„Polanski auszuzeichnen ist ein Schlag ins Gesicht aller Opfer. Es bedeutet, dass es nicht so schlimm ist, Frauen zu vergewaltigen.“

Zwei Städte, zwei Szenen: In New York sprach am 24. Februar eine Jury den ehemaligen Filmproduzent Harvey Weinstein der Vergewaltigung und sexuellen Nötigung schuldig, ihm drohen bis zu 25 Jahre Haft. Seit 2017 haben mehr als 80 Frauen Weinstein sexuelle Übergriffe vorgeworfen, geht #MeToo um die Welt. In Paris verlieh am 28. Februar eine Jury den César, die höchste französische Filmauszeichnung, in der Rubrik Regie an Roman Polanski, für seinen Film Intrige. Polanski wurde 1977 in Los Angeles wegen „Vergewaltigung unter Verwendung betäubender Mittel“ der damals 13-jährigen Samantha Jane Gailey angeklagt. Der Regisseur bekannte sich im Rahmen einer sogenannten Verständigung schuldig, die Anklage wurde somit auf „außerehelichen Geschlechtsverkehr mit einer Minderjährigen“ reduziert – doch vor der Urteilsverkündung floh Polanski. Er lebt heute in Frankreich und vermeidet Reisen in die USA sowie Länder, in denen er mit einer Auslieferung rechnen muss. Seit den 1970ern beschuldigten weitere Frauen den 86-Jährigen sexueller Übergriffe, darunter auch solche, die zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Vergewaltigung minderjährig waren.

Zwei Männer, zwei Fälle. Der eine Fall, Weinstein, ist ein Symbol – dafür, dass Opfern sexualisierter Gewalt endlich zugehört und geglaubt wird, dass Täter mit Strafe rechnen müssen, dass sich etwas ganz grundsätzlich geändert hat. Der andere Fall, Polanski, ist ebenfalls ein Symbol – dafür, dass den Opfern im Zweifelsfall zwar zugehört, aber nicht unbedingt geglaubt wird, dass sich eben doch nicht so viel geändert hat.

Kein Freigeist, sondern ein Verbrecher

Natürlich: Weinstein ist nicht Polanski, Polanski nicht Weinstein. Frankreich ist außerdem ein spezieller Fall. Dort hat es ein pädophiler Schriftsteller namens Gabriel Matzneff über Jahrzehnte geschafft, seine Vorliebe für Minderjährige in der Öffentlichkeit als völlig normal zu präsentieren. Er hat ein Buch namens Les moins des 16 ans (deutsch: Unter 16) veröffentlicht und Sätze wie diese formuliert: „Wenn Sie einen Jungen von 13 Jahren oder ein Mädchen von 15 Jahren in den Armen gehalten, geküsst, liebkost, besessen haben, kommt ihnen alles andere fad, schwer, langweilig vor.“ Er hat in großen Zeitungen die Legalisierung von Sex mit Minderjährigen gefordert, Literaturpreise gewonnen und erhielt bis vor kurzem ein staatliches Stipendium. Bis vor kurzem, weil der 83-jährige Matzneff mittlerweile in Ungnade gefallen ist. Grund dafür ist ein Buch, geschrieben von der Verlegerin Vanessa Springora. In Le consentement (deutsch: Die Einwilligung) schildert die 47-Jährige, wie sie als 14-Jährige zur Geliebten des fast vier Jahrzehnte älteren Matzneff wurde. Das Mädchen denkt, es würde eine Beziehung führen – die Frau weiß heute, dass sie manipuliert und missbraucht wurde.

In Frankreich löste das Buch bei seinem Erscheinen Anfang des Jahres ein politisches und kulturelles Erdbeben aus. Jahrzehntelang war Matzneff nicht nur akzeptiert worden, sondern galt als jemand, der sich mutig gegen herrschende Moralvorstellungen auflehnt, ein Freigeist. Springoras Buch, die Anklage eines Opfers, führt Frankreich nun ganz deutlich vor Augen, dass der Kulturbetrieb, die Politik, einen Mann gefördert und gefeiert haben, der Kinder missbraucht. Der kein Freigeist ist, sondern ein Verbrecher – aber zu einer kleinen Elite gehört, der man, der egalitären Tradition des Landes zum Trotz, vieles durchgehen lässt. Eine Elite, deren Regeln und moralische Codes, die sie vom Rest der Bevölkerung abheben, verteidigt und gutgeheißen werden.

Welch eine Schande

In diesem Frankreich also, einem Frankreich, das sich gerade kollektiv über Gabriel Matzneff empört und sich seinen eigenen, laxen Umgang mit Sex mit Minderjährigen eingestehen muss, wird der wichtigste Filmpreis an einen Mann vergeben, der zumindest in einem Fall zugegeben hat, Sex mit einer Minderjährigen gehabt zu haben. Die Schriftstellerin Virginie Despentes schreibt in einem wütenden Artikel: „Es ist nichts Überraschendes daran, dass die Césars-Akademie Roman Polanski zum besten Regisseur des Jahres 2020 wählt. Es ist grotesk, es ist unverschämt, es ist schändlich, aber es ist nicht überraschend.“ Der Preis, das macht Despentes klar, ist nur die Spitze des Eisbergs. Schließlich ist Intrige dank der großzügigen Finanzspritzen von französischen Fernsehsendern und Filmgesellschaften ermöglicht worden:

„Es ist eure eigene finanzielle Schlagkraft, die ihr vergöttert. Es ist das riesige Budget, welches ihr ihm als Zeichen der Unterstützung gewährt habt, das ihr würdigt – es ist eure Macht, die man durch ihn respektieren muss.“

Die Schauspielerin Adèle Haenel ertrug diese Verlogenheit nicht: Als Polanski als Sieger verkündet wurde, stürmte sie während der Zeremonie aus dem Saal, begleitet von einer eindeutigen Handbewegung und dem ungläubigen Ausruf „La honte!“ (etwa: Welche eine Schande!).

 

 
 
 
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Haenel hatte 2019 den Regisseur Christophe Ruggia beschuldigt, sie sexuell belästigt zu haben, als sie zwischen 12 und 15 Jahre alt war – im November 2019 reichte sie offiziell Klage ein. Bei der Césars-Verleihung verließen nach Haenel mehrere Frauen den Saal, darunter ihre Lebensgefährtin, die Regisseurin Céline Sciamma (Porträt einer jungen Frau in Flammen). Schon vor der Verleihung hatten feministische Organisationen gegen die sage und schreibe zwölf Nominierungen für Polanski und seinen Film protestiert, nannten den Regisseur „Violanski“ (eine Wortschöpfung aus seinem Namen und dem französischen Wort für Vergewaltigung, „viol“). Gebracht hat es nichts. Trotz #MeToo, trotz Matzneff. Während und nach der Verleihung verbreitete sich in den sozialen Medien der Hashtag #CesarsDeLaHonte, Césars der Schande.

Zuhören und Handeln

Frankreich ist ein spezieller Fall, ja. Und dann auch wieder nicht. Die #MeToo-Diskussion hat vieles in Gang gesetzt, aber bis sich nachhaltig etwas ändert, wird es dauern. Das zeigte sich beispielsweise bei der diesjährigen Berlinale, die mit der Verleihung der Bären am Samstag endete: Zu den ausgezeichneten Filmen gehört nämlich auch das umstrittene Projekt DAU. Natasha des Regisseurs Ilja Chrschanowski. Mehrere Frauen werfen Chrschanowski Machtmissbrauch vor, sagen, er sei „besessen von Sex und Gewalt“. Auf der Berlinale gab es trotzdem einen silbernen Bären für „Herausragende Künstlerische Leistung“ (für Kameramann Jürgen Jürges). Nein, es ist nicht der Goldene Bär für den besten Film – aber es ist eine Auszeichnung für einen Film, der unter höchst fragwürdigen Umständen zustande kam und darüber hinaus offenbar auch künstlerisch nicht überzeugen kann.

(Zur Verurteilung des Film-Moguls Harvey Weinstein:)

 
 
 
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Was bleibt ist also ein langer Weg, den es zu gehen gilt. Bis Männer wie Roman Polanski nicht mehr mit Preisen überhäuft, bis keine Entschuldigungen mehr für sie gefunden werden. Bis die Film- und Kulturbranche, bis die Gesellschaft lernt, Opfern sexualisierter Gewalt und Belästigung nicht nur zuzuhören, sondern nach dem, was sie gehört hat, zu handeln. Konsequenten zu ziehen, unbequeme Entscheidungen zu treffen. Zu akzeptieren, dass es Fälle gibt, in denen sich Künstler*in und Werk nicht mehr getrennt voneinander betrachten lassen. In Virginie Despentes‘ Worten:

2 Kommentare

  1. Linda

    Der Weg ist wirklich noch lang und mir wird so übel, wenn ich darüber nachdenke, was ich meiner kleinen Tochter alles beibringen muss, irgendwann, aber eben rechtzeitig.

    Antworten

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