Von der Schwierigkeit des Nichtstuns im digitalen Zeitalter

27.08.2019 Buch, Gesellschaft

In regelmäßigen Abständen überkommt mich existentielle Verzweiflung, sobald ich mein Handy zur Hand nehme. Sobald ich auf Instagram rumscrolle, gucke, was auf Twitter los ist, ein paar „Likes“ auf Facebook verteile. Mehrmals am Tag, immer wieder. Dabei würde ich mich selbst nicht als besonders Social-Media-abhängig bezeichnen – weder habe ich tausende von Followern, die ich bespaßen muss, noch den Eindruck, groß etwas zu verpassen, wenn ich mal ein paar Tage weniger online bin. Und doch. Viel zu oft greife ich zum Handy, einfach so, um mal zu gucken, was los ist. Klicke mich durch. Falle in ein Wikipedia- oder Twitter-Loch. Manchmal frustriert mich das so sehr, dass ich einfach alles hinter mir lassen und alle meine Profile löschen möchte. Ich träume davon, wie viel mehr Raum, vor allem im Kopf, ich dann hätte. Wie viel ruhiger ich wäre und wie weniger abhängig vom Urteil anderer.

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es wenig Zweifel daran, dass Smartphones uns und unser Handeln beeinflussen, sich zum Beispiel negativ auf unsere Aufmerksamkeit auswirken können. So wie ich sind viele zunehmend genervt von ihrer gefühlten Smartphone-Abhängigkeit: Eine repräsentative Online-Umfrage des Wirtschaftsunternehmens Deloitte zeigt, dass gut jede*r Dritte in Deutschland schon einmal bewusst versucht hat, die eigene Smartphone-Nutzung zu reduzieren. Zahlreiche Bücher zum Thema bieten Hilfe an und wollen einen anderen Umgang mit dem Handy, den sozialen Medien, lehren. Oft wird ein sogenannter „Digital Detox“ empfohlen: für einige Tage, Wochen, oder sogar Monate. Ich bin nicht immun gegen diese Art von Büchern und schon gar nicht gegen das darin gemachte Versprechen: ein ruhigeres, konzentrierteres Leben mit weniger Ablenkung und mehr Zeit für das, was mir wirklich wichtig ist. Als ich auf Jenny Odells Buch How To Do Nothing. Resisting The Attention Economy stieß, war ich dennoch skeptisch. Denn Odell betonte in verschiedenen Interviews immer wieder, ihr Buch sei kein Selbsthilfe-Buch – aber das war es doch, was ich wollte! Eine Anleitung, mir selbst zu helfen! Konkrete Lösungen für mein Problem!

 
 
 
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Produktivität bewusst verweigern

In ihrer US-amerikanischen Heimat hat Odell, eine multidisziplinäre Künstlerin, die an der Universität Stanford lehrt, viel Aufmerksamkeit für How To Do Nothing bekommen. Die im Buch dargelegten Ideen hat sie erstmals in einer Rede auf der Eyeo-Konferenz 2017 formuliert. Odell geht es nicht darum, nichts zu tun, um nach einer kleinen digitalen Auszeit noch besser und produktiver arbeiten zu können – sondern darum, „in Frage zu stellen, was wir derzeit als produktiv auffassen“. Nichts zu tun, das bedeutet für Odell, Produktivität bewusst zu verweigern und stattdessen das Innehalten und Zuhören zu priorisieren. Dinge zu tun, die nicht „belohnt“ werden, keinen wirtschaftlichen oder finanziellen Wert haben. Dafür reicht es nicht, bloß weniger Zeit im Internet zu verbringen: Das Ziel besteht darin, den eigenen Fokus der Aufmerksamkeits-Industrie zu entreißen und ihn auf andere Dinge, die Umgebung, Menschen, zu richten.

Wie so viele andere fühlte Jenny Odell sich nach den US-Wahlen 2016 zerrüttet und verunsichert. Überwältigt von den permanenten Online-Diskussionen. Sie begann, zwei Krähen auf ihrem Balkon zu füttern und war fasziniert von der Tatsache, dass Krähen menschliche Gesichter wiedererkennen, ihr Gesicht wiedererkannten. Später entwickelte Odell, die in der kalifornischen Bay Area aufwuchs, eine Faszination für eine Bucht hinter ihrem alten Kindergarten. Natur spielt in ihrem Buch generell eine große Rolle, es ist voller Momente, die man zynisch als „hippiesk“ bezeichnen könnte. Es geht viel um Bäume, oder Vögel (Odells Hobby ist Vogelbeobachtung). Und doch wirken diese Momente nicht kitschig, sondern unterstreichen wirkungsvoll den Punkt, den Odell machen möchte: Nicht nur wir, unser Geist, befindet sich in einer Krise, sondern auch die uns umgebende Welt. Alles steht miteinander in Verbindung und ist ein Glied erkrankt, betrifft das auch die anderen Glieder. Wir können die Ungleichberechtigung auf verschiedenen Ebenen – Rassismus, Umweltzerstörung, wirtschaftliches Unrecht – sowie deren Auswirkungen und Überschneidungen nicht ausblenden.

An Ort und Stelle Widerstand leisten

Odell plädiert für etwas, das sie „Manifest-Demontage“ („manifest dismantling“) nennt, ein Gegenentwurf zur amerikanischen Doktrin der „Manifest Destiny“ aus dem 19. Jahrhundert. „Manifest Destiny“ basiert auf dem Glauben daran, dass die USA einen göttlichen Auftrag zur Expansion haben, dazu, ihre Grenzen immer weiter auszudehnen. Odells „Manifest-Demontage“ richtet sich gegen diese Art von Fortschritt, die nur auf individuellem Vorankommen basiert. Stattdessen stellt es Fürsorge, (Selbst-)Erhaltung und die wechselseitige Verflechtung von nahezu allem in den Mittelpunkt. Das geschieht laut Odell am besten, indem man an Ort und Stelle Widerstand leistet („resistance-in-place“). Als Beispiel führt sie einen berühmten Redwood-Baum namens Old Survivor an, der in Oakland steht und fast 500 Jahre alt sein soll. Im Gegensatz zu anderen Bäumen in der Umgebung wurde Old Survivor nie gefällt – weil er so krumm und schief ist und auf einem steinigen Abhang steht. Ihn zu fällen schien zu aufwändig und unrentabel. Odell schreibt:

„An Ort und Stelle Widerstand zu leisten bedeutet, sich selbst in eine Form zu bringen, von der ein kapitalistisches Wertesystem nicht so einfach Besitz ergreifen kann. Das zu tun bedeutet, den Bezugsrahmen zu verweigern: in diesem Fall, einen Bezugsrahmen, in dem der Wert anhand Produktivität bestimmt wird, der Stärke der jeweiligen Karriere, und von individuellem Unternehmertum.“

Die Aufmerksamkeit zurückholen

Jenny Odell ist allerdings bewusst, dass Widerstand zu leisten etwas ist, das sich nicht alle leisten können. So hat der Akt, sich die eigene Aufmerksamkeit zurückzuholen, sie Facebook und Co aktiv wegzunehmen, für sie zwar „revolutionäres Potential“. Aber sie thematisiert ebenso die Kosten, die dieser Akt mit sich bringt. So braucht es einen gewissen Handlungsspielraum, sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene, um sich Dingen – in diesem Fall den sozialen Medien – aktiv verweigern zu können. Viele Menschen sind, auf vielerlei Arten, verwundbar: „Manchmal ist das Boykottieren der Aufmerksamkeits-Ökonomie durch das Vorenthalten von Aufmerksamkeit das einzige Handeln, welches wir uns leisten können. Zu andere Zeiten können wir aktiv nach Wegen suchen, auf Dinge […] einzuwirken.“

 
 
 
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Letztendlich reicht es in Odells Augen sowieso nicht aus, sein Facebook-Profil zu löschen und offline zu gehen. Die Fallstricke der Aufmerksamkeits-Ökonomie zeigen sich überall, an den Überschneidungen von Umwelt, Geschlecht, Klasse. Doch so sehr es Odell um Verknüpfungspunkte zwischen verschiedenen Ebenen geht, darum, Interdependenzen aufzuzeigen: Am Ende verbleibt ihr Fokus doch auf dem individuellen Potential eines jeden Menschen. Es ist an uns, der Aufmerksamkeits-Wirtschaft unsere Aufmerksamkeit zu entziehen, an Ort und Stelle Widerstand zu leisten. Ja, das Private ist politisch. Aber: Was ist mit politischen Maßnahmen gegen den Plattform-Kapitalismus? Ist es nicht zu viel verlangt, dass einzelne Menschen, die von Facebook und Co aktiv manipuliert und verwertet werden, diejenigen sind, die dagegen ankämpfen sollen?

Etwas muss sich ändern

Trotzdem: How To Do Nothing ist ein überlegtes, kluges, auf eine stille Art radikales Buch, das grundlegende Kapitalismus-Kritik übt. Statt einer simplen Anleitung zum bewussteren Umgang mit neuen Technologien liefert es eine Mischung aus politischem Manifest und Lebensphilosophie. Es fragt danach, wie unser Leben aussehen könnte, wenn wir uns vom herrschenden Produktivitäts-Dogma befreien, innehalten und unsere Aufmerksamkeit bewusst Dinge widmen, die der Pflege und Erhaltung dienen – von menschlichen Bindungen über Umweltschutz.

 
 
 
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Ehrlicherweise hatte ich gehofft, während der Lektüre doch noch praktische Tipps für den Umgang mit den sozialen Medien zu bekommen. Nach der letzten Seite kam ich mir dann aber etwas naiv vor: Geht es nicht um so viel mehr als die sozialen Medien? Ich bin, in vielerlei Hinsicht, verwirrter als vor der Lektüre von Jenny Odells Buch. Statt mit Lösungen finde ich mich mit Fragen konfrontiert. Immer wieder musste ich das Buch während des Lesens zur Seite legen, um das Gelesene zu verarbeiten – ungewöhnlich für mich, denn ich lese normalerweise schnell, sehr schnell. How To Do Nothing zwang mich zum Innehalten, zum Reflektieren. Darüber, auf was ich meine Aufmerksamkeit richte und was das für mein Leben eigentlich bedeutet.

Mir ist, mehr denn je, bewusst, dass sich – für mich persönlich – etwas ändern muss. Ich habe aber auch festgestellt: So schön der Traum von einem Leben ohne Facebook, Twitter und Instagram ist, er wird für mich immer das bleiben. Ein Traum. Denn letztendlich kann ich es mir in meinem Beruf schlicht nicht leisten, soziale Medien nicht zu nutzen. Ich brauche sie, um, so furchtbar das klingt, für mich und meine Arbeit zu werben. Und, auch das ist mir bewusst geworden: Soziale Medien können Spaß machen. So viele tolle Menschen habe ich dort kennengelernt, mit so vielen meiner Freund*innen kann ich über sie mühelos in Kontakt bleiben. Das ist mir wichtig. Mindestens ebenso, wie nicht ständig zum Smartphone zu greifen.

Jenny Odell: How To Do Nothing. Resisting The Attention Economy, Melville, erschienen im April 2019.

Von der Schwierigkeit des Nichtstuns im digitalen Zeitalter

  1. Marie

    Liebe Julia, ich bin immer gespannt auf deine neuen Artikel, mag deinen Schreibstil, deine Gedankengänge und Themen sehr. Eine tolle Bereicherung für den Blog!

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