Der Fall R. Kelly – und die Frage, was wir jetzt tun können.

Wenn es um die #MeToo-Debatte geht, bin ich das, was eine Freundin von mir „optimistische Pessimistin“ nennt: Ich möchte so gerne daran glauben, dass die Diskussion nachhaltig etwas verändert, dass bestimmte Dinge nicht mehr als okay gelten, dass mal grundlegend über Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt, über Sexismus im Allgemeinen und Besonderen nachgedacht wird. Ich bin vorsichtig mit Aussagen wie: Nach MeToo ist nichts mehr wie vorher! Natürlich wird sich etwas ändern, das geht doch gar nicht anders. Vielleicht ist es die Journalistin in mir, die gerne erstmal beobachtet und abwägt – vielleicht auch einfach meine skeptische Persönlichkeit.

„Do what you want with my body”

Es lässt sich aber nicht leugnen, dass sich tatsächlich etwas ändert. Langsam, langsam. Aber es ändert sich etwas. Dass einem R. Kelly nun eine ganze Doku (Surviving R. Kelly) gewidmet wird, in der diverse Frauen ihm vorwerfen, sie in Missbrauchsbeziehungen gefangen gehalten zu haben, ist etwas, das ohne #MeToo wohl nicht passiert wäre. Denn die Vorwürfe gegen den Sänger, Songwriter und Produzenten sind seit Jahren bekannt: Frauen, die selbst einmal Teil seines „inner circle“ waren, sagen, R. Kelly würde die Frauen dort auf Schritt und Tritt kontrollieren und darüber bestimmen, was sie anziehen, was sie essen, wann sie schlafen sowie wann und wie sie Sex mit ihm haben. Es war der Journalist Jim DeRogatis, der den Vorwürfen als Erster systematisch nachging, mehrere Klagen von jungen Frauen gegen R. Kelly zutage förderte und diese öffentlich machte. Seit fast 20 Jahren beschäftigt er sich mit R. Kelly und dessen Beziehungen zu meist minderjährigen Mädchen. Interessiert hat das lange Zeit kaum jemanden. Nicht das Publikum, aber auch nicht die zahlreichen Künstler*innen, die weiterhin mit R. Kelly arbeiteten. Vielleicht, weil es nie zu einem Prozess kam. Vielleicht, weil eine Zusammenarbeit mit R. Kelly zu lukrativ war, um sie abzulehnen. Vielleicht, weil die Opfer fast ausschließlich afroamerikanische Teenagerinnen waren und sich für die sowieso niemand interessiert.

Lady Gaga beispielsweise sang 2013 ein Duett mit R. Kelly, das ausgerechnet Do What U Want hieß, und dessen Refrain lautete: „Do what you want/what you want with my body.“ Dass sie bei der Oscarverleihung 2016 zusammen mit Opfern sexualisierter Gewalt auftrat und dazu ein entsprechendes Lied performte (Til it happens to you), scheint für die Sängerin kein Widerspruch zu sein. Nun ist die Doku raus, in der sich als einzige Berühmtheit John Legend kritisch äußert – was Lady Gaga immerhin dazu brachte, sich für die Zusammenarbeit mit R. Kelly zu entschuldigen. Den gemeinsamen Song will sie verbannen.

R. Kelly stummschalten

Verbannen ist ein gutes Stichwort: Der Streaming-Dienst Spotify bietet seit kurzem einen „Mute“-Button an, mit dem Künstler*innen stumm geschaltet werden können. User*innen können nun auf die jeweilige Künstler*innen-Seite gehen und dort in den Einstellungen anklicken, dass sie Musik dieser Person nicht mehr hören möchten. Stummgeschaltete Künstler*innen tauchen dann nicht mehr auf Spotify-Playlisten, im Spotify-Radio oder auf eigenen Playlisten der User*innen auf (dies gilt allerdings nicht, wenn der*die Künstler*in auf einem Song bloß „featuring“ ist). Ob diese Maßnahme etwas mit Surviving R. Kelly und den nun wieder (erstmals?) sehr präsenten Vorwürfen gegen R. Kelly zu tun hat, dazu äußerte man sich bei Spotify nicht. Es darf aber stark davon ausgegangen werden, zumal Aktivst*innen sich seit Jahren dafür einsetzen, dass die Musikindustrie Maßnahmen gegen R. Kelly ergreift, darunter die #MuteRKelly-Bewegung rund um die Aktivistinnen Oronike Odeleye und Keynette Barnes sowie die Initiative Color of Change.

Eine perfekte Lösung ist der „Mute“-Button sicher nicht, aber zumindest eine, die sich für viele User*innen leicht umsetzen lässt. Letztendlich ist es aber so: Wenn es um den Umgang mit Künstler*innen wie R. Kelly geht, denen sexualisierte Gewalt vorgeworfen wird, liegt die Verantwortung nicht nur bei Unternehmen wie Spotify – sie liegt bei uns allen. Denn es stellt sich ja die Frage: Wie gehen wir als Konsument*innen (von Kunst/Musik/Filmen) damit um? Mit der Tatsache, dass Regisseure, deren Filme man liebt, bestenfalls menschlich ganz minderwertige Exemplare, schlimmstenfalls Verbrecher sind? Dass der Musiker, das „Do What You Want“, welches er besingt, in Bezug auf weibliche Körper durchaus wörtlich meint? Diese Dinge machen fantastische Filme ja nicht automatisch schlecht, gute Musik nicht automatisch unhörbar.

Keine einfachen Lösungen

Es reicht nicht, sich über Künstler*innen aufzuregen, die von nichts gewusst haben wollen, als sie mit dem entsprechenden Menschen zusammenarbeiteten. Die Auseinandersetzung mit R. Kelly & Co fängt bei uns selbst an. Wir sind es, die Konsequenzen ziehen müssen. Aber wie? Woody Allen macht es mir persönlich seit Jahren sehr einfach, indem er (abgesehen von einigen Ausnahmen) nur noch durchschnittliche bis schlechte Filme dreht. Viele plädieren dafür, Künstler*innen von Privatpersonen, die sie ja auch sind, zu unterscheiden. Das würde ich gerne tun und es funktioniert sicher bei einigen Künstler*innen, bei R. Kelly aber sicher nicht: Seine Vorliebe für Teenagerinnen zieht sich durch sein gesamtes Werk. Das von ihm produzierte Aaliyah-Album von 1994 heißt bezeichnenderweise Age ain’t nothing but a number. Eine gute, einfache Lösung oder gar so etwas wie einen Verhaltenskodex gibt es nicht – was das Ganze letztendlich zu einer persönlichen Entscheidung macht. Aber das Private ist eben politisch, unsere Entscheidungen können ein Statement sein, Wirkung entfalten. Wenn hunderte, Millionen von Menschen R. Kelly auf Spotify muten, seine Konzerte boykottieren – dann kann die Musikindustrie gar nicht anders, als dieses Signal aufzunehmen.

Die Auseinandersetzung mit einem R. Kelly, einem Woody Allen und auch einem Michael Jackson beginnt im Kleinen. In Gesprächen mit Freund*innen, im Sich-Informieren über die Vorwürfe gegen bestimmte Künstler*innen, in einer Neuorganisation der Party-Playlist. Das ist erstmal nicht viel, aber für die meisten wahrscheinlich schon mehr, als sie bisher getan haben. In Frage stellen, reflektieren, eine kritische Haltung haben, handeln. Wie bei #MeToo bin ich auf optimistische Weise pessimistisch, dass sich so etwas verändern kann. Langsam, aber stetig.

 

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