6 Bücher im Oktober – Über Selbstachtung, Sexismus und einen Roman, der bisher gefehlt hat

06.10.2020 Buch, Feminismus

Literarisch betrachtet ist der Oktober sicher kein leichter Monat, aber dafür einer, der nachhallen wird, da bin ich ganz sicher.

Wer zum Beispiel längst Rebecca Solnits „Wenn Männer mir die Welt erklären“ gelesen hat, weiß gewiss, weshalb ich fast umkomme vor Neugierde auf das jüngste Werk dieser ebenso großartigen wie wichtigen Schriftstellerin –schließlich zerlegt sie wie kaum eine andere die herrschenden Missstände derart präzise in all ihre Einzelteile.

Schon nach wenigen Seiten „Sexismus“ von Prof. Dr. Susan Arndt weiß ich außerdem, dass gar nicht (oft) genug geschrieben werden kann über eines der toxischsten  Denk- und Herrschaftssysteme des Planeten.

Wo wir auch schon bei Nobelpreisträgerin Toni Morrison gelandet wären, deren Essay- und Reden-Sammlung „Selbstachtung“ meines Erachtens nach Pflichtlektüre sein sollte. Für eigentlich alle. Ihre Themen: Der Alltagsrassismus in Amerika, die Assimilation des Fremden, das Erbe des Sklaventums, die Gewalt gegen Schwarze, Menschenrechte.

Der sexuellen Aufklärung widmen wir uns in diesem Monat obendrein – falls hier also jemand ältere Kinder oder Jugendliche (im Bekannten- oder Familienkreis) hat: Lydia Meyer, die etwa für ZEIT arbeitet und die Formate Auf Klo und Softie entwickelte und leitet, hat endlich das erste Aufklärungsbuch für wirklich alle geschrieben.

Oh, und dann hätten wir da noch „Writers & Lovers“, das in der deutschen Übersetzung tatsächlich denselben Namen trägt. Ich kann Nicole Seifert an dieser Stelle nur zustimmen, denn sie schrieb über das Buch von Lily King: „Lily King hat einen ausgesprochen unterhaltsamen Roman geschrieben über eine junge Frau, die versucht, über eine Trennung hinwegzukommen, die außerdem um ihre unerwartet verstorbene Mutter trauert, und die versucht, trotz aller Widrigkeiten auf ihrem eigenen Weg zu bleiben. Das sind Themen, aus denen sich nicht so leicht ein gut lesbarer, so komischer wie abgründiger und dabei sehr wahrer Roman ergibt, aber in diesem Fall ist das gelungen.“ Was wir außerdem erfahren: „Wie Lily King im März 2020 in einem Artikel für Literary Hub schrieb, war ihr dieser Roman ein besonderes Bedürfnis, weil es das Buch ist, das sie selbst als Zwanzig- und Dreißigjährige so schmerzlich vermisst hat.“

Bleibt nur noch Cemile Sahins „Alle Hunde sterben“. Jede Zeile tut weh, aber anders geht es nicht:

Rebecca Solnit – Unziemliches Verhalten 

„Wie sich die eigene Stimme finden lässt, wenn die Gesellschaft Schweigen befiehlt — Mit diesem Buch steigt Rebecca Solnit endgültig aufs Podest zu Joan Didion und Susan Sontag: Ihre Geschichte ist die Geschichte einer jungen Frau, die ihre Stimme fand, während sie schweigen sollte. Im San Francisco der achtziger Jahre herrscht eine harsche Atmosphäre der Misogynie, Gewalt gegen Frauen ist an der Tagesordnung, wird hingenommen, nicht hinterfragt. Hier zieht eine junge Frau in ihre erste eigene Wohnung, schafft sich einen Freiraum zum Denken, Schreiben, Formulieren. Hier wird Rebecca Solnit eine andere, überwindet ihr Schweigen, die eigene Unsichtbarkeit. Vor dem Hintergrund von Punk, Gay Pride und der zweiten Welle des Feminismus wagt sie, ihre Stimme zu erheben gegen Unterdrückung und Unrecht. Sie wird zur Aktivistin, zur öffentlichen Person und zur wichtigen Intellektuellen. „Unziemliches Verhalten“ ist ein elektrisierender Bericht über vierzig Jahre gelebten Feminismus, über Rückschläge, Meilensteine und den Triumph des eigenen Ichs.“

Cemile Sahin – Alle Hunde sterben

„In neun Episoden erzählt Cemile Sahin von neun Menschen, die ihr Exil in einem Hochhaus im Westen der Türkei finden. Sie alle haben Folter, Gewalt und Verschleppung durch Einheiten der türkischen Armee und der Polizei erlebt. Darunter: Eine Mutter, die ihren toten Sohn auf einen Pick-up lädt. Ein Mann, der seine schlafende Tochter draußen ins Gebüsch legt, bevor er sein Haus anzündet. Eine Frau, die angekettet in einer Hundehütte gehalten wird. Während sie von ihrer Flucht berichten, holt sie der systematische Terror des türkischen Militärs wieder ein. ALLE HUNDE STERBEN ist eine Chronik über ein Land, geprägt von Militarismus und Nationalismus — entschieden, klar, furios erzählt.“

„Realität funktioniert in diesem Land nur über Gewalt, sagt Cemile Sahin. Hilft es, die Gewalt darstellbar zu machen? Nein, sagt sie; sie versucht es trotzdem. Und genauer hat es noch kaum jemand geschafft.“ Klaus Theweleit

Lily King – Lovers & Writers

„Nach dem gefeierten Bestseller «Euphoria» erzählt Lily King in «Writers & Lovers» treffsicher, intelligent und mit ureigenem Humor die Geschichte einer ebenso starken wie zerbrechlichen jungen Frau – und von der Zerrissenheit zwischen den Zwängen der Gesellschaft und den eigenen Träumen von einem anderen Leben.

Als ihre Mutter plötzlich stirbt und Luke sie aus heiterem Himmel verlässt, verliert Casey den Boden unter den Füßen. Ohne wirklichen Plan landet sie mit einem Schuldenberg aus dem Studium in Massachusetts, wo sie beginnt, als Kellnerin zu arbeiten. Bei ihren Versuchen, sich aus einem Netz von Abhängigkeiten zu befreien, gerät sie immer wieder in Situationen mit Männern, die ihre Macht gegen sie ausspielen. Die einzige Konstante in ihrem Leben bleibt das Schreiben: Der Roman, an dem sie seit sechs Jahren arbeitet, wird ihr Fluchtort, ihr Schutzraum. Aber ist sie mit 31 Jahren nicht zu alt, um sich an den losen Traum eines Lebens als Schriftstellerin zu klammern? Ihre Entscheidung für das richtige Leben ist auch eine Entscheidung zwischen zwei Männern.“

Susan Arndt – Sexismus 

Zwar ist Sexismus spätestens seit #Aufschrei und #MeToo wieder in aller Munde. Doch meist wird bloß hitzig aneinander vorbei diskutiert statt auf der Grundlage von Wissen zu argumentieren. Susan Arndt versteht Sexismus als umfassendes Denk- und Herrschaftssystem. In ihrem grundlegenden Buch beschreibt sie sowohl seine Geschichte als auch, wie er sich bis heute äußert.

Denn nur, wenn verstanden wird, was Sexismus eigentlich alles ist, kann er erkannt, verlernt und strukturell nachhaltig unterwandert werden – und koste es auch, Gewohntes und Privilegien aufzugeben.

 

Nicht wenige übersehen alltäglichen Sexismus oder leugnen ihn; und wird er kritisiert, stößt das auf Widerstand und Vorwürfe, zu moralisch oder politisch korrekt zu sein. Viele ziehen es inzwischen vor, sich gar nicht mehr zu äußern. Es gibt aber keine neutrale Position gegenüber Sexismus. Denn Sexismus ist ein umfassendes Denk- und Herrschaftssystem, das sich in die DNA unserer Gesellschaft eingeschrieben hat. Susan Arndt identifiziert als seinen Kern das Postulat der binären Zweigeschlechtlichkeit. Es ermöglicht patriarchalische Herrschaft und legt die Grundlagen für die Diskriminierung von Frauen* sowie von homosexuellen, inter*sexuellen und trans*-geschlechtlichen Personen. Auch Männer* werden durch Sexismus als Individuen normiert und können dabei gebrochen werden. Das Buch zeigt diese systemischen Zusammenhänge von Sexismus als Machtsystem und Wissensarchiv auf, analysiert, warum er so mächtig werden konnte und beschreibt seine aktuellen Facetten. Dabei erzählt es auch von Alternativen und Gegenstrategien.“   

Toni Morrison – Selbstachtung 

Das Vermächtnis von Toni Morrison: Dieser Band versammelt Essays, Reden und Vorträge aus einem halben Jahrhundert.

„Toni Morrison befasst sich mit umstrittenen gesellschaftlichen Fragen, die zeitlebens ihre Themen gewesen sind: dem Alltagsrassismus in Amerika, der Assimilation des Fremden, dem Erbe des Sklaventums, der Gewalt gegen Schwarze, den Menschenrechten. Sie denkt über die Kunst, die Möglichkeiten der literarischen Phantasie, die Kraft der Sprache, die afroamerikanische Präsenz in der US-Literatur und in der Gesellschaft nach. Es geht um Achtung und Selbstachtung, um Leerstellen in der Geschichte und jahrzehntelang tradierte Vorurteile. Eine umfassende Bestandsaufnahme – manche Beobachtungen wiederholen sich in ihren Reden und Vorträgen im Lauf der Jahrzehnte, es sind die alten Fragen in einem neuen Kontext. Gibt es gesellschaftlichen Fortschritt? Gibt es Hoffnung?

Die Eleganz ihres Denkens, die klare Schönheit ihrer Sprache und, vor allem, ihre aufrechte moralische Haltung waren ihre herausragenden Kennzeichen und maßgeblich dafür, dass Toni Morrison 1993 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt wurde. Diese Texte sind eine Positionsbestimmung von brennender Aktualität und ein leidenschaftlicher Aufruf, sich gegen Unterdrückung zu wehren.“

Lydia Meyer – Sex und so

Das erste Aufklärungsbuch für wirklich alle!

„Die Entdeckung der eigenen Sexualität gehört zu den größten Herausforderungen im Leben. Doch wer heute heranwächst, hat es mit unerreichbaren Idealen und falscher Perfektion zu tun. Bin ich zu dick? Bin ich zu schüchtern? Zu prüde? Zu spät dran? Was ist eigentlich ein richtiger Mann und wie werde ich endlich diesen Liebeskummer los? Frei von Wertungen finden Jugendliche und junge Erwachsene in diesem Buch einen leichten Zugang zu komplexen Themen wie Sex, Gender, gesellschaftlichen Normen und Selbstliebe und erhalten Einblick in die Geschichten von Menschen, die sich getraut haben, ihren eigenen Weg zu gehen. Ein wichtiges Buch, das Orientierung bietet und Mut macht, genau so zu leben wie man sich fühlt – und nicht wie andere es erwarten.“

6 Bücher im Oktober – Über Selbstachtung, Sexismus und einen Roman, der bisher gefehlt hat

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