Brain Blah // Plötzlich intolerant.

23.11.2016 Wir, Leben, Gesellschaft

collage this is jane wayne brianblahIrgendetwas ist im vergangenen Jahr mit mir geschehen, mit meiner Wohlgesonnenheit, mit meinem Gesicht. Letzteres entgleitet mir neuerdings vollkommen unkontrolliert, in ganz unterschiedlichen Situationen, aber meist im Angesicht meiner eigenen Intoleranz. Ich will keine kauzige Fensterbrettrentnerin werden, die sich an den Lastern anderer ergötzt, wirklich nicht, aber momentan könnte man fast meinen, ich sei auf dem besten Weg dorthin. Allem Anschein nach ist mir der Sinn für das antrainierte Dauerlächeln amerikanischer Hollister-Verkäufer gänzlich abhandengekommen, vor allem im beruflichen Bereich. Dabei war ich schon allein wegen meines stark ausgeprägten Drangs nach Harmonie stets sehr gut darin, getreu dem löblichen und liberalen Motto Leben und leben lassen. Jetzt fällt mir das Lassen im Allgemeinen zunehmend schwer, das Schweigen, genau wie das Schleimen und Scheiße hinnehmen, etwa der guten Stimmung zuliebe.

Ich packe es einfach nicht, Höflichkeit und auch diese gewisse gesunde Gleichgültigkeit über meinen inneren Groll zu stellen, wenn mir etwa jemand gegenübersitzt, dessen Gehabe mich an die Grenze des Augenrollens treibt. Wo wir wieder beim Thema der frühzeitigen Vergreisung meinerseits angelangt wären. Um es mal ganz salopp zu formulieren: Ich habe Angst, hochnäsig à la „Ich hasse Menschen“ zu werden und zwar in einer Form, wie ich sie bisweilen immer auf den Tod verteufelt habe.

Besonders im Umgang mit sozialen Medien. Früher hätte ich beim fünften zusammengeschriebenen „garnicht“ in einer x-beliebigen Foto Caption allerhöchstens geschmunzelt – heute ist daraus ein ratloses Kopfschütteln geworden und manchmal entgleist mir sogar ein „ALTER“ mit Fragezeichen dahinter. #Squadgoals mit sich wie Unterwäsche wechselnden Konstellationen lassen meine Armhaare zu Berge stehen, dabei geht es mich einen feuchten Furz an, wer dem Image zuliebe mit wem seine Zeit vergeudet. Ähnliches passiert, wenn ich auf Leute treffe, deren selbstgefälliges Benehmen unübersehbar ist. Es gibt beispielsweise eine Handvoll Kolleginnen, denen Free Drinks so vorzüglich zu schmecken scheinen, dass für ein „Danke“ dem Gastgeber gegenüber offenbar keine Kraft mehr übrig bleibt. Früher dachte ich mir dabei rein gar nichts, heute fallen mir Ungepflogenheiten wie diese dreifach auf. Ich Spießerin. Und dann sind da noch all jene entfernt bekannte Mitmenschen, die sich wie königliche Satelliten ausschließlich um sich selbst drehen und mit Herzlichkeit nicht viel am Hut haben. Ich habe es trotzdem allzu oft mit proaktiver Freundlichkeit versucht, aber langsam geht mir die Puste aus. Und zwar auch in meiner Freizeit. Im Supermarkt zum Beispiel war ich jüngst gewillt, jemandem ein Beinchen zu stellen, der es für wichtig befand, laut zu Schnaufen, weil eine ältere Damen zugegebenermaßen bimmelbahnlangsam nach Kleingeld kramte. Als wäre das Praktizieren von Respekt aus der Mode geraten. Dabei habe ich ja selbst keinen mehr. Vor denen, die mir mit seltsamen Ansichten und zu starker Attitüde gegen den Strich gehen.

Es gibt jetzt mehrere Möglichkeiten und eine davon ist überaus bequem. Ich könnte ganz einfach versuchen, mir einzureden, dass der Prozess, der da gerade in mir stattfindet, ein natürlicher ist, einer, der mit dem Alter kommt und aus dem eigenen sogenannten Ankommen heraus sprießt. Wenn man plötzlich nicht mehr jedem Gefallen muss und möchte, wenn Position wichtiger wird als Pose und man das Vakuum in manchen Köpfen nicht mehr länger erträgt, wenn die eigene Meinung in so weit gefestigt ist, dass Prinzipien im Miteinander (zumindest außerhalb des engsten Kreises) aufeinander knallen, dann kommt es vielleicht automatisch zu Streuverlusten hinsichtlich der eigenen Toleranzfähigkeit. Dann wird man im Umgang mit Unsympathen womöglich selbst unsympathisch, was in der Konsequenz ja aber nicht weiter tragisch wäre. Aber bei Weitem zu einseitig und eitel. Nur weil einer ein Arschloch ist, kann ich schließlich nicht auch zu einem werden. Oder?

Es ist in jedem Fall hilfreich zu begreifen, dass man nicht mit der ganzen Welt befreundet sein kann. Dass man auch mal doof sein sollte, weil Ehrlichkeit Höflichkeit ab und zu eben schlägt. Aber dann muss man sich irgendwann auch wieder zusammen reißen und verstehen, dass die persönliche Freiheit eines jeden, und sei es sogar jene, ein Vollpfosten sein zu dürfen, von mehr Wert ist als die eigenen Ansprüche an andere. Dass Intoleranz per se scheiße ist, außer es geht um braune Schweine und richtig blöde Kühe. Sonst sitzt man irgendwann nämlich wirklich einsam und kauzig und verbittert mit einem Stickmuster am Fenstersims, auf die Welt herabblickend, auf die man irgendwann so wütend wurde, dass sie einem gleich selbst für immer die Freundschaft gekündigt hat. Auf dass mir genau das nicht passieren möge. Ich arbeite dran.

21 Kommentare

  1. Jen

    Au Backe, da bin ich auch schuldig – guter Anstoss, sich selbst zu kontrollieren.
    Ich denke allerdings auch sehr oft, dass Nachlässigkeit ein Gift ist, das es zu bekämpfen gilt. Denn vieles, was du beschreibst, ist nicht einfach nur die Ignoranz anderer, sondern auch das allgemeine „nicht mehr so genau nehmen“. Ich korrigiere z.B. auch gerne die gesprochene Sprache meines gegenüber, ich kann das sogar kaum kontrollieren, aber es nicht mehr zu tun… ich weiß nicht, ein Genitiv ist ein Genitiv und man kann immer „ich begreife“ statt „ich realisiere“ sagen, oder auch etwas ergibt Sinn, denn Sinn *macht* es bestimmt nicht…
    Aber ja, ich bin dann halt oft die kleinkarierte alte Kuh. Kann ich ehrlich gesagt besser mit leben als mit allgemeinem Schulterzucken. In Zeiten wie diesen ist Haltung überall wichtig. Finde ich.

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    1. Julia

      Liebe Jen, liebe Nike, gegen manche solcher Impulse hilft die (empirische) Perspektive der deskriptiven Sprachwissenschaft. Sprache ist ein lebendes, sich wandelndes und zuweilen auch widerspenstiges Geschöpf. All die Verwendungen, die Ihr beide (absolut nachvollziehbar – bei mir sträuben sich beispielsweise alle Nackenhaare, sobald jemand ‚erinnern‘ nicht reflexiv gebraucht, also „ich erinnere das anders…“ grrr, aber ich schweife ab) als nasenrümpfwürdig bezeichnet, sind in Wahrheit einfach Sprachwandelprozesse, dialektale Unterschiede oder soziolinguistische Variationen.
      Isso! Und das is auch garnich schlimm 😉

      Gegen doofe Mistkühe und andere sprachlose Aufreger hilft das aber natürlich nicht…

      Hab(t) einen schönen Tag <3

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  2. Toni

    Du sprichst mir aus der Seele!
    Es wird zunehmend schwerer, das Brodeln tief in mir herunter zu kühlen und nicht einfach mal alles raus-und anzuschreien! Früher habe ich mit einer tiefen Entspanntheit und Toleranz alles weggelächelt und es ist, als kehre dieses Lächeln nun wie ein Boomerang wieder zurück!
    Und es knallt mir mit voller Wucht direkt in die ruhige Magengegend!

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  3. era

    Bloß nicht in gespielter Lässigkeit die grenzenlose Nervigkeit jener Menschen weglächeln!
    Durch gewaltfreie und direkte Kommunikation Menschen in ihre Schranken weisen!
    Der oder demjenigen liebe- und respektvoll zu Verstehen geben, wie blöd sie/er ist.
    Das ist meine Taktik.

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    1. Susann

      Gute Taktik! Und was (mir zumindest) auch immer hilft: This Is Water von David Foster Wallace lesen.

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  4. juloxyy

    Ich muss zugeben, dass mich seit kurzem ähnliche Gedanken plagen. Und ich sehe deinen Text zweigeteilt:

    Was bei dir der Sprachfehler ist, ist bei mir der Fahrstil. Ich könnte teilweise durchdrehen, wenn Leute es nicht hinbekommen das Rechtsfahrgebot zu beachten oder bei Rot noch mitten auf der Kreuzung stehen. All diese kleinen „Fehler“ haben ja oft den Ursprung, dass Menschen eben Macken haben. Die einen beherrschen die Grammatik nicht so gut, die anderen können eben nicht Auto fahren. Das ist aber nicht böswillig (meistens jedenfalls) – und deswegen sollte man da durchaus tolerant sein und sich selbst etwas in der Wut zügeln. Das rede ich mir jedenfalls jeden Tag auf dem Arbeitsweg ein.

    Der andere Punkt – Menschen, die andere Menschen nicht fair behandeln – da muss man nicht tolerant sein, sondern da kann man ruhig mal was sagen. So sehe ich das jedenfalls – und versuche mich da immer mehr aus meinem Harmonie-ich-habe-alle-lieb-Bubble zu entfernen.

    PS: Wenn ich in seltenen Fällen mal meine Gedanken versuche aufzuschreiben (z.B. nur kurz für diesen Kommentar), spüre ich immer wieder Bewunderung für euch. So schön und authentisch die eigenen Gedanken zu äußern und sich dadurch ja auch irgendwie angreifbar machen. Aber gerade deswegen lese ich euch so gern.

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  5. Lisa

    Ich habe das bei mir auch beobachtet. Ich frage mich aber, ob ich früher wirklich „toleranter“ war oder ob’s mir einfach mehr wurscht war. Das wiederum hat vielleicht damit zu tun, dass ich die mich nervenden Verhaltensweisen anderer (warum nur kramen Leute im Supermarkt, augenscheinlich überrascht davon, dass sie ihren Einkauf bezahlen müssen, erst im allerletzen Moment ihr Portemonnaie mühselig aus den Untiefen ihres Rucksacks?) in jüngeren Jahren logischerweise weniger oft miterlebt habe als mit zunehmenden Alter, ind irgendwann ist es dann halt zuviel.

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  6. Mila

    Gar nicht wird gar nicht zusammengeschrieben, richtig.
    Dafür aber: „abhandenkommen“, „gegenübersitzen“, „zusammenschreiben“, „aufeinanderknallen“ und „zusammenreißen“.
    Bei „in so weit“ und „bei Weitem/ weitem“ trifft die Regel dann aber wieder zu. 😀

    Ist nicht böse gemeint, aber das konnte ich mir jetzt einfach nicht verkneifen, einfach, weil eure Texte meist auch recht viele Fehler aufweisen. Und du weißt ja, Glashaus und so.
    Aber ansonsten kann ich der Botschaft deines Textes nur beipflichten.

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    1. Nike Jane Artikelautor

      Liebe Mila, wir haben oft Tipper bei so vielen Worten und Wörtern, das stimmt und liegt meist an akuter Bildschirmblindheit – man kann sich nicht oft genug dafür entschuldigen.
      Aaaaber,“ist der erste Bestandteil ein Partizip, wird in der Regel getrennt geschrieben“ sagt jedenfalls der Duden. Aha! Habe ich verwechselt und wer weiß wie lange schon! Es ist also natürlich nicht so, als stünde ich manchmal nicht selbst auf dem Schlauch, bloß im Falle von „gar nicht“ ergeht es mir ähnlich wie bei „dass“ oder „das“ – da frage ich mich immer, wie es sein kann, dass man jahrelang an einer Korrektur durch etwa Freunde (oder Leserinnen) vorbei kommt. Ich habe ja auch irgendwann merken müssen, dass es nicht „Hosenschnall“, sondern „Hosenstall“ heißt. Ich sage ja: Furchtbar von mir. Aber „garnicht“ macht mich rasend. Genau wie Doppel-s statt ß. Es heißt nicht Fussball! Außer man lebt in der Schweiz.

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      1. Mila

        Nur leider ist „zusammen“ kein Partizip, sondern ein Adverb: zusammengeschrieben wird zusammengeschrieben. Das ist sogar in dem Duden-Artikel nachlesbar, den du hier zitierst:
        „Die Unterscheidung von getrennt geschriebenen Wortgruppen und zusammengeschriebenen Zusammensetzungen …“
        „Lass uns den Brief zusammen schreiben“, aber „abhandenkommen wird zusammengeschrieben“ Kann man auch im Duden nachlesen (Auf eine aktuelle Auflage achten, es gab leider zu viele Nachbesserungen der Rechtschreibreform. Online kann man’s aber auch recherchieren 😉

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      2. Julia

        … bloß ist ‚zusammen‘ kein Partizip
        Aber das tut dem wundervollen Inhalt eurer Texte ja keinen Abbruch!

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        1. Julia

          Und jetzt freuen wir uns alle, dass wir Zeit (und Muße) haben, unsere Kräfte an so etwas zu messen

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        2. Nike Jane Artikelautor

          NEIN, NEIN, MOMENT! IHR HATTET RECHT! Meine Antwort war noch nicht editiert, was würde ich nur ohne euch tun (ganz ernst gemeint), denn: „Hier ist das Adverb zusammen eine feste Verbindung mit dem Verb „schreiben“ eingegangen und bildet mit ihm ein neues Wort mit einer neuen Bedeutung“ – erst so konnte ich es mir merken 😀 DANKE

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      3. Joanna

        Das mit dem „Hosenschnall“ finde ich lustig und es hat mich direkt an eine frühere Schulkameradin erinnert, die auf einem Schüleraustausch in Frankreich voller Entsetzen und entgegen ihrer bisherigen Annahme (sie muss damals etwas 16 gewesen sein), feststellen musste, dass es nicht „FrühSTRÜCK“, sondern „Frühstück“ heißt! 😀 Sie war wirklich felsenfest davon überzeugt, ihre Version sei die Richtige! Ah ja… 🙂

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        1. Jen

          Ahh, da habe ich auch noch einige beizusteuern. Ich hab bis ich bestimmt 20 war gedacht, es heißt, etwas entpumpt sich als richtig/falsch, nicht entpuppt… habe das irgendwie immer mit einem vollgelaufenen Keller verglichen, der leer gepumpt wird… tralala 😉

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  7. Yvonne

    Da hat Nike Recht, liebe Mila! Aber ich bin auch immer wieder grammatikalisch verwirrt 😉 Und ja, FUSSBALL! Warum nuuuur.

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  8. Ulrike

    Also ich halte das korrigieren von sprachlicher oder schriftlicher „Verwirrung“ (Grammatik) für Klugscheisserei. Was sollte ich damit erreichen, außer dem Anderen vor Augen zu führen, ich bin klug und du bist bildungsfernen. Soetwas atme ich ganz leicht weg. Es fällt nicht in meinen Zuständigkeitsbereich oder meine Verantwortung.
    Ich bin außerdem ziemlich sicher, wenn beginnende Intoleranz von einem selbst bemerkt wird, dann ist das der beste Weg um gegenzusteuern. Die Aufmerksamkeit darauf gerichtet halten und sich selbst ab und zu mal wieder „einfangen“
    Gruß
    Ulrike

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  9. Melanie

    Liebe Nike Jane,
    ich verstehe, wie es dir geht. Manchmal kann man nicht anders, als andere zu verurteilen. Seit ich Psychologie studiert habe, hat das bei mir aber nachgelassen. Weil ich mir seither bewusst bin, dass es immer einen Grund dafür gibt, wenn nicht sogar 20, dass sich jemand blöd/merkwürdig aufführt. Vielleicht hilft dir das ja auch. 😉
    Liebe Grüße
    Melanie

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  10. Anna

    Liebe Nike,
    ich weiß gar nicht, ob es so furchtbar schlimm ist, dass du nicht mehr tolerant bist. Denn wenn wir mal ehrlich sind impliziert bereits das Wort Toleranz, dass wir uns bewusst sich, um Unterschiede und oft auch Abstufungen. Die ja auch real sind, wir sind ja nicht alle gleich. Toleranz bedeutet ja eigentlich nur, dass man duldet, nicht aber, dass man alles als gleichwertig betrachtet. Also das Wort Toleranz an sich ist schon oft Quatsch, da es ein Machtgefüge innehat, und beschreibt leider nicht den Ideal-Zustand, den viele von uns damit assoziieren.
    Ich fände es sowieso viel besser, wenn die Kultur mal wieder dahin gehen würde, dass wir uns alle die Meinung um die Ohren hauen können, nicht um andere zu schikanieren, sondern um aus ernsthaftem Interesse mal rauszufinden, was da bei den Leuten los ist, die blubbern als gäbe es kein Morgen oder schnaufen, wenn die Omi nach Geld kramt. Sehr wahrscheinlich gibt es dafür ja Gründe. Das würde natürlich auch voraussetzen, dass wir selbst bereit sind kritische Fragen ehrlich zu beantworten und eine gehörige Portion Respekt müsste auch mit von der Partie sein, um das Ganze nicht als neue Form der gesellschaftlichen Bloßstellung ausarten zu lassen. Also, abschließend, vielleicht würde uns allen ein bisschen weniger Toleranz gut tun und mehr Mut der juckenden Intoleranz auf den Zahn zu fühlen.

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