Warum wir Altes so schön finden oder: Sehnsucht nach Nostalgie

20.10.2010 Allgemein, Mode

Vintage-Kleidung ist beliebter denn je. Irgendwie sehen wir grad gern mal aus wie Omi. Ob die Herren sich vielleicht auch bald wieder in Schale werfen? Ich fänd’s sexy.

Wir sind die Generation Orientierungslos. Die Generation Zukunftsangst und: Die Generation der Nachmacher. Oder: Warum wir Omas Kleiderschrank plündern – Ein Erklärungsversuch.

Das Web 2.0 überrennt uns wie ein aggressives Rudel wilder, alles an sich reißender Hunde. Trottelig trampelt es auf unseren Gefühlen herum, lässt uns den Wert mühsam aufgebauter Freundschaften vergessen, macht sich dreist in unserem Leben breit.  Das Leben, die reale Welt da draußen, zieht an uns vorbei. Bunte, flimmernde Bilder auf blank polierten Bildschirmen. Wir machen alles mit, sind Teil des Stroms. Lassen uns mitreißen, versinken in der Flut; ungefragt. Wir haben alles. Auf einen Klick, die ganze Welt. Aber eins quält: Die Sehnsucht nach Nostalgie.

Rückblick. Wir schreiben das Jahr 1850. Das 19. Jahrhundert, das Jahrhundert des Bürgertums. Etikette, Anstand und Benehmen sind das höchste Gut. Das Internet existiert noch nicht einmal in Gedanken. Freundschaften beruhen auf ehrlichen Gesprächen, auf langen handgeschriebenen Briefen und Höflichkeit. Nicht auf Facebook-Nachrichten, lieblos abgetippten Sms und zuvorkommenden Lügen. Man macht sich schick, wenn man unter Leute geht, achtet stets auf adrette Kleidung. Bei Ausstellungseröffnungen, Pferderennen, zum Vormittagsempfang galt allein ein Kleidungsstück für den Mann als angemessen: der Cutaway. Für die Frau galt: Hauptsache bodenlang.

Heute, im 21. Jahrhundert  trägt man Jeans und T-Shirt. Der Anlass? Unwichtig. Zumindest bist jetzt.

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Uns, den jungen Erwachsenen, scheinen sich heute mehr Möglichkeiten zu eröffnen als jemals zuvor, ja, wir sind vogelfrei. Ein Segen, sagen die einen. Die Hölle, sage ich. Unsere Zukunft? Ungewiss. Wirtschaftskrise, Finanzkrise, Globalisierungskrise. Wir können unseren Anker nicht einfach auswerfen, ankommen, uns sicher fühlen. Denn er findet keinen Halt im sandig verlaufenden Wirrwarr unserer Zeit. Den sicheren Hafen erreichen und zur Ruhe kommen war gestern. Heute ist kämpfen die oberste Prämisse. Überleben ums Verrecken. Die einzige Hoffnung: Sich selbst nicht verlieren. Stattdessen suchen wir nach Halt. Aber nicht die Zukunft soll unsere Gedanken wieder zusammen führen, unsere Ängste mildern. Sondern längst vergessenes und altbewährtes. Feste Strukturen, Werte und Tugenden.[2] Was rar ist, wird begehrt. Was längst vergangen ist, wird wieder wert geschätzt. Wie im Leben, so ist es auch in der Mode.

Wenn die Zeiten hart sind, wird unbezahlbares immer wichtiger. Die Familie, das Pflegen von Freundschaften, der eigene Auftritt in der Öffentlichkeit. Prioritäten verschieben sich; man hält an Schönem fest, damit das Schlechte nicht Oberhand gewinnt. Für viele ist die Mode etwas wunderbares, ein Lichtblick in der tristen, grauen Welt. So war es immer, so wird es ewig sein.

1945. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, doch er hinterlässt Spuren. Das Resultat: Armut, Ängste, Arbeitslosigkeit. Alles liegt in Trümmern, aber man will stark sein. Stark sein in der andauernden Krise. Anfang der 50er ist das Geld noch immer knapp. Dior wirft seinen „New Look“ auf den Markt. Glockige, weit ausgestellte Röcke, eine enge Taille – der Look war pompös und luxuriös. Anfangs wurde der Modeschöpfer beschimpft, man konnte diesen Protz nicht fassen in einer Zeit, in der es doch durchaus wichtigeres gebe als überkandidelte Kleidung.[3] Der Protest war heftig, hielt sich jedoch nur kurz auf den Beinen. Letztendlich kapitulierte auch der letzte Skeptiker vor der Macht der Mode. Denn damals wie heute gehört Kleidung zu den schönsten Nebensächlichkeiten der Welt. Gerade in schlechten Zeiten löst sie in uns ein Gefühl aus, das wir als kleinen Glücksmoment verstehen. Der lange Rock brachte einen Schimmer vergangener Zeiten in die so nüchtern gewordene Zeit zurück.[4] Auch wir leben in einer Krise. Eine andere Krise als damals, aber Krise bleibt eben Krise.

Auch wir suchen in vergangenem Halt, suchen etwas, das uns den Glanz der Unbeschwertheit zurück bringt. Die einen blättern in alten Fotoalben und lassen ihr Leben Revue passieren, manche stöbern in alten Briefen. Andere schauen verstaubte Dias oder mit Super-8 gedrehte, unrein tönende Urlaubsfilme aus den Sechzigern an. Der Flohmarkt-Hype hat inzwischen auch die letzte Kleinstadt erreicht, Mamas Speicher wurde schon längst geplündert. Alte Werte wie Disziplin, Loyalität und Benehmen sind uns plötzlich wieder wichtig[5], Kleidung aus längst vergangenen Jahrzehnten finden wir auf einmal wieder schön. An Weihnachten verzichtet man gerne auf die sonst so liebgewonnene Jeans, man macht sich wieder schick, wenn man mit den Eltern aus essen geht. Vielleicht wollen wir durch unsere Kleidung unsere Zugehörigkeit ausdrücken. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht, zu unserer Familie. Individualität? Natürlich. H & M ist out, Second Hand ist in, aber vor lauter Individualität sind wir, wenn wir ehrlich mit uns, doch schon wieder ganz uniform.

Warum wir plötzlich wieder altbacken werden? Weil gewohntes Sicherheit signalisiert, weil wir, wenn alles andere schief geht, lieber in Erinnerungen schwelgen als nach vorne zu sehen. Derzeit sieht man nicht nur die Berlin Mitte Hipster mit 30er Jahre-Frisuren über die Bürgersteige marschieren, nein, die jungen Männer von heute tragen auch wieder Opas Hosenträger und Hornbrillen. 2009 dann das Comeback der Fliege. Wer hätte das gedacht? Aber so ist es eben. Wenn es eine Konjunkturflaute gibt, bemerken wir, dass es dem Mann wieder sehr wichtig wird, repräsentativ hervorzutreten.[6]

Repräsentativ, das hieß Anfang des 20. Jahrhunderts noch Dreiteiler tragen, kurzum: der Cutaway war wichtigster Repräsentationsanzug des Herrn – und das bis zum Zweiten Weltkrieg. In den 30ern dann die Wende: der „Cut“ geriet aus der Mode und war seither nur noch für offizielle Gelegenheiten am Tage, besonders in Diplomatenkreisen, oder auf Hochzeiten üblich. Doch so wie es auch im Leben ein ständiges Auf und Ab ist, ist es auch in der Welt der Mode. Dinge kommen und gehen, verschwinden aber meist nie ganz. In den 5oer Jahren machte Dior den „New Look“ publik, 2009 brachte das Luxusunternehmen den Cutaway zurück auf den Laufsteg. Das große Comeback blieb aus, aber wie lange noch? Die Fliege wurde schon 2009 wieder zum Leben erweckt[7] und war sie nicht längst totgesagt? Das Auge muss sich an neues gewöhnen. Auch an altes neues. Und: Wir brauchen Querdenker, Trendsetter, Durchsetzter. Der Cutaway – im letzten Jahr noch auf dem Laufsteg, morgen vielleicht mitten unter uns. Aber nur, wenn es einen gibt, der mutig genug ist. Denn: Die Generation der Nachmacher braucht Vorläufer.

Text/Foto: Nike van Dinther


[1] Ingrid Loscheck, Mode im 20.Jahrhundert, Bruckmann München, S.49

[2] Volker Orthmann, Vorlesungsunterlagen, 2008

[3] Ingrid Loschek, Mode im 20. Jahrhundert, Bruckmann München

[4] Christan Dior, Christian Dior, 1956

[5] Artikel aus dem Spiegel, 2009 (Seite heraus gerissen, daher keine genaue Angabe möglich)

[6] http://www.krawattenspezialist.at/

[7] http://www.dertrendsetter.de/comeback-der-fliege/

Warum wir Altes so schön finden oder: Sehnsucht nach Nostalgie

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