass Brands zudem zur Verantwortung gezogen werden sollten, indem sie „die Auswirkungen der Aufrechterhaltung von Voreingenommenheit umkehren.“ Sie fügt hinzu: „Das Wort ‚Schönheit‘ selbst muss neu definiert werden. Die Tatsache, dass dem äußeren Erscheinungsbild einer Person so viel Bedeutung beigemessen wird, ist das Problem … Schönheit sollte als das Zelebrieren des angeborenen Wertes und der Wertschätzung von Menschen in allen Formen, Größen und Hautfarben definiert werden.“

– Dieser Text von Marta Sundac stammt aus unserer VOGUE COMMUNITY und wurde vorab auf vogue.de veröffentlicht.  –

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