Buchtipp // „Früher war ich unentschlossen, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher“ von Jule Müller

02.02.2015 Buch, box1

jule mueller frueher war ich unentschlossen jetzt bin ich mir da nicht ehr so sicher

Jule Müller ist 32 Jahre jung, Head of Love der wunderbaren Plattform Im Gegenteil, wo sie munter Herzen in ganz Deutschland verkuppelt, genau deshalb wurde sie natürlich auch schon längst Teil unserer #Girlcrush Rubrik und jetzt auch noch das – ein Buch! 

„Früher war ich unentschlossen, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher“ – ein biografische Erzählung. Selbstironisch, konstant witzig, leicht dramatisch und vor allem eines: sehr persönlich.

Als ich Jule am Samstagnachmittag um Punkt 16h am Herrfurthplatz im Neukölln für eine klassische Buchübergabe treffe, möchte eigentlich sofort einen kleinen Blick hinein werfen, wissen, was ein Goldstück wie Frau Müller zu sagen hat, aber natürlich geht das nicht, ein kurzes Hallo muss schließlich sein.

Aber dann: Jule war gerade erst um’s Ecke, da steckte mein Kopf auch schon drin in den Seiten. Nachdem mich schon die liebe Widmung auf Seite Eins um den Finger gewickelt hatte, bin ich halb lesend, halb Passanten umrennend, ganz langsam wieder zurück auf meine Couch gewandert. Man könnte jetzt selbstverständlich meinen, ich hätte es mir dort bequem gemacht, den vorab erworbenen Samstagskuchen ausgepackt und ein Gläschen Sekt dazu gestellt, Kaffee hatte ich nämlich schon genug. Aber nein. Ganz ungelogen, ich stand erst einmal geschlagene 30 Minuten lang mit Kuchen in der Hand, nassen Schuhen an den Füßen und dicker Jacke in meinen Flur und tat sonst nichts, bloß lesen.

AnniJane

Bis ich feststelle:

„Früher war ich unentschlossen, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher“  ist ein Buch der Sorte „Hab-ich-immer-dabei-und-nehme-ich-überall-mit-hin“. Es ist leicht zu lesen (im besten aller Sinne, geht quasi runter wie Öl), es ist ein Buch zum Sich-Verlieren und zwar in Jules Geschichten mitten aus dem Leben. Aus einem Leben, wir es hier in Berlin auch selbst kennen, ganz so, wie es wahrscheinlich sehr viele von euch, die irgendwo in ihren 20ern und 30en umher rudern, kennen. Ein Leben, das alles andere ist als einfach, aber trotzdem nie zu ernst. Es geht um Probleme, die wir wirklich haben, Probleme, die wir uns selbst machen, aber auch um Steine, die uns immer wieder in den Weg gelegt werden. Naiver Optimismus gepaart mit Lust auf Neues und das Überschreiten von Toleranzgrenzen, man wird schließlich nicht jünger, nur verrückter. Dazu gibt’s eine Handvoll Fehlversuche, bis am Ende die Belohnung winkt: Ein Platz in der Gesellschaft, zwischen Freunden und viel gutem Essen.

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Jule wollte genau das – ein Buch, das sich wie von selbst liest, manchmal sogar ganz nebenbei, eines,  das uns täglich schmunzeln lässt. Butter bei die Fische: Es handelt sich hier sicherlich nicht um eine dieser innovativen Geschichten, wie sie uns von Netflix & Co mit nervenzermürbenden Serien wie Breaking Bad und Walking Dead vorgesetzt werden, aber es ist eben genau diese eine Geschichte, die wir kennen, weil wir sie womöglich selbst schon längst leben. Wie wunderbar.

Denn Eines sei gesagt: Seit Jule kann über gewisse Absurditäten meines eigenen Alltags einmal mehr lachen – dankesehr.

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Aber zurück zur Autorin: „Früher war ich unentschlossen, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher“ handelt von der spannendsten Phase im Leben? Wirklich? Wohl eher nicht. Für Jule waren die Zwanziger vielmehr erschreckend bis ernüchternd. Und auch 30 sein, heißt nicht zwangsläufig, dass man eine Mega-Party im hippsten Club Berlins schmeißen kann. Vodkaflaschen werden nämlich noch immer am Türsteher vorbei geschmuggelt, während der Rest der Welt längst sesshaft wird. 

Jule will aber auch noch kurz selbst was sagen, denn Klappentexte schreibt man bekanntlich selten selbst.

Liebe Jule – hier dein Platz für deinen ganz eigenen und persönlichen Klappentext zu „Früher war ich unentschlossen, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher“? 

Den Klappentext zu schreiben ist ziemlich schwierig. Ähnlich wie ein Fahrstuhl-Pitch – muss sitzen und sofort alle überzeugen. Mein erster Vorschlag war:
Die wahre Geschichte eines Mädchens, das auszog, um zu lernen, wie man sich selbst akzeptiert. Und was mit Katzen und Drogen kommt auch drin vor. 
„Das beste Buch seit dem Guinness Buch der Rekorde.“ – Jules Mutter
Ging so leider nicht durchs Lektorat. 

Deine liebsten Worte im Buch? 

Für den Leser ziemlich irrelevant, für mich persönlich die wichtigsten: „Ich vermisse dich. Und es tut mir leid.“ Sie sind im Therapie-Kapitel und für meinen Vater. Vielleicht habe ich das ganze Buch geschrieben, nur um ihm das mitzuteilen.

 Und ist denn jetzt alles ein bisschen leichter, luftiger und liebevoller in den Dreißigern?  

Naja, ich würde behaupten wollen, dass das Leben konstant geil/scheiße bleibt, aber man selbst einfach anders mit den täglichen Problemstellungen umgeht. Ich bin gelassener geworden. Früher war es traumatisch, beim Flaschendrehen jemanden zu knutschen und danach in die Schule zu müssen, heutzutage hat sich der Rucksack des Lebens anderweitig gefüllt. Die Gewissheit, dass alles immer wieder gut wird, dass ich ein wunderbares Leben habe und noch unendlich viele tolle Momente vor mir, beruhigt mich aber ungemein. Außerdem hab ich gerade den Fischgrätenzopf gelernt und das ist ja nun wirklich der Beweis schlechthin, dass es steil bergauf geht.

…und war denn alles so schlimm?  

Ein wenig so wie Zahnarzt. Wenn’s vorüber ist, war alles eigentlich gar nicht so schlimm. Nee, mal im ernst: Die blöden/peinlichen/absurden Momente sind natürlich die, die man später gerne noch mal nachliest, weil sie humoristisches Potenzial besitzen. Deswegen haben die eine recht hohe Gewichtung im Buch. So scheiße war das alles gar nicht. Ich hab mich ganz gut durchgeschummelt und würde über mich selbst sagen, dass ich mit viel Liebe und Wodka erwachsen werden durfte. Ich bin mir durchaus bewusst, für was ich dankbar bin und auf was ich stolz sein darf.

Und das Schreiben? Wie ist es mit einem eigenen Buch? Wie lange braucht man, wie stressig, aber vor allem schön ist es? 

Die Momente, wenn du einen Buchvertrag unterschreibst und wenn du dann das fertige Buch in den Händen hältst sind einfach wahnsinnig wahnsinnig. Dazwischen gab es alles von absoluter Euphorie bis zum unendlichen Selbsthass. Ich glaube, wie auch bei jeder ordentlichen Masterarbeit (oder was die Studenten heutzutage so schreiben), muss es irgendwann richtig wehtun – vor allem kurz vor Deadline und wenn man zum siebten Mal alle Kapitel umgestellt hat, um sich danach zu fragen, ob es nun irgendwie geiler ist. Ich war froh, dass ich dabei die fachliche Hilfe zweier Lektoren hatte. Und Freunde mit großem Weinvorkommen in der Speisekammer.

Teil 2?

„Damals war ich mir nicht so sicher, inzwischen bin ich wieder unentschlossen – Wie ich meine Dreißiger überlebte“ und „Ihr könnt mich alle mal – Wie ich meine Vierziger überlebte“? Absolut. Ersteres ist schon in Arbeit.

Liebe Jule – du hast´s geschafft! Wir schreien Lieblingsmensch und du? „Ich liebe jeden, sogar die Hässlichen!“ Na dann!

Das Buch  „Früher war ich unentschlossen, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher“  von Jule Müller ist heute (2.Februar) erschienen und für unschlagbare und lesenswerte 12€ in eurer liebsten Buchhandlung zu bekommen oder hier. Wer Jule dagegen lieber vor Ort und Stelle sehen, aber vor allem hören will, sollte sich 17.2. in die Backfabrik nach Berlin begeben, dort liest sie mit dem tollen Linus Volkmann ein wenig vor. 

 

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