„Zero Waste ist eher das Ziel als der Weg“ – Ein Gespräch mit Milena Glimbovski von Original Unverpackt Berlin

19.01.2018 Nachhaltigkeit, Food

Noch bevor ich Milenas Geschäft, Original Unverpackt (auf der Wiener Straße in Berlin Kreuzberg), überhaupt jemals betreten hatte, traf ich Milena eines Abends beim Feminist Food Club. Wir redeten recht schnell über Feminismus und Köstlichkeiten, darüber wie man sich unterstützen und gegenseitig supporten kann und ja ich weiß, dieses Wort ist ja fast schon verschrien, aber ich würde das, was mir da gleich in den Sinn kam, trotzdem lauthals Girl-, bzw. Woman-Crush nennen. Selten habe ich jemanden so mutig und selbstbewusst über seine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse und Träume und Herausforderungen und Projekte reden hören wie Milena – die dazugehörige Liste jedenfalls fällt ellenlang aus: Erst Selbstständigkeit, dann die Gründung eines expandierenden Unternehmens, die Veröffentlichung eines Buches und die Erfindung von „Ein guter Plan„, das Halten von unterschiedlichsten Talks zu verschiedensten Themen und einmal, da war sie mit der Idee zum verpackungslosen Einkaufsparadies so ganz nebenbei sogar im Fernsehen zu sehen: Die Höhle des Löwen – kennt ihr vielleicht. 

Weil ich mir dementsprechend kaum jemanden vorstellen könnte, den ich lieber mit Fragen zur Nachhaltigkeit im Alltag oder auf Reisen und zu ihrem wunderbaren Unternehmen löchern würde, von dem ich lieber Tipps für ein faireres Leben und hübsche Produkte bekommen würde, habe ich mir Milena nun endlich für ein Interview geschnappt:

Bildquelle: Ellevant

Bei Original Unverpackt Berlin können Konsument*innen verpackungsfrei einkaufen und damit vor allem etwas für die Umwelt tun. Wie kamst du dazu, dich mit genau dieser Idee selbstständig zu machen?

Damals – vor langer, langer Zeit – 2012 als die Idee mich überkam, wollte ich eigentlich nur verpackungsfrei einkaufen können und ärgerte mich, dass ich es nicht konnte. Mir ging es weniger ums selbstständig sein oder Gründen, als vielmehr und eine Lösung für ein Alltagsproblem. Zwei Jahre später, nach viel vorbereitender Arbeit, kam es zur Eröffnung.

Als du mit 24 Jahren OU eröffnet hast, war das nicht nur der Grundstein der Zero Waste Bewegung in Deutschland, sondern inspirierte weltweit über 50 weitere Läden zu dem gleichen Konzept. Wie bist du damals mit diesem bahnbrechendem Feedback umgegangen?

Das war damals eine ziemlich verrückte Zeit. Wenn einen täglich hunderte Emails erreichen, mit Anfragen für Kooperationen, Konferenzen, aber auch Leuten, die einen nur beglückwünschen wollen oder erzählen, dass man sie inspiriert habe. Es war cool, aber auch überfordernd. Es gab Zeiten, da habe ich mich gar nicht mehr ans Mailfach getraut. Inzwischen habe ich aber ein tolles Team, und wir versuchen dem Andrang nicht nur stand zu halten, sondern auch die Bewegung und Szene voranzutreiben. Wir haben z.B: einen Online Kurs gemacht, indem wir anderen beibringen, wie man einen Unverpackt Laden selbst eröffnet.

Das Konzept hinter Original Unverpackt nennt sich Zero Waste. Heißt das am Ende, dass gar kein Müll übrig bleibt?

Zero Waste ist eher das Ziel als der Weg – aber ein bisschen griffiger als „beinahe kein Müll“. Damals, 2014 als wir eröffneten, kannte man diesen Begriff in Deutschland nicht. Ich musste ständig erklären, was unverpackt bedeuten soll und mich belächeln lassen, wenn ich sagte, ich gehe mit Gläsern und Stoffbeuteln einkaufen. Heute ist #zerowastegermany groß auf Instagram und es ist toll zu sehen, wie sich plötzlich alle Arten von Leuten von jung bis alt mit nachhaltigem Konsumieren beschäftigen – nicht nur Hippies.

 

Wie kann ich mir so einen Streifzug durch den Store in der Wienerstraße in Berlin Kreuzberg vorstellen? Wie sollte ich mich vorbereiten und was sollte ich beachten?

Eigentlich ist es ganz einfach: Am besten packt man etwas Tupperware, Gläser oder Stoffbeutelchen mit Zug und Jutebeutel ein. Dann kommt man in den Laden, wiegt alle Behälter zunächst leer ab, geht dann einkaufen und füllt sich genau die Mengen der jeweiligen Produkte ab, die man braucht. Aber nicht nur Lebensmittel, sondern auch Kosmetik und Pflegeprodukte gibt es. Genau wie Kaffee-Mehrwegbecher, Bücher zum Thema und alles andere, was man so im Alltag braucht.

Seit Neustem verfügt ihr außerdem über einen Onlineshop in dem ihr alles von der Bambuszahnbürste bist zum Heimkomposter anbietet. Hast du persönlich ein Zero Waste Lieblingsprodukt?

Ich mag die Menstruationstasse sehr gerne. Die ist so klein und zugleich preiswert und hat doch so einen enormen Effekt im Alltag. Wir starten im Januar auch mit was eigenem in diesem Bereich… aber dazu bald mehr, versprochen! Übrigens führt das Ganze auch dazu dazu, dass man viel häufiger über seine Periode redet. Was wirklich ganz witzig und bereichernd sein kann.

In deinem Buch „Ohne Wenn und Abfall“ schreibst du über deinen Weg raus aus dem Verpackungswahnsinn. Wann hast du für dich entschieden, dass es mit dem Verpackungsmüll und all den Einkaufstüten so nicht mehr weitergeht?

Ich hab viele Jahre in WGs gelebt, da fällt einem der Müll nicht so auf. Da denkt man ja, das sei der von den anderen. Aber als ich alleine wohnte und sich doch so viel ansammelte – jeden zweiten Tag einen großer gelber Sack – da dachte ich, das kann doch nicht mein Ernst sein.

Du bist beruflich viel unterwegs. Nachhaltig reisen oder Urlaub machen – worauf kann oder sollte man achten?

Nicht fliegen, würde ich sagen. Weder die kurze Strecke noch die lange. Es gibt doch so tolle Urlaubsziele in Europa und Zugfahren hält Abenteuer bereit und schont die Umwelt. Oder Interrail! Habe ich schon zwei Mal gemacht und beide Male war es geil. Wenn man doch in den Urlaub fliegt, dann sollte man darüber nachdenken, länger dort zu bleiben. Und ständig muss es ein Langstreckenflug ja auch nicht – Niemand muss zwei mal im Jahr nach Bali. Fliegen ist Umweltsünden-mäßig nämlich schlimmer als Fleischessen und Autofahren und Plastikkonsumieren zusammen.

Hast du einen ultimativen Tipp für jemanden, der anfangen will, sein Leben nachhaltiger und bewusster zu gestalten?

Am besten fängt man erst einmal mit einer kleinen Sache oder einem Bereich an, der einem am Herzen liegt nimmt. Das ist besser, als sich zu viel vorzunehmen, sonst ist man Ende noch frustriert oder gibt auf. Und dann immer weiter machen: Schritt für Schritt umstellen. Zum Beispiel die eigene Kosmetik bewusster auswählen – oder noch toller: selber machen.

 

Gibt es bei dir auch Grenzen?  Irgendetwas, das gut für die (Um)welt wäre, das du jetzt gerade aber einfach noch nicht umsetzen kannst oder willst?

Hm, nicht wirklich. Allerdings gibt es natürlich keine unverpackten Medikamente. Es gibt natürlich auch Leute, die verwenden Klopapier mehrmals – das muss wirklich nicht sein.  Eine Popodusche habe ich aber auch. Die von HappyPo.

Und was ist mit denen, die ungläubig den Kopf schütteln? Wie geht man um mit Klimawandel-Leugner*innen und hemmungslosen Müllmaschinen?

Veralbern, was anderes fällt mir nicht ein. Mit Verschwöngerungstheoretiker*innen lässt sich nämlich leider nicht diskutieren, also bleibt fast nur veralbern. Aber alle Leute, die einfach noch nicht informiert sind, müssen wir freundlich und undogmatisch aufklären.

Eine nachhaltige Wohnungseinrichtung, wie geht das? Wie bist du in deinen eignen vier Wänden vorgegangen?

Nachhaltig wohnen könnte zum Beispiel so gehen: Ikea weglassen, möglichst gebraucht kaufen (Ebay oder Flohmärkte), auf FSC zertifiziertes Holz achten oder eben selber bauen. Gar nicht so schwer also. In meinen eigenen vier Wänden habe ich über viele Jahre wirklich tolle Sachen angesammelt – nur muss ich jetzt schauen, dass die Möbel sich mit denen meines Freundes vertragen – dort bin ich gerade eingezogen. 

Hast du hier ein Paar Lieblingsadressen für den Möbel-Einkauf parat?

Ich liebe Ebay Kleinanzeigen und Urban Industrial – den Second Hand Möbel Laden in Neukölln in einer alten Konzerthalle.

Und wie sieht es mit deiner Garderobe aus? Wo kaufst du am liebsten ein?

Bei Kleiderkreisel und auf kleinen Flohmärkten. Ich schaue dann manchmal, ob die Verkäuferin eine ähnliche Größe oder Statur wie ich hat und dann finde ich eigentlich immer etwas. Ich kaufe aber auch einiges neu – aber dann nur Fair Fashion. Ich liebe People Tree, Jan`n June und werde im Avocado Store eigentlich immer fündig.

Und am Ende steht die Weltrettung?

Und Weltherrschaft. Wenn dann alles.

Vielen Dank, liebe Milena!

3 Kommentare

  1. Melanie

    Milenas Energie und ihr Wille etwas zu bewegen, begeistern mich auch immer wieder. Verschriener Begriff hin oder her – sie ist auch mein absoluter #womancrush. Danke für das tolle Interview! <3

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  2. Susanne

    Finde ich super, dass ihr dieses wichtige Thema aufgegriffen habt und so ein ausführliches & informatives Interview dazu zur Verfügung stellt. Sobald es bei mir in der Nähe einen „Unverpackt“-Laden gibt, kaufe ich auch dort ein. Ich ärgere mich selbst immer wieder darüber, welche Menge an Plastikmüll ich als einzelne Person jede Woche produziere. Lieben Gruß, Susanne

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  3. Rachel

    Please can you help me find where I can buy the jars you use with the spoon attached, we trying to find for a store here in new Zealand, wanting to do same kind of shop

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