Interview // Autorin Katrin Rönicke über Beate Uhse & die Entwicklung der Sexualität in den 50er Jahren

Sie galt als „Aufklärerin der Nation“ und „Mutter Courage des Tabubruchs“: Im Oktober 2019 wäre Beate Uhse, bürgerliche Beate Rotermund, 100 Jahre alt geworden. Heute genießt sie Kultstatus, gilt als erfolgreichste deutsche Unternehmerin des 20. Jahrhunderts, als Pionierin. Die Journalistin, Autorin und Podcasterin Katrin Rönicke schaut in ihrer neuen Biografie Beate Uhse. Ein Leben gegen Tabus (Residenz Verlag) auf den beruflichen wie privaten Lebensweg Beate Uhses. Dafür hat sie mit Weggefährten und Familienmitgliedern gesprochen und sich durch das Beate-Uhse-Archiv gewühlt. Das Ergebnis ist ein kritisches Buch, das die gesellschaftliche Realität der Bundesrepublik einfängt und den Kampf für eine moderne Sexualmoral nachzeichnet. Beate Uhse erscheint darin als gewiefte und moderne Geschäftsfrau – aber auch als jemand, der oft zum eigenen Vorteil handelte. Beim Gespräch in ihrer Berliner Küche erklärt Katrin, wie Beate Uhses persönliche Geschichte für die Firmen-PR genutzt wurde und warum Noppenkondome in den 1950ern als „unzüchtig“ galten.

Katrin, der Name „Beate Uhse“ dürfte bei vielen Deutschen direkt Assoziationen hervorrufen. Mit welcher Erwartungshaltung bist du an deine Recherche herangegangen?

Bevor ich für das Projekt angefragt wurde, wusste ich nur das, was wahrscheinlich alle meiner Generation wissen: dass es in fast jeder Stadt einen Sexshop von Beate Uhse gibt. Also habe ich mir den Wikipedia-Artikel zu Beate Uhse angeschaut, um einen ersten Eindruck von der Frau hinter der Marke zu bekommen. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass sie ausgebildete Pilotin war und schon seit Ende der 1940er Jahre im Geschäft. Auch von der Schrift X hatte ich keine Ahnung oder davon, dass Uhses Mutter eine der ersten Ärztinnen Deutschlands war. Ich dachte: Okay, es geht hier nicht nur um eine Geschäftsfrau, die mit Sex Geld verdient hat, sondern es steckt eine interessante Geschichte dahinter.

Du schreibst, es sei schwierig gewesen, die Geschichte der Privatperson Beate Uhse nachzuzeichnen, weil sie und ihr Unternehmen in der Öffentlichkeit als Einheit wahrgenommen wurden. Tatsächlich hat das Unternehmen Beates Persönlichkeit und Geschichte geschickt für sich genutzt. Du nennst das die „Beate-Uhse-Story“. Was steckt dahinter?

Die Story beginnt mit Beate Uhses berühmter Schrift X, die sie in den 1940er Jahren, nach Kriegsende, verkaufte. In dieser Broschüre klärte Beate über die Knaus-Ogino-Methode auf, eine natürliche Verhütungsmethode. Beates Sohn Dirk und ein ehemaliger Mitarbeiter des Unternehmens haben mir erzählt, dass das, was auf Wikipedia über die Schrift X steht, im Grunde genommen eine Geschichte war, die sich ein sehr guter Werbetexter des Unternehmens ausgedacht hat.

 
 
 
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Und wie geht diese Geschichte?

Damals, nach dem Krieg, traf Beate in Flensburg und Umgebung, wo sie lebte, immer wieder auf verzweifelte Frauen, die nicht wussten, wie sie Schwangerschaften verhindern sollen. Verhütungsmittel waren kaum zugänglich, Abtreibungen illegal. Um ihnen zu helfen, produzierte Beate die Schrift X. Das Ziel: aufklären und helfen. So lautet zumindest die offizielle Version der Geschichte. Tatsächlich ging es aber nur um Geld: Beates vorherige Versuche, Geld zu verdienen – zum Beispiel durch Traumdeuten oder den Verkauf eines von ihrem zweiten Ehemann entwickelten Haarwuchsmittels – hatten nicht funktioniert. Aber diese Version der Geschichte klingt natürlich weniger romantisch oder heldenhaft. Bei meinen Recherchen bin ich außerdem auf Hinweise gestoßen, dass Beate für ihre Schrift X ziemlich heftige Preise verlangt hat, worüber sich zahlreiche Frauen beschwerten.

Welche Rolle spielte Beates Geschlecht für die Firmen-PR?

Ihr Geschlecht war damals definitiv ein Alleinstellungsmerkmal! Man muss wissen: Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland hunderte Erotikversandhandel. Diese Konkurrenten nicht zu erwähnen und sie zu verdecken, das war Teil der Beate-Uhse-Story: Beate wurde als Pionierin dargestellt. Tatsächlich ist sie ja mit ihrem Gesicht – als Frau – in den Katalogen ihrer Firma zu sehen gewesen, hat sich direkt an die Kundschaft gewendet. So hat sie es gut geschafft, Frauen anzusprechen. Interessanterweise konnte Beate andere Frauen aber eigentlich nicht leiden. Sie hat sie weder respektiert, noch ernstgenommen, das kam in Gesprächen mit Verwandten und ehemaligen Angestellten heraus.

Das Versandhaus Beate Uhse wurde 1951 gegründet und verkaufte Kondome und Material zum Thema „Ehehygiene“. Wie sah die auf Beate ausgerichtete Unternehmenskommunikation, die Story, damals aus – und wie hat sie sich verändert?

Anfangs wurde Beate als Pionierin und Aufklärerin inszeniert, später als Pilotin der Luftwaffe. Es wurden also immer neue, andere Facetten der Geschichte ausgepackt. Das könnte daran liegen, dass die sexuelle Befreiung in den 1960er und 1970er Jahren fortschritt und es nun galt, das erotische Kapital Beates zu nutzen: Hier ist eine Frau, die im wahrsten Sinne des Wortes fliegen, die Höhepunkte erreichen kann. Eine Abenteurerin!

Ab den 1950ern musste Beate sich wegen ihrer Geschäfte mehrfach vor Gericht verantworten. Um das zu kontextualisieren: Wie sah die deutsche Sexualmoral damals aus?

Der Vorwurf lautete immer, Beate würde „unzüchtige“ Produkte verkaufen. Damals galt all das als unzüchtig, was normale Eheleute nicht tun. An Sex außerhalb der Ehe war gar nicht zu denken. Schon ein Kondom konnte als unzüchtig gelten. Noch schlimmer war es, wenn ein Kondom Noppen hatte – weil man dann davon ausging, dass diese Noppen den Geschlechtsakt befeuern sollten. Beate hat einmal gesagt: „Hier steht der Orgasmus der Frau vor Gericht“. Ihre Haltung war die, dass auch Frauen Orgasmen haben, und dass das wünschenswert ist.

 
 
 
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Inwiefern spiegelten die Beate-Uhse-Kataloge die damalige Entwicklung der Sexualität und die herrschende Sexualmoral?

Am Anfang stand die glückliche Ehe im Mittelpunkt, es ging immer um die sogenannte „Ehehygiene“, also darum, das Verhältnis zwischen den Ehepartner*innen zu verbessern. In den 1950ern begann man, sich von diesem Bild zu entfernen – und dann kam ab Mitte der 1960er Jahre die sogenannte „Sexwelle“.

Was muss man sich darunter vorstellen?

Es gab nun viele Illustrierte, die leichtbekleidete Frauen zeigten; Kondome waren in Drogerien erhältlich; Oswalt Kolle machte sich daran, die Nation aufzuklären; John Clelands erotischer Skandalroman Fanny Hill wurde neu übersetzt und veröffentlicht. Und aus Skandinavien kamen die als skandalös empfundenen Filme von Ingmar Bergmann. Viele Dinge passierten gleichzeitig und die Gesellschaft musste einiges mit sich ausmachen: Was finden wir in sexueller Hinsicht gut, was wollen wir tolerieren? Beate hat dabei immer mitgemischt, hatte immer ein Interesse daran, Geschäfte zu machen. Grundsätzlich fand der Kampf für sexuelle Befreiung an vielen Fronten statt, auch in den großen Medien wie Spiegel, Zeit und FAZ: Die haben alle darüber berichtet, wie absurd die herrschende Zensur und die ganzen Verbote sind. Und letztendlich war der Kampf ja erfolgreich: 1975 wurde Pornografie legalisiert.

Auch die dadurch entstandene „Pornowelle“ hat das Unternehmen Beate Uhse geschickt für sich genutzt.

Genau. Nach der Legalisierung brauchte das Unternehmen allerdings ein paar Monate, um an vorderster Front mitschwimmen zu können. Beates Sohn Ulli ist extra nach Skandinavien gereist, um sich vor Ort anzuschauen, wie Pornos produziert werden. Zurück in Deutschland hat er dann diesen Zweig innerhalb des Unternehmens verantwortet. Die Pornosparte wuchs damals enorm an, da gab es eine Menge Geld zu verdienen. In der Öffentlichkeit wurde versucht, Beate als eine Art „Sauberfrau“ der Pornobranche darzustellen und die eigenen Pornos als qualitativ hochwertige Produkte – so wurde von Firmenseite beispielsweise betont, dass in den Beate-Uhse-Pornos nur schön anzusehende Darsteller*innen mitspielen.

Autorin Katrin Rönicke (Foto: Fiona Krakenbürger)

Als Produzent von Pornofilmen war das Unternehmen in den 1980er Jahren Ziel der feministischen PorNO-Kampagne. Inwiefern hat Beate sich mit der feministischen Kritik auseinandergesetzt?

In Beates Unterlagen im Archiv habe ich einen Artikel aus der taz gefunden, in dem es um Frauen geht, die zusammen Pornos gucken und danach darüber sprechen, was das mit ihnen gemacht hat. Beate scheint sich also schon irgendwie mit der Thematik beschäftigt zu haben. Sie hat sogar der EMMA ein Interview gegeben! Allerdings hat das Magazin Beate in einem Artikel dann als „Bomber-Pilotin“ bezeichnet – dabei hat sie während des Zweiten Weltkriegs keine Bomber geflogen, sondern diese als Überführungspilotin nur an die Front geliefert. Die EMMA aber hat eine direkte Linie von dieser nationalsozialistischen „Bomber-Pilotin“ zur Pornoproduzentin gezogen.

Eine harte These…

… ja, und journalistisch fragwürdig. Beate war enttäuscht und hat beschlossen, sich nicht mehr mit Feministinnen zu befassen. Trotzdem hat sie sich für ihr Handeln gerechtfertigt, sowohl in ihrer Autobiografie als auch in der Presse. Ihre Aussage war immer: Frauen mögen Pornos genauso gerne wie Männer, das habe ein Institut herausgefunden. Allerdings: Dieses Institut wurde von der Firma Beate Uhse beauftragt, das Ganze ist keine wissenschaftlich geführte Umfrage unter Frauen und deshalb nicht repräsentativ. Andere Umfragen aus der damaligen Zeit, Ende der 1970er, Anfang der 1980er, zeigen außerdem, dass Frauen große Vorbehalte gegenüber Pornografie hatten: Sie fühlten sich unwohl damit und waren eher unzufrieden mit der Legalisierung als Männer.

Du hast gesagt, dass du dich mit der Erwartungshaltung an die Arbeit gemacht hast, dass es hier um mehr geht als nur um eine Geschäftsfrau, die mit Sex Geld verdient. Welcher Eindruck ist bei dir am Ende von Beate geblieben?

Ich dachte, ich würde die Geschichte einer emanzipierten Frau schreiben. Im Laufe der Recherchen war ich dann mehr und mehr enttäuscht. Man könnte sagen: Ich bin auf dem Boden der Tatsachen angekommen.

Was hat dich besonders enttäuscht?

Zum Beispiel Beates Umgang mit der eigenen NS-Vergangenheit. Sie hatte ja tatsächlich eine! Sie war Film-Double in Flugszenen von NS-Propagandafilmen sowie Hauptmann in der Luftwaffe – und zwar als Mutter eines Kleinkindes. Sie hätte das also nicht machen müssen, sie hätte mit dem Kind zuhause bleiben können.

Hat Beate selbst diese Zeit jemals offen thematisiert?

Sie hat das stets runtergespielt, genauso wie die Tatsache, dass sie Fähnleinführerin beim Bund Deutscher Mädel war. Ihre Erklärung lautete immer, dass das alles spannend war, sie Spaß am Sport hatte und das Fliegen ihre Leidenschaft war. Es gibt keine Reflektion ihrerseits, keine Einbettung ihres Handelns in den damaligen Kontext.

Was du erzählst, passt zu dem Bild, das du von Beate in deinem Buch zeichnest: das Bild einer sehr erfolgreichen, aber auch schwierigen und widersprüchlichen Frau. Inwiefern war Beate eine moderne, avantgardistische Frau – und dann wiederum eine typische deutsche Frau ihrer Generation?

Sie war auf jeden Fall beides. Dass ein junges Mädchen Anfang des 20. Jahrhunderts auf eine fortschrittliche Schule geht, sich dort mit Jungs misst und später von Beruf Pilotin wird – das ist sicher nicht typisch für Frauen damals gewesen. Aus Beates Elternhaus gab es immer Rückenwind: Sie hat sich nie kleinmachen lassen und hat nie aufgegeben, egal, worum es ging. In anderen Dingen war Beate dann doch ein Kind ihrer Zeit.

Welche Dinge waren das?

Was sie, wie so viele andere ihrer Generation geprägt hat, war die Zeit nach dem Krieg. Sie hatte große Angst, wieder so arm zu werden wie in den Jahren nach Kriegsende. Und so hat sie nicht nach links und rechts geschaut und vor allem darauf geachtet, voran zu kommen – koste es, was es wolle. Uns kommt das heute wie Profitgier vor, aber damals war es sicherlich eine Prägung, die viele mitbekommen haben. Auch in ihrer zweiten Ehe mit Ernst-Walter, genannt Ewe, war Beate weniger modern, als sie sich nach außen präsentierte. Die beiden heirateten 1949, Beates erster Mann war bei einem Unfall während des Krieges gestorben. Ewe hat Beate 20 Jahre lang betrogen – und sie ist bei ihm geblieben. Am Ende war es Ewe, der das Ganze beendet hat.

 
 
 
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Was die Frage aufwirft: Eignet sich Beate Uhse als – feministisches – Vorbild?

Letztendlich hätte Beate Feministin sein können, sie hätte als Frau im Erotikbusiness das machen können, was heute eine Erika Lust macht: frauenfreundliche Pornos drehen, Frauen als Zielpublikum ansprechen. Sie hat es aber nicht getan.

Katrin Rönicke, Beate Uhse. Ein Leben gegen Tabus, Residenz Verlag, 224 Seiten, 22 Euro.

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