„Mach das Beste daraus“ – Über Corona & die Fetischisierung von Produktivität

06.04.2020 Leben, Gesellschaft

Ich weiß nicht, ob ihr es schon gehört habt, aber: Shakespeare schrieb King Lear, während er sich wegen der Pest in Quarantäne befand. Isaac Newton, ebenfalls pestbedingt in Selbstisolation, entwickelte die Grundideen für seine großen Theorien in Physik und Mathe. Nur zwei von vielen Beispielen, die gerade im Internet kursieren und die zeigen: Eine globale Pandemie kann zu ungeahnten Kreativitäts- und Aktivitätsschüben führen. Mehr noch: Eine globale Pandemie sollte produktiv genutzt werden.

Die sozialen Medien sind voll mit Menschen, die sich durch Klassiker der Weltliteratur lesen, sich endlich ihrem eigenen Romanvorhaben widmen, eine neue Sprache lernen, ein Projekt starten, an Online-Coachings teilnehmen, ihr Portfolio überarbeiten und und und. Und warum auch nicht? Ablenkung wird dringend benötigt, gerade wenn Treffen mit Freund*innen, ein Besuch im Café oder Fitnessstudio, ein Bummel durch die Läden – sprich: alles, was man sonst eben so macht – wegfallen und einem zu Hause so langsam die Decke auf den Kopf fällt. Vielen geht es besser, wenn sie sich mit etwas beschäftigen, sich ablenken, wenn sie Routinen haben und den Eindruck, zumindest ein paar Dinge kontrollieren zu können. Ich weiß das, ich gehöre dazu.

Fetischisierung von Produktivität

Es geht mir nicht darum, Copingstrategien – die für jede*n anders aussehen – zu kritisieren. Was mich aber stört, ist das allgegenwärtige Mantra, wir sollten „das Beste“ aus der Situation machen und die dahinterstehende Idee, dass sich aus allem irgendwie Gewinn schlagen lässt. Denn letztendlich wird eine ohnehin stressige Situation so noch stressiger. Weil neben einer globalen Pandemie da jetzt mehr oder weniger eine Verpflichtung ist, diese Zeit möglichst produktiv zu nutzen und zu optimieren, an sich zu arbeiten, sich fit zu machen für die Zeit nach Covid-19. Wann auch immer das sein wird.

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von (@erindwia) am

Die Coronakrise mag momentan so ziemlich alles durcheinanderwirbeln, unsere Sozial- und Arbeitsleben, die Wirtschaft, die Politik. Was davon aber erstaunlich unberührt bleibt, ist die Fetischisierung von Produktivität. Anders gesagt: Eine globale Pandemie sollte kein Grund sein, nicht das Beste aus sich rauszuholen, zu Hause weiterzuarbeiten wie sonst auch, nein, sogar noch mehr als sonst! Das ist hustle culture in ihrer absurdesten Form. Weltweit legen Unternehmen (oder sogar Regierungen) die absurdesten Regeln fest, um sicherzustellen, dass die Mitarbeiter*innen sich im Home Office nicht zu sehr, nun ja, zu Hause fühlen. Covid-19 ist kein Grund, nicht stets geschminkt zu sein und innerhalb kürzester Zeit auf E-Mails zu reagieren. Business as usual eben.

Irgendwie klarkommen

Was aber ist mit den Menschen, die zu Hause Kinder und – alte, kranke – Angehörige versorgen müssen? Im Zweifelsfall „neben“ ihrer Arbeit? Mit den Menschen, die existentielle Ängste haben und nicht wissen, wie sie ihre Lebenskosten decken sollen?

Die nicht wissen, wie es mit ihrem Unternehmen, ihren Mitarbeiter*innen weitergeht? Die sich schlicht nicht in der Lage fühlen, in irgendeiner Art und Weise produktiv zu sein, weil schon das morgendliche Aufstehen momentan Herausforderung genug ist? Sind diese Menschen weniger wert? Weil sie in dieser Krise nicht einfach weiter funktionieren wie sonst auch? Und was ist mit den Menschen, die an Supermarktkassen sitzen, in Krankenhäusern arbeiten, die Post zustellen und ganz generell dieses Land vor dem Zusammenbruch bewahren? Die tun schlicht, was getan werden muss. Sie sind diejenigen, die tatsächlich das Beste aus dieser Situation machen müssen – und zwar für uns alle.

„Ich bin so richtig müde“, schreibt Fabienne. Und das ist ihr gutes Recht. Es ist unser aller Recht. Wir müssen nicht Shakespeare sein, oder Issac Newton. Wir müssen die Coronakrise nicht nutzen, um noch mehr zu arbeiten, uns selbst zu optimieren oder den neuen Jahrhundertroman zu schreiben. Wir müssen vor allem gesund bleiben oder es werden. Klarkommen. Uns um uns selbst und unsere Familien und Freund*innen kümmern. Auf unsere Mitmenschen achtgeben. Diese Krise irgendwie überstehen. Und das ist schon eine ganze Menge.

11 Kommentare

  1. Frauke

    Danke für diese Worte! Mit zwei kleinen Kindern daheim ist alles schon stressig genug und ich habe es langsam satt gut gemeinte Ideen zu bekommen, wie man die Zeit „sinnvoll“ nutzen sollte.

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  2. Anya

    Danke dafür, liebe Julia. Muss man sich denn auch in einer solchen „Außnahmesituation“ immer nur auf das Optimieren konzentrieren? Einfach nur klarkommen, sich in der neuen, ungewohnten Situation zurechtzufinden reicht doch völlig aus.

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  3. Karin

    Wie wahr.
    Dieser Selbstoptimierungswahn ist teilweise echt schwer auszuhalten.
    Ich bin seit einem Unfall im Jänner mehr oder weniger durchgehend in Quarantäne und was soll ich sagen – meistens habe ich zu hören bekommen „ich soll die Zeit zuhause so gut wie möglich nutzen“. In Wirklichkeit war ich aber so sauer auf die Situation und auf das Leben, dass ich einfach einmal für eine Zeit schlecht drauf und unproduktiv sein wollte. Klar, mit dieser Einstellung kommt man vermutlich auf Dauer nicht weit, aber manchmal muss man sich eben auch seinen negativen Gefühlen hingeben dürfen.
    Vielleicht sollte man sich solche Tage und Gefühle einfach öfters „gönnen“ .
    Trotzdem muss ich gestehen, es bleibt immer ein Rest von schlechten Gewissen.
    Liebe Grüße aus Wien

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  4. Sissi

    Genau das!
    Sie nennen es Shutdown oder Quarantäne, weil Notstand zu bedrohlich klingt, aber nichts anderes ist es. Wir leben im Notstand! Weltweit sterben reihenweise Menschen, häusliche Gewalt nimmt zu, Racial Profiling und psychische Krankheiten ebenso. In Deutschland erleben wir die größte Einschränkung unserer Grundrechte seit 70 Jahren. Viele Menschen bangen um ihre Existenz.
    „Du solltest Corona als Chance begreifen! Hier ein Bananenbrotrezept“
    „Du könntest zum Beispiel eine neue Sprache lernen“
    „Hast du schon den Keller aussortiert? “
    Wir leben im Notstand. Ich finde das alles zynisch und es macht mir Angst!

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  5. Eva

    Hi Julia,
    ich finde deinen Text absolut wahr und stimme dir total zu. Finde nur den Titel und die Kritik an dem Gedanke, das Beste aus einer Situation zu machen, etwas irreführend.
    Ich denke nämlich das eigentliche Problem ist – wie du sagst – der generelle Selbstoptimierungswahn, die generelle Fetischisierung von Produktivität. Und dann natürlich dass das in dieser Krise auch noch zunimmt (was wirklich absurd ist!). Allerdings: Der Gedanke aus einer Situation das Beste zu machen, der ist doch für sich gesehen ein guter – und kann schließlich auch bedeuten: mal innehalten, mal nicht produktiv sein müssen. Und ja, das Klarkommen in diesem Ausnahmezustand – und irgendwie plötzlich Kinder und Beruf gewuppt kriegen – ist da oft schon genug. Und das ist völlig okay. Ich meine nur, in so einer Situation kann dieser Satz dann eben auch bedeuten, in dem ganzen Schlamassel auch irgendwas zu finden was trotz allem positiv ist. Um eben nicht völlig zu verzweifeln und: klarzukommen. Denn letztendlich kann es im Leben ja immer mal plötzlich anders kommen als man dachte – und da hilft doch dann so eine Einstellung. Den Selbstoptimierungswahn muss man dafür aber natürlich erst mal abgelegt haben.
    – einfach nur eine andere Interpretation des Satzes „mach das Beste draus“. Oder wie siehst du das?

    (vielleicht liegt das Missverständnis auch in der Übersetzung. Bei „make the most of it“ denke ich nämlich tatsächlich viel eher an produktiv sein, das meiste rausholen. Bei „das Beste draus machen“ denke ich eher an „Ja, ist blöd. Aber nehm’s nicht so schwer, such dir den positiven Aspekt daran und halt dich an dem fest.“)

    Viele Grüße und danke für deine guten Gedanken!

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  6. Pingback: Cherry Picks #12 - amazed

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