Buch-Tipp: T.C. Boyle „Drop City“

29.07.2011 Allgemein, Buch

Einer meiner liebsten Freunde meinte wohl, ich sollte endlich damit anfangen, auch der Gegenwartsliteratur Beachtung zu schenken, statt ständig nur in existenzialistischen Schmökern von Sartre zu blättern. Und da ich sehr viel Wert auf seine Leseratten-Meinung lege, ließ ich mir kurzerhand T.C. Boyles „Drop City“ ans Herz legen. So viel vorab: Ganz durch bin ich zugegenbenerweise noch nicht, ein paar Seiten fehlen noch. Aber schon jetzt kann ich sagen: Dankesehr – das war ein guter Tipp.

„Dauernd redeten alle davon, zur Natur zurückzukehren, ins einfache Leben, raus aus der Tretmühle, aber wenn sie innerhalb von 15 Kilometern keinen Supermarkt gehabt hätten, wären sie allesamt längst verhungert.“

Es bedarf keinerlei hellseherischer Fähigkeiten, um zu erahnen, wovon der im Jahr 2003 erstmals veröffentlichte Roman des gebeutelten Herrn Boyle handelt: Vom Hippie-Dasein in einer Kommune, in der nicht immer alles rund läuft. Von Werten und einer Gesellschaft, die es jedem noch so friedvollen Idealisten schwer macht, stets das Gute zu sehen. Vom leidigen Thema der Selbsreflektion im Zuge des unverhinderlichen Erwachsenwerdens.

Die wahre Kommune Drop City in Colorado, 1965 via.

Drop City – Eine Hippiekommune in der Sonne, irgendwo in Kalifornien. Ein Ort, an dem der ewige Traum von Freiheit und Liebe endlich greifbar werden und zu ein nimmer endender Zustand wachsen soll. Draußen vor der Ranch hängt ein wackeliges Schild: „Keine Männer, keine Frauen – nur Kinder“, predigen die modernen Buchstaben, die sich langsam in das alte Holz fressen. Niemand will so sein wie die großen Leute, die bösen Leute, die von nichts eine Ahnung haben, bloß konsumieren. In ihrem selbsterschaffenen Niemalsland haben die 60 Blumenkinder alles, was sie für ihr großes Glück brauchen: Ziegen und Gemüse, Platten über Platten, laute Boxen, Natur, ein riesiges Dach über dem Kopf und jede Menge Drogen. FriedeFreudeEierkuchen – bis ihre Utopie von der schweren Faust der Realität ins Wanken gebracht wird.

Ein O-Saft-LSD-Punsch gelangt in Kinderhände, ein Mädchen wird vergewaltigt, der Dreck steht meterhoch. Überall Kot auf der Wiese. Keine Frauen und Männer, bloß „Freaks“ und „Schwestern“, die zu Konkurrenten im Streit um Gier und Lust und den nächsten nackten Körper werden. Die Kommune muss weg. Noch bevor der Sheriff das Gelände räumen kann, siedelt Drop City nach Alaska um – vollgepackt mit Rauschgift geht es mir einem alten Schulbus auf gen neue Heimat. Hier finden plötzlich zwei Handlungsstränge zusammen: denn in der Ferne, dem neuen Zuahause der Reisenden, spielt sich währenddessen die Geschichte des Trappers Sess Harder ab, einem Mann, der dabei ist, die Liebe seines Lebens zu heiraten. Welten prallen aufeinander und Gesellschaften treten in Konflikt – man verzweifelt und schreit, um am Ende doch Freundschaft zu erfahren. Es geht plötzlich nicht mehr darum, der todbringenden Langeweile zu entfliehen, sondern dem Hungertod die Stirn zu bieten – und das geht nunmal nur gemeinsam.

via.

Wenn man einen Boyle in den Händen hält, weiß man eigentlich schon, was kommt. Realität verschwimmt mit Traumvorstellung, leicht zu Verkostenes mit geschichtlich genauestens recherchiertem Wissen. Neben all dem Jargon und Slang und dem Sex, den Drogen und Visionen darf man auch hier nicht vergessen, das große Ganze zu sehen – und das Verborgene zwischen den Zeilen.

Nicht die Konfrontation Kommune versus Einzelgänger ist das Problem von Drop City – die Hippies sind längst Teil des amerikanischen Spiels –, Boyles Widerhaken steckt hier im Bösen, das jeden spannenden Western in Bewegung hält. In diesem Fall ist es der schwarze Lester, der mephistophelisch Gleichheit für alle einklagt und seinen Anteil am weißen weiblichen Fleisch fordert, zum anderen Joe Bosky, ehemaliger Vietnam-Kämpfer, der will, was die anderen haben – Frauen, Geld, Ärger. Sie spielen die ewigen Indianer, jenes Feindbild, das Amerika braucht, um seine Grenzen auszutesten.“ (Konrad Heidkamp in der Zeit vom 30.10.2003)

Und an dieser Stelle zitiere ich die Amazon-Redaktion, denn besser hätte ich es nicht ausdrücken können:

„Drop City ist große, leichte, bekiffte Literatur.“

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Buch-Tipp: T.C. Boyle „Drop City“

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