Sexuelle Belästigung // Man(n) hat es nicht leicht!

Man(n) hat es nicht leicht. Vor allem jetzt, wo sich durch #MeToo das Leben so dermaßen verkompliziert hat! Man(n) weiß nun überhaupt nicht mehr, wie er sich verhalten soll, schließlich drohen an jeder Ecke Anzeigen wegen sexueller Belästigung. Associate Press zufolge fragen Männer sich ängstlich, ob es noch okay ist, die Kollegin zu umarmen oder sie danach zu fragen, wie ihr Wochenende war. Steve Wyardm beispielsweise, ein langjähriger Angestellter eines in Los Angeles ansässigen Unternehmens, dachte „er wüsste, wie sexuelle Belästigung aussieht“. Jetzt ist er sich nicht mehr so sicher und sorgt sich, dass man(n) nun nicht einmal mehr sagen könnte: „Das ist ein schönes Kleid“ oder „Hast du was mit deinen Haaren gemacht?“.

Andere Männer sorgen sich nicht mehr, sie handeln bereits. Mike Pence, seines Zeichens Vize des Mannes, der trotz zahlreicher Vorwürfe der sexuellen Belästigung und einer nachweisbar problematischen Haltung gegenüber Frauen die USA regiert, hat eine einfache Lösung parat: Er hält sich einfach nie alleine mit einer Kollegin in einem Raum auf. Gefahr gebannt! So einfach, so clever! Applaus bekam der schlaue Mike von Sebastian Gorka, einem ehemaligen Berater Donald Trumps. Der befand in einem Tweet:

 

Der Tod der Erotik

Das alles liest sich wie eine (schlechte) Satire, ist aber leider wahr. In einer Zeit, wo Frauen endlich mit ihren Geschichten der sexuellen Belästigung, der sexualisierten Gewalt an die Öffentlichkeit treten – und zwar in so großer Zahl, dass diese Geschichten sich nicht länger ignorieren lassen –, da geht es wieder einmal nur um das Befinden der Männer. Darum, dass Männer nun verunsichert sind und nicht mehr wissen, was falsch und was richtig ist.

Darum, dass ja nicht jeder Mann ein Belästiger und Vergewaltiger ist, nun aber jeder Angehörige des männlichen Geschlechts unter Generalverdacht steht. Darum, dass Frauen die Deutungshoheit haben, wenn es um sexuelle Belästigung geht. Überall wird vor „amerikanischen Verhältnissen“ gewarnt, wird das Verschwinden jeder Erotik und jedes Flirtens zwischen Männern und Frauen befürchtet.

Die ganze Diskussion zeigt, dass viele Menschen immer noch nicht so richtig verstanden haben, was Sexismus, was sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt eigentlich sind. Dass es dabei meist nicht um Sex geht, sondern um Macht, um ungleiche Machtverteilung. Es ist sogar verständlich, dass viele Männer angesichts des #MeToo-Erdbebens verunsichert sind – sie machen sich vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben überhaupt Gedanken über gewisse Themen, müssen ihr eigenes Verhalten hinterfragen oder problematische Dinge über Kollegen, Freunde und Familienmitglieder erfahren. Das ist nicht leicht, nein. Und natürlich stimmt es auch, dass, wenn es um Sexismus oder Belästigung geht, das Empfinden der davon betroffenen Frauen subjektiv ist. Was für die eine gerade noch okay ist, ist für die andere bereits übergriffig.

Aber, und das ist ein großes Aber: Die meisten Menschen (in diesem Fall: Männer) scheinen es doch ganz gut hinzukriegen, sich angemessen zu verhalten, ihre Kolleginnen nicht zu belästigen, sie nicht in unangenehme Situationen zu bringen. Im Gegensatz zu Mike Pence schafft es die Mehrzahl der Männer sogar, sich alleine mit einer Kollegin in einem Raum aufzuhalten, ohne vom Bedürfnis gepackt zu werden, über sie herzufallen. Das bestätigt auch die Universität Bielefeld. Dort hat sich ein Team von Psycholog*innen schon vor ein paar Jahren die Mühe gemacht, beim Thema Sexismus und sexuelle Belästigung vorgebrachte Argumente („Das war doch als Kompliment gemeint! Warum stellt die sich so an?“) klar zu be- bzw. widerlegen. Die Psycholog*innen schreiben:

Das, so das Bielefeld-Team, sei aber Blödsinn, denn:

„Hierzu liegen Befragungsergebnisse vor, die zeigen, dass sich Männer und Frauen weitgehend einig darüber sind, welche Bemerkungen oder Witze in einer Interaktion vom Gegenüber als sexuell belästigend und unangenehm wahrgenommen werden. (…) Sexuelle Belästigung kann dementsprechend auch nicht darauf zurückgeführt werden, dass Frauen überempfindlich seien und Männer eigentlich in guter Absicht handelten. Vielmehr stimmen Männer und Frauen weitestgehend überein, wenn es um die (Un-)Angemessenheit bestimmter Verhaltensweisen geht. Männer, die sich trotzdem unangemessen verhalten, tun dies aus Rücksichtslosigkeit oder Feindseligkeit – in jedem Fall aber tun sie es in aller Regel wissentlich.“

Die gute Nachricht für Männer lautet also: Ist doch alles gar nicht so kompliziert. Weder müsst ihr zu Mike Pence werden und durch eure fragwürdige „Rule“ für einen dauerhaft unentspannten Umgang mit den Kolleginnen sorgen. Noch müsst ihr euch Komplimente verkneifen. Aber ihr müsst aufhören, die Schuld mal wieder bei den Frauen zu suchen, statt zu eurer eigenen Verantwortung zu stehen.

Mehr von

Related