Effizienz im Alltag: Wie der Lockdown mir das Faulsein nahm

16.03.2021 Menschen, Wir, Kultur, Leben, Work, box3

„Faulsein ist wunderschön ob mit ob ohne Geld! Wer’s nicht glaubt, der soll zur Schule gehen, wir ziehen um die Welt“, singt Pippi Langstrumpf und erinnert mich auf multiplen Ebenen an unbeschwertere Tage. 

Auch wenn wir Lohnarbeit als klares Privileg in unserer Gesellschaft einordnen müssen, das Geld, das damit einhergeht, aber auch Status, Klasse oder die Vollbeschäftigung während einer Pandemie, ist mir trotz Vollzeit-Freelancertum die Decke dermaßen auf den Kopf gefallen. Während mein Arbeitsplatz an meinen heimischen Esstisch umgezogen ist, fällt es mir nun auch noch schwer, die freien Stunden in meiner Wohnung vollends zu genießen.

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Sleeper (@daily_sleeper)

Vor mehreren Monaten beschrieb ich an dieser Stelle die Sorge um eine bald wiederkehrende Normalität. Um den Stress und den Druck und die sozialen Kontakte, die meinen Alltag wieder bestimmen würden. Heute habe ich mich derart abgenabelt, dass ich Sorge habe, je wieder aus meinem Lockdown-Alltag entweichen zu können. Meine realen Kontakte sind heruntergefahren. Meine Routinen sind geprägt von Effizienz, vom Aktivsein, vom Wegschaffen im eigenen Haus. Büro, Baustelle, Großküche, Kräutergarten, Kleiderkammer. Meine 50 Quadratmeter haben sich in einen Berg voller Aufgaben à la Beschäftigungstherapie, der mich davon abhält, guten Gewissens nichts zu tun, umgewandelt.

Nicht nur mir geht es so. Ob Kurzarbeit oder nicht, auch bei Gesprächen mit meinen Freund*innen steht die eigene Effizienz ganz weit oben auf der Liste, wenn es um eine Rückschau über die vergangenen Stunden, Tage und Wochen geht. Aufgeregt erzählen wir uns dann von Sauerteigen, vom Aussortieren, vom Home-Gym, der neuen Laufroute oder neuen Bastelprojekten. Ich liebe die Erzählungen dieses neuen Alltags. Dabei sind sie unterhaltend und zermürbend zugleich. Nach dem Auflegen ertappe ich mich nämlich regelmäßig dabei, den Feierabend oder das Wochenende mit einer nützlichen Aktivität verbringen zu wollen. Dort, wo vorher Ausflüge, Kultur oder ein Restaurantbesuch stattfanden, fühle ich mich heute schlecht, wenn ich nicht mindestens ein neues Rezept ausprobiert oder einen Teil meiner Wohnung geschrubbt habe.

Eine Studie der Agentur für Forschung, die im Juni 2020 erschien, erfasst die positiven Auswirkungen der Coronakrise. Wahrgenommen von Privilegierten, Besserverdienenden und Alleinstehenden sieht ein Teil der Befragten die Chance, im Homeoffice besser zu essen, durch entfallende Fahrtwege mehr Freizeit zu haben und freut sich über eine flexiblere Arbeitsweise durch die Nutzung der eigenen vier Wände. Was ich sehe, ist mein sich verstärkender Drang, auch aus dem letzten Bisschen meiner Zeit zu Hause etwas zu machen, das mir am Ende etwas bringt. Was ist egal, nur etwas ist wichtig.

Während mir Freundinnen in Kurzarbeit über Heimwerker*innenprojekte und den Tagesplan erzählen, merke ich, wie stark wir gelernt haben, uns durch Lohnarbeit zu definieren. Produktiv sein, nützlich sein und gebraucht zu werden haben in einem kapitalistischen System einen Stellenwert, der weit über die finanzielle Selbsterhaltung hinausgeht. Effizienz und Produktivität machen uns erst wertvoll, erst zu richtigen Menschen. Lohnarbeit ist Beschäftigungstherapie, Unterhalt verdienen und die Legitimation von Freizeit in einem. Was bleibt da noch, wenn es diese nicht mehr gibt oder sie einen anderen Raum einnimmt? Die Antwort sind alle die kleinen Projekte, die wir uns für das Gefühl, nicht faul gewesen zu sein, erzählen. Ein ausgemisteter Kleiderschrank oder ein sauberes Klo, die gestrichene Küche. Wunderbare Dinge, für die es vielleicht keine Zeit gäbe, hätten wir Bars und Kinos und Arbeitswege, um mal richtig die Beine baumeln zu lassen. Stattdessen sind wir stolz auf Haus- und Carearbeit. Etwas, das mich mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurücklässt.

Stark erinnert bin ich an das anfängliche Pandemiedilemma zwischen dem Vermeiden von Lockdown-Pfunden und eifrigen Heimwerker*innenprojekten. Auf der anderen Seite freue ich mich, gezwungen zu sein, diese Tätigkeiten neben der Lohnarbeit wertzuschätzen. Mich zu freuen, wenn jemand einen Tag mit sich selbst verbringt und mir stolz von den neusten Basteleien erzählt. Und dies im besten Falle auch noch beibehalten kann, wenn unser Leben wieder etwas anders ausschaut.

6 Kommentare

  1. Nik

    Danke für diesen Artikel. Ich hatte schon Angst, dass es nur mir so geht. Ich kann schon im normalen Alltag schlecht mit „ungenutzter“ Zeit umgehen, im Lockdown wurde dieser Produktivitätszwang nicht kleiner.
    Ich habe schon damals meine Freunde bewundert, die ganze Wochenenden nur zwischen Bett und Kühlschrank gependelt sind und die ihre innere To-Do-Liste gekonnt den Mittelfinger zeigen. Wenn ich groß bin, will ich das auch können. Kommt gleich auf die To-Do-Liste;)

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  2. Verena

    Liebe Fabienne

    es tut mir leid, wenn dir das schöne Faulsein genommen worden ist. Eigentlich ist doch Nichtstun die wahre Kunst des Lebens, und aus dem Nichtstun wächst auch Kreativität.

    Ich kann nicht sonderlich gut faul sein, könnte es aber sehr, sehr gerne.

    liebe Grüße

    Verena

    Antworten
  3. Laura Ritthaler

    Ganz wichtiges Thema, Danke.
    Möchte dazu noch sagen:
    Faulsein gibt es nicht!
    Nur Regeneration, Erholung und Mußezeit- diese sind uns oft hart abtrainiert worden von Menschen die das selbst nicht gut für sich hinbekommen haben.
    Kann man aber wieder neu lernen und trainieren. Versprochen.
    Herzlich, Laura

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  4. Sarah Bu.

    Mein Gehirn hat tatsächlich beim Überfliegen der Überschrift autovervollständigt: „Wie mir der Lockdown das Frausein nahm“ Wahrscheinlich, weil mir das mit 2 Kindern zwischen Homeoffice- und Homeschooling- Jonglage viel näher ist, bzw. meinen Zustand besser beschreibt. Die Degradierung auf die Funktion als eierlegende Wollmilchsau halt. Es fällt alles hinten über, was Mutter in pandemielosen Zeiten sonst so bleibt und einen in unregelmäßigen und hart umkämpften Zeitslots bei der Stange hält: ein bisschen Paarzeit, Treffen mit einer oder mehreren Freundinnen zu einem Frühstück oder quartalsmäßige Shopping-Events ohne konkrete Zeitangaben, zu denen man sich spätestens wieder zur Staffelübergabe zu Hause einzufinden hat. Sorry für‘s lakonische Lamentieren ohne die Situation anderer zu negieren. Das habe ich im letzten Jahr gelernt: Jeder hat seine eigenen, persönlichen Issues und jedes gefühlte Problem hat seine eigene Berechtigung- wir hängen alle drin, jeder auf seine Weise.

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  5. Julia

    „Effizienz und Produktivität machen uns erst wertvoll, erst zu richtigen Menschen.“ Och nö! Was ist das denn für ein Satz? Eine sinnvolle Aufgabe ist wichtig klar und ansonsten überschlage ich mich nicht gerade damit eine neue Rezept- oder Bastelidee nach der anderen auszuprobieren und das mit Wonne. Zwar habe ich meine Sportroutinen (hatte ich aber auch schon vorher) und mit meinem Wert hat das mal so rein garnix zu tun. Ihr dürft euch aber gerne weiter verausgaben…

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