Buch-Tipp //
„Fast ganz die Deine“
von Marcelle Sauvageot

24.03.2014 Buch

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Ich bin einer dieser Lesetypen, denen auch mal ein Tränchen runterkullern kann, wenn sie etwas lesen, das ihnen einfach nur herzzerreißend schön oder himmeltraurig erscheint. Beim Buch „Fast ganz die Deine“ von Marcelle Sauvageot habe ich wortwörtlich Sturzbäche geheult. Selten bin ich einem Buch begegnet, das mich mehr bewegt und berührt hat als dieses kleine Bändchen, das so präzise, nuanciert und ehrlich die Liebe beschreibt.
zitatDie 30-Jährige Marcelle Sauvageot ist an Tuberkulose erkrankt und begibt sich in ein Lungensanatorium in Hauteville, wo sie der lapidare Trennungsbrief ihres Verlobten erreicht. Er verlässt sie für eine andere. Schwer krank schreibt Marcelle ihm eine Antwort – ein Versuch die Enttäuschung und den Schmerz zu verarbeiten. Den Brief wird sie niemals abschicken.

Von ihren Freunden wird Marcelle ermutigt, den Brief zu veröffentlichen und so kursiert kurz vor ihrem Tod 1934 ein Privatdruck des Schreibens – bis ein Literaturkritiker das Manuskript posthum veröffentlicht und einer größeren Leserschaft zugänglich macht. Das kleine Büchlein ist und bleibt die einzige Veröffentlichung von Marcelle Sauvageot, die vor ihrer Krankheit als Lehrerin an einer Pariser Knabenschule gearbeitet hat.

Während des Lesens ertappt man sich beim heftigen Kopfnicken. Wenn Sauvageot zum Beispiel die Sorte Frau hinterfragt, welche ausschließlich die Standpunkte ihrer Ehemänner wiedergeben und man am liebsten laut losschreien möchte, wenn sie Männer beschreibt, die sich zwar von unabhängigen und selbstbewussten Frauen angezogen fühlen, sich aber für „Zuhause“ dann doch lieber für eine angepasstere Partnerin entscheiden.

zitat

Was Marcelle Sauvageot auf knapp 70 Seiten beschreibt, trifft auch 80 Jahre nach Erstveröffentlichung noch mitten ins Herz. Der kleine Berg Taschentücher neben mir zeugt von der Fähigkeit einer starken Frau und man wünscht sich, man hätte in entfernt ähnlichen Situationen genauso reflektiert, klug und mit so viel Selbstwertgefühl reagieren können.

sauvageot

 Marcelle Sauvageot „Fast ganz die Deine“, 2004, Rowohlt Verlag

2 Kommentare

  1. Michi

    Ich habe fast die ganze Zeit beim lesen Tränen in den Augen gehabt. An so vielen Stellen musste ich auch einfach nur nicken und dachte dann immer: sie spricht mir aus der Seele. Meine liebste Stelle war:
    „Also werde ich Ihnen ‚diesen kleinen Platz in meinem Herzen‘ nicht bewahren. Etwas kindisch wie alle Verliebten hatte ich Ihnen versprochen, Ihnen immer ein Körnchen wahrer Liebe zu bewahren, selbst wenn ich anderweitig leidenschaftlich lieben sollte. Ich bin es nicht, die heiratet; in mir wohnt Ihr Bild und nimmt allen Raum ein; wenn ich nicht mehr leiden soll, müssen Sie gehen, damit eines Tages Ihr Name, wenn er vor mir ausgesprochen wird, vorbeizieht wie ein Hauch und nichts mehr berührt. Ich will diese Auslöschung, denn ich brauche Frieden; Sie, Sie haben das Glück; ein bisschen Liebe von mir würde Ihnen nichts mehr geben.“ Gerade befinde ich mich wieder in so einer Situation wo ich genau diese Zeilen abschicken könnte. Ein wirklich ganz, ganz tolles Buch!!!!

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  2. Katharina

    Ich werde gleich am Montag eine der Pariser Büchereien aufsuchen und mein Französisch-Sprachniveau testen.. Schön geschrieben, macht Lust auf mehr.

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