Literatur-Trend: Wunderbare Bücher von in Vergessenheit geratenen Autorinnen

14.10.2020 Buch

Der Begriff „Trend“ hat eine negative Konnotation, impliziert er doch, dass das, worum es geht, etwas Flüchtiges ist und nur von kurzer Dauer. Trends kommen und gehen – so zumindest die allgemeine Überzeugung. Tatsächlich aber steht „Trend“ laut Duden für eine „(über einen gewissen Zeitraum bereits zu beobachtende, statistisch erfassbare) Entwicklung[stendenz].“ Ein Trend ist also weder zwangsweise flüchtig noch kurzfristig. Manche Trends sind gekommen, um zu bleiben. Das gilt hoffentlich auch für einen Trend, der sich seit einiger Zeit in der Verlagsbranche bemerkbar macht: nämlich der, Bücher von in Vergessenheit geratenen Autorinnen zu veröffentlichen oder von solchen, die zu Lebzeiten nicht die gebührende Anerkennung und Aufmerksamkeit erfuhren. Ein aktuelles und erfolgreiches Beispiel ist Mary MacLanes Ich erwarte die Ankunft des Teufels, welches dieses Jahr erstmalig in einer deutschen Übersetzung erschien (eine Leseprobe gibt es hier). Das Feuilleton war entzückt bis begeistert von dieser Amerikanerin, die sich selbst für ein Genie hielt, ihr Debüt mit gerade einmal 19 Jahren veröffentlichte, und 1929 mit 48 Jahren in einem Chicagoer Hotel starb, vermutlich an Tuberkulose. 

Lolly Willowes: Eine Frau geht ihren Weg

Mary MacLane ist nicht die einzige Schriftstellerin, die wiederzuentdecken sich lohnt, das zeigen zwei aktuelle Veröffentlichungen. Da wäre zunächst Lolly Willowes oder Der liebevolle Jägersmann von Sylvia Townsend Warner – ein hervorragendes Beispiel für ein Buch, bei dem man sich fragt, warum genau man davon noch nichts gehört hat. Denn Lolly Willowes war bei seinem Erscheinen 1926 ein richtiger Hit, der sogar für den prestigeträchtigen Prix Femina nominiert wurde. Im Laufe ihres Lebens verfasste Warner zahlreiche Kurzgeschichten, von denen einige im New Yorker erschienen. Auch als Dichterin machte die Britin sich einen Namen, sowie als Redakteurin und Übersetzerin. Noch bewegter als Warners Karriere war ihr Privatleben: als junge Frau begann sie eine Affäre mit ihrem verheirateten Klavierlehrer, die 17 Jahre andauerte, später verliebte sie sich in die alkoholsüchtige Valentine Ackland, mit der sie zusammen in einem Cottage in Surrey wohnte und sich in der kommunistischen Partei engagierte.

Warner war, das kann man wohl sagen, eine Frau, die ihren Weg ging. Und so eine Frau ist auch ihre Protagonistin Laura „Lolly“ Willowes. Die ist 28 Jahre alt und unverheiratet als ihr Vater stirbt, weshalb sie in die Obhut ihres Bruders gerät. Dass sie nicht heiraten wird, damit hat Lolly sich längst abgefunden: „Da sie nicht kokett war, fühlte sie sich nicht verpflichtet, ein Mindestmaß an Amüsement vorzutäuschen, da sie dies nicht fühlte, und dieser Mangel machte sie unempfindlich gegenüber der Pflicht jeder jungen Frau im heiratsfähigen Alter, charmant zu sein, gleichgültig, ob dieser Charme auf ein bestimmtes Objekt gerichtet war oder, in Ermangelung dessen, gleichmäßig in uneigennütziger Liebe auf die Menschheit verteilt wurde.“ 20 Jahre lang lebt Lolly bei ihrem Bruder und seiner Familie in London – 20 Jahre, in denen sie eigene Bedürfnisse hintenanstellen muss. Bis sie eines Tages, mit Ende 40, beschließt, in ein kleines Dorf namens Great Mop in den Chiltern Hills zu ziehen.

Hier findet sie endlich das, wonach sie sich schon so lange sehnt: Ruhe und Frieden und die Nähe zur Natur: „Sie fühlte den Wind den Boden entlangstürmen. Über ihr war der Mond auf der Jagd, seine Meute schwarzer und weißer Hunde rannte über den Himmel. Mond und Wind und Wolken hetzten eine unsichtbare Beute.“ Erst nach und nach wird deutlich, dass hinter Lollys Verbundenheit mit der Natur mehr steckt.

Dass in Great Mop etwas vor sich geht. Was? Nun, das sollte man selbst herausfinden. Und vor allem sollte man sich in die Lektüre von Lolly Willowes hineinstürzen, ohne vorher eine Zusammenfassung des Buches gelesen zu haben. Viel schöner ist es, sich von Lolly und ihrer Entwicklung überraschen zu lassen – und sich daran zu freuen, wie geschickt Sylvia Townsend Warner kleine Hinweise und Vorahnungen platziert hat, die auf das hindeuten, was kommt. Wie detailverliebt und genau sie Great Mop, seine Bewohner*innen und Lollys (Ver-)Wandlung beschreibt.

Patience von Zimmern: Zwischen den Stühlen

Ganz anders als die zurückgezogene Lolly Willowes ist die Heldin von Margaret Goldsmiths Roman Patience geht vorüber. Diese hört auf den klangvollen Namen Patience von Zimmern, ist die Tochter einer adeligen Britin und eines Deutschen und hat soeben in Berlin ihr Abitur gemacht. Es ist das Frühjahr 1918, in Europa tobt der Krieg – und Patience fragt sich, was sie mit ihrem Leben anfangen soll.

Eine traditionelle Ehe kann sie sich nicht vorstellen, zumal sie in ihre beste Freundin Grete verliebt ist: „Verlangen und Ekel und Empörung und dann wieder Verlangen. Und Wut und im Grunde eine große Hilflosigkeit, Befangenheit. Sollte sie es Grete sagen, sollte sie es nicht sagen? Wen konnte sie fragen? Niemand konnte sie fragen.“ Patience, das spürt sie immer wieder, gehört nirgendwo so richtig dazu. Sie sitzt zwischen den Stühlen. Als Halbbritin, als bisexuelle Frau. Mit viel Empathie schildert Margaret Goldsmith die Projekte und Enttäuschungen der ungestümen Patience, die eigentlich nur eins will: einen Lebensentwurf, der zu ihr passt. Über die Jahre arbeitet Patience als Journalistin in Deutschland und England, heiratet einen Mann (eher aus praktischen Gründen), wird Medizinerin und überrascht sich selbst mit dem Wunsch nach einem Kind. Sie lotet aus, was für sie als selbstbewusste junge Frau möglich ist – im Beruf wie in der Liebe. Das alles liest sich dank Goldsmiths schwungvollem und lakonischem Stil sehr unterhaltsam und liefert dazu ein in allen Farben schillerndes Nachkriegspanorama der 1920er Jahre.

Patience geht vorüber erschien erstmals 1931 und war das Produkt einer Zusammenarbeit zwischen Goldsmith und ihrer Freundin (vielleicht auch Liebhaberin), der Künstlerin Martel Schwichtenberg. Erstere steuerte den Text bei, Letztere die Covergestaltung. Wie die von ihr erfundene Patience war auch Goldsmith das Kind zweier Kulturen: Geboren 1895 im amerikanischen Milwaukee, wuchs sie in Berlin auf und arbeitete später als Deutschland-Korrespondentin für britische und amerikanische Zeitungen. Sie übersetzte Werke von u.a. Vicki Baum und Erich Kästner ins Englische. Bekannt ist Goldsmith heute weniger für ihre Arbeit als vielmehr für ihre Affäre mit der britischen Schriftstellerin (und Geliebten von Virginia Woolf) Vita Sackville-West. Das ist schade, denn mit Patience von Zimmern hat Goldsmith eine authentische und vor allem moderne Heldin geschaffen, die entnervt feststellt: „Immer wollen die Älteren uns als Generation zusammenwürfeln.“

Ergänzung des Literaturkanons

Wie kann es sein, dass zwei so begabte und erfolgreiche Frauen wie Sylvia Townsend Warner und Margaret Goldsmith nicht schon viel früher wiederentdeckt wurden? Weil, natürlich, von Frauen geschriebene Bücher oft als für Frauen geschriebene Bücher wahrgenommen werden und deshalb als weniger relevant gelten. Sie haben es dadurch schwerer, Teil des sogenannten Literaturkanons zu werden. Umso schöner, wenn dieser klassische (und männlich geprägte) Literaturkanon nach und nach ergänzt wir. Durch Frauen wie Warner und Goldsmith mit ihren einzigartigen Heldinnen – und durch ganz viele andere, die noch auf ihre (Wieder-) Entdeckung warten.

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