Unbequeme Wahrheiten: Wer träumt noch vom perfekten Haushalt?

23.09.2021 Kolumne

Ein Wahnsinn. Da gehe ich in die Wohnungen von Freundinnen und was erfüllt den Raum? Der Duft einer 70,00 Euro Duftkerze natürlich. In der Küche riecht es ganz leicht nach Bioladen. Im Bad stehen noch mehr Kerzen, ätherische Öle und sowieso: Wo man hinschaut, sieht nicht nur alles schnieke und hübsch aus, alles ist auch noch blitzsauber. Es geht schon wieder um Haushalt und Sauberkeit? Ja. Denn auch wenn es kein Geheimnis ist, dass ich weit davon entfernt bin, mein Leben im Griff zu haben, hat sich in mir ein Thema breitgemacht, das sich so richtig nicht verabschieden mag. Während mein Geschmack sich festigt und ich mich zu Hause pudelwohl fühlen, fühlt sich mein Sinn für Ordnung an, als wäre er seit Jahren immer wieder im Pubertäts-Modus.

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Swantje Hinrichsen (@swantjeundfrieda)

So einige Leute haben es im Urin. Für sie hat jeder Gegenstand ein Zuhause, sie haben Marie Kondo internalisiert, sie leben ihr System. Ich war noch nie so. Ich war immer eine Freundin des gemütlichen Chaos, was sich in der Realität dann zwar nie so richtig gut anfühlen wollte, aber sei es drum. Bis heute hat kein Gegenstand ein Zuhause, nur temporäre Unterkünfte. Und bis heute räume ich mir wie eine Besessene selber hinterher, immer frustriert vom Status Quo, wenn ich mal nicht einen ganzen halben Tag Arbeit hineingesteckt habe.

Wenn man so einen Tag im Homeoffice verbringt, sammelt sich in Küche und Wohnzimmer so viel Kram an, als hätte man sich kurze Zeit in eine WG verirrt. Ständig ist Abwasch in der Spüle, irgendwie ist es nie richtig sauber, aber es fühlt sich auch fast niemand verantwortlich. Nur, dass es kein Schamgefühl mehr gibt, ist neu. Es ist eben nur mein Dreck, nicht deiner. Basta. Und über den Sommer eskaliert die Lage dann vollends. Ist man nie zu Hause, stapeln sich Outfits im Schlafzimmer und Teller auf dem Couchtisch. Da ist ja keine Zeit für einen Großputz und für warum auch, wenn man doch sowieso nur draußen lümmelt.

Mal im Ernst. Ich dachte lange Zeit, dass mit meinem Wohnkonzept auch mein Sinn für Ordnung einmal erwachsen werden würde. Dass er sich irgendwann einstellt, dieser Automatismus und mir ins Blut übergeht. Dass alles gut duftet und fein aussieht und dass ich zu denen gehöre, die das mit Leichtigkeit wegstecken. Hoppla. Ich habe nicht damit gerechnet, dass mich selbst ein Ein-Personen-Haushalt an meine alltäglichen Grenzen bringen würde und das, obwohl ich mir so sicher war, dass die richtige Wohnung das Problem von selber lösen würde. Heute, da kann ich mir nicht mehr einreden, ein kreatives Chaos gemütlich zu finden. Da steht meine Realität im direkten Kontrast zu meinem Bedürfnis nach etwas Ruhe im Auge und Aesop in der Nase. Komisch aber, dass sich mein Hirn so richtig nicht auf diese Neuerung einstellen mag.

So weiß ich zwar heute, dass ich wohl kein ordentlicher Typ Mensch bin, aber auch, dass ich nicht zu den absoluten Chaotinnen gehöre. Wenn jemand zu Besuch kommt, dann soll es aber gefälligst schick aussehen. Klar, das ist meine elterliche Erziehung, die durchkommt. Ein unerträgliches Zwischending. Denn Aufräumen bringt mir keine Freude und auch wenn das Ergebnis spitze ist, empfinde ich eine Räumerei als Zeitverschwendung, wenn ich stattdessen doch spazieren, schlafen, kochen könnte und alles nach kurzer Zeit sowieso wieder den Bach hinunter geht. Immer wieder hat mein Wohlbefinden einen kleinen Streit mit meinem Zeitplan. Und doch klappt es gut, die Scheuklappen herauszuholen, wenn ich wieder dabei bin, das latente Chaos doch noch einen weiteren Tag zu ignorieren − ein Dilemma.

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Alfred Bramsen (@alfredbramsen)

Ich träume von einem perfekten Haushalt wie von einem Lottogewinn. Weil ich heute verstanden habe, dass mir eine makellose Küchenzeile oder dieser immer gesaugte Boden wohl nie zuteilwird. So gerne würde ich hierfür mal hinter die undurchsichtigen Instagram-Kulissen gucken. So ins echte alltägliche Leben. „Wie machen die Leute das bloß?“, frage ich mich. Und ob das immer angeboren ist oder wie man es lernt. Und wann die Zeit dafür bleibt, vor allem, wenn man nicht nur für sich selber rödelt. Neben der Finanzplanung kann ich mir doch nicht auch noch einen Ratgeber über Ordnung holen. Das ginge mir dann doch zu weit. Vielleicht ist es aber auch nur eine weitere Sprosse auf der Leiter zur Selbstakzeptanz. Wenn es darum geht, dann doch irgendwann bei sich anzukommen, haben auch die eigenen vier Wände wohl irgendwann eine Übereinkunft verdient. Ganz ohne Scham und Zwänge. Außer wenn es klingelt. Dann wird noch schnell Staub gewischt.

7 Kommentare

  1. Svetlana

    Hi Fabienne, ich schreib hier mal in der Rolle eines Familienmitglieds einer russischen Familie, wo die Ordnung und Sauberkeit eines Zuhauses allerhöchste Priorität hat (vor allem und am meisten bei Besuch). Und ich kann dir versichern, dass obwohl es immer sauber war, da trotzdem viel Meckern, Rumjammern und Stress dahintersteckt. Ist ja nunmal ein Kreislauf, der nie enden wird. Weil es wird immer wieder „dreckig“, egal wie ordentlich man ist. Deswegen ist das vielleicht wirklich eher eine Illusion, dass es manchen Leuten super easy gelingt, das Chaos fernzuhalten.
    Was ich aber letztens Mal gehört hab, war der Tipp, einmal am Tag z.B. nach der Arbeit einmal kurz aufzuräumen. Nicht gleich mit Wischen und allem drum und dran. Mehr wie so ein kleines Ritual, durch die Wohnung zu laufen und das kleinere Chaos zu beseitigen. Und wenn man das dieser Logik nach täglich in mini Häppchen macht, würde es ja weniger zu tun geben. So zumindest die Idee haha. In meiner Vorstellung klappt das zumindest besser als alle paar Monde XXL Putzaction.
    Man kann sich ja auch die Frage stellen, für wen man putzen möchte. Und wenn man es wirklich für sich selbst tun will, dann vielleicht als Selfcare framen? Ansonsten: No one cares, zumindest war ich nie in ner unordentlichen Wohnung und habs dann verurteilt.
    <3

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    1. Jael

      Deinen letzten Punkt kann ich absolut bestätigen, Svetlana und das schreibe ich aus Sicht einer ehemals sehr neurotischen Ordnungsfanatikerin. Für mich war es so übertrieben wichtig, dass die Wohnung in der ich zusammen mit meinem Exfreund wohnte immer tutti paletti aussieht – für ihn, für andere, aber vorwiegend für mich – und dennoch störte es mich wirklich nie, wenn ich in anderen Wohnungen war und dort Chaos pur herrschte oder es nicht blitzblank geputzt war.
      Eine Psychoanalyse später weiß ich, dass mein Ordnungswahn im Außen unter anderem sehr viel Kompensation meiner inneren Unordnung war. Dementsprechend hat meiner Meinung nach der extraperfekte Haushalt eventuell auch nicht immer einen ganz gesunden Ursprung. Und obwohl es nach wie vor so ist, dass ich Ordnung für mein Wohlbefinden brauche, freue ich mich riesig über die Tatsache, dass ich es mittlerweile nach 2 1/2 Jahren des Alleine-Wohnens schaffe, mal was stehen zu lassen, den Kleiderberg auf dem Boden im Schlafzimmer wachsen zu sehen, you name it und eben in keiner ausstellungsartigen Inszenierung mehr zu wohnen. Es gibt diesen Wunsch also auch in die andere Richtung – von der makellosen Küchenzeile hin zu lebendigerer Echtheit garniert mit ein paar Krümeln.

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  2. Cora

    Mir geht es da ähnlich wie Jael.Auch wenn ich persönlich zwar gerne mal zu strukturiertem Chaos neige,ist es für mich immer noch eine recht einfache Methode die Unordnung in meinem Kopf einzudämmen,indem ich um mich rum alles aufräume,weil ich darüber mehr Kontrolle habe.
    Habe vor Ewigkeiten mal gelesen,dass manche Therapeuten das den „Lady McBeth Effekt“ nennen^^
    Aber seit ich Haustiere habe,bin ich da sowieso entspannter geworden,weil ich eingesehen habe,dass es meine Katzen herzlich wenig interessiert ob Besuch kommt oder nicht,wenn sie mal wieder ihr Futter im Flur verteilen nachdem ich gerade gewischt habe hahaha

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  3. tine tuschen

    „… Da steht meine Realität im direkten Kontrast zu meinem Bedürfnis nach etwas Ruhe im Auge und Aesop in der Nase.“ was für ein schöner Satz, der bringt es auf den Punkt. Ich lebe im Mittelfeld, schöne aufgeräumte Wohnung, aber mit viel Kram und Pflanzen, also nicht aufgeräumt im Sinne von leer. Bei mir war es umgekehrt zu vielen Menschen: ich bin in einer sehr gemütlichen aber auch sehr chaotischen Wohnung in den 70ern/80ern gross geworden, da meine Eltern beide nicht gerne putzten .. und habe dann nach Auszug mit 20 sehr schnell bedeutend aufgeräumtere WGs bewohnt … Ich putze immer nicht gerne, aber ich habe es gerne sauber … es ist anstrengend 🙂

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  4. Fritzi

    Liebe Fabienne, ich kann diesen Wäre-ich-doch-bloß-ein-ordentlicher-Mensch-Wunsch wunderbar nachspüren, so geht`s/ging`s mir auch zeitweilig. Seit eh und je hält mir meine Mutter meine Unordentlichkeit vor und fürchtet, ich sei ein Messy. Eigentlich war mir das die meiste Zeit ziemlich egal, weil es in meinem Chaos immer eine Ordnung gefunden habe und das später, in den meisten WG-Zimmern meiner Freund*innen auch nicht anders aussah. Für das Leben in WGs galt Chaos und ein bisschen Dreck ja sowieso als Coolness-Faktor und niemand wundertste sich oder entschuldigte sich gar dafür. Aber vor einiger Zeit habe ich festgestellt, dass das irgendwie umgeschlagen ist. Jetzt komme ich in die Wohnungen von Freund*innen, oft andere Eltern, und diese entschuldigen sich erstmal dafür, „wie es hier aussieht“. Ehrlich gesagt, ich find es erleichternd zu sehen, dass andere Wohnungen auch chaotisch und dreckig sind, dass Schöner-Wohnen-Ordnung wirklich nur Werbung und nicht Realität ist. Und tatsächlich fühle ich mich zwischen benutztem Geschirr, Kleiderhaufen und nicht zusammenpassendem Krimskrams viel wohler, weil ich dann erstens denke, dass hier echte Menschen ein echtes Leben führen (und mich ein Stück weit daran teilhaben lassen), und zweitens, weil ich keine Angst haben muss, selbst irgendwas dreckig oder unordentlich zu machen (was mir in aufgeräumten, sauberen Umfeldern garantiert passiert).

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  5. Leonie

    Bei mir ist es auch so, mit dem Bedürfnis nach Ruhe fürs Auge, ich fühl mich einfach besser, wenn mein Umfeld strukturiert und sauber ist.
    Irgendwann hatte ich die Erkenntnis, dass alles doppelt arbeit macht, wenn man es „für später“ abstellt (z.B. den Teller in die Spüle) und dann auch eigentlich erst den Ärger (dass da schon wieder Sachen in der Spüle sind, dass man einfach nicht Ordnung halten kann,…). Seitdem lautet meine Devise „Einfach gleich machen“ und das sorgt für mehr Zufriedenheit -und Ordnung.
    Für Besuch putzen mach ich nicht mehr (die gucken eh nicht so genau wie man es zuhause macht) -die eigenen Bedürfnisse sind es doch, die zählen.

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  6. Ninotschka

    Meine Tante (Mitte 70), die es gerne ordentlich hat, aber, nach eigener Aussage, faul ist, hat mir ihr Geheimnis (sie hat mit wenigen finanziellen Mitteln ein Zuhause hergestellt, das schöner nicht sein könnte: Zeitlos, individuell, großzügig, gemütlich, spannend, klar, voller Leben, Büchern, Kunst und Geschichte und trotzdem modern) so erklärt: Vor allem die Flächen aufgeräumt halten, also Platz auf Sideboards und Tischen schaffen bzw. dort nur möglichst ausgewählte Dinge platzieren und Stapel (abends oder wenn Besuch kommt etc.) in Schränke, Schublade etc. verbannen. Eigene Erfahrung: Das klappt auch ganz gut, um sich und andere über die ersten Wollmäuse hinwegzutäuschen.

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