„Das Problem ist, dass das Leben immer noch erschöpfend ist, weil die Pandemie auf so viele unsichtbare Weisen erschöpfend war und bleibt“

09.09.2021 Leben, box3

Ich bin müde. So müde. Und das seit Monaten. Letztes Jahr schrieb ich irgendwann mal auf Twitter, ich sei müde. Da wusste ich noch nicht, wie müde man tatsächlich sein kann. Müde müde müde.

Ich sage und schreibe das als jemand, der keine Kinder hat, keinen sogenannten systemrelevanten Beruf ausübt und sich nicht um kranke und/oder ältere Verwandte kümmern muss. Die letzten eineinhalb Jahre Pandemie waren aus beruflicher Sicht für mich nicht optimal – als Autorin und Speakerin bin ich auf Veranstaltungen angewiesen – aber sie hätten auch sehr viel schlimmer ausfallen können. Alles in allem geht es mir also gut, besser als vielen anderen Menschen. Und trotzdem bin ich müde, so unendlich müde.

Aber ist es tatsächlich Müdigkeit – oder nicht viel eher Erschöpfung? Chronische Erschöpfung, aus der sich dann chronische Müdigkeit ergibt?

Stress führt zu Erschöpfung führt zu Müdigkeit

Meinen (durchaus privilegierten) Alltag zu leben, kommt mir immer noch oft sehr anstrengend vor. Denn das Virus ist ja noch da, auch, wenn viele Menschen das momentan erfolgreich zu verdrängen scheinen. Ich ärgere mich über Menschen, die mir in der Schlange an der Supermarktkasse zu nahe kommen, ich ärgere mich über überfüllte U-Bahnen und darüber, dass manche Menschen im Zug ihre Maske nur auf Halbmast hängen haben.

Ich unterschreibe Verträge für Veranstaltungen im Herbst und Winter, und denke: Werden diese Veranstaltungen überhaupt stattfinden können? Was, wenn es zwar keinen erneuten Lockdown gibt, aber zumindest strengere Kontaktbeschränkungen? Nach eineinhalb Jahren Pandemie hatte ich mir eingebildet, besser darin geworden zu sein, die Dinge einfach auf mich zukommen zu lassen – ich kann ja doch nichts daran ändern, dass Covid-19 da ist und uns noch eine ganze Weile begleiten wird. Bin ich aber nicht.

Das alles sind Dinge, die mich stressen. Und Stress führt zu Erschöpfung und Erschöpfung führt zu Müdigkeit.

 

 
 
 
 
 
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Ein Beitrag geteilt von Nella Beljan (@nella.beljan)

Positiver Stress

Hinzu kommt der positive Stress: Endlich wieder Menschen treffen, die man länger nicht gesehen hat! Endlich mal wieder wegfahren (wenn auch, in meinem Fall, nur ein paar Kilometer bis nach Brandenburg)! Endlich mal wieder in eine Bar, ins Museum, ins Kino gehen! All diese Sachen liebe ich – und stelle trotzdem fest, dass sie mir mehr abverlangen als früher.

 

 
 
 
 
 
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Ein von @voguegram geteilter Beitrag

Letztens saß ich mit einem Buch in einem Café, entzückt, dass ich endlich wieder einer meiner Lieblingsbeschäftigungen nachgehen konnte: Lesen im Café. Doch irgendwas stimmte nicht, irgendwas war anders. Ich konnte mich nicht auf mein Buch konzentrieren. Stattdessen lauschte ich dem Gespräch am Nebentisch, regte mich innerlich über eine sehr anstrengende (und laute) Dame zwei Tische weiter auf, guckte auf mein Handy. Nach nur einer halben Stunde packte ich mein Buch ein und ging. Die frustrierende Erkenntnis: Ich war das Stimmengewirr und die Klangatmosphäre im Café schlicht nicht mehr gewöhnt. Etwas, das mich sonst immer so wohlig umfangen hat wie ein gemütlicher Strickpulli, kratzte nun. Lenkte mich ab.

Mangelnde Erholung

Die US-amerikanische Journalistin und Autorin Anne Helen Petersen schreibt in ihrem – treffend betitelten – Artikel You’re still exhausted:

So fühlt es sich an: ein beständiges, leises Überkochen, bis jemand – wer? – das Debakel bemerkt und zum Herd rennt, um die Kochplatte auszustellen.

Vielleicht werde ich einfach älter. Vielleicht muss ich aufhören, so zu tun, als müsse ich inmitten einer Pandemie so funktionieren wie immer. Noch einmal Anne Helen Petersen: „Während ich stets bereit bin, auf die strukturellen Probleme hinzuweisen, die tatsächliche Erholung schwierig machen, so denke ich auch, dass wir als Individuen verdammt schlecht darin sind, unser Bedürfnis danach zu erkennen.“

Augen zu

Seit einigen Wochen mache ich manchmal mittags für ein paar Minuten die Augen zu. Manchmal für zehn Minuten, manchmal für zwanzig. Mehr braucht es oft nicht, dass ich mich wieder mehr wie ich fühle. Nicht mehr so müde. Nicht mehr so erschöpft. So, als könnte ich weitermachen, noch ein bisschen. Einen Pandemietag nach dem anderen.

© Collage: Jacquemus La Reconstruction Winter 2016

 

 
 
 
 
 
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Ein Beitrag geteilt von Lionel Hog Spike (@lionelhogspike)

3 Kommentare

  1. Lisa

    Ich fühle es so sehr. Und ich wünsche mir das alle in die Welt schreien, dass sie müde sind. Die Geschichte im Cafe kann ich 1 zu 1 auch so wiedergeben. Am Wochenende war ich alleine in Köln und habe mich so sehr darauf gefreut, die ungewohnte Stadt zu durchwandern. Es war auch schön, aber ich musste mich 3 Tage danach erholen (gut, dort hielt ich auch einen Vortrag und davor musste ich einen anderen Vortrag halten und bald muss ich einen neuen Vortrag halten…. aber ich kenne diese tiefsitzende Erschöpfung sonst nicht).

    Antworten
    1. Yana

      Ich fühle dich so sehr!
      Danke für deine Ehrlichkeit, das Teilen deines momentanen Erlebens mit uns.
      Diese wichtige Erkenntnis scheint doch der beste Schritt in die richtige Richtung. Mir geht es genau so. Ansttat mich für meine ungewohnte Trägheit auch noch schlecht zu fühlen, denke ich: müde sein ist okay. Leben heißt, zu balancieren. Und ich glaube, dass gegenüber jedem energetischen Hoch auch ein Tief steht. Als nächstes geht es also wieder nach oben für dich. <3

      Antworten
  2. Pingback: Cherry Picks: Von neuen Hobbys, Müdigkeit und der Ambivalenz von Vintagemode - amazed

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr von

Related