Literaturnobelpreis 2018/19 // Nicht vor der „Politischen Korrektheit“ kapituliert: Der Hauptpreis für den Mann, der Nebenpreis für die Frau.

14.10.2019 Buch

Ganz ehrlich: Dass der Literaturnobelpreis letztes Jahr aufgrund eines Skandals in der für die Vergabe zuständigen Schwedischen Akademie nicht verliehen wurde, war für mich schon eine Enttäuschung. Ich gehöre nämlich zu denjenigen, die sich jedes Jahr auf diese Vergabe freuen. Warum, kann ich gar nicht so richtig erklären. Als Autorin nervt mich nämlich normalerweise nichts mehr, als die Praxis, Qualität und „Lesenswertbarkeit“ eines Buches oder Autor*in anhand von Bestsellerlisten und Preisen fest zu machen. So heißt der Literatur Spiegel jetzt zum Beispiel Spiegel Bestseller – weil Bestseller offenbar die einzigen Bücher sind, die Aufmerksamkeit verdienen. Einfach deshalb, weil sie sich gut verkaufen.

Vielleicht ist es das, was ich am Literaturnobelpreis mag: Manchmal werden bekannte Autor*innen geehrt, Autor*innen, die auf Bestsellerlisten stehen, deren Bücher sich also gut verkaufen. Manchmal aber auch nicht. Ich selbst habe im Laufe der Zeit viele, viele lesenswerte und tolle Autor*innen entdeckt, auf die ich, hätten sie nicht den Literaturnobelpreis erhalten, eher nicht gestoßen wäre. Swetlana Alexijewitsch oder Herta Müller zum Beispiel. Natürlich, an der Vergabepraxis lässt sich einiges kritisieren: zu eurozentrisch, zu männlich. Und trotzdem: Ich freue mich jedes Jahr auf den Oktober, darauf, eventuell eine*n spannende*n Autor*in zu entdecken, darauf, von der Wahl ab und zu ein bisschen enttäuscht zu sein und mir zu wünschen, meine Favorit*innen hätten sich durchgesetzt.

Kontroverse Wahl

Der Literaturnobelpreis 2018/2019 allerdings lässt mich ratlos zurück. Die Polin Olga Tokarczuk hat den Preis rückwirkend für den nicht vergebenen Preis 2018 bekommen, für 2019 wurde der Österreicher Peter Handke ausgezeichnet. Über die Auszeichnung der mir vorher unbekannten Tokarczuk habe ich mich gefreut und direkt eines ihrer (auf Deutsch gar nicht mal so günstigen) Bücher bestellt. Was Peter Handke betrifft, so bin ich, wie offenbar viele andere auch, zwiegespalten. Über die Qualität von Handkes literarischem Werk kann man, wie generell über Bücher, streiten, ja – dem allgemeinen Konsens zufolge hat der Autor den Nobelpreis aber durchaus verdient. Aber darf man diesen Preis an einen Autor verleihen, der die serbischen Kriegsverbrechen während der Jugoslawien-Kriege verharmloste? Der die Täter zu Opfern erklärte? Der auf der Beerdigung des Kriegsverbrechers Slobodan Milošević 2006 eine Grabrede hielt? Von Seiten der Schwedischen Akademie betont man nun eifrig, der Literaturnobelpreis sei eine rein literarische Ehrung. Aber das stimmt nicht: Alfred Nobel, der Stifter des Preises, hat 1895 in seinem letzten Willen 1895 festgelegt, zu würdigen sei, wer „das herausragendste Werk in idealistischer Richtung geschaffen hat.“

 

 
 
 
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Abgesehen davon will sich mir einfach nicht erschließen, warum die Schwedische Akademie so kurz nach dem Skandal – aufgrund dessen der Literaturnobelpreis 2018 eben gar nicht verliehen wurde – einen so kontroversen Autor ehrt. Warum ist man nicht auf Nummer sicher gegangen? Was für ein Statement möchte man damit machen?

Kapitulation vor der politischen Korrektheit

Noch etwas anderes störte mich an der diesjährigen Vergabe, richtig in Worte fassen konnte ich es aber nicht. Bis ich einen Text von Antje Schrupp las, der es genau auf den Punkt brachte, und zwar unter dem wunderbar treffenden Titel: Political correctness als Männerquote. Im Vorfeld des Literaturnobelpreises, so Schrupp, sei viel über demografische Kriterien diskutiert worden: über Männer, Frauen, Minderheiten, kurz, über „Diversität“. Mit Peter Handke wurde dann doch ein weißer Mann ausgezeichnet, allerdings zusammen mit Olga Tokarczuk, einer Frau. Hätte Handke den Preis auch dann bekommen, wenn es keinen zweiten Preis, keine*n zweite*n Preisträger*in gegeben hätte? Wer weiß. Schrupp fragt sich, wer denn nun der „Hauptpreis“ und wer der „Nebenpreis“ sei – und wird unter anderem bei der Welt fündig. Dort steht: 

Die Sache ist also – für die meisten Medien und wohl auch Menschen – klar: Handke ist der Preisträger, Tokarczuk eine Art „daneben“. Schrupp ist irritiert davon, wie in dem Welt-Artikel immer wieder betont wird, wie gut Tokarczuks Wahl die Handkes ergänze, weil Frau und so. Das führt Schrupp zu einer Überlegung: „Ich habe mich beim Lesen gefragt, ob es wirklich so war, dass neben Handke noch eine Frau ausgewählt wurde, weil zwei Männer heute zeitgeistmäßig nicht mehr durchgehen. Ich glaube, die Dynamik ist inzwischen längst eine ganz andere: Neben Tokarczuk, so behaupte ich, musste noch ein weißer Mann ausgewählt werden, damit sich die Akademie nicht dem Vorwurf aussetzt, vor der ‚Politischen Korrektheit‘ kapituliert zu haben.“ Der Verweis auf die sogenannte „politische Korrektheit“, so Schrupp, dient somit als Quote, damit weiße Männer – die „Normalen“, im Gegensatz zu Frauen und Minderheiten als „Andere“ – überhaupt noch eine Chance haben, Preise zu gewinnen.

Der Eine und die Andere

 
 
 
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Ich stimme Antje Schrupp zu und verstehe jetzt außerdem besser, was mich am Literaturnobelpreis 2018/2019 so ärgert: Peter Handke verdeckt, dank der mit ihm verbundenen Kontroverse, Olga Tokarczuk, die nur „mit“ ihm ausgezeichnet wird und nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt, wie ihr als Nobelpreisträgerin zustände. Wie sie verdient. Und so ist, um Simone de Beauvoir zu bemühen, der Mann mal wieder das Eine, die Frau das Andere – und es ist das Eine, welches das Andere definiert. Dann lieber gar keinen Literaturnobelpreis 2018 als einen, der die Preisträgerin in den Schatten des Preisträgers 2019 stellt. Der dafür sorgt, dass alle Welt, mal wieder, über ihn spricht. Und nicht über sie.

2 Kommentare

  1. Frankie

    Danke liebe Julia, du schaffst es immer wieder, ein Gefühl oder eine Stimmung zu einem Thema einzufangen und in klaren Worten sichtbar zu machen!

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  2. Søren

    Dafür jetzt wenigstens Saša Stanišić, der Handke ja auch ordentlich kritisiert hat.

    Am schlimmsten fand ich den widerlichen, reaktionären Denis Scheck, der sich über die „Ohrfeige für die politische Korrektheit“ gefreut hat. Kommt aber auch nicht überraschend von jemandem, der Blackfacing okay findet.

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