Was lehrt uns „Malcolm & Marie“ über eine toxische Beziehung?

01.03.2021 Film, Leben

Zendaya und John David Washington spielen in dem jüngsten Netflix-Hit von Sam Levinson, dem Regisseur von „Euphoria“, ein Paar. Anhand der explosiven Streits im Laufe eines Abends, analysiert die Psychologin Dr. Peggy Drexler, was der Film über missbräuchliche Beziehungen aussagt.

Die Zuschauer*innen von „Malcolm & Marie“, dem neuen Netflix-Film von Sam Levinson mit Zendaya und John David Washington, können von Anfang an miterleben, dass die beiden Titelfiguren eine toxische Beziehung führen — nicht nur miteinander, sondern auch mit sich selbst. Sie ist eine ehemalige Drogenabhängige und Schauspielerin mit einer gelangweilten Attitüde, die eine tiefsitzende Unsicherheit überdeckt; er ist ein Filmemacher, dessen eigene Unsicherheiten sich in seinem emotionalen Missbrauch ihr gegenüber zum Ausdruck kommen. Auch über den großen Altersunterschied hinaus ist ihre Dynamik unausgewogen. Er monologisiert; sie hört zu. Er verbraucht die ganze Luft im Raum, während sie sichtbar erstickt.

„Malcolm & Marie“ ist ein Paradebeispiel für toxische Beziehungen zu Zeiten der Pandemie

Der Film wurde während der Pandemie gedreht, kann aber als Metapher für festgefahrene Beziehungen allgemein stehen. Die Story spielt ausschließlich im Haus der beiden und über den Verlauf eines einzigen Abends, der die gesamte Bandbreite an Emotionen bereithält — einmal spannungsgeladen, dann wieder zärtlich und liebevoll. Sie sind in diesem Haus gefangen, in dieser Nacht, in ihren Köpfen und in ihren Wahrnehmungen voneinander. Sie streiten sich, sie sind gemein zueinander, sie entschuldigen sich und sie fangen wieder von vorne an. Es wird klar, dass die ProtagonistInnen sich ebenso sehr hassen, wie sie sich lieben — eine abgekapselte Achterbahn ohne Ziel, eine Beziehung im Lockdown.

 

Die Verletzungen, die sich Malcolm und Marie zufügen, sind zahlreich. Die heftigste ist die, dass Malcolm sich bei der Premiere des Films nicht bei Marie bedankt hat – das bei einem Film, den er größtenteils auf Grundlage ihres Lebens geschrieben hat und in dem er sie nicht besetzt hat, obwohl sie die Rolle gerne gehabt hätte. Aber es gibt noch jede Menge andere, andauernde Verletzungen. Malcolm erinnert Marie ständig an ihre Vergangenheit als Süchtige, ihre Untreue, ihre Zerrissenheit; sie reagiert, indem sie ihrem Freund sagt, dass er ein mittelmäßiger Filmemacher sei und indem sie einem Kritiker Recht gibt, den er verachtet. Und trotzdem ist da etwas, das die beiden immer wieder zusammen kommen lässt.

Was ist dieses Etwas? Natürlich ist es nicht Liebe. Es ist gegenseitige Abhängigkeit.

Während “Malcolm & Marie” diese toxische Beziehung voller emotionaler Misshandlung und Gaslighting nicht gerade romantisiert, macht der Film auch nicht wirklich klar, wer dafür verantwortlich ist, oder was getan werden sollte. Das Paar hängt aneinander, ihre Leben sind miteinander verflochten und es ist schwierig zu sehen, was das Gute an ihrem Verhältnis ist — aber als Zuschauer müssen wir doch glauben, dass es irgendetwas Gutes gibt, warum sollten wir uns das sonst anschauen?

 
 
 
 
 
 
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Er ist wütend, grantig, narzisstisch und will jeden Streit gewinnen; sie ist wahrscheinlich irreparabel geschädigt und nimmt im Lauf der Nacht und der Beziehung offensichtlich noch mehr Schaden (wie Malcolm immer wieder bestätigt, wenn er zum Beispiel kurz nachdem er ihr gesagt hat, dass er sie liebt, sagt, sie solle sich „das Lächeln aus dem Gesicht wischen“, weil sie wie ein Clown aussehe). Und dennoch sieht es so aus, als würde Marie am Ende des Films, nachdem sie mit ihrem eigenen vernichtenden Monolog eine regelrechte Explosion der Stärke gezeigt hat, bei ihm bleiben, statt Malcolm zu verlassen, obwohl auch ihr klar zu sein scheint, dass sie gehen sollte.

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Das ist eine ziemlich präzise Darstellung dieser Art von Missbrauch. Studien belegen, dass emotionale Misshandlung sich häufig in Beleidigungen, Dominanzverhalten, Kontrolle, Isolation, Lächerlichmachen oder der Verwendung intimen Wissens zur Erniedrigung des anderen manifestiert — all das erleben wir bei Malcolm und Marie. Ungefähr die Hälfte der US-AmerikanerInnen berichtet von lebenslanger emotionaler Misshandlung durch einen Partner oder eine Partnerin. Die Pandemie und die folgenden Lockdowns haben die Gewalt in Partnerschaften noch verschlimmert. Während in Australien die Ausgangssperre verhängt war, gab es einen Anstieg um 75 Prozent bei Internet-Suchen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt, wie Google berichtet, eine Entwicklung die sich weltweit abzeichnet

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– Dieser Text von  DR. PEGGY DREXLER wurde zuerst bei Vogue Germany veröffentlicht. Dort könnt ihr den Beitrag weiterlesen  –

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